Bildung Hassfach Eurythmie

Überdurchschnittlich viele Abiturienten, aber schwere Mängel bei Fremdsprachen: Eine umfassende Studie über Absolventen von Waldorfschulen liegt nun vor.
Von Carsten Holm

Wenn er als Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) die Interessen der Unternehmen vertrat, fiel Michael Rogowski, 68, als knallharter Lobbyist auf. Offenbarte er Zuhörern aber seinen Bildungsweg, herrschte nicht selten basses Erstaunen: Rogowski, BDI-Chef bis 2004, war Waldorfschüler - einer von denen also, die den gängigen Klischees zufolge in der Schule wenig leisten müssen und in der Obhut anthroposophischer Lehrer ohnehin ein bisschen spinnert werden.



Rogowski, inzwischen Aufsichtsratschef des schwäbischen Maschinenbauers Voith, hat ein klares Urteil über die alternative Schulform, in der es kein Sitzenbleiben gibt. Er würde Waldorfabsolventen "nicht unbedingt als Konstrukteure einstellen, weil ich in Mathe und Physik große Lücken hatte", sagt der Wirtschaftsmann. Wohl aber als Kommunikationsfachleute: "In allen Bereichen, in denen Persönlichkeit eine große Rolle spielt, haben sie ihre Stärken."

So differenziert urteilten Kritiker selten über das 1919 von dem Anthroposophen Rudolf Steiner begründete Schulmodell. Waldorfanhänger idealisieren es, Skeptiker verteufeln es - bis hin zu dem Vorwurf, die Schüler würden mit dem teils okkulten Weltbild Steiners infiltriert.

Was aus den Absolventen der Waldorfschulen wurde, blieb bisher im Dunkeln.

Der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler Heiner Barz und Dirk Randoll vom Institut für Empirische Sozialforschung im nordrhein-westfälischen Alfter haben jetzt eine umfassende Studie vorgelegt*. Dafür wurden die Ergebnisse einer Befragung unter mehr als 1100 Absolventen der Steiner-Schulen ausgewertet.

Ihr Fazit: Die "in der Tendenz guten Schulen" weisen laut dem Urteil früherer Schüler schwere Mängel im Fremdsprachenunterricht und bei der Vermittlung von Rechtschreibkenntnissen auf.

Den Werdegang der Schüler scheinen diese Defizite nicht einmal zu hemmen. Mehr als sechs von zehn ehemaligen Schülern haben das Abitur, fast fünf von zehn Waldis sogar ein Hochschulstudium abgeschlossen - weitaus mehr als Absolventen von staatlichen Schulen. Das mag allerdings auch an der Herkunft der Befragten liegen: Überwiegend stammen sie, so die Studie, "aus dem gehobenen Mittelstand mit einem hohen Akademikeranteil, dem sogenannten Bildungsbürgertum".

Die Waldorfschulen fördern vielfältig, neben den traditionellen Fächern stehen etwa Nähen, Stricken, Häkeln, Spinnen, Schlossern, Feldmessen, Bildhauerei und Theater auf dem Stundenplan. Künstlerische Begabungen werden eher entdeckt als in den Regelschulen - kein Wunder, dass jeder 20. Waldorfschüler Künstler wird. Beredte Beispiele sind die Schauspieler Marie Bäumer ("Der Schuh des Manitu") und Martin Semmelrogge, Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder ("Querelle") und Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") sowie Schriftsteller wie Michael Ende ("Momo").

Waldorfschüler müssen es während ihrer Schulzeit ertragen, als "Baumschüler" gehänselt zu werden, ihrem Ruf jedoch, zu lebensfremden Exoten heranzuwachsen, werden sie nicht gerecht. Die meisten Absolventen, die einen Beruf ausüben, sind Lehrer - mit 16,8 Prozent fünfmal so viele wie im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Jeder zehnte ist Arzt oder Apotheker, 8 Prozent wurden Ingenieur und 4,3 Prozent üben einen geistes- oder naturwissenschaftlichen Beruf aus. Bürofachkräfte und Kaufleute sind unterrepräsentiert.

Die Waldi-Welt, darin waren sich die Ehemaligen einig, fördert die Persönlichkeitsentwicklung. In manchem Kernfach aber würden die Waldorfabsolventen ihre Lehrer wohl sitzenbleiben lassen. Als "besonders kritisch" bewerteten sie den Fremdsprachenunterricht, ähnlich katastrophale Noten gaben sie den Pädagogen auch für die Vermittlung von Rechtschreibkenntnissen. Und: Ihr "Hassfach" sei Eurythmie gewesen, jener Tanz um Töne und Buchstaben, der vielen Waldorfianern auf die Nerven geht.

Allerdings: Die neue Studie beruht auf Bewertungen von 30- bis 66-jährigen Absolventen, die ihre Waldorfschule vor 10 bis 46 Jahren verließen. In vielen der 203 deutschen Lehrstätten wurden die Probleme vor allem im Fremdsprachenunterricht erkannt. Zusätzliche Tests etwa sollen mittlerweile Auskunft über erlangte Kenntnisse geben - für manchen überzeugten Waldi ein Frevel an den Waldorfprinzipien, die Leistungsstress ablehnen.

Die Mängelliste der ehemaligen Schüler schließt auch das Personal ein: Lehrer verlangen offenbar zu wenig. Die meisten der Befragten geben an, die Leistungsanforderungen seien "zu gering" gewesen. Viele berichteten von "Schwierigkeiten, sich nach der Schulzeit in der Leistungsgesellschaft zurechtzufinden".

Die kärgliche Bilanz ist für die Autoren der Studie Grund genug, Besserung anzumahnen: Die Qualifikation der Lehrer, müsse "dringend verbessert" werden, insbesondere "im Hinblick auf fachliche sowie auf didaktisch-methodische Fähigkeiten".

Das teils okkulte Weltbild Rudolf Steiners aber scheint sie nicht beeinflusst zu haben. Die Mehrzahl der Schüler ist gegenüber der Anthroposophie laut der Studie "indifferent, skeptisch bis negativ eingestellt".

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