AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2007

TV-Stars "Mit Late Night bin ich fertig"

ARD-Star Harald Schmidt, 49, über das Ende seiner nächtlichen Solo-Auftritte, den geplanten Neuanfang mit Nachwuchs-Comedian Oliver Pocher, 29, und den wahren Grund, weshalb er einst zum Fernsehen ging


SPIEGEL: Herr Schmidt, vergangene Woche verabschiedeten Sie sich in die Sommerpause. G 8 und Klimawandel, Kirchentag oder Paris Hilton im Knast - bis zuletzt schienen Ihnen die wirklich großen Themen zu fehlen.

Schmidt: Die Wahrheit ist: Es gibt gar keine großen Themen mehr. Alles ist gleich bedeutend - oder gleich wurst. Alles zerbröselt einem unter den Händen. Und eigentlich weiß man immer schon vorher, was passieren wird. Selbst Eins-a-Nummern halten sich maximal noch vier Tage.

SPIEGEL: Was hat die Große Koalition dem Land und Ihnen humortechnisch gebracht?

Schmidt: Eine tiefe Beruhigung. Die Regierung ist auf eine Art erfolgreich, die für das klassische Kabarett ohnehin nicht mehr zu packen ist. Der Konsens reicht heute von Papst Benedikt XVI. über Bischöfin Margot Käßmann bis zu Daniel Goeudevert, den man mittlerweile als Nebenerwerbs-Philosophen buchen kann. Es ist für alle gesorgt.

SPIEGEL: Die "Weltwoche" warf Ihnen "die Kunst des postumen Moderierens" vor. Wer ist langweiliger geworden - das Land, Sie oder beide?

Schmidt: An dieser Stelle muss bereits ein zentraler Satz unseres Gesprächs fallen: Ich bin unabhängig von diesem Land. Ich lebe hier zwar gern, zahle meine Steuern und bringe meine Kinder zur Schule, aber ich habe bei Goethe gelernt: Niemals irgendwo komplett andocken. Man muss immer bereit bleiben, beim Mittagessen aufzustehen, "Tschüssikowski" zu rufen und nach Italien zu fahren.

SPIEGEL: Eine Art Teilabschied bereiten Sie gerade vor. Ab Herbst werden Sie Ihre Show gemeinsam mit dem verprollten Nachwuchs-Clown Oliver Pocher bestreiten.

Schmidt: Die "Harald Schmidt Show" gibt es seit gefühlten 25 Jahren. Sie wurde von verschiedenen Sendern ausgestrahlt und hieß zwischendurch auch mal "Verstehen Sie Spaß?" Ab Herbst wird sie für 22 Folgen "Schmidt & Pocher" heißen. Das ist alles.

SPIEGEL: Dann werden Sie nur noch einmal pro Woche eine Stunde zu sehen sein. Late Night lebt aber von chronischer Wiederkehr - am besten jeden Abend.

Schmidt: Das stimmt. Und deshalb stimmt auch: Mit Late Night bin ich fertig.

SPIEGEL: Bitte? Früher waren Sie doch überzeugt, erst im Greisenalter mit dem Format in die Gruft zu fahren ...

Schmidt: ... was ich heute für einen Irrtum halte. Ich habe bei Sat.1 acht Jahre lang Late Night gemacht, vier Shows pro Woche. Man hat dann irgendwann nichts anderes mehr, auf jeden Fall nichts, was einem Privatleben noch ähneln würde. Ich habe sogar alle Geschichten aus meinem eigenen Leben so oft erzählt, dass ich bereits selbst anfange, mir zu glauben.

SPIEGEL: Feuilletons und Fans reagierten verwirrt auf die Personalie Pocher.

Schmidt: Geben wir der Wahrheit die Ehre: Es herrschte blankes Entsetzen. Manche beschimpften sogar die ARD, sie würde mir den jungen Mann quasi vorsetzen. Da fand ich die neue WDR-Intendantin Monika Piel schon wieder toll. Die sagte, sie selbst finde Pocher nicht lustig, vertraue aber meiner Urteilskraft. Ich brauche all diese Reaktionen. Ich brauche sie wie ein Junkie die Spritze.

SPIEGEL: Warum Pocher?

Schmidt: Warum nicht? Seit er vor vielen Jahren zum ersten Mal als Gast bei mir in der Show war, verfolge ich seinen Werdegang. Er ist ein Riesentalent. Er beobachtet sehr genau. Er ist komisch. Sie müssen ihn mal erleben, wenn er Thomas Gottschalk parodiert, der gerade einen Musikact ankündigt. Oder Mario Barth. Großartig.

SPIEGEL: Er wird auch Witze auf Ihre Kosten machen.

Schmidt: Leider geht alles auf meine Kosten, denn er wird ja von der Kogel & Schmidt GmbH bezahlt. Aber dafür machen Pochi und ich auch künftig die Show. Und ich sage immer, wenn er was abfeuert: Riesig, Baby! Meine Zielvorstellung: Ed McMahon, Sidekick der US-Talklegende Johnny Carson.

SPIEGEL: Sie wollen wirklich nur noch eine Nebenrolle spielen?

Schmidt: Eigentlich hatte ich Pocher angeboten, gleich 250 Late-Night-Shows pro Jahr bei einem befreundeten Sender zu machen, von denen ich allenfalls noch 30 als Urlaubsvertretung gestalten würde, so Las-Vegas-mäßig mit weißem Anzug, offenem Hemd und violetter Sonnenbrille. Darauf wollte er sich nicht einlassen. Er glaubt, er sei noch nicht so weit. Aber wir arbeiten daran. Er ist jedenfalls einer, der mit hundert Ideen kommt.

SPIEGEL: Neuen?

Schmidt: Natürlich nicht. Alles war schon mal da und wurde im Zweifel auch von mir erfolgreich versendet. Aber er hat diesen Elan ... das gefällt mir.

SPIEGEL: Als die Personalie raus war, sagte er im SPIEGEL grob vereinfacht: Harald braucht Hilfe, der alte Sack ist ausgebrannt ...

Schmidt: ... ja ...

SPIEGEL: ... die ARD ist ein lustiger Laden, in dem man eine Show bekommt, ohne mit einem Verantwortlichen zu reden ...

Schmidt: ... stimmt auch ...

SPIEGEL: ... und Manuel Andrack muss von der Bühne.

Schmidt: Andrack bleibt Redaktionsleiter. Oder Bühnenbohrer, vielleicht auch Zitronenfalter. Dass er nicht mehr vor der Kamera sitzen wird, hatten wir schon besprochen, bevor wir gemeinsam auf Pocher zugingen, von dem ich aber auch nicht glaube, dass er der ARD scharenweise junge Zuschauer beschert. Die drücken das Erste einfach nicht. Sie müssen das aber anders sehen: Dass Pocher einen auf Rumpelstilzchen machte, brachte gefühlte 190.000 Google-Einträge, ohne dass ich auch nur husten musste. Der kecke Schelm macht das also schon ganz gut.

SPIEGEL: Wie geht es weiter, wenn die Kooperation erfolgreich ist?

Schmidt: Ich fürchte, es wird sogar fortgesetzt, wenn wir abkacken. Wir müssen ja schon wieder Verträge verhandeln, wenn wir erst ein paar Folgen hinter uns haben.

SPIEGEL: Wollen Sie sich allmählich auflösen? Sie traten zuletzt immer häufiger in Nebenjobs in Erscheinung: Waldemar-Hartmann-Partner bei Winterolympia, Moderation von "Report", Auftritt bei der ZDF-Konkurrenz vom "heute journal" und in der Vorabendserie "Unser Charly". Sehen wir Sie demnächst als Gastkoch bei "Kerner", Eintänzer bei "Let's Dance" oder am Hot Button von Neun Live?

Schmidt: Letzteres wäre sicher das Einzige, was ich mir aus dieser Reihe vorstellen könnte. Ich mache das, was mich interessiert. Als ich meinen Kindern ein Foto zeigte, das mich mit dem ZDF-Schimpansen "Charly" zeigte, war ich zu Hause wer, weil die Serie dort wirklich verehrt wird.

SPIEGEL: So erschließen Sie sich auch mit Ihrer kleinen Rolle als Witwenschüttler auf dem ZDF-"Traumschiff" ganz neue Zielgruppen.

Schmidt: Moment, das heißt Gentleman-Host. Eine Art Uli Wickert auf See. Erstens wollte ich immer schon mal die Route bereisen - von Kuba bis Valparaíso. Zweitens mit dem TV-Produzenten Wolfgang Rademann arbeiten. Es war sen-sa-tio-nell.

SPIEGEL: Inhaltlich scheinen Sie keine Gnade mehr zu kennen.

Schmidt: Ich muss ehrlich sagen, bei Engagements gilt für mich die Devise: Drehort geht vor Inhalt. Manchmal versucht der für mich zuständige WDR-Redakteur, mich von etwas Lokalem zu überzeugen - Köln abwärts. Ich sage dann: Zwei Wochen mit den Berliner Philharmonikern in Sydney - drunter läuft gar nichts mehr.

SPIEGEL: Sie wollen irritieren.

Schmidt: Es ist viel schlichter. Meine "Traumschiff"-Folge wurde im Januar gedreht, eine in Deutschland doch eher trübe Zeit. Ich bekam auch noch gutes Geld dafür, bei 30 Grad im Schatten unter blauem Himmel zu sitzen und Faxe aus der Heimat zu empfangen, die mich informierten: Ver.di verschärft Gangart. Das sind verschiedene deutsche Wirklichkeiten, die alle auf diesem Schiff stattfinden. Dann fuhr man durch den Panama-Kanal, vor dessen eigentlichem Baubeginn schon rund 25 000 Arbeiter starben. Und ich horchte in mich hinein, ob wir zu Hause vielleicht doch ein bisschen zu zimperlich sind mit dem Arbeitsschutz.

SPIEGEL: Wann sind Sie gut?

Schmidt: Ich bin eigentlich immer dann am besten, wenn ich den Sender, für den ich arbeite, wirklich hasse.

SPIEGEL: Wie ist es demnach um Ihr Verhältnis zur ARD bestellt?

Schmidt: So langsam kommt's. Ich gebe ja zu: Wir hatten mit meiner Show auch schlechte Phasen. Aber mein Gefühl sagt

mir, dass ich in den nächsten zwei, drei Jahren wieder zu Hochform auflaufen werde. Um mich herum gibt's ja sonst nix.



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