AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2008

Emanzipation Freie Fahrt für unfreie Frauen

In Iran sind sie Menschen zweiter Klasse: Sie dürfen öffentlich nicht singen und nicht tanzen, nicht ohne Erlaubnis verreisen. Und eigentlich dürften sie auch keine Autorennen fahren. Zwei Teheranerinnen tun es trotzdem.

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Sie steigt in den Aufzug, in der fünften Etage, fährt ins Erdgeschoss und geht rechts durch eine schwere Stahltür in die Garage, dort parkt ihr Toyota Corolla, Baujahr 06. Ein zerbeultes Gefährt in Rosa. Mit Überrollbügel und Schalensitzen. Sie schnallt den Sportgurt an, dreht den Zündschlüssel, das Haubenblech zittert wie die Membran eines Basslautsprechers, der Motor röhrt. TÜV-geprüft klingt anders. Dann schießt Sohre Watanchah mit quietschenden Reifen nach draußen. Der Hausmeister, der gerade den Hof fegt, guckt ihr mit offenem Mund nach.



Sie legt eine Kassette ein, es ist das aktuelle Album von Christina Aguilera, und Sohre Watanchah trommelt mit den Fingern aufs Lenkrad. Sie fährt Richtung Basar, ins Zentrum von Teheran, unterquert eine Brücke, "Zerstört Israel" steht da in großer Schrift, kurz darauf passiert sie ein Plakat, das eine brennende US-Flagge zeigt. Fünf Minuten später landet sie im Stau.

Eine Qual ist das für Sohre Watanchah, dieser elende Stillstand. Sie liebt Geschwindigkeit, Geschwindigkeit ist ihr Beruf. Sohre Watanchah fährt professionell Rallyes. In Iran. Als einzige Frau, allein unter Männern.

Normalerweise ist der Mirdamad Boulevard eine dreispurige Straße, aber jetzt, nachmittags um zwei, quetschen sich hier sechs Autos nebeneinander. Alles ist verstopft, die Hochstraßen, Tunnel, Stadtautobahnen, Ringe. Nichts geht mehr. Und Sohre Watanchah will zum Training in die Berge.

Sie ist 29 Jahre alt, trägt eine Sonnenbrille von Gucci und duftet nach Parfum von Max Mara. Ihre Haare sind mokkabraun, mit blonden Strähnen, die Lippen aufgespritzt. Vom Leben erwartet sie nicht weniger, als voll durchzustarten.

Es dämmert schon, als sie mit dem Toyota an einem Hang des Elburs durch ein Wasserloch jagt. Heute übt sie, mit hohem Tempo enge Kurven zu fahren. Ihre Co-Pilotin steht auf einem Hügel, in rotweißem Overall, die Hände in den Taschen vergraben. Sie kneift die Augen zusammen und begutachtet die Manöver. Der Corolla zieht nach links, im Scheitelpunkt forciert Sohre Watanchah, Schotter prasselt, dann bremst sie hart und kurbelt die Scheibe runter.

"Wie war ich?"

"Der Radius ist immer noch ziemlich groß."

Sie nickt, guckt in den Außenspiegel und zieht den Lippenstift nach.

Iran ist ein Land, in dem Frauen seit Gründung der Islamischen Republik 1979 als Menschen zweiter Klasse gelten. Vor Gericht zählt die Aussage einer Frau nur halb so viel wie die eines Mannes, ein Sohn erbt das Doppelte einer Tochter. Frauen dürfen nicht öffentlich singen. Nicht tanzen. Sie dürfen nicht Rad fahren. Nicht ohne die Erlaubnis eines Mannes verreisen. Ein Mann kann seiner Frau verbieten zu arbeiten, und wenn er sie mit einem anderen erwischt, kann er sie töten, ohne eine Strafe befürchten zu müssen. Das Kopftuch ist Pflicht, der Tschador, der Ganzkörperschleier, erwünscht.

Für die Fundamentalisten und radikalen Mullahs ist Sohre Watanchah Sünde, für die anderen, die urbanen Jugendlichen, eine Vision. Sie ist so, wie sich die Kinder der Ober- und Mittelschicht ihre Heimat wünschen: modern und selbstbewusst, lebensfroh und weltoffen.

In Iran sitzen Frauen und Männer getrennt im Bus, im Zug und in der U-Bahn. Wieso aber darf Sohre Watanchah gegen Männer Rallyes fahren?

"Fragen Sie Lale", sagt sie.

Es ist nicht leicht, Lale Sadigh zu treffen, sie antwortet auf keine E-Mail, geht tagelang nicht ans Telefon, ruft nicht zurück.

Aber dann kommt sie doch wie verabredet vormittags um elf ins Hotel Esteklal, das sie als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Eine Ikone des Feminismus und ohne Zweifel die umstrittenste Sportlerin des Landes. Für einen Augenblick verstummen in der Lobby alle Gespräche.

