Der SPIEGEL

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23. Oktober 2006, 00:00 Uhr

Soziologie

Die Anti-Angestellten

Von Verena Araghi, Malte Herwig und Katrin Kruse

Jenseits von festem Arbeitsplatz und Freiberuflern suchen junge Kreative im Internet neue Geschäftsnischen - und definieren sich als "digitale Boheme".

Gerade ist die heikle Lage so schön auf große Begriffe gebracht. Die neue Klasse: das Prekariat. Die neue Generation: Praktikum. In Paris gingen Berufsanfänger auf die Barrikaden, der drohenden Lockerung des Kündigungsschutzes für Einsteiger wegen. Aus Italien kam der Schutzheilige: "San Precario", der Märtyrer, der ewig unterbezahlte Dienste leistet, meist schwarz beschäftigt ist und stets einer unsicheren Zukunft entgegensieht. Doch jetzt soll das alles schon wieder vorbei sein. Denn jetzt wird etwas anderes, Schickeres ausgerufen: die "digitale Boheme".

Ihre derzeit wortmächtigsten Propagandisten wohnen, wo sonst, im Berliner In-Bezirk Prenzlauer Berg. Durch die großzügige Fensterfront einer modernisierten Altbauwohnung fällt milde Herbstsonne auf zwei junge Männer. Holm Friebe, 34, und Sascha Lobo, 31, haben ihre Laptops vor sich aufgeklappt. Auf dem runden Esstisch sind Nektarinen in mundfertigen Schnitzen angerichtet. In einer Kanne dampft frisch aufgebrühter Gesundheitstee.

Anders als viele ihrer Altersgenossen hecheln die beiden Berliner nicht einer Festanstellung hinterher, sondern lehnen diese Form moderner Fronarbeit von vornherein kategorisch ab. Der "strukturellen Verblödung der Festangestellten" stellen sie die kreative Selbstbestimmung ihrer neuen digitalen Boheme gegenüber. Es soll eine Art dritter Weg sein, nach Festanstellung und Freiberuflertum: ein Netzwerk pfiffiger Gleichgesinnter, digital verbunden und dezentral aufgestellt.

Das Manifest zur Möchtegern-Bewegung liefern die Autoren in ihrem gerade erschienenen Werk "Wir nennen es Arbeit"*. Sie raten darin, sich gar nicht erst auf das "System Festanstellung" einzulassen. Friebe und Lobo glauben, dass der Großteil der Gehälter, die heute gezahlt werden, eine Art Schmerzensgeld sind. Ein Stillhalteabkommen zwischen Firma und Arbeitssklaven. "Wir schaffen endlich den Personalchef im Kopf ab", sagt Lobo. Für die beiden Berliner hat sich das schon ausgezahlt.

Erst im Sommer erregte ihre "Zentrale Intelligenz Agentur" (ZIA) - ein virtuelles Unternehmen von Textern, Grafikern, Lektoren oder Kulturwissenschaftlern - Aufsehen, als das ZIA-Mitglied Kathrin Passig für eine Erzählung den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Die Projekte der ZIA werfen mittlerweile ordentlich Geld ab. Der Werbetexter Lobo und der Volkswirt und Journalist Friebe entwickeln gemeinsam mit ihren "Agenten" - so die ZIA-Terminologie - Kampagnen für Automobilhersteller, TV-Konzepte für den Musiksender MTV oder erstellen einen monatlichen Trendletter zu Design- und Gesellschaftstrends für eine Markenagentur. Auch ihr mit dem Grimme-Online-Preis gekrönter Literatur-Blog riesenmaschine.de schreibt durch den Verkauf von Anzeigen mittlerweile schwarze Zahlen.

"Das Internet ermöglicht neue Formen der Arbeit für 'Minipreneure', kreative Kleinstunternehmer mit witzigen Geschäfts- und Werbeideen, die in der alten Wirtschaftswelt keine Chance hätten", sagt Friebe. Die Beispiele, die beide in ihrem Buch liefern, reichen von handdekorierten Lichtschalterabdeckungen über die Website ruetli-wear.de, auf der von den Schülern der berüchtigten Berliner Hauptschule entworfene Klamotten vertrieben werden, bis hin zu dem Londoner Andrew Carton, der einen Blog über das Smartphone der Firma Palm betreibt und damit über 300.000 Leser im Monat erreicht. Das Blog ist eines der wichtigsten Marketing-Instrumente für neue Produkte um das Smartphone geworden. Die Werbung auf seiner Seite bringt Carton angeblich bis zu 30 000 Dollar im Monat ein.

Und muss Kunst unbedingt in Galerieräumen hängen? Auch für den Internet-Galeristen und Künstler Thomas Egeler ist die Lebensform der digitalen Boheme die einzig wahre. Seit zwei Jahren stellt der Hamburger junge Künstler auf seiner Seite te-finearts.com aus und verkauft die Werke mittlerweile europaweit übers Netz. Für Ausstellungen teure Räume anzumieten kommt nicht in Frage. Egeler hat sich ein Büro im Wohnzimmer eingerichtet. "Eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es bei mir nicht."

Alles sein, nur kein Angestellter. Seit Siegfried Kracauers Studie über die Angestellten der Weimarer Republik hat man nicht mehr so scharf mit diesem Milieu abgerechnet. Kracauer untersuchte in seiner Sozialreportage "Die Angestellten" (1929) die Lebens- und Arbeitswelt der Mittelschicht und machte bei deren Angehörigen eine geistige Leere als Folge ihrer ideologischen Obdachlosigkeit aus. Eine verschollene Bürgerlichkeit spuke dieser Schicht nach, sie lebe "ohne eine Lehre, zu der sie aufblicken, ohne ein Ziel, das sie erfragen könnte".

Heute ist es die "Generation Praktikum",die nach jahrelangem Studium, Berufspraktika und Teilzeitjobs Sinn und Auskommen in der postindustriellen Gesellschaft sucht. Dieser verunsicherten Generationwollen Friebe und Lobo in Gestalt der digitalen Boheme ein neues geistiges Zuhause geben.

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Das klingt sehr nach Hochstapelei. Doch damit lebt es sich zuweilen gar nicht schlecht. Schon an der Wohnungseinrichtung lässt sich die bildungsbürgerliche Herkunft der Wirtschaftswunderkinder Friebe und Lobo erkennen. Es ist der symbolische Raum des "kulturellen Kapitals", wie ihn der französische Soziologe Pierre Bourdieu einst beschrieb, in dem sich die Propagandisten der digitalen Boheme eingerichtet haben: Ein Reservat bürgerlicher Exklusivität, in dem noch das abgenutzteste Designmöbel die kulturelle Distinktion einer Elite signalisieren soll.

Denn in Lebensführung, Geschmack und Habitus unterscheidet sich das luxuriöse Lotterleben der digitalen Boheme meilenweit von der erbärmlichen Lage der wahren Unterschicht, auch wenn mancher Neo-Bohemien zeitweise mal Hartz IV-Empfänger ist, bevor das nächste Internetprojekt anläuft.

ZIA-Logo: So arbeiten, wie man leben will
www-standardportraet.de

ZIA-Logo: So arbeiten, wie man leben will

Man solle sich die digitale Boheme als Nachfolge der ersten Boheme vorstellen, der des ausgehenden 19. Jahrhunderts, meinen Friebe und Lobo. Die nennen sie, ihrer mangelnden digitalen Vernetzung wegen, jetzt die "analoge Boheme": "Menschen, die in Cafés rumhingen, Kunst schufen, keine Regeln kannten und erst ins Bett gingen, wenn andere schon wieder ins Bett gingen."

Ist ein Leben, in dem Arbeit und Freizeit ununterscheidbar werden, wirklich besser als eines nach der Stechuhr? "Die Gefahr ist natürlich, dass irgendwann das Büro im Schlafzimmer steht", sagt Rafael Horzon, einer der umtriebigsten Unternehmer der neuen Boheme. Horzon betreibt aus einer Hand eine Möbelfirma, ein Bauunternehmen, ein Modelabel sowie einen eigenen Verlag und hatte zuvor eine private Hochschule gegründet, bei der die Studierenden auch schon mal nach Wochen ein "Diplom" in "Kulturwissenschaften" oder "Naturwissenschaften" abstauben können.

"Natürlich ist die digitale Boheme eine Verlängerung des bequemen Studentenlebens", gibt Horzon zu. Schließlich geht es auch um das Vergnügen, so zu arbeiten, wie man leben will. Die Neo-Bohemiens wollen Erfolg haben, sicher. Aber auch nur so viel, um die kuschelige Nische, die sie sich geschaffen haben, nicht wieder verlassen zu müssen.

Denn wirklich erwachsen werden will die digitale Boheme nicht. Zwar halten Friebe und Lobo die Entscheidung, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und dafür die Konsequenzen zu tragen, für sehr erwachsen, sagen aber gleich darauf: "Wir machen uns die Unbekümmertheit zu eigen. Und wollen sie uns nicht mehr nehmen lassen." Das klingt kokett und sagt sich locker, wenn der Erfolg da ist. Die Pose der Anti-Angestellten könnte frivoler nicht sein.

Doch sie meinen es ernst. Die digitale Boheme sei ein "hochansteckendes Virus", das die Arbeitswelt verändere, sagt Lobo.

Dass sie nur in bestimmten Bereichen funktioniert, liegt auch für ihre Erfinder auf der Hand: "Eine Straße baut sich schlecht mit Freiberuflern." In Deutschland allerdings sind gerade mal elf Prozent der Erwerbstätigen selbständig. Zu wenig, befinden Friebe und Lobo. "Wir wollen den Leuten Mut machen" - einerseits den Jungen, die keine festen Arbeitsverträge mehr bekommen, andererseits den Älteren, die aus ihnen herausfallen.

Die digitale Boheme lebt von der "Machtverschiebung", die das Internet zwischen Großkonzernen und Nutzern bewirkt hat. Sie ist kulturwissenschaftlich gerüstet und popkulturell versiert. "Die Internet-Elite liefert Produktideen oder Konzepte dort, wo große Unternehmen Engpässe haben, weil sie den rasanten Entwicklungen von Gesellschaftstrends nicht mehr folgen können. "Diesen mächtigen Vorsprung an Wissen wollen wir ausbauen", sagt Friebe.

Schließlich wird gut gezahlt, und man darf nach geleisteter Zuarbeit bei Firmenempfängen Bonsaispargel, Garnelencocktails und Tatar zu sich nehmen. Mitesser sein, ohne Mitläufer zu werden, so lässt sich das ambivalente Verhältnis der freischwebenden Dienstleistungsboheme zu ihren wechselnden Arbeitgebern beschreiben.

Sie kennt keine Hobbys, nichts, was nicht irgendwann einmal in den Verwertungskreislauf eingehen könnte. Manchmal klingt die digitale Boheme wie eine trotzig vollzogene neoliberale Volte: "Man muss eben gut sein in dem, was man macht. Dann muss man sich den unterschiedlichen Auftraggebern auch nicht anpassen."

Aber opfert die digitale Boheme die Seele nicht einfach freiwillig, im Gegensatz zu Festangestellten? Selbständigkeit sei keine Selbstausbeutung, glauben Friebe und Lobo. Und dann, nach einer kleinen Pause, sagt Friebe: "Besser beute ich mich selbst aus, als dass es ein anderer tut."


* Holm Friebe, Sascha Lobo: "Wir nennen es Arbeit". Heyne Verlag, München; 304 Seiten; 17,95 Euro.

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