AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2007

Extrembergsteigen Mama Himalaja

Seit mehr als 40 Jahren führt die Amerikanerin Elizabeth Hawley in Katmandu eine Chronik über die Expeditionen auf die höchsten Berge der Welt. Jeder, der einen Gipfel in Nepal und Tibet erklommen hat, muss ihr nach der Rückkehr beweisen, dass er wirklich oben war.

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Die alte Dame auf dem Beifahrersitz schaut so grimmig, als wollte sie ihren Chauffeur auf der Stelle entlassen. Der junge Fahrer hupt, drängelt, stößt in die kleinste Lücke, um vorwärtszu- kommen mit ihrem hellblauen Käfer, Baujahr 63, aber mehr als Schrittgeschwindigkeit ist im Chaos auf den Straßen Katmandus gerade nicht möglich.

Himalaja-Chronistin Hawley: "Dummes Zeug, das Bergsteigen, nicht wahr?"
Oliver Häussler

Himalaja-Chronistin Hawley: "Dummes Zeug, das Bergsteigen, nicht wahr?"

Zum Hotel de l'Annapurna, nicht weit entfernt vom neuen Königspalast, fehlt noch ein Kilometer, und eigentlich müsste Elizabeth Hawley jetzt, um drei Uhr, dort ankommen. Sie ist mit zwei französischen Bergsteigern verabredet, und sollte sie die Kletterer verpassen, wird sie für den Rest des Tages Feuer spucken. Die Franzosen wollen am Morgen des nächsten Tages aufbrechen zum Langtang Lirung, 7234 Meter hoch, einem der Giganten des Himalaja. Es ist ein seltenes und riskantes Unternehmen, und Hawley will alles über diese Expedition erfahren: die Route, die Dauer, die Ausrüstung, die Biografien der Teilnehmer.

Die Abenteurer aus dem savoyischen Alpenstädtchen St. Gervais, muskulöse, lässige Männer, der eine Mitte, der andere Ende 20, sind noch da, als Hawley die Hotellobby betritt. Wie ferngesteuert läuft sie auf die beiden zu, ohne sie zu kennen, sie hat ein Gespür entwickelt in den vergangenen Jahrzehnten für diesen Typus Mensch. Eine kurze Begrüßung, und schon holt sie ihr Klemmbrett aus der Handtasche, spannt ihre Fragebögen ein und legt eine Karte auf den Couchtisch, Maßstab 1:50 000, Region Langtang-Himal West.

"Messieurs, bitte schön", sagt sie, "ich höre." Die Franzosen haben die Südostflanke für den Aufstieg gewählt, und ihre Erläuterungen klingen, als hätten sie sich auf ein Examen vorbereitet. Aufmerksam schreibt Hawley mit. Dann fragt sie, warum die beiden so spät in der Nachmonsunzeit unterwegs seien, die Winde seien fürchterlich.

Elizabeth Hawley zieht ein leicht vergilbtes Blatt aus ihrer Handtasche, darauf hat sie alle Expeditionen auf den Langtang Lirung seit der Erstbesteigung 1978 getippt. Zwölf Jahre sind vergangen, seit zum letzten Mal ein Mensch auf dem Gipfel stand. "Ich hoffe, Sie sind sich im Klaren darüber, auf was Sie sich einlassen", sagt Hawley beim Abschied. "Bis bald in Katmandu." In sechs Wochen, so ist es abgemacht, wird sie sich wieder mit den Franzosen treffen. Wenn sie es bis auf den Gipfel geschafft haben, müssen sie die Lady überzeugen. Am besten, sie kommen mit handfesten Beweisen zurück, Bildern oder Videos.

Elizabeth Hawley ist eine 83 Jahre alte Dame, klein und schmächtig von Statur, eine Lesebrille auf der Nasenspitze, die schmalen Lippen hellrot geschminkt. In ihrem beigefarbenen Rock und der exakt gebügelten Bluse sieht sie aus, als käme sie gerade vom Kirchgang. Seit mehr als 40 Jahren lebt die Amerikanerin in Katmandu und ist in dieser Zeit die Chronistin des Bergsteigens im Himalaja geworden. Sie registriert so gut wie jede Expedition, die von Nepals Hauptstadt aus die höchsten Gipfel der Welt in Angriff nimmt.

