AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2008

Tiere Werben, tricksen, täuschen

Von

2. Teil


Im Innern des Gebäudes türmen sich Seife, Parfum, Massageblöcke und quietschbunte, tennisballgroße "Badebomben", vieles unverpackt und nach Gewicht abgemessen wie Käse. Das lustvolle Durcheinander erinnert eher an einen kleinen Krämerladen. Von hier aus hat Lush in den vergangenen 13 Jahren den Markt erobert und ist in vielen Weltmetropolen vertreten, von Hongkong bis New York City.

Das Unternehmen ist eigenwillig wie sein Gründer: Marktforschung gibt es nicht, ebenso wenig wie Werbung und Hauttests an Tieren. Und die Entwicklungsabteilung besteht aus Constantine, seiner Frau und ein paar Freunden.

Im Stockwerk über dem Kosmetikkrämer befindet sich die kleine Hexenküche, in der die Rezepturen in Kochtöpfen angemischt werden, oft mit einfachen Küchenzutaten: Zitrone, Schokolade, Ananas, Spargel, Avocado.

Erst vor kurzem hat Constantine ein wachsartiges Parfum entwickelt: "Go Green" heißt es, und es verströmt einen herben Duft aus Thymian, Zedern und Fenchel, speziell für Radler entwickelt, die leicht verschwitzt nicht unangenehm auffallen wollen. "Go Green ist der Umweltaktivistin Rebecca Lush gewidmet", sagt Constantine. Die wurde berühmt durch ihren Protest gegen Autobahnprojekte - und dafür, dass sie dem damaligen britischen Verkehrsminister Alistair Darling eine Torte ins Gesicht geschleudert hat.

Constantine tupft sich etwas Parfumcreme auf den Handrücken und hat wieder diesen verzückten Gesichtsausdruck. Einst köchelte er als junger Mann in seiner Küche selbst Seifen zusammen, schickte eine Probe an die Firma The Body Shop - wenig später war er zum Hauptlieferanten aufgestiegen. Anfang der Neunziger kaufte ihm die Firma seine Rezepturen für ein paar Millionen Pfund ab. Zwischendurch baute er eine neue Firma auf, scheiterte und startete erneut - mit Lush.

Düfte und Vogelgesang sind für ihn zwei Spielformen derselben Strategie: umwerben, verzaubern, betören. "Parfum und Musik brauchen keine Theorie und keine Worte, die wirken direkt auf unsere tiefsten Empfindungen." Von romantischen Vorstellungen hält er wenig. "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie", heißt es etwa in der Bergpredigt. Constantine winkt ab. "Nur wer keine Ahnung hat, findet Vogelgesang harmlos und unschuldig", sagt er grimmig. "Die Wahrheit ist schmutziger: Der Gesang ist eine Waffe im gnadenlosen Überlebenskampf, da wird geprotzt und getrickst und getäuscht, und oft geht es um Leben oder Tod."

Wer sein Revier nicht lautstark verteidigen kann und wer keinen Partner durch variantenreichen Gesang von der Güte seiner Gene überzeugen kann, wird von der Evolution ausgesiebt. "Genau deswegen singen Vögel ja so schön - weil sie sonst aussortiert werden." Die Sänger arbeiten mit allen Tricks, und das bereitet Vogelfreunden immer wieder Probleme: Mitunter werden Arten aufgrund des Gesangs falsch bestimmt, weil sie in der Lage sind, die Melodien anderer Arten täuschend echt nachzuahmen.

Sogar Alltagsgeräusche bauen Vögel in ihren Gesang ein - etwa das Klingeln von Handys oder die Melodie von Popsongs. "Es geschieht immer wieder, dass unterschiedliche Populationen ihren Gesang so weit auseinanderentwickeln, dass sie irgendwann untereinander nicht mehr kommunizieren können - genau so entstehen neue Arten." Nicht ausgeschlossen also, dass dereinst ein Hit von Shakira das Leitmotiv einer neuen Vogelart bilden könnte.

Um derlei Phänomenen auf die Spur zu kommen, hilft es, viele Beobachter zu rekrutieren. Daher will Constantine mit seinem Buch das Wissen um Grammatik und Rechtschreibung der Sonagramme auch bei Hobby-Ornithologen beflügeln.

Leichthändig kritzelt er ein paar Striche auf ein Blatt Papier, die etwa so aussehen wie die Spur eines Erdbebens auf einem Seismogramm. "So würde das Sonagramm eines Gimpels aussehen", sagt er. "Diese Notenschrift sollte jeder Vogelbeobachter beherrschen, und genau das will ich mit meinem Buch erreichen."

Bevor es Sonagramme gab, war man auf Lautmalereien angewiesen, von geläufigen Umschreibungen wie "Kuckuck" und "Uhu" bis hin zum "Trüb ist die Lieb'" des Trauerschnäppers. Wie ungenau derlei Poesie jedoch ist, zeigt sich schon allein am Hahnenschrei, der in Deutschland mit "Kikeriki" umschrieben wird, in England dagegen mit "cock-a-doodle-doo".

In seinem Enthusiasmus scheint Mark Constantine nicht zu stoppen zu sein. Rastlos baut er sein Weltarchiv des Schnatterns, Gurrens und Zirpens auf. Auch vor den entlegensten und abwegigsten Sängern macht er nicht halt. Das nächste Buch, das im Frühjahr erscheint, ist den Sturmvögeln gewidmet, geheimnisvollen Felsenbrütern, die extrem schwer zu belauschen sind.

"Eine gute Vogelstimmen-Aufnahme zu kriegen", sinniert Constantine, "ist weitaus schwieriger, als eine Firma zu leiten." Er stockt und lauscht. Denn vor dem Fenster ertönt seine Lieblingsmelodie, leibhaftig und lebhaft. Eine Amsel.



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