Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

21. Januar 2008, 00:00 Uhr

Tiere

Werben, tricksen, täuschen

Von

Über die Bedeutung des Vogelgesangs ist bislang wenig bekannt. Das will nun ein britischer Seifenmillionär ändern: Er schuf die ambitionierteste Vogelstimmensammlung der Welt.

Mark Constantine hört Stimmen. Sie erzählen von Liebe und Hass, von Gier und Angst, von Schönheit und Leidenschaft. Er steht an der Uferpromenade der südenglischen Küstenstadt Poole, seine weißen Haare von Sturmböen zerzaust. Er lächelt entspannt, als lausche er einem Konzert.

Er braucht keinen iPod, um Musik zu hören. Ständig weiß er sich umgeben von Zwitschern und Trällern, Schnattern und Flöten, Schnarren und Schnalzen. "Hören Sie die Stare drüben auf dem Dach? Das sind ihre Schwarmrufe, damit halten sie Kontakt untereinander."

Ein eiskalter Schauer geht nieder, aber Constantine scheint es nicht zu bemerken, denn er ist ganz Ohr. "Und da am Strand: Twit-twit-twit, das Pfeifen eines Steinwälzers. Das ist eindeutig ein Fluchtruf, der ist wohl gerade aufgeschreckt worden."

So geht das ständig. Für Constantine gleicht jedes Wäldchen, jeder Park, jede Straße einer Freiluftphilharmonie. Der große, kräftige Mittfünfziger mit dem breiten Grinsen und der ansteckenden Begeisterung ist einer der ambitioniertesten Vogelbeobachter, oder genauer: Vogelbelauscher. Aber er ist kein Profiforscher, sondern ein steinreicher Kosmetikfabrikant.

Wo andere Ornithologen zum Feldstecher greifen, spitzt Constantine eher die Ohren. "Ich kann Vögel sogar dann beobachten, wenn sie unsichtbar sind: in der Dunkelheit oder in einem dichten Gestrüpp", sagt er. "Wer Vogelstimmen kennt, hat so etwas wie einen Röntgenblick."

Für Ungeübte mag all das Zwitschern ähnlich klingen. Aber wer sich einmal eingehört hat, stellt fest, dass fast jeder Vogel über ein großes Lautrepertoire verfügt: "Sie können oft heraushören, wie alt ein Tier ist, woher es stammt, ob es Männchen oder Weibchen ist und ob es balzt, droht oder einfach ein bisschen übt", schwärmt Constantine. Möglicherweise sei der Gesang sogar eine treibende Kraft hinter der Entstehung neuer Arten.

Constantine hat nie studiert, er hat sich alles selbst erarbeitet, und immer wenn er Fragen hatte, löcherte er führende Ornithologen in aller Welt. "Ich bin ein Wissenschaftler-Groupie", sagt er.

Unlängst hat der Außenseiter sein erstes Buch veröffentlicht, geschrieben in der Ichform, gedruckt im Selbstverlag. Mit allerlei Anekdoten versucht er darin, Amateure für die Ornithologie zu gewinnen: für die Rufe von Vögeln wie Schwarzmilan und Flussseeschwalbe, Teichhuhn und Halsbandschnäpper. Sogar die Fachwelt ist begeistert, sein Werk hat bereits mehrere Preise eingeheimst.

Mittlerweile gehört Constantine zu den bekannteren Namen in der Welt der Bioakustik. Sein Projekt "The Sound Approach" beschäftigt anerkannte Vogelkundler aus Irland, Finnland und den Niederlanden und verfügt mit über 36.000 Tonaufnahmen über eines der ambitioniertesten Vogelstimmenarchive der Welt ( www.soundapproach.co.uk).

Vor allem aber horcht die Fachwelt auf, weil Constantine beste Qualität bietet. Das Archiv dokumentiert exakt Ort, Zeit und wo möglich auch Alter und Geschlecht der Tiere sowie die Hintergrundgeräusche, denn oft halten Vögel Zwiesprache mit ihrer Umwelt. Eine derartige Fülle an Hi-Fi-Aufnahmen, die nicht uralt und verrauscht und von vielen Forschern unter unterschiedlichsten Bedingungen zusammengesammelt sind, sondern alle nach denselben modernen Maßgaben erstellt wurden - das hat es bislang so nicht gegeben.

Vogelforscher Constantine: Jagd nach seltenen Stimmen
The Sound Approach

Vogelforscher Constantine: Jagd nach seltenen Stimmen

Auf der Jagd nach seltenen Vogelstimmen bereist Constantine die entlegensten Flecken der Erde, schlottert nächtelang in Schneestürmen, robbt durch Wüsten, watet durch amerikanische Sümpfe. Die Kosten dieser Unternehmungen? "Einige hunderttausend Euro, ich verzichte lieber drauf, das genau zusammenzuaddieren, damit ich keinen Ärger mit meiner Frau bekomme", sagt Constantine.

Den Morgen hat er mit Kindern einer Grundschule verbracht, denen er von der Schönheit des Vogelgesangs vorschwärmte. Doch kaum einer an Bord wusste, womit der lustige Vogelonkel sein kostspieliges Hobby finanziert. Seine Firma befindet sich in einem verwinkelten, denkmalgeschützten Häuschen mit der harrypotteresken Hausnummer 29 1/2. Schon auf der Straße schwängert ein nasenbetäubender Duft die Luft, Aromen von Rosen, Orangen, Minze und von tausend Düften Arabiens. Constantine ist Mitgründer und Leiter der multinationalen Kosmetikfirma Lush, die weltweit über 400 Geschäfte betreibt, 17 davon allein in Deutschland.