Niemand soll ihr entgehen, und deswegen hat sie ein dichtes Informantennetz gesponnen. Das Tourismusministerium teilt ihr mit, welche Expeditionen erwartet werden. Die Trekking-Agenturen melden sich, sobald sie eine Tour vermittelt haben. Und die Rezeptionisten der Hotels und Gästehäuser von Katmandu rufen Hawley an, sobald Kletterer angekündigt sind. "Spätestens eine halbe Stunde nach dem Einchecken", sagt der deutsche Bergsteiger Ralf Dujmovits, der bereits elf Achttausender bezwungen hat, klingele in seinem Stammhotel Shangri-La das Telefon, am Apparat Miss Hawley.

In den Akten, Notizen, Briefen und Statistiken, die Hawley in ihrem Haus verwahrt, sind mehr als 4000 Expeditionen und mehr als 36 000 Bergsteiger erfasst. Es ist eine grandiose Faktensammlung, die in nüchternen Worten alles erzählt über die Faszination und den Irrsinn, in die Todeszone des Himalaja vorzustoßen; einen Kosmos, in dem die Temperaturen zuweilen auf minus 50 Grad stürzen, Winde mit Geschwindigkeiten über 200 Kilometer pro Stunde blasen und der Gehalt des Sauerstoffs in der Luft um zwei Drittel reduziert ist; eine Welt, in der überhängende Bergwände mehrere Kilometer in den Himmel ragen, tonnenschwere Eisbrocken, sogenannte Seracs, wie fallengelassenes Spielzeug Gottes in die Tiefe donnern und sich Lawinen mit der Zerstörungskraft von Flächenbombardements von den Hängen lösen. Eigentlich nichts für Menschen.

Hawleys "Himalayan Database" hat ihren Anfang in den frühen sechziger Jahren, einer Epoche, in der Bergsteiger noch Pioniere, Sonderlinge oder Desperados waren, die die Grenzen des Möglichen neu definierten. Es ging um Rekorde für die Ewigkeit.

Fast lückenlos reicht die Dokumentation bis in die Gegenwart, und die Aufzeichnungen erzählen auch davon, wie tiefgreifend die kommerzielle Ausbeutung des Expeditionsgeschäfts die Verhältnisse im Himalaja verändert hat. Vor allem der Mount Everest hat sich zu einem Rummelplatz für Sinnsucher aus aller Welt entwickelt, die für ihren Selbsterfahrungstrip 70 000 Dollar bezahlen, doch ohne die Rundumbetreuung von Sherpas und Führern vermutlich nicht einmal ein Basislager erreichen würden. Es gab Tage in diesem Frühjahr, an denen am Fuße des höchsten Gipfels der Welt fast tausend Menschen campierten.

Und alle landen in den Akten von Elizabeth Hawley. Sie hört sich die Schilderungen an, sie vergleicht, sie wägt ab, und dann fällt sie ein Urteil. Wenn objektive Beweise wie Gipfelfotos fehlen, vernimmt sie die Expeditionsleiter wie eine Kommissarin den Verdächtigen, der für den Zeitpunkt des Verbrechens kein Alibi vorweisen kann: Wann sind Sie wo gewesen? Was konnten Sie von wo aus sehen? Beschreiben Sie die Topografie, die Beschaffenheit des Eises, den Charakter des Gesteins, die Ausdehnung der Gletscher!

Elizabeth Hawley ist die Großinquisitorin, die letzte Instanz. Ihre ehemalige Assistentin beschreibt in der Hawley-Biografie der kanadischen Autorin Bernadette McDonald, dass Bergsteiger, denen nach Wochen in dünner Luft das "Hirn halb weggeschmolzen" war, im Sperrfeuer von Hawleys Fragen fast zusammenbrachen: "Ich weiß es nicht! Ich kann mich nicht erinnern! Ihre Fragen sind zu schwierig!"

Hawley entgehe "kein noch so verstecktes Detail", sagt der ecuadorianische Bergsteiger Iván Vallejo, der bereits auf zwölf Achttausendern stand und der Amerikanerin zuletzt im Oktober nach seiner abgebrochenen Expedition auf den Dhaulagiri (8167 Meter) in Katmandu gegenübersaß. Sir Edmund Hillary, 87, als Erstbesteiger des Mount Everest ein Urvater der Kletterszene, sagt: "Niemand weiß mehr über das Bergsteigen im Himalaja als sie." Und auch Reinhold Messner, der als erster Mensch alle 14 Achttausender bezwang, ließ sich von ihr beraten: "Ich muss ihr für ihre Ideen dankbar sein."

