AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2007

Showbusiness "Schreien wie ein Tier"

Die Sängerin und Schauspielerin Beyoncé Knowles gilt als die derzeit erfolgreichste schwarze Künstlerin der Welt. Im Film spielt sie jetzt eine andere Göttin schwarzer Kultur: Diana Ross.


SPIEGEL: Ms Knowles, hat Sie der Film "Dreamgirls" nicht auch ein bisschen betrübt?

Knowles: Betrübt, wieso?

SPIEGEL: Sie spielen die Rolle von Deena Jones, einer fiktiven Diana Ross. Der Film erzählt die Geschichte der Supremes und von der Blüte der schwarzen Musik in den Sechzigern. Heute besteht diese Musik vornehmlich aus Rap. Es geht oft um dicke Autos und teure Huren.

Knowles: Ja. Das ist so. Der Unterschied zwischen heute und früher ist: Damals waren schwarze Musiker gezwungen, freundliche Popmusik zu machen, um die Menschen zu erreichen. Heute haben sich die Vorzeichen umgedreht: Erfolg hat man als Schwarzer fast nur noch mit R&B und Rap. Das ist oft harte Musik mit harten Texten. Jemand wie Diana Ross hätte es heute als schwarze Künstlerin sicher schwerer.

SPIEGEL: Haben Sie sich mit ihr mal über Ihre Rolle unterhalten?

Knowles: Eigentlich kaum. Aber sie hat gesagt, falls ich Fragen hätte, sollte ich sie anrufen.

SPIEGEL: Und? Haben Sie sie angerufen?

Knowles: Nein. Bis heute nicht.

SPIEGEL: Sie wollten gar nichts wissen von ihr?

Knowles: Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe mich nicht getraut. Ich bin zu schüchtern, den Hörer abzuheben und eine gigantische Legende wie Diana Ross anzurufen.

SPIEGEL: Jetzt kokettieren Sie.

Knowles: Tut mir leid. Es ist, wie es ist. Ich habe sie zufällig auf einer Party von Clive Davis gesehen, dem Plattenboss. Da stand sie. Ich war wie paralysiert und habe den Abend damit verbracht, aus den Augenwinkeln zu ihr zu schielen. Diana muss das bemerkt haben. Und da ich - Gott, ist das peinlich - zu aufgeregt war, zu ihr rüberzugehen, hat sie sich dann erbarmt und hat mich angesprochen.

SPIEGEL: Was hat sie gesagt?

Knowles: Es war eine wirklich kurze Unterhaltung. Sie hat gesagt: Hey, wie geht's? Und wenn ich was brauche, soll ich anrufen. Was ich dann aber eben nicht tat.

SPIEGEL: Sie sind mit Ihren 25 Jahren derzeit die erfolgreichste schwarze Künstlerin der Welt. Wie kann man bloß so schüchtern sein?

Knowles: Ich war immer so. Da müssten wir jetzt bis ganz zurück in meine Kindheit gehen. Ich war ein schüchternes Kind, habe nicht viel gesagt. Ich habe mich nicht wohl dabei gefühlt, im Mittelpunkt zu stehen. Außer auf einer Bühne.

SPIEGEL: Auf einer Bühne können Sie Ihre Angst überwinden?

Knowles: Auf der Bühne kann ich alles. Plötzlich kann ich sagen, was ich mich nie getraut habe. Plötzlich habe ich kein Problem damit, wenig anzuhaben. Ein anderer Mensch. Sie heißt übrigens Sasha.

SPIEGEL: Sasha? Ein Alter Ego!

Knowles: Ein Alter Ego. Sasha ist komplett furchtlos, sie kann sich ihren Schmuck vom Körper reißen und schreien wie ein Tier. Sachen, die Beyoncé niemals tun würde. Meine Cousine hat sich diesen Namen ausgedacht. Sie fand, Sasha klinge wild.

SPIEGEL: Ist es auch diese Sasha, die sich dem gängigen, eher problematischen Frauenbild in der heutigen schwarzen Musik entgegenstellt? Die "New York Times" sah Sie schon verantwortlich für eine Art neuen Feminismus.

Knowles: Das ist ein enormes Kompliment.

SPIEGEL: Verstehen Sie, was die Zeitung damit gemeint haben könnte?

Knowles: Ich glaube schon. Nehmen Sie einen Song wie "Irreplaceable": Da haben wir es mit einer Frau zu tun, die es satt hat, sich immer zu beklagen. Sie will jetzt einen Schritt weiter kommen. Dieser Schritt ist die Erkenntnis, die der Song formuliert: Es ist gar nicht so schwer, einen Menschen zu ersetzen. Niemand ist unersetzlich. Vor allem nicht dein prügelnder Ehemann.

SPIEGEL: Dennoch müssten Sie die teils frauenfeindlichen Texte Ihrer männlichen Kollegen als Beleidigung empfinden.

Knowles: Verstehe, was Sie meinen. Aber um es vorweg zu sagen: Ich fühle mich nicht angesprochen. Man kann das nicht auf jede Frau anwenden. Es geht in diesen Stücken um einen bestimmten Typ Mann, einen bestimmten Typ Frau. Sie müssen diese Stücke innerhalb ihres Systems interpretieren. Diese Lieder sprechen den Schmerz bestimmter Leute an und das auf sehr ehrliche, authentische Weise. Das aber heißt nicht, man könne es auf jeden beziehen.

SPIEGEL: Sogar Ihr Lebenspartner, der Rapper Jay-Z, singt Zeilen wie: "I got 99 problems, but a bitch ain't one" - er habe 99 Probleme, aber eine Schlampe gehöre nicht dazu.