Lale Sadigh ist überraschend klein. Die Haut der 30-Jährigen ist gestrafft, die Nase geglättet, die Wangenknochen hochgesetzt - außer den Händen ist das Gesicht der einzige Teil des Körpers, den Frauen nicht verhüllen müssen, es kosmetisch operieren zu lassen ist ein stiller Protest. Das Seidentuch mit Leopardenfellmuster liegt locker auf ihrem Hinterkopf, blauer Rollkragenpullover unter braunem Mantel, Rolex-Uhr.

Zur Begrüßung reicht sie die Hand, eine Geste, die iranischen Frauen nur erlaubt ist, wenn der Mann zur Familie gehört. Interessiert sie nicht. Ihr Druck ist kräftig.

Sie ist eine Pionierin, die erste Sportlerin in 25 Jahren, seit Ajatollah Ruhollah Chomeini den Gottesstaat gegründet hat, die gegen einen Mann angetreten ist. 2004 war das, bei einem Tourenwagenrennen in Teheran.

"Ich habe ein Tabu gebrochen. Darauf bin ich stolz. Warum sollen iranische Frauen schwach sein? Ich weiß es nicht", sagt sie in fließendem Englisch. "Unser Prophet Mohammed hat nie behauptet, man solle Frauen zu Hause einsperren und zum Kinderhüten verdonnern, während der Mann sich draußen amüsiert. Im Gegenteil: Er wollte, dass Männer ihre Ehefrauen und Töchter fördern, damit sie ihre Persönlichkeit entfalten. Wir brauchen starke Frauen, um ein erfolgreiches Land zu sein."

Ein falscher Satz kann in Iran Gefängnis bedeuten oder Peitschenhiebe, trotzdem fürchtet sie sich nicht, ihre Meinung zu sagen. Lale Sadigh fällt gern aus dem Rahmen.

Sie ist das älteste von vier Kindern, ihr Vater hat in der Schweiz studiert, ihm gehören vier Firmen, sie produzieren Heizöfen und Ersatzteile für Motoren. Lale Sadigh fährt einen schwarzen Mercedes S 350 mit Lederausstattung, sie wohnt im Niawaran-Distrikt, wo die Luft besser ist und der Quadratmeter 3800 Euro kostet.

Mit 13 hat sie gelernt, wie man Auto fährt, mit 14 die erste heimliche Spritztour im Buick des Vaters, mit 17 der erste Totalschaden. Sie fuhr gegen einen Baum und brach sich viermal das linke Bein. "Lale Agha" nennt ihr Vater sie, das heißt "Herr Lale".

Vor vier Jahren hat sie beim iranischen Motorsportverband Mafiri eine Rennlizenz beantragt. Damals regierte noch Mohammed Chatami, ein gemäßigter Intellektueller. Internet-Cafés öffneten, die Reformer tolerierten westliche Popmusik, Frauen trugen noch Kopftücher in leuchtenden Farben.

Lale Sadigh sagt: "Ich habe den Vorsitzenden des Mafiri erklärt, Geschlechtertrennung entspreche nicht den Vorstellungen des Präsidenten, die Zeit sei reif für einen Wandel. Ich habe ihnen gesagt, sie würden in die Geschichtsbücher eingehen, wenn sie mich bei den Männern starten ließen. Funktionäre sind eitel."

Drei Monate später bat Sohre Watanchah um eine Starterlaubnis für Rallyes.

Lale Sadigh und Sohre Watanchah haben viel gemein. Sie sehen aus wie Schwestern, kommen beide aus einer wohlhabenden Familie und sind zusammen nach Mekka gepilgert. Beide sind noch ledig, obwohl Mädchen schon mit 13 verheiratet werden dürfen. Sie sind stark, ohne hart zu sein. Sohre Watanchah hat Elektrotechnik studiert, Lale Sadigh promoviert in Wirtschaftsingenieurwesen und lehrt zwei Tage pro Woche an der Universität. Gut 60 Prozent der Studierenden in Iran sind Frauen, aber ihre Arbeitslosenquote ist noch höher.

Das Motodrom in Teheran liegt im Asadi-Park, neben dem Fußballstadion. Die Stahlrohrtribüne ist verrostet, die Holzbänke sind seifig, durch das Dach tropft der Regen. Acht Tourenrennen werden hier im Jahr gefahren, jeweils in neun Kategorien, immer freitags. Die ersten drei kassieren ein Preisgeld, der Sieger erhält bis zu 2700 Euro. Mal starten 15 Autos, mal 22, es geht über zehn Runden.

Zwei Kleinwagen rasen aus Spaß um die Wette, es riecht nach verbranntem Gummi. Ein paar bärtige Männer in Windjacke stehen kettenrauchend am Rand. Einer, der selbst Autorennen fährt, aber seinen Namen nicht nennen will, sagt: "Wenn Lale und Sohre unbedingt eine Maschine bedienen wollen, sollen sie doch die Waschmaschine nehmen." Dann spuckt er auf den Asphalt.

Bei einer Rallye durch die Lut-Wüste im Osten lag Sohre Watanchah nach der ersten Teilstrecke in Führung, als in der Nacht irgendwer die Frontscheibe ihres Toyota einschlug. Am nächsten Morgen lag der Holzknüppel auf dem Fahrersitz wie eine Drohung.



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