Die Gebirgszüge scheinen in ihrem Kopf so gestochen scharf abgebildet wie Satellitenaufnahmen. Doch die Pointe ist, dass Elizabeth Hawley selbst nie auf einem der Gipfel stand. Was sie weiß, weiß sie vom Nachlesen, Nachforschen, Zuhören, Zusammentragen. Sie ist Historikerin, keine Entdeckerin. Sie will nicht dabei sein. Sie will "nur aufschreiben, was gewesen ist".

Die Regale in ihrem Büro sind vollgepackt mit Literatur über den Himalaja, und in mächtigen Aktenschränken, erdbebensicher befestigt, lagert ihr Lebenswerk. Draußen vor dem Fenster brummen Generatoren, weil mal wieder der Strom ausgefallen ist, das Licht ihrer Lampe wird gespeist von zwei Lastwagenbatterien, die sie auf ihrem Balkon festgezurrt hat.

Die Gipfel des Himalaja, sagt Elizabeth Hawley, die gern sarkastisch ist und manchmal auch zynisch, seien "überschwemmt von Männern, die verrückt genug sind, sich bis ganz nach oben kämpfen zu wollen". Und überhaupt: "Warum sollte ich da hochgehen? That's not my cup of tea."

Hawley kommt aus einer anderen Welt. Bevor sie sich in Katmandu niederließ, lebte sie wohlbehütet in Amerika, wo man Wert legte auf Bildung und Strebsamkeit, auf Recht und Ordnung. Dort war kein Platz für Weltenbummler und Abenteurer. Ihr Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, war Präsident der Chicago Crime Commission und hatte sich offen mit Al Capone angelegt.

Nach dem Geschichtsstudium in Michigan ging Hawley nach New York. Sie war 22, als sie sich beim Wirtschaftsmagazin "Fortune" als Rechercheurin und Dokumentationsjournalistin bewarb. Fortan arbeitete sie elf Jahre für den Verlag, der auch das Nachrichtenmagazin "Time" publiziert, ihr erster Schreibtisch stand in einem Büro des Empire State Building.

