AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2007

Universitäten Die Lehrdienst-Verweigerer

Sie halten öde Vorlesungen, quälen ihre Doktoranden und verausgaben sich bestenfalls im lukrativen Nebenjob: Ein Buch rechnet ab mit Deutschlands faulen Professoren.

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Das Angebot klingt verlockend: Da bietet ein Unternehmen "erstklassige Dotierung, Dienstwagen und Außenbüro am Ort Ihrer Wahl". Der Bewerber muss dafür lediglich "unternehmerisch denken" und an zwei bis drei Tagen pro Woche "beraten und repräsentieren". In Frage kommen allerdings nur Interessenten, die schon einen Job haben: Die Firma sucht Hochschulprofessoren.

Mehr als 50 Bewerbungen gehen beim Inserenten ein. Abzüglich der einfachen Doktoren, der Forscher im Ausland und des Hochschulpfarrers bleiben 44 wahrhaftige Professoren übrig, die sich für die Offerte interessieren. Sie alle sind gern bereit, gegen das Beamtenrecht zu verstoßen, das Hochschullehrern in der Regel einen Tag pro Woche für Nebentätigkeiten gestattet. Viele empfehlen sich sogar auf Uni-Briefpapier, das Porto zahlt die Hochschule.

Die gute Nachricht: Die Unternehmer in eigener Sache können ihre Arbeitskraft auch künftig ganz der Alma Mater widmen. Die Anzeige, erschienen 2006 im Stellenmarkt der "Zeit", war eine fiese Falle; den Beraterjob gibt es nicht. "Wir wollten wissen, ob Professoren wirklich so überlastet sind, wie sie immer behaupten", erklärt Martin Wehrle, Initiator der Annonce. Erwischt, Herr Professor!

Was Wehrle und sein Co-Autor Uwe Kamenz, selbst Professor an der Fachhochschule Dortmund, den Ordinarien in den angeblichen Bewerbungsgesprächen entlocken konnten, dokumentieren sie genüsslich in ihrem soeben erschienenen Rundumschlag gegen die deutsche Hochschullehrerschaft*.

Da meldet sich etwa der Universitätsprofessor, Geschäftsführer eines geisteswissenschaftlichen Instituts, der seine Arbeitszeiten aufgrund seiner Position "relativ frei gestalten" kann. Bis zu zwei Tage in der Woche könne er zur Verfügung stehen.

Ein Fachhochschulprof aus Baden-Württemberg wischt das Problem mit der Genehmigungspflicht für den Nebenjob elegant vom Tisch: "Wenn ich nicht mit dem Ferrari an der Hochschule auftauche, fragt auch keiner nach, welche Tätigkeiten ich außerhalb der Hochschule mache." Zwei Tage hätte er Zeit - in den Semesterferien ("Das sind ja fast fünf Monate im Jahr") natürlich mehr.

Taugen 44 von rund 38.000 deutschen Professoren tatsächlich als Beleg für die Verkommenheit der ganzen Zunft? "Wenn man das hohe Ansehen der Professoren bedenkt, ist das schon ein überraschender Rücklauf", findet Autor Wehrle. Ihn beeindruckte vor allem das fehlende Unrechtsbewusstsein der gefoppten Bewerber. Vom ungesetzlich hohen Zeitaufwand ließ sich keiner schrecken, ebenso wenig vom ersten Satz der Chiffre-Anzeige: "Ihr Hochschulberuf allein lastet Sie nicht aus?"

Letzteres ist laut Kamenz und Wehrle auch das Problem vieler anderer Hochschullehrer. Die Autoren sprachen mit Professoren, werteten Forschungsdatenbanken aus und tarnten sich als Journalisten und Headhunter. Ergebnis: Wenn Deutschlands Professoren ausgelastet sind, dann meist nicht mit ihrer Forschungstätigkeit. Einmal weich auf dem begehrten Lehrstuhl gelandet, stellen viele die Forschung sogar ganz ein.

Ihr Beamtensalär bessern sie gern mit diversen Nebenjobs auf, verdingen sich als (parteiische) Berater für die Industrie und kassieren üppige Honorare für Talkshow-Auftritte. Da überrascht es nicht, dass die Forschung mitunter zu kurz kommt. Rund die Hälfte der Professoren hierzulande, haben die Autoren zum Beispiel für das Fach BWL recherchiert, legt nicht mal eine einzige wissenschaftliche Veröffentlichung pro Semester vor.

Annonce der Autoren: So wurden die Professoren geködert

Annonce der Autoren: So wurden die Professoren geködert

Eine "anhaltende Schwächeperiode" der Forschung, heißt es denn auch in einem Bericht der Bundesregierung, rüttele "mittlerweile an den Fundamenten der technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands". Und das, obwohl der Lehrstuhl eines Universitätsprofessors mit durchschnittlich knapp 600.000 Euro pro Jahr ausgestattet ist.

Verausgaben sich Deutschlands Professoren womöglich in der Lehre? Eher nicht, haben Wehrle und Kamenz in Gesprächen mit Studenten und Doktoranden herausgefunden. Da meiden Lehrstuhlinhaber universitäre Didaktikkurse, blasen Vorlesungen kurzfristig ab oder verweigern sich dem Lehrdienst gleich ganz - das Seminar kann schließlich auch der Doktorand halten. Der wiederum kommt kaum zum Forschen, weil er allzu oft Arbeiten erledigen muss, die dem Doktorvater zu lästig sind.

Wehe jedoch, wenn Studenten ihren Lehrmeistern die Meinung sagen wollen. Das Internet-Portal MeinProf.de, eine studentische Bewertungsplattform nach USamerikanischem Vorbild, geriet ins Visier der universitären Datenschützer. Manche Hochschulen, wie etwa die RWTH Aachen, ließen ihren kompletten Professorenstab aus den Top- und Flop-Listen entfernen.

Vorlesung: Exzellenz-Initiative für die Lehre
DDP

Vorlesung: Exzellenz-Initiative für die Lehre

Selbstverständlich, räumen die Professorenkritiker Kamenz und Wehrle ein, gibt es auch zahlreiche engagierte Hochschullehrer. Die anderen möchte das Autoren-Duo nun missionieren: Auf einer Web-Seite will es die Forschungsleistungen der deutschen Profs auflisten und in Kooperation mit MeinProf.de die Lehre bewerten.

Damit zumindest stehen die Autoren nicht allein. Schon in diesem Sommer will Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD), Präsident der Kultusministerkonferenz, eine weitere Exzellenzinitiative an den Hochschulen starten - diesmal für die Lehre.


* Uwe Kamenz, Martin Wehrle: "Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen". Econ Verlag, Berlin; 288 Seiten; 18 Euro.



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