AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2007

Museen Schatzkammer des Lebens

Die Saurier kehren nach Berlin zurück: Das Naturkundemuseum eröffnet eine große Schau über Evolution und Artenvielfalt - und wandelt sich zugleich zu einer modernen Forschungsstätte.

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Blutrünstig fletscht ein Raubsaurier die Zähne, detailgetreu rekonstruiert, mit ledriger Haut und funkelnden Augen. Das Maul des Allosaurus ragt aus einer Scheibe ins Foyer des Berliner Museums für Naturkunde, als wollte er aus seinem Gefängnis ausbrechen. Doch hinter dem Glas sieht man, dass sein Rumpf nur aus einem fossilen Knochengerüst besteht. Er ist auf dem Sprung nach vorn und doch gefangen im Gestern - ein treffendes Bild auch für die Lage des Museums selbst.



"Willkommen im Jurassic Park", sagt Reinhold Leinfelder, ein gepflegter Herr mit weißem Haarschopf und bayerisch rollendem "R". Vor anderthalb Jahren kam der Geologe und Riff-Spezialist als Generaldirektor des Museums nach Berlin. Er krempelte die Organisationsstruktur um und ordnete sie in drei Aufgabenbereiche: Ausstellung, Sammlungen, Forschung.

Am Freitag wird Leinfelder nun mit der neuen Dauerausstellung das zukünftige Gesicht der altehrwürdigen Einrichtung präsentieren. Das programmatische Motto: "Evolution in Aktion" - kurz: "Eva".

Eva wirkt modern und frisch, und das ist schon die erste Überraschung. Denn bislang galt der trutzig-wilhelminische Bau an der Invalidenstraße manch einem als verstaubtes Skurrilitätenkabinett. Eva dagegen soll verführen, ohne sich anzubiedern. Den Höhepunkt bildet natürlich das gigantische Skelett des Brachiosaurus, dessen Schädel in rund 13 Meter Höhe auf dem langen Hals thront, nur wenige Handbreit unter dem Glasdach des Lichthofs.

Der Urzeitriese ist das höchste in einem Museum aufgebaute Saurier-Exemplar weltweit - ein Publikumsliebling, seit er im Jahr 1937 erstmals hier aufgestellt wurde. Auch er ist neu herausgeputzt: Er watschelt nicht mehr mit abgewinkelten Beinen wie ein Krokodil, sondern stapft aufrecht wie ein Elefant - so wollen es die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.



Stolz zeigt Leinfelder auf das, was zwischen den Gebeinen steckt: ein Metallgerüst, das einzelne Knochen umfasst wie eine gigantische Zahnspange, auch den 300 Kilogramm schweren Oberschenkelknochen. "Bisher war das Skelett in sich fest verbunden", sagt er. "Bei der neuen Konstruktion können wir jeden Knochen einzeln entfernen, wenn wir ihn untersuchen wollen." Denn Eva soll nicht nur das Werden und Vergehen von Tier und Pflanze erhellen, sondern auch die zukünftige Evolution des Naturkundemuseums selbst.

Ausstellen, Sammeln, Forschen: Dieser Dreischritt durchzieht die gesamte Ausstellung. Der Lichthof rund um den Brachiosaurus etwa bietet wenig Filme, Knöpfe und andere Spielereien. Stattdessen dominieren Fossilien aus der Jura-Periode. "Wir können und wollen nicht mit Filmen wie 'Jurassic Park' konkurrieren", erklärt Leinfelder, "wir konzentrieren uns lieber auf unsere Stärke: Wir bieten nicht Simulationen, sondern die Originale selbst."

Bewusst werden die Exponate dabei auch als Gegenstand von Forschung präsentiert. Das zweite Prunkstück des Museums etwa, ein Skelett des Urvogels Archaeopteryx, wird in einer Art Schaufenster-Labor gezeigt, bei dem das Publikum durch das Panzerglas hindurch den Paläontologen bei der Arbeit zusehen kann.

Nach dem Dino-Saal wendet sich die Ausstellung der Evolution im Allgemeinen zu: Klimawandel, Gebirgsbildung und Meteoriteneinschläge werden als formende Kräfte des Lebens dargestellt. Die Botschaft: Alles hängt mit allem zusammen.

Wen derlei Komplexität überfordert, der kann sich im Nachbarsaal vor einer vier Meter hohen "Biodiversitäts-Wand" an der Farben- und Formenvielfalt Hunderter ausgestopfter Tiere erfreuen - oder sich einfach auf das geräumige runde Sofa im Treppenhaus legen und auf einer mitten im Raum hängenden Leinwand verfolgen, wie das Universum entstand.

Am Ende der Ausstellung steigt Leinfelder das großzügige Treppenhaus hinauf, schließt eine riesige Türe auf - und steht plötzlich mitten im 19. Jahrhundert.

© DER SPIEGEL 28/2007
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