AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2007

Bildung Hassfach Eurythmie

Überdurchschnittlich viele Abiturienten, aber schwere Mängel bei Fremdsprachen: Eine umfassende Studie über Absolventen von Waldorfschulen liegt nun vor.

Von Carsten Holm


Wenn er als Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) die Interessen der Unternehmen vertrat, fiel Michael Rogowski, 68, als knallharter Lobbyist auf. Offenbarte er Zuhörern aber seinen Bildungsweg, herrschte nicht selten basses Erstaunen: Rogowski, BDI-Chef bis 2004, war Waldorfschüler - einer von denen also, die den gängigen Klischees zufolge in der Schule wenig leisten müssen und in der Obhut anthroposophischer Lehrer ohnehin ein bisschen spinnert werden.



Rogowski, inzwischen Aufsichtsratschef des schwäbischen Maschinenbauers Voith, hat ein klares Urteil über die alternative Schulform, in der es kein Sitzenbleiben gibt. Er würde Waldorfabsolventen "nicht unbedingt als Konstrukteure einstellen, weil ich in Mathe und Physik große Lücken hatte", sagt der Wirtschaftsmann. Wohl aber als Kommunikationsfachleute: "In allen Bereichen, in denen Persönlichkeit eine große Rolle spielt, haben sie ihre Stärken."

So differenziert urteilten Kritiker selten über das 1919 von dem Anthroposophen Rudolf Steiner begründete Schulmodell. Waldorfanhänger idealisieren es, Skeptiker verteufeln es - bis hin zu dem Vorwurf, die Schüler würden mit dem teils okkulten Weltbild Steiners infiltriert.

Was aus den Absolventen der Waldorfschulen wurde, blieb bisher im Dunkeln.

Der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler Heiner Barz und Dirk Randoll vom Institut für Empirische Sozialforschung im nordrhein-westfälischen Alfter haben jetzt eine umfassende Studie vorgelegt*. Dafür wurden die Ergebnisse einer Befragung unter mehr als 1100 Absolventen der Steiner-Schulen ausgewertet.

Ihr Fazit: Die "in der Tendenz guten Schulen" weisen laut dem Urteil früherer Schüler schwere Mängel im Fremdsprachenunterricht und bei der Vermittlung von Rechtschreibkenntnissen auf.

Den Werdegang der Schüler scheinen diese Defizite nicht einmal zu hemmen. Mehr als sechs von zehn ehemaligen Schülern haben das Abitur, fast fünf von zehn Waldis sogar ein Hochschulstudium abgeschlossen - weitaus mehr als Absolventen von staatlichen Schulen. Das mag allerdings auch an der Herkunft der Befragten liegen: Überwiegend stammen sie, so die Studie, "aus dem gehobenen Mittelstand mit einem hohen Akademikeranteil, dem sogenannten Bildungsbürgertum".

Die Waldorfschulen fördern vielfältig, neben den traditionellen Fächern stehen etwa Nähen, Stricken, Häkeln, Spinnen, Schlossern, Feldmessen, Bildhauerei und Theater auf dem Stundenplan. Künstlerische Begabungen werden eher entdeckt als in den Regelschulen - kein Wunder, dass jeder 20. Waldorfschüler Künstler wird. Beredte Beispiele sind die Schauspieler Marie Bäumer ("Der Schuh des Manitu") und Martin Semmelrogge, Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder ("Querelle") und Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") sowie Schriftsteller wie Michael Ende ("Momo").

Waldorfschüler müssen es während ihrer Schulzeit ertragen, als "Baumschüler" gehänselt zu werden, ihrem Ruf jedoch, zu lebensfremden Exoten heranzuwachsen, werden sie nicht gerecht. Die meisten Absolventen, die einen Beruf ausüben, sind Lehrer - mit 16,8 Prozent fünfmal so viele wie im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Jeder zehnte ist Arzt oder Apotheker, 8 Prozent wurden Ingenieur und 4,3 Prozent üben einen geistes- oder naturwissenschaftlichen Beruf aus. Bürofachkräfte und Kaufleute sind unterrepräsentiert.

Die Waldi-Welt, darin waren sich die Ehemaligen einig, fördert die Persönlichkeitsentwicklung. In manchem Kernfach aber würden die Waldorfabsolventen ihre Lehrer wohl sitzenbleiben lassen. Als "besonders kritisch" bewerteten sie den Fremdsprachenunterricht, ähnlich katastrophale Noten gaben sie den Pädagogen auch für die Vermittlung von Rechtschreibkenntnissen. Und: Ihr "Hassfach" sei Eurythmie gewesen, jener Tanz um Töne und Buchstaben, der vielen Waldorfianern auf die Nerven geht.

Allerdings: Die neue Studie beruht auf Bewertungen von 30- bis 66-jährigen Absolventen, die ihre Waldorfschule vor 10 bis 46 Jahren verließen. In vielen der 203 deutschen Lehrstätten wurden die Probleme vor allem im Fremdsprachenunterricht erkannt. Zusätzliche Tests etwa sollen mittlerweile Auskunft über erlangte Kenntnisse geben - für manchen überzeugten Waldi ein Frevel an den Waldorfprinzipien, die Leistungsstress ablehnen.

Die Mängelliste der ehemaligen Schüler schließt auch das Personal ein: Lehrer verlangen offenbar zu wenig. Die meisten der Befragten geben an, die Leistungsanforderungen seien "zu gering" gewesen. Viele berichteten von "Schwierigkeiten, sich nach der Schulzeit in der Leistungsgesellschaft zurechtzufinden".

Die kärgliche Bilanz ist für die Autoren der Studie Grund genug, Besserung anzumahnen: Die Qualifikation der Lehrer, müsse "dringend verbessert" werden, insbesondere "im Hinblick auf fachliche sowie auf didaktisch-methodische Fähigkeiten".

Das teils okkulte Weltbild Rudolf Steiners aber scheint sie nicht beeinflusst zu haben. Die Mehrzahl der Schüler ist gegenüber der Anthroposophie laut der Studie "indifferent, skeptisch bis negativ eingestellt".



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blowfish, 26.04.2007
1. artikel freigeben?!
Zitat von sysopWaldorf-Schulen: Bei Eltern beliebt, bei Schülern nicht immer. Zu viel Kreativspielerei, zu viel Beliebigkeit, zu wenig leistungsorientiert seien sie, so die Kritik. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Waldorf-Pädagogik? Bereitet die Ausbildung auf die heutigen Anforderungen von Beruf und Studium vor?
Naja, ist ein bisschen schwer zu antworten ohne die Ergebnisse anschauen zu koennen... Der Artikel ist auf der Hauptseite unter den Top-Artikeln, aber nur mit subscription zugaengig ... ?!
Der_Erler 26.04.2007
2. Waldorf-Schulen-vreschrobene Alternativpädagogik?
Ich habe eigentlich fast alle Schulsysteme, die das deutsche Schulsystem zu Bieten hat, durchlaufen. Grundschule, Realschule, Gymnasium, Berufsschule und.... die Waldorfschule. Fazit: Man kann noch sehr viel von der Waldorfschule lernen. Die aktuelle Reform, die nach Pisa von Kultusministerien und Eltern gewünscht bzw. gefordert wird, existiert bereits in vielen Zügen und zwar... an der Waldorfschule. Ich bin mir sicher, dass Eurythmie für einige Schüler staatlicher Schulen sehr hilfreich wäre. Eurythmie an einer Weimarer Hauptschule? Komischer Gedanke... aber warum nicht. Was die Vorbereitung zur Ausbildung betrifft.... es hätte nicht besser sein können. Autodidaktik schreibt man an der Waldorfschule groß.... und das ist später enorm hilfreich, gerade an hessischen Berufsschulen.
edv3000 26.04.2007
3. Es gibt noch Waldorfschulen?
Waldorfschulen sind Experimentierfelder. In der Grundschule aus humanitärer Sicht äußest fördernd, ab den Jugendalter eine goldene Zwickmühle: Immer im Gefühl, eine besondere Ausbildung zu haben, ist der Wunsch danach auch fast immer exklusiver Art. Waldofpädagogik war doch noch nie zeitgemäss... Ich denke, dass kein Waldorfschüler in Berufe wie Bankkaufmann, Friseur oder Verwaltungsangestellter enden wird. Ansonsten sind Alternativen im Erziehungswesen wichtig, weil Alternativen in der Arbeitswelt immer wieder wünschenswert sind.
u.affeld 26.04.2007
4. An der Beurteilung der Waldorfschule zeigt sich deutsche Innovationsfeindlichkeit
Obwohl es diese Schulen schon eine lange Zeit in Deutschland gibt, existiert das von Beginn an begleitende Klischee von Bastelschule und Belanglosigkeit in Sachen Bildung. Dieses dümmliche Vorurteil wird dann immer mit - meist nur gehörten oder halb gehörten Erfahrungen von Schülern "belegt". Natürlich ist es nicht schwer, in dieser Weise "Gegenargumente" zu suchen und zu konstruieren. Der "Spiegel" beteiligt sich traditionellerweise ebenso ignorant (gegenüber Fakten) an dieser Propaganda. Statt konsequent ein im 19.Jahrhundert verharrendes staatliches Schulsystem genauer zu analysieren, beschränkt man sich auf Verhöhnung von alternativen Konzepten mit den immer gleichen Klischees. Kein Wunder also, dass sich nicht ein einziges reformpädagogisches Konzept (z.B. aus den zwanziger Jahren und später) in Deutschland halten konnte. Das spiegelt konsequent die Innovationsfeindlichkeit in umfassendem Sinne. In der Bildungspolitik lässt sich dies von Beginn verfolgen. In anderen Bereichen wird dies nun auch immer deutlicher. Die Devise ist: im Zweifel für Bürokratie und Kontrolle und gegen Freiheit und Kreativität. Oft Freiheit unverstandenerweise meist als "Beliebigkeit" qualifiziert. Daraus spricht eine abgrundtiefe Angst vor dem Leben.
Napoleone, 26.04.2007
5. Studie ohne neue Erkenntnisse
Die Studie besagt nur, was ohnehin bekannt war bzw. als "Gerücht" perpetuuiert wurde. Wer etwas oft genug hört, glaubt es dann wohl irgendwann. Meiner Ansicht nach weist die Darstellung der Studie (hoffentlich nicht die Studie selbst) schwere wissenschaftliche Mängel auf: 1. Es werden Vergleiche dargeboten, die nicht verifizierbar sind oder keinen Aussagewert besitzen. Nur weil Rogowski Schwächen in Mathe und Physik hat, gilt das dann für DEN Waldorfschüler an sich. 2. Einerseits wird gesagt, dass ca. 5 von 10 das Abitur machen. Andererseits wird kritisiert, die Lehrer würden zu wenig verlangen. Ja was denn nun? Das würde ja bedeuten, wenn die Lehrer mehr verlangen würden, dass dann 8 von 10 das Abitur machen? Dann wäre wohl das Siegel "Eliteschule" zu vergeben. Aber genau das wollte ja die Waldorfschule nicht sein - die als ARBEITERSCHULE der Zigarettenfabrik Waldorf Astoria gegründet wurde. Außerdem - und das befreifen wohl die meisten nicht - soll das Leistungsprinzip um der Leistung willen gerade NICHT vermittelt werden. 3. Was genau soll denn Lebensfremdheit sein? Ich würde es auch als lebensfremd bezeichnen, wenn man in der Hauptschule scheitert (wohl kaum durch eigenes Verschulden!!!) und seine Lehre abbricht und dann ohne Ausbildung da steht. - Da steht man doch dann lieber mit Ausbildung da und fühlt sich lebensfremd als umgekehrt, oder? Liebe Grüße von einem Waldorfschulabsolventen* * der kurz vor dem Abschluss seines Hochschulstudiums in Chemie und Geographie steht und Sohn einer alleinerziehenden geringverdienenden Mutter mit niedrigem Bildungsabschluss ist und sich nicht lebensfremd fühlt ;-)
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