AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2008

Peking Mach mit und sei glücklich!

In 200 Tagen beginnen die Olympischen Spiele. 38 Milliarden Dollar wurden investiert, das Land will sich als neue Supermacht präsentieren, Kritiker erwarten eine Propagandashow. Doch in China gibt es auch Hoffnung auf Öffnung und Freiheit.

Von und


Vor der Einfahrt zum Olympic Tower steht ein Mann auf einem kleinen Podest. Er trägt eine grau-grüne Uniform mit weißem Gürtel und schwarzen Handschuhen, in seinen Händen hat er zwei Fahnen, rot und grün, die er schwenkt wie ein Artist im Staatszirkus. Lustig sieht das aus, aber er guckt streng wie ein Volksarmist. Grün gibt die Einfahrt frei, Rot verwehrt sie. Meistens schwenkt er Rot. Niemand darf einfach so hinein in die Zentrale des Pekinger Organisationskomitees.

Hinter dem Wachmann ragt der gläserne Turm in den Himmel. 19 Stockwerke hoch, gelegen am Vierten Stadtring Pekings, davor hängen die Fahnen Chinas und des Olympischen Komitees im Smog. An der Fassade ist das Emblem der Spiele befestigt, eine laufende Figur auf rotem Grund, es erstreckt sich über mehrere Stockwerke. Die Lobby hat die Dimension einer Sporthalle: Metalldetektoren am Eingang, ein wuchtiger Empfangstresen, daneben, groß wie eine Kinoleinwand, die Wand mit den Emblemen der Partner und Sponsoren. McDonald's und China Mobile, General Electric und Bank of China, VW und Air China, die Logos von 48 Unternehmen. Die Wand repräsentiert 1,5 Milliarden Euro. Alles ist gigantisch. Alles glitzert. Alles muss unter Kontrolle sein.

200 Tage noch.

Der Olympic Tower ist das Herz und das Hirn dieser Spiele. Hier arbeiten die Funktionäre, abkommandiert aus den staatlichen Sportkomitees, der Stadtverwaltung, dem Staatsrat, der Partei, den Nachrichtenagenturen, den Universitäten. Sie erwarten fast 17.000 Aktive und Offizielle aus 205 Ländern. Sie müssen 302 Wettbewerbe in 28 Sportarten organisieren. Sie werden es mit mehr als 20.000 Journalisten aus dem Ausland zu tun haben, die es gewohnt sind, dass man ihre Fragen beantwortet. Sie schreiben die Einsatzpläne für 100.000 freiwillige Helfer, die 500.000 Touristen durch eine fremde Stadt leiten sollen. Sie haben 38 Milliarden Dollar ausgegeben, 20 Wettkampfstätten neu gebaut, U-Bahn-Schächte durch die Stadt gegraben. Alles läuft hier im Olympic Tower zusammen. Alles muss perfekt sein.

Das Problem ist nur, dass die Welt und die Partei unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was perfekt ist.

Die Wolken über Peking dürfen nicht regnen im regenreichen August. Der Smog muss verschwinden. Taxifahrer sollen Englisch sprechen, Passanten nicht mehr spucken und Hostessen immer lächeln. Die Polizei hat den Befehl, Demonstrationen aufzulösen, am besten so, dass es niemand mitbekommt. Die Zuschauer sollen jubeln während der Spiele, aber nicht zu laut, weil das an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin erinnern könnte. Und Chinas Sportler müssen so viel Gold holen wie möglich, aber nicht so viel, dass es peinlich wird.

Das Land, in dem die Kommunistische Partei seit fast 60 Jahren herrscht, soll sich offen und modern präsentieren, stolz und freizügig. Was die größte aller Aufgaben ist.

200 Tage sind es diesen Montag noch, und Deng Yaping ist im Organisationskomitee dafür verantwortlich, dass mehr als 10.000 Sportler perfekt wohnen, perfekt essen, perfekt leben. Das ist der einfache Teil ihres Jobs.

Deng Yaping, in den neunziger Jahren die weltbeste Tischtennisspielerin und heute Vizedirektorin des olympischen Dorfs, ist auch so etwas wie eine Botschafterin der Spiele. Als das IOC 2001 die Spiele nach China vergab, war sie eine Sprecherin ihrer Delegation. Als 2003 das Logo vorgestellt wurde, stand sie gemeinsam mit dem Hollywood-Star Jackie Chan auf der Bühne. Sie ist so populär wie Franz Beckenbauer in Deutschland. Sie hat bei den Spielen in Barcelona und Atlanta viermal Gold gewonnen, neunmal wurde sie Weltmeisterin. Vor fünf Jahren hat man sie zu Chinas Sportlerin des 20. Jahrhunderts gewählt. Seit 1997 gehört sie zum IOC, sie hat in Nottingham in England Geschichte studiert, in Cambridge Wirtschaftswissenschaft und sitzt gerade an ihrer Doktorarbeit, Thema: Olympic Branding. Weltläufig und vorzeigbar, das ist Deng Yaping, nur 1,50 Meter klein, aber sie fühlt sich groß genug für ihren Job.

Deng empfängt im elften Stock, in einem Besprechungsraum, durch dessen Fenster man in ein Großraumbüro sehen kann, Stellwände, Kaffeemaschinen, Computer. Hier drinnen glitzert nichts mehr. Sie trägt eine rote Cordhose und dunkelrote Pumps, um den Hals ein Burberry-Tuch.

Sie wurde 1973 in Henan, einer Provinz im Landesinnern, geboren, da war China eine der ärmsten Nationen der Welt, isoliert, von innen abgesperrt, zerstört durch Maos Kulturrevolution. Als sie mit fünf mit dem Tischtennis begann, verkündete der Reformer Deng Xiaoping die Öffnung zum Kapitalismus. Mit neun gewann sie ihre erste Provinzmeisterschaft, aber die staatlichen Trainer glaubten, sie sei zu klein. Sie hat täglich acht Stunden lang trainiert. Wenn sie spielte, sah sie aus wie ein hüpfender Pingpongball mit Armen und Beinen. "Ich schlug schneller und rannte mehr, ich habe hart gearbeitet", sagt sie. "Ich wusste: Wenn ich erfolgreich bin, steht mir ein gutes Leben bevor."

Als sie 1989 das erste Mal Weltmeisterin wurde, zerschlug das Militär auf dem Tiananmen-Platz den Aufstand der Studenten. Und als sie 1999 mit dem Sport aufhörte, war China schon längst auf dem Weg zur Großmacht. Sie ist ein Kind der Kommunistischen Partei, der sie alles verdankt, ihren Reichtum, ihr Studium im Ausland, ihren Ruhm. Deng darf alles, was ihre Eltern nicht durften. Sie kann arbeiten, wo sie will, reisen, wohin sie will, und besitzen, was sie sich leisten kann. Es gibt keinen Grund für Deng, an irgendetwas in ihrem Leben zu zweifeln.

Wenn das Außenministerium anlässlich der Olympischen Spiele zum Tag der offenen Tür einlädt, steht sie mit ihrem Minister an der Platte und spielt gegen die Botschafter Großbritanniens und Griechenlands. Sie ist auch Abgeordnete in der Politischen Konsultativkonferenz, einem Beraterparlament, in dem Vertreter der Blockflötenparteien sitzen und prominente Wissenschaftler und Sportler. Am Neujahrstag hat Präsident Hu Jintao eine Rede vor Vertretern der Konsultativkonferenz gehalten. Er sprach, wie er es seit Jahren tut, von der harmonischen Gesellschaft, die das Land brauche, von der großartigen Reform, die China in den vergangenen 30 Jahren erlebt habe, und auch von dem Kampf gegen die Fehler. Und dass man unbeirrbar an diesem Kurs festhalten müsse.



© DER SPIEGEL 4/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.