Knowles: Ja. Das tut er. Aber wenn Sie sich die Platte mal richtig anhören, erfahren Sie, dass der Text mit genau jenen Klischees spielt, die von außen an schwarze Rapper rangetragen werden. Der Song entspricht diesen dann bewusst. Sie können den Song so auslegen, dass er über Frauen abfällig spricht. Wenn Sie Jay fragen würden, er würde sagen: nein.

SPIEGEL: Musiker, die wie Sie an Millionen Kids Platten verkaufen, sollen Verantwortung übernehmen, fordern Politiker immer wieder. Absurd, oder?

Knowles: Wissen Sie, als Kind habe ich Michael Jackson geliebt. Das tue ich immer noch. Und Prince. Meine Mutter sagte damals: Du kannst Prince verehren und auch Michael Jackson. Aber du bist nicht sie. Das sind Erwachsene. Du bist ein Kind. Prince ist nicht mein Vater, und es ist sicher nicht sein Job, mich zu erziehen. Es war die Aufgabe meiner Mutter. Wenn ich heute also in Hosen rumlaufe, aus denen mein Po rausguckt, könnte man Prince dann dafür verantwortlich machen? Ich denke, nein.

SPIEGEL: Ungefähr jedes zweite amerikanische Kind möchte heute sein wie der Gangsta-Rapper 50 Cent.

Knowles: In Ordnung. Aber es bleibt die Aufgabe der Eltern, den Kindern zu erklären: 50 Cent ist 50 Cent, und 50 Cent ist nicht zwölf Jahre alt. Es ist einfach, Prominente für eigene Versäumnisse verantwortlich zu machen. Eltern müssen in der Lage sein, die zugegeben harten Reime von 50 Cent für ihre Kinder in die richtige Perspektive zu rücken.

SPIEGEL: Ihr Vater hat Sie ja angeblich von Kindheit an minutiös vorbereitet auf eine Karriere im Showbusiness.

Knowles: Allerdings.

SPIEGEL: Wie muss man sich diese Vorbereitungen vorstellen?

Knowles: Mein Vater hat mich und meine Schwester um den Block laufen lassen. Dabei mussten wir singen. Laufen und singen muss man auf der Bühne schließlich gleichzeitig können. Dann hat er uns Fragen gestellt, von denen er glaubte, dass sie auf uns zukommen. Er hat uns gezeigt, wie man bei Interviews Leuten in die Augen guckt. Sehen Sie?

SPIEGEL: Hat Ihnen diese Ausbildung Spaß gemacht?

Knowles: Natürlich nicht! Wir mussten überall auftreten. In Supermärkten rund um Houston. In Schulen. In Pflegeheimen. Die Mikrofone fielen immer aus. Ich aber wollte bei den Grammys auftreten, nicht in Lebensmittelläden.

SPIEGEL: Womit sind Sie denn da eigentlich aufgetreten?

Knowles: Wir hatten ein paar eigene Songs. Aber wir waren Kinder. Wir wussten nicht, worüber man singen könnte. Also haben wir die Lieder anderer Leute gesungen.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Knowles: "Imagine" von John Lennon war ein Klassiker meiner frühen Auftritte. Mein Vater hatte mir vorgesungen, wie man das Stück intonieren muss.

SPIEGEL: Was hat er Ihnen sonst über das Showgeschäft erklärt?

Knowles: Dass es harte Arbeit sein würde. Dass es Gerüchte und Gerede geben würde, die nicht zu kontrollieren seien.

SPIEGEL: Hatte er recht?

Knowles: Oh ja.

SPIEGEL: Sind Sie sehr ehrgeizig?

Knowles: Ja.

SPIEGEL: "Dreamgirls" ist für acht Oscars nominiert, nur für die weibliche Hauptrolle nicht, die Sie spielen.

Knowles: Ich wusste, dass meine Rolle nicht das Zeug für einen Oscar hat. Es ist eine recht eindimensionale Rolle. Ich finde, ich habe ihr ohnehin schon mehr Tiefe gegeben, als in ihr angelegt war. Aber für einen Oscar bräuchte ich eine Rolle, die mehr Tiefgang hat.

SPIEGEL: Fällt Ihnen die Schauspielerei schwerer als die Musik?

Knowles: Gefühle glaubhaft darzustellen ist schwer. Meine Schauspiellehrerin hat mich immer gefragt: Beyoncé, was löst Gefühle in dir aus? Ich habe nachgedacht, dann ist mir mein Onkel in den Sinn gekommen. Der ist an Aids gestorben, als ich 15 war. Er war wie mein Kindermädchen und der einzige mir nahe Mensch, der mir einfiel, der gestorben ist. Ja, Schauspielerei ist emotional anstrengend.

SPIEGEL: Müssten Sie vielleicht mal Urlaub machen?

Knowles: Ich habe neulich zwei Wochen Urlaub gemacht. Aber ich kann nicht gut nichts tun, jedenfalls nicht sehr lang. Ich gehe meist zwei Monate auf Tournee, danach habe ich einen Monat frei. Gar nicht so schön. Ein Monat ist lang.

SPIEGEL: Ihr Lebenspartner Jay-Z singt schon über dieses Problem. In dem Song "Lost One" heißt es: "Ich glaube, das wird nichts mit uns, denn sie liebt ihre Arbeit mehr als mich". Er meint Sie, oder?

Knowles: Hm. Über dieses Problem müssten Sie vielleicht mit Jay selbst reden.

INTERVIEW: PHILIPP OEHMKE



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