AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2007

SPIEGEL-Gespräch "Ich bin nicht Gott"

Der Schweizer Milliardär und America's-Cup-Patron Ernesto Bertarelli über Menschenführung an Bord von Segelyachten und in Unternehmen, die Marotten seiner Konkurrenten und die Zukunft der ältesten Regatta der Welt.

Von und Daniel Pontzen


SPIEGEL: Herr Bertarelli, als Titelverteidiger beim America's Cup greifen Sie mit Ihrem Boot "Alinghi" erst am 23. Juni im Finale gegen den dann ermittelten Herausforderer ein. Fällt Ihnen das Warten schwer?

Bertarelli: Es nervt brutal. Und es wird immer schlimmer. SPIEGEL: Wir haben Sie schon beim morgendlichen Basketballspiel mit Ihrer Crew gesehen. Was machen Sie den ganzen Tag in Valencia?

Bertarelli: Meist bin ich ab acht Uhr zwei Stunden im Kraftraum, dann arbeite ich bis mittags im Büro. Um eins geht es hinaus mit der Mannschaft, dann segeln wir bis zum frühen Abend.

SPIEGEL: Was bedeutet Ihnen das Segeln?

Bertarelli: Ich will draußen sein, auf dem Wasser. Ich fühle mich dort wohler als an Land. Eigentlich habe ich schon auf dem Boot laufen gelernt. Mein Vater war Segler, er hat mich damals in jeder freien Minute mit aufs Boot genommen.

SPIEGEL: Als Sie 2003 mit Ihrem Schweizer Segelsyndikat Alinghi erstmals beim America's Cup starteten, leiteten Sie nebenbei noch Europas größten Biotech-Konzern, das inzwischen an den deutschen Wettbewerber Merck verkaufte Unternehmen Serono. Fühlten Sie sich nicht ausgelastet?

Bertarelli: Ich bin ja nicht eines Tages mit dem Gedanken aufgewacht: Du musst jetzt den America's Cup gewinnen. Es war keine Obsession, es hat sich alles Schritt für Schritt ergeben. Aber schon als Kind hatte ich immer, wenn ich auf einem Boot war, das Gefühl: Es muss jetzt schneller gehen. Einfach umherzusegeln, fand ich langweilig. Ich brauchte den Wettkampf.

SPIEGEL: Sie waren als Segler wie als Geschäftsmann erfolgreich. Haben Sie in dem einen Bereich vom anderen profitiert?

Bertarelli: Es gibt einen entscheidenden Unterschied: Beim Segeln gibt es einen Beginn und ein definitives Ende. Wenn du die Ziellinie mit fünf Siegen überquerst, bist du Champion, wenn nicht, war's das. The winner takes it all.

SPIEGEL: Im Geschäftsleben gibt es immer ein nächstes Quartal.

Bertarelli: Ja, da muss man Kontinuität gewährleisten. Dieses Wissen ist manchmal schlecht für die Motivation. Also brauchst du auch da Deadlines. Entweder du hast es bis dahin geschafft oder nicht. Die Konzentration auf ein Ziel habe ich auf das Geschäft übertragen. Daneben bin ich bemüht, in beiden Bereichen dieselbe Kultur zu schaffen.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Bertarelli: Bei der Zusammenstellung eines Teams, ob in der Firma oder beim Segeln, achte ich auf eine möglichst große Vielfalt der Charaktere. Die Kunst besteht darin, die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte zu verschmelzen. Unterschiedlichkeit als Stärke anzusehen, das meine ich mit Kultur. So funktioniert Teamwork.

SPIEGEL: Die Führungsrolle übernehmen Sie dann aber am liebsten selbst?

Bertarelli: Führung bedeutet nicht, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Ich will dem Einzelnen ermöglichen, an einem Projekt zu wachsen. Man muss den Leuten klarmachen, warum man gerade sie auswählt.

SPIEGEL: Würden Sie sich selbst auswechseln, wenn es auf dem Boot jemanden gäbe, der besser ist?

B ertarelli: Ja. Aber ich glaube, es ist sehr wichtig, dass ich als Präsident an Bord bin.

SPIEGEL: Sie arbeiten dort als Runner mit, sind also dafür zuständig, dass der Mast richtig steht, oder Sie helfen beim Trimmen des Großsegels.

Bertarelli: Auf dem Boot hat unser Skipper Brad Butterworth die alleinige Entscheidungsgewalt. Wenn es aber um unternehmerische Strategien geht, entscheide ich. Dazu reicht es nicht, dass ich mir die Bedürfnisse der Crew anhöre. Ich muss sie hautnah erleben. So ist es auch in einer Firma. Man muss erkennen können, ob die Mitarbeiter motiviert sind oder frustriert oder verletzt. Eine gute Führungskraft hat ein Sensorium dafür entwickelt.

SPIEGEL: Sie haben im Alter von 30 Jahren die Führung eines milliardenschweren Familienunternehmens übernommen. Woher kam Ihr Sensorium?

Bertarelli: Ich habe mir anfangs wenig prestigeträchtige Aufgaben gesucht, zum Beispiel die Post eingesammelt und Botendienste gemacht. Viele sehen mich seither als Kollegen an, nicht als Chef. Wenn ich eine Organisation führe, versuche ich, mich in ihr zu bewegen wie eine Fliege, die überall mal herumschwirrt, unauffällig.



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