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Seite 1
Rainer Helmbrecht 31.05.2006
1.
---Zitat von sysop--- Extrembergsteiger, Tiefseetaucher, Freeclimber: Ausgefallene Berufe und Hobbys polarisieren. Ist es bewundernswert oder verrückt, wenn ein Mensch an seine Grenzen geht? ---Zitatende--- Zweierlei stört mich daran. Diese dazugehörigen Unfälle zahlt die Allgemeinheit. Das andere ist, dass man z.B. als Arbeitgeber in den Knast käme, wenn man es seinem Mitarbeiter zumuten würde. Arbeitsunfälle werden mit allen Mitteln verhindert, die Ausrede, dass ein Schalter, oder Schutz zu teuer wäre, gilt nicht. Bei Freihzeitsportarten gibt es keine Grenzen. Wer länger als 4 1/2 Std. Lenkzeit hinter sich hat, macht sich strafbar. Wer ein 100Km Langstreckenrennen durch die Wüste hinter sich bringt, ist ein toller Hecht.
iso11801lan, 31.05.2006
2.
---Zitat von sysop--- Extrembergsteiger, Tiefseetaucher, Freeclimber: Ausgefallene Berufe und Hobbys polarisieren. Ist es bewundernswert oder verrückt, wenn ein Mensch an seine Grenzen geht? ---Zitatende--- Ich denke es ist beides: Bewundernswert und verrückt. Jedenfalls sind diese Sportarten M.E. besser als jedes Fußballspiel. Ferner werden ja mittlerweile die Sportarten auch in Managerseminaren angeboten und durchgeführt. Ich finde es schon faszinierend seine Grenzen auszuloten.
knarfe, 01.06.2006
3.
---Zitat von Rainer Helmbrecht--- Zweierlei stört mich daran. Diese dazugehörigen Unfälle zahlt die Allgemeinheit. ---Zitatende--- Ich glaube nicht daran, daß die Allgemeinheit hier zuzahlt. Die Behandlungen unserer Wohlstandkrankheiten verursacht durch Bewegungsarmut, etc. sind sicher teuer. Zumal die Risiken sehr oft auch noch durch Zusatzversicherungen abgedeckt sind. ---Zitat von Rainer Helmbrecht--- Bei Freihzeitsportarten gibt es keine Grenzen. Wer länger als 4 1/2 Std. Lenkzeit hinter sich hat, macht sich strafbar. Wer ein 100Km Langstreckenrennen durch die Wüste hinter sich bringt, ist ein toller Hecht. ---Zitatende--- Der LKW Fahrer der die Lenkzeit überschreitet bewegt sich im dichten Deutschen Straßenverkehr, da wird er, wenn er unkonzentriert wird, zu einem hohen Risiko. Der Rally Pilot in der Wüste gefährdet in der Regel nur sich selbst und max. noch die Konkurrenz. Deswegen sehe ich darin kein Problem.
CSM, 01.06.2006
4. Körperliche und andere Grenzen
---Zitat von sysop--- Extrembergsteiger, Tiefseetaucher, Freeclimber: Ausgefallene Berufe und Hobbys polarisieren. Ist es bewundernswert oder verrückt, wenn ein Mensch an seine Grenzen geht? ---Zitatende--- Ich denke, es tut jedem gut, einmal pro Woche auch an seine körperlichen Grenzen zu gehen, ohne sie zu überschreiten. Für die Leute, die dabei mit ihrem Leben spielen, kann ich aber wenig Verständnis aufbringen. Aber das ist nicht wichtig. Denn es geht ja letztlich nur ums Ego. Wirklich interessant ist die Überwindung der Ich-Grenze im menschlichen Miteinander. Man nennt es auch Liebe. Das ist bewundernswert und verrückt gleichzeitig. Und an diesem Punkt setzt ja z.B. die Debatte um die Hilfsbereitschaft unter Extrembergsteigern ein. Kann ich mein Ziel, für das ich viel Zeit und Mühe aufgewandt habe, nämlich den Gipfel zu erreichen, aufgeben, um zu versuchen, einen anderen Menschen zu retten?
Inox, 01.06.2006
5. Kein Bedauern
"Dort oben ist jeder nur für sein eigenes Leben verantwortlich - und nicht dafür, andere zu retten" Tja, und die armen Irren(*) von Bergwacht, DLRG oder Sherpas riskieren ihren Ar*** für solche rücksichtslosen Egoisten. Von Krankenkassen und Rententrägern ganz zu schweigen, die diese Kicks Einzelner am Ende bezahlen müssen. In diesem Fall hat nun ein Idiot den Anderen liegen gelassen. Die Gedankenwelt dieser Leute wird sich mir nie erschließen. Tod oder Ruhm, wie auch die deutsche "Bergsteigerlegende" Reinhold Messner leidvoll erfahren musste, etwas anderes gibt es nicht. Offenbar kann es mit dem Verantwortungsbewusstsein ja auch nicht weit her sein, ohne Sauerstoff, ohne ausreichende Handschuhe, mit schweren Behinderungen (beinamputiert, fast blind), was im Gefahrenfall kein Quäntchen Spielraum für Sicherheitsreserven lässt. Ich selbst war früher Sporttaucher. Außenstehende fanden dies schon einen riskanten Sport. Gründliches Prüfen der Ausrüstung, eine Ausbildung, deren theoretischer Gehalt von heutigen Abenteurern wohl nur milde belächelt wird (die mir aber grundlegende Kenntnisse der biologischen und physikalischen Zusammenhänge vermittelte), sowie simple Vorsichtsmaßnahmen ("Tauche nie allein" war die Erste) sorgten dafür, dass die Zahl der Unfälle fast gegen null ging. Und trotzdem brachte Tauchen bei Nacht, unter Eis oder in größere Tiefe noch den gewissen "Kick", der aber durch Zweitgeräte, Sicherheitsleinen und ggf. bereitstehende Rettungstaucher abgesichert war. Eventuell würde man das heute öde finden. Wir waren trotzdem fasziniert. Macht Eure Sache, aber verschont die Gesellschaft mit den Folgen Eures Tuns. Ich jedenfalls hoffe, dass meine Krankenkasse für derlei suizidales Privatvergnügen die Kostenübernahme verweigern würde. Und wer unbedingt die Selbsterfahrung braucht, an seine physischen und psychischen Grenzen gehen zu müssen, kann dies ganz gut beim DRK, Feuerwehr oder THW tun. Der alltägliche Horror auf der Autobahn z.B. könnte da u.U. schon heilsam sein. (*) Muss Ironie/Sarkasmus/Zynismus hier separat gekennzeichnet werden?
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