Im Innern des Gebäudes türmen sich Seife, Parfum, Massageblöcke und quietschbunte, tennisballgroße "Badebomben", vieles unverpackt und nach Gewicht abgemessen wie Käse. Das lustvolle Durcheinander erinnert eher an einen kleinen Krämerladen. Von hier aus hat Lush in den vergangenen 13 Jahren den Markt erobert und ist in vielen Weltmetropolen vertreten, von Hongkong bis New York City.

Das Unternehmen ist eigenwillig wie sein Gründer: Marktforschung gibt es nicht, ebenso wenig wie Werbung und Hauttests an Tieren. Und die Entwicklungsabteilung besteht aus Constantine, seiner Frau und ein paar Freunden.

Im Stockwerk über dem Kosmetikkrämer befindet sich die kleine Hexenküche, in der die Rezepturen in Kochtöpfen angemischt werden, oft mit einfachen Küchenzutaten: Zitrone, Schokolade, Ananas, Spargel, Avocado.

Erst vor kurzem hat Constantine ein wachsartiges Parfum entwickelt: "Go Green" heißt es, und es verströmt einen herben Duft aus Thymian, Zedern und Fenchel, speziell für Radler entwickelt, die leicht verschwitzt nicht unangenehm auffallen wollen. "Go Green ist der Umweltaktivistin Rebecca Lush gewidmet", sagt Constantine. Die wurde berühmt durch ihren Protest gegen Autobahnprojekte - und dafür, dass sie dem damaligen britischen Verkehrsminister Alistair Darling eine Torte ins Gesicht geschleudert hat.

Constantine tupft sich etwas Parfumcreme auf den Handrücken und hat wieder diesen verzückten Gesichtsausdruck. Einst köchelte er als junger Mann in seiner Küche selbst Seifen zusammen, schickte eine Probe an die Firma The Body Shop - wenig später war er zum Hauptlieferanten aufgestiegen. Anfang der Neunziger kaufte ihm die Firma seine Rezepturen für ein paar Millionen Pfund ab. Zwischendurch baute er eine neue Firma auf, scheiterte und startete erneut - mit Lush.

Düfte und Vogelgesang sind für ihn zwei Spielformen derselben Strategie: umwerben, verzaubern, betören. "Parfum und Musik brauchen keine Theorie und keine Worte, die wirken direkt auf unsere tiefsten Empfindungen." Von romantischen Vorstellungen hält er wenig. "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie", heißt es etwa in der Bergpredigt. Constantine winkt ab. "Nur wer keine Ahnung hat, findet Vogelgesang harmlos und unschuldig", sagt er grimmig. "Die Wahrheit ist schmutziger: Der Gesang ist eine Waffe im gnadenlosen Überlebenskampf, da wird geprotzt und getrickst und getäuscht, und oft geht es um Leben oder Tod."

Wer sein Revier nicht lautstark verteidigen kann und wer keinen Partner durch variantenreichen Gesang von der Güte seiner Gene überzeugen kann, wird von der Evolution ausgesiebt. "Genau deswegen singen Vögel ja so schön - weil sie sonst aussortiert werden." Die Sänger arbeiten mit allen Tricks, und das bereitet Vogelfreunden immer wieder Probleme: Mitunter werden Arten aufgrund des Gesangs falsch bestimmt, weil sie in der Lage sind, die Melodien anderer Arten täuschend echt nachzuahmen.

Sogar Alltagsgeräusche bauen Vögel in ihren Gesang ein - etwa das Klingeln von Handys oder die Melodie von Popsongs. "Es geschieht immer wieder, dass unterschiedliche Populationen ihren Gesang so weit auseinanderentwickeln, dass sie irgendwann untereinander nicht mehr kommunizieren können - genau so entstehen neue Arten." Nicht ausgeschlossen also, dass dereinst ein Hit von Shakira das Leitmotiv einer neuen Vogelart bilden könnte.

Um derlei Phänomenen auf die Spur zu kommen, hilft es, viele Beobachter zu rekrutieren. Daher will Constantine mit seinem Buch das Wissen um Grammatik und Rechtschreibung der Sonagramme auch bei Hobby-Ornithologen beflügeln.

Leichthändig kritzelt er ein paar Striche auf ein Blatt Papier, die etwa so aussehen wie die Spur eines Erdbebens auf einem Seismogramm. "So würde das Sonagramm eines Gimpels aussehen", sagt er. "Diese Notenschrift sollte jeder Vogelbeobachter beherrschen, und genau das will ich mit meinem Buch erreichen."

Bevor es Sonagramme gab, war man auf Lautmalereien angewiesen, von geläufigen Umschreibungen wie "Kuckuck" und "Uhu" bis hin zum "Trüb ist die Lieb'" des Trauerschnäppers. Wie ungenau derlei Poesie jedoch ist, zeigt sich schon allein am Hahnenschrei, der in Deutschland mit "Kikeriki" umschrieben wird, in England dagegen mit "cock-a-doodle-doo".

In seinem Enthusiasmus scheint Mark Constantine nicht zu stoppen zu sein. Rastlos baut er sein Weltarchiv des Schnatterns, Gurrens und Zirpens auf. Auch vor den entlegensten und abwegigsten Sängern macht er nicht halt. Das nächste Buch, das im Frühjahr erscheint, ist den Sturmvögeln gewidmet, geheimnisvollen Felsenbrütern, die extrem schwer zu belauschen sind.

"Eine gute Vogelstimmen-Aufnahme zu kriegen", sinniert Constantine, "ist weitaus schwieriger, als eine Firma zu leiten." Er stockt und lauscht. Denn vor dem Fenster ertönt seine Lieblingsmelodie, leibhaftig und lebhaft. Eine Amsel.

URL:

Mehr im Internet


© DER SPIEGEL 4/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung