AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2008

Karrieren Papas Plan

Die Rückrunde der Bundesliga wird wohl zur Abschiedsshow des besten Spielers im deutschen Fußball: Der Vater des Brasilianers Diego hat Großes vor mit seinem Sohn - der Profi von Werder Bremen soll ein Weltstar werden, am besten bei Real Madrid.

Von Cathrin Gilbert


Das Boss-Shirt ist ein wenig zu eng für einen Mann von 53 Jahren, in den silbernen Locken etwas zu viel Gel. Er trägt ein schweres Kreuz auf der Brust und Adidas-Turnschuhe. Mit ausgestrecktem Zeigefinger steht Djair Silvério da Cunha da, mitten auf einem Bolzplatz im Armenviertel von Santos, einer Hafenstadt eine Stunde südlich von São Paulo entfernt, und zeigt auf ein Plakat. "Das ist er, mein Sohn", sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Sieht er nicht stark aus, mein Großer?"

Auf dem Plakat brüllt Diego wie ein Löwe, der Mund aufgerissen, die Mähne flatternd im Wind, er trommelt sich mit der rechten Hand auf die Brust. Ein Löwe mit Zahnspange.

Der Bolzplatz ist eine Stiftung von Diegos früherem Verein FC Santos. Die Kinder aus dem Elendsviertel sollen für den Fußball begeistert werden, und Diego dient als Vorbild, einer, der es geschafft hat nach Europa. Neben dem Bolzplatz steht ein kleines weißgetünchtes Gebäude, das aussieht wie ein Vereinsheim, in dem sich die Kinder umziehen. "Das ist keine Umkleidekabine", sagt Djair, "sondern eine Leichenhalle für die Toten aus der Favela."

Früher hat Djair Silvério da Cunha als Wirtschaftsingenieur gearbeitet, heute plant er die Karriere seines Sohnes. Er habe kein Vertrauen in diese geldgierigen Berater und lasse nicht zu, dass sein Sohn wie ein Pingpongball von Verein zu Verein geworfen werde. "Das Fußballgeschäft", sagt er, "ist eine große Mafia."

Diegos Vater hat sich nicht viele Freunde gemacht in diesem Geschäft. Er gilt als unbeherrscht und als ein Mann, der immer nur für Probleme sorgt. Es gibt Leute, die behaupten, ohne den Vater wäre Diego längst ein Weltstar.

Die Familie lebt nun von dem, was sie mit Diego verdient. Bei jedem neu abgeschlossenen Vertrag seines Sohnes bekommt Djair eine Provision. "Aber das ist doch ganz normal, oder?", sagt er. Ein ziemlich außergewöhnliches Modell: Der branchenfremde Vater sitzt zwölf Flugstunden entfernt in Brasilien und steuert von dort aus die Karriere seines Sohnes.

Seit eineinhalb Jahren spielt Diego für Werder Bremen und wurde dort zum besten Spieler der Liga. Vor ein paar Wochen haben ihn 275 Bundesliga-Profis in einer Umfrage zum dritten Mal gewählt, jedes halbe Jahr stimmen sie ab. Franck Ribéry bekam nur 22 Prