AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2007

Tourismus Das Ende der "Idylle"

Ein Mord, ein Selbstmord, ein ausgebranntes Hotel - in der Tragödie eines Ehepaars spiegelt sich auch, wie eine Urlaubsregion zum Wendeverlierer wird.

Von Bruno Schrep


Als die einzigen Gäste, ein Ehepaar, am Mittwochvormittag abreisen, wird es im Hotel "Idylle", dem "familiär geführten Haus" im Luftkurort Braunlage, ganz still. Die aufwendig renovierte Herberge, 20 Zimmer mit Dusche, WC und Fernseher, steht leer, der Parkplatz ist verwaist. Neue Gäste werden nicht erwartet.

Nachts um halb vier reißen Sirenen die Bewohner der umliegenden Häuser aus dem Schlaf. Aus dem Hotel lodern Flammen, die Straße ist auf einer Länge von 500 Metern in Rauch gehüllt. Als die Löschtrupps zum Gebäude stürmen, stürzt sich aus dem Obergeschoss ein Mann kopfüber in die Tiefe, er ist sofort tot.

Kurz darauf, die obere Etage brennt lichterloh, entdecken Feuerwehrleute in einem Schlafzimmer im Erdgeschoss eine Frauenleiche. Die Frau ist wenige Stunden zuvor erschlagen worden. Neben dem Bett liegt ein Hammer.

Die Toten sind der 59-jährige Hotelbesitzer Rolf-Peter R. und seine 63-jährige Ehefrau Rita. Sie waren gut ein Jahr zuvor in den Harz gekommen, um ein neues Leben zu beginnen.

Doch ihr Plan endete in einer Tragödie. Rolf-Peter und Rita R. glaubten, wer fleißig arbeite, werde auch belohnt. Dass dies im Westharz, einem der ehemals größten Feriengebiete Deutschlands, nicht mehr gilt, haben sie nicht wahrhaben wollen.

In der Brandruine des Hotels "Idylle" finden Polizisten am Morgen nach dem Feuer einen nicht adressierten Abschiedsbrief des Eigentümers, offenbar kurz vor der Katastrophe hastig auf dem Computer getippt. Der Kernsatz lautet: "Wir sind pleite!"

In Braunlage sind die meisten Einheimischen direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr abhängig - als Hoteleigner, Vermieter von Ferienwohnungen, Gastwirte, Handwerker oder Skiliftbetreiber. Doch die Besucherzahlen sind rückläufig. Wurden 1991 noch über eine Million Übernachtungen gemeldet, waren es 2006 nur noch 660.000. Der ganze Ort - rund 5000 Einwohner, über 70 Hotels und Pensionen, dazu noch zahlreiche private Vermieter - kämpft um seine Existenz.

Die Misere ist unübersehbar. Das Hotel "Zum Jermerstein" etwa steht seit Jahren leer. Aus dem Schornstein wächst eine Birke, im Glaskasten für die Speisekarte klebt eine verblasste handschriftliche Botschaft: "Wir schließen unseren Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen. Vielen Dank für Ihr Vertrauen."

Mit Gestrüpp und Bäumen zugewachsen ist auch das "Haus Wiesenblick" direkt gegenüber dem Skilift, nicht weit weg vom Rathaus. Die Fassade ist verrottet, Fensterscheiben sind zersplittert, aus den Ritzen der steinernen Treppenstufen wuchert Unkraut. Ein Geisterhaus wie in einer verlassenen amerikanischen Goldgräberstadt.

Leerstand droht auch im Ortskern. Das Hotel "Brauner Hirsch", gegründet 1895 und ein Wahrzeichen der Stadt, macht in diesen Tagen dicht. Das Traditionshaus mit 50 Zimmern, viele davon seit Jahrzehnten nicht renoviert, rentiert sich schon lange nicht mehr.

"Viele geben auf", berichtet Pensionsinhaberin Elvira Pietsch vom "Haus Hampel", das gegenüber der "Idylle" liegt. Auch Frau Pietsch konnte ihre Zimmer in letzter Zeit nicht vermieten, der Spruch auf dem Willkommensschild im plüschigen Empfangsraum - "Ein guter Gast ist niemals Last" - klingt wie Hohn.

Die Krise der Gastronomie ruiniert auch den Einzelhandel. Das Schuhgeschäft in der Hauptstraße ist pleite gegangen genauso wie der Obsthändler, der Besitzer des Handyladens hat aufgegeben und der des Wäschegeschäfts - der Niedergang scheint kaum zu stoppen zu sein.

Unmittelbar nach der Wende hatte der Luftkurort, 600 Meter hoch und an der ehemaligen Grenze zur DDR gelegen, ein trügerisches Zwischenhoch erlebt. Zehntausende aus Ost und West wollten die Region kennenlernen, alle Zimmer waren ausgebucht. Doch Mitte der neunziger Jahre verebbte die Neugier, das Überangebot ließ die Übernachtungspreise tiefer und tiefer sinken.

Und während seit der Wiedervereinigung überall in deutschen Landen die Tourismusindustrie aufgerüstet hat, scheint die Zeit in Braunlage stehengeblieben. Der Ort wirkt heute wie ein Heimatmuseum, das die siebziger Jahre ausstellt. Seit im Westharz die Zonenrandförderung weggefallen ist, fehlt es an Mitteln zur Modernisierung.

DER SPIEGEL
"Unsere Gäste sterben aus", klagt Heike Baldioli, Besitzerin des "Rosenhofs" und Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes. Die Senioren, die sich ehedem von der gediegenen, etwas angestaubten Atmosphäre angezogen fühlten, gibt's nicht mehr. Die Rentner der heutigen Zeit, ungleich verwöhnter und rüstiger, haben Ansprüche, die Braunlage nicht erfüllen kann. Früher habe sich die Kundschaft mit dem Sonntagskonzert vor dem Kurhaus zufriedengegeben, sagt der Leiter des Tourismusbüros, die aktuelle Pensionärsgeneration setze sich aufs Mountainbike.

Wer wissen möchte, wo die alte Braunlager Klientel geblieben ist, muss nur 20 Kilometer ostwärts fahren, jenseits des ehemaligen Zauns. Wernigerode hat sich, subventioniert mit den Fördermitteln des Solidarpakts, mächtig herausgeputzt. Es gibt Schlossfestspiele, Weintage, ein Philharmonisches Kammerorchester, ein Vier-Sterne-Wellness-Hotel, Dampfloks zum Brocken, und das alles in einer durch die Segnungen einer Landesgartenschau aufgehübschten Fachwerk-Ambiance. Der bald 900 Jahre alte Ort zählt zu den Wendegewinnern. Seit 1999 haben sich die Übernachtungszahlen in Wernigerode fast verdoppelt.



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