AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2006

Tiere Die Magie der Leitstute

An einer luxuriösen Akademie unweit von Berlin werden Studenten zu Pferdeflüsterern ausgebildet. Leiterin ist die deutsche Schülerin des legendären Cowboys Monty Roberts. Finanziert wird die weltweit einzigartige Pferde-Uni von den Eigentümern des Strabag-Baukonzerns.

Von Olaf Stampf


Sachte nähert sich ihre Hand dem Kopf von "Shy Boy". Gespannt wie eine Sprungfeder steht der kleine braune Wallach vor der großen blonden Frau. Als ihre Hand vor seinem Auge erscheint, galoppiert er in Panik davon. Das scheue Pferd atmet heftig und schwitzt vor Aufregung.

Tiertrainer Kutsch, Roberts: Der sanfte Cowboy und das gereifte Pferdemädchen
DPA

Tiertrainer Kutsch, Roberts: Der sanfte Cowboy und das gereifte Pferdemädchen

"Unsere gestrige Diagnose hat sich bestätigt", erklärt Andrea Kutsch, 39. "Es ist der gestreckte Arm, der bei ihm das Signal zur Flucht auslöst. Ein typisches Angsttrauma." Gebannt lauschen die Studenten den Worten ihrer Dozentin. Mucksmäuschenstill sitzen sie auf der Tribüne der Reithalle. Einige machen sich in ihrem Ringbuch eifrig Notizen.

Die ungewöhnliche Vorlesung wird gegeben an einer neuen Akademie in Bad Saarow südöstlich von Berlin. 32 Frauen und ein Mann sollen dort in sechs Semestern zu "Pferdekommunikationswissenschaftlern" ausgebildet werden. Dieses Studienfach gibt es nirgendwo sonst auf der Welt.

Andrea Kutsch, die Leiterin der Pferde-Uni, ist Schülerin des kalifornischen Pferdeflüsterers Monty Roberts, 71. Durch Beobachtungen in der freien Wildbahn glaubt der legendäre Cowboy die wichtigsten Vokabeln der stummen Pferdesprache (die er "Equus" taufte) entschlüsselt zu haben. Tatsächlich gelang es ihm, die Körpersprache der Leitstuten mit verblüffendem Erfolg nachzuahmen. Kutsch ging jahrelang bei ihm in die Lehre. Inzwischen ist sie selbst ein Star in der Reiterszene. Wie ihr großes Vorbild weiß sie, wie man das Vertrauen psychisch gestörter Pferde gewinnt.

"Alles hängt davon ab, die richtigen Signale auszusenden", flüstert Kutsch in ihr Hallenmikrofon. "Mit den richtigen Gesten können wir uns auf eine Weise mit den Pferden verständigen, die Außenstehenden wie Magie erscheint." Dann unternimmt sie etwas Unerwartetes: Mit einem Seil, das sie in seine Richtung schleudert, scheucht sie Shy Boy davon.

"Das Fortscheuchen macht die Leitstute auch, wenn sie ein verstörtes oder aufsässiges Mitglied ihrer Herde wieder eingliedern will", erläutert Kutsch. Runde um Runde galoppiert Shy Boy im Kreis um sie herum. Immer wieder schneidet sie ihm den Weg ab und zwingt ihn so zu abrupten Richtungswechseln. Nach wenigen Minuten fängt Shy Boy an zu kauen, sich das Maul zu lecken und nimmt langsam den Kopf herunter. "In seiner Sprache sagt er: ,Erlöse mich davon, weglaufen zu müssen, nimm mich in deine Herde auf.'"

Nun ändert Kutsch ihre Körperhaltung, wendet sich ab, dreht ihm die Schulter zu, bleibt ruhig stehen. Der scheue Wallach stoppt sein kopfloses Weggerenne, geht zögernd auf seine menschliche Leitstute zu. Langsam dreht sie sich um und streichelt ihn zwischen den Augen. Zufrieden trottet er hinter ihr her, wie ein Schoßhund, der seinem Frauchen folgt. "Manchmal müssen wir einen Schritt zurückgehen, um wieder vorwärtsgehen zu können", sagt die Lehrmeisterin zu ihren Studenten. "Ich werde deshalb heute weniger mit ihm machen als gestern, er ist immer noch extrem misstrauisch. Kein einfacher Patient."

Shy Boy hat eine üble Geschichte hinter sich. Ein Tiertransporter sollte ihn zu einem Schlachthof nach Polen bringen. Mit Stangen prügelten Männer ihn in den Lkw. Auf einem Rastplatz gelang es Tierschutzaktivisten, den völlig verschüchterten Wallach zu befreien. Sie brachten ihn auf einen Gnadenhof bei Darmstadt, wo auch andere Schlachtpferde leben. Doch die Tierschützer kamen nicht mehr an ihn heran. Niemand schaffte es, ihm ein Halfter anzulegen. An Satteln und Reiten war schon gar nicht zu denken. Schließlich landete er in der "Andrea Kutsch Akademie" (AKA) - als Lehrpferd für ihre Studenten.

Shy Boy ist sicher der derzeit schwierigste Fall in Bad Saarow; doch auch sonst scheint einiges schiefzulaufen im Reiterland Deutschland. Jeden Tag treffen im Sekretariat der Akademie Dutzende Anfragen verzweifelter Pferdebesitzer ein, die
mit ihren Tieren nicht mehr klarkommen. Darunter sind so typische Fälle wie der Araberwallach, der partout nicht in den Hänger klettern will, oder die Hannoveranerstute, die nach falscher Behandlung beißt und um sich schlägt. "Ich allein kann natürlich nicht all diesen Verzweifelten helfen", sagt Kutsch. "Das war auch ein Grund dafür, diese Akademie aufzubauen."

Bevor sich die Nachwuchs-Pferdeflüsterer an die Problemfälle heranwagen dürfen, müssen sie aber erst mal an Gemütstieren wie "Onkel" üben. Der schwarzgepunktete Kaltblüter bewegt sich träge vorwärts. Wie es sich für eine angehende Leitstute gehört, versucht Studentin Nicole Blum Onkel aus der Herde zu vertreiben - um ihn anschließend mit offenen Armen wieder aufzunehmen.

So weit die Theorie. Das Problem ist nur, dass der phlegmatische Wallach sich gar nicht so leicht vertreiben lässt. Blum rudert wild mit den Armen, doch Onkel stapft weiter auf sie zu. "Mit Ihrer Körpersprache müssen Sie ihm in jeder Sekunde genau sagen, was er machen soll", ermahnt Kutsch die Studentin und steigt selbst in den Ring. Sie hebt die Arme, spreizt die Finger und schaut dem Pferd fest in die Augen. Onkel trottet davon.

Die Studenten werden noch viel zu lernen haben in den nächsten Wochen. Denn schon Anfang des Jahres sollen sie auf dem Gestüt Lewitz bei Neustadt-Glewe helfen, junge Pferde gewaltfrei anzureiten. Der größte Pferdezuchtbetrieb der Welt (800 Fohlen pro Jahr) gehört der Springreiterlegende Paul Schockemöhle. "Beide Seiten haben etwas davon", sagt Schockemöhle. "Ich stelle die Lehrpferde zur Verfügung - dafür werden meine Tiere behutsam antrainiert. Das Brechen junger Pferde, wie es früher betrieben wurde, hat ja eher geschadet."

Das Lehrprogramm ist auch sonst randvoll. Neben Pferdeflüsterei und Verhaltensforschung müssen die Studenten BWL, Recht und Tiermedizin pauken. Um sich herum hat Kutsch ein interdisziplinäres Dozententeam geschart, zu dem amerikanische Verhaltensforscher ebenso gehören wie Veterinäre der Tiermedizinischen Hochschule Hannover sowie Oberflüsterer Monty Roberts selbst. Daneben gibt es auch ganz normalen Reitunterricht - und morgens um sieben werden die Ställe ausgemistet.

Doch keiner murrt. Die Studienanfänger sind glühende Idealisten. Ob die Tierarzthelferin Christiane, die gelernte Bereiterin Julia oder der italienische Reitlehrer Gabriel - sie alle fühlen sich "abgestoßen von der Gewalt gegenüber den Pferden", die sie persönlich in Reitställen oder Tierkliniken erlebt haben. Fast allen schwebt vor, später "gewaltfreie" Reitbetriebe zu eröffnen, in denen Pferde nach den Lehren von Monty Roberts ausgebildet werden.

Manche haben für die Pferdeflüsterei sogar ihre berufliche Existenz aufgegeben. Clarissa Schreiber etwa kündigte ihren festen Job in der Personalabteilung des Lebensmittelkonzerns Unilever, "um noch einmal ganz von vorn anzufangen".

Im brandenburgischen Kultusministerium wird derzeit geprüft, die AKA als private Fachhochschule anzuerkennen; dann würden die Studenten auch Stipendien und Bafög beziehen können. Bis dahin zahlen sie die Ausbildung aus eigener Tasche, teilweise auf Kredit - die Semestergebühren betragen 3400 Euro. Dennoch bewarben sich schon für den ersten Jahrgang über 4000 potentielle Pferdeflüsterer, darunter Interessenten aus Polen, Kanada oder Neuseeland.

Die sanfte Tour kommt offenbar an. Sich mit der gequälten Kreatur zu versöhnen ist ein tiefes Bedürfnis des naturentfremdeten Zivilisationsmenschen. Viele seiner Zuschauer himmeln den gewaltfreien Cowboy Monty Roberts an, als wäre er ein Erweckungsprediger.

Und Andrea Kutsch, die in ihrem früheren Leben ein eigenes Marktforschungsinstitut leitete, ist seine perfekte Nachfolgerin: Mit ihrem routinierten Lächeln, den langen blonden Haaren und dem weißen Polohemd wirkt sie wie ein gereiftes Pferdemädchen. Bekannt aus zahlreichen Fernsehbeiträgen, schlägt ihr und ihrer Arbeit viel Sympathie entgegen. Gelegentlich kommt es vor, dass sie im Café ihren Cappuccino nicht bezahlen muss, weil der angerührte Kellner ihre Arbeit so unterstützenswert findet.

Auch die Pferde-Uni selbst wäre kaum zu finanzieren ohne großzügige Sponsoren. Am Scharmützelsee ist eine viele Millionen Euro teure Reitanlage entstanden: Direkt an eine 1600 Quadrat-meter große Reithalle sind Hörsaal und Mensa angeschlossen. Daneben befinden sich ein weiterer, kreisrunder Hörsaal in Form eines Longierzirkels sowie Reitställe mit Laptop-Anschlüssen vor jeder Box.

Alles, was mit einem Pferd geschieht, wird sofort in eine Datenbank eingegeben und kann jederzeit per Powerpoint-Präsentation vorgeführt werden - von der Vorgeschichte über die Medikamentenverabreichung bis zur Übungsstunde (die natürlich per Kamera aufgenommen wird). Die Studenten leben in eigens errichteten Wohnheimen. Und die Weiden werden von einem digital gesteuerten Rasensprenger bewässert, wie er bislang nur auf edlen Golfplätzen Verwendung fand.

Wer bezahlt Andrea Kutsch eine solche Luxusanlage? "Ich bin hier die Mutter der Kompanie", sagt Ulrike Haselsteiner bestimmt. Die Österreicherin ist Chefin des Arosa-Sporthotels nebenan. Ihrem Ehemann Hans Peter Haselsteiner gehört das Unternehmen Strabag, einer der größten Baukonzerne Europas. Sie fährt selbst Kutsche und hat ihr Leben lang geritten. Vor zwei Jahren nahm sie an einem Lehrgang von Andrea Kutsch teil und war von der sanften Pferdeflüsterei schnell beseelt: "Beim gemütlichen Beisammensein haben wir dann beschlossen, diese Akademie zu gründen."

Ulrike Haselsteiner schaut an diesem Tag fasziniert zu, wie Andrea Kutsch langsam das Vertrauen von Shy Boy gewinnt. "Wir werden jetzt jeden Nachmittag mit ihm arbeiten, immer zur gleichen Stunde", sagt die Pferdeflüsterin. "Schritt für Schritt, ein langer Weg."

Da sich der Wallach noch nicht aufhalftern und am Strick aus der Halle führen lässt, bilden die Studenten ein Spalier. Zwischen Reithalle und Stall entsteht eine Art lebender Korridor, durch den das ehemalige Schlachtpferd von selbst in seine Box findet.

Am Ende der Therapiestunde gähnt Shy Boy und gähnt und gähnt - als könnte er gar nicht genug Sauerstoff in seine Lungen pumpen. Er hat zu oft die Luft angehalten.

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