AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2007

Eine Meldung und ihre Geschichte Künstlerische Freiheit

Wie ein Aufsatz einen Schüler ins Gefängnis brachte.

Von


Es war keine leichte Aufgabe, die Nora Capron, Lehrerin in Cary, Illinois, ihren Schülern und Schülerinnen stellte. Sie sollten aufschreiben, was ihnen durch den Kopf ging. Einfach so. Sie sollten vergessen, dass sie in einer Schule waren, dass sie beurteilt, benotet werden. Sie sollten sich freimachen von der Furcht, etwas Peinliches, etwas Lächerliches zu schreiben. Sie sollten ganz sie selbst sein, darum ging es in dieser halben Stunde am 23. April im Unterricht der Abschlussklasse der Cary-Grove-Highschool. Es war eine Übung in Kreativität, und am Ende sollte es nur Gewinner geben. Das war der Plan, und wie so oft war es Allen Lee, einer der Besten, ein Einser-Schüler, der auch diese Aufgabe mit Bravour erledigte.

Aus der "Süddeutschen Zeitung"

Aus der "Süddeutschen Zeitung"

Lee füllte Zeile um Zeile des linierten Blatts vor sich mit kleinen, enggesetzten Buchstaben, er schrieb ungefiltert, ungehemmt, wie es von ihm verlangt worden war. Dann gab er seine Arbeit ab und verließ den Raum, die Schule.

Als er am nächsten Morgen zurückkehrte, warteten vor der Schule Polizisten. Sie verhafteten ihn. Lee wehrte sich nicht. Er war zu überrascht. Er hatte keine Ahnung, was los war. Er war sich keiner Schuld bewusst.

Auf der Polizeiwache erfuhr Lee, dass es um seinen Aufsatz ging. Dass er wegen des Aufsatzes festgenommen worden war. Lee verstand nicht. Sein Aufsatz? Wie konnte der ihn in Konflikt mit dem Gesetz bringen? Es waren doch nur Worte.

Die Polizisten legten Lee seine Worte vor. "Blood, Sex and Booze" stand da in der ersten Zeile. Blut, Sex und Alkohol. Es ging weiter mit: "Drogen sind lustig." Lee schien die ihm gestellte Aufgabe wirklich ernst genommen zu haben. Er hatte während des Schreibens sämtliche Filter in seinem Kopf abgeschaltet.

Lee beschrieb auch, wie er schwerbewaffnet durch die Schule stapft und jeden tötet, der ihm begegnet. Am Ende des Aufsatzes informierte er seine Lehrerin, dass sie durchaus der Grund für das erste Cary-Grove-Highschool-Massaker werden könne.

Lee sagte, er verstehe die Aufregung immer noch nicht. "Blood, Sex and Booze" sei der Anfang eines Songs von Green Day. Den habe er beim Aufstehen im Kopf gehabt. Und der Rest sei doch nur eine Phantasie. Die Polizisten waren anderer Meinung. Es war Tag acht nach dem Virginia-Tech-Massaker, in dessen Verlauf Cho Seung Hui, Student wie Lee, Asiate wie Lee, seine Schule in einen Schlachthof verwandelt hatte.

Die Polizisten konfiszierten Lees Computer, untersuchten seinen Inhalt. Lee ließen sie von einem Psychologen beurteilen. Der kam zu dem Schluss, dass sich der junge Mann in absehbarer Zeit nicht in ein Ein-Mann-Himmelfahrtskommando verwandeln würde. Lee schien ein normaler, intelligenter Teenager zu sein, der vorgehabt hatte, seine Lehrerin zu provozieren. Auch auf der Festplatte des Computers fanden sich keine Hinweise darauf, dass der Schüler plante, als Killer in den Abendnachrichten zu enden.

Die Polizisten zeigten Lee wegen groben Unfugs an, er musste eine Kaution von 75 Dollar zahlen, dann konnte er gehen. Für die Polizei war der Fall damit erledigt. Für die Schule nicht.

Als Nora Capron, Lees Lehrerin, die Allmachtsphantasie ihres Schülers las, als sie die Drohung am Ende des Textes entdeckte, hätte sie mit Lee reden können. Sie hätte mit seinen Eltern reden können. Stattdessen ging sie direkt zum Schulleiter. Der ging zum Schulrat. Und der zur Polizei.

Als Lee aus dem Polizeigewahrsam entlassen worden war, teilte ihm die Schulleitung mit, dass er bis auf weiteres getrennt von den anderen Schülern und Schülerinnen unterrichtet werden würde. Die Polizei hatte Lee freigelassen, seine Lehrer verurteilten ihn jetzt zu einer Bewährungsstrafe. Sie wollten sichergehen, so lautete ihre Begründung. Sie wollten keine Toten an ihrer Schule riskieren. Deswegen setzten sie die Unschuldsvermutung außer Kraft. Sie handelten präventiv. Wie ihr Präsident.

Lee nahm es hin. Sein Vater auch. Er ist staatliche Willkür gewöhnt. Er wuchs in China auf.

Vor kurzem gab es eine Sondersitzung der Schulleitung. Sie fand hinter verschlossenen Türen statt, über ihren Verlauf drang nichts nach draußen. Sicher ist nur, es ging um Lee, um seine Zukunft. Und wie es aussieht, haben die Besonnenen in der Schule die Eiferer überzeugen können. Seit ein paar Tagen darf Lee wieder am normalen Unterricht teilnehmen. Er hat auch seinen Computer wiederbekommen und bereitet sich jetzt auf die Abschlussprüfungen vor. Es scheint, als habe die Schulleitung ihr wichtigstes Ziel erreicht. Es sind keine Opfer zu beklagen.

Lee sieht das anders. Vor dem unheilvollen Aufsatz hatte er sich um die Aufnahme bei der Armee, bei den Marines, bemüht. Im Oktober sollte es losgehen. Doch nach seiner Verhaftung haben ihn die Marines von der Liste gestrichen. Die Militärverwaltung teilte ihm mit, dass er erst wieder in das Programm aufgenommen werden würde, wenn sich die Anschuldigungen als haltlos erwiesen.

Die Staatsanwaltschaft hat die Klage jetzt zurückgezogen. Die Marines hatten wissen lassen, Lee dürfe sich wieder melden.

Lee will es sich überlegen.



© DER SPIEGEL 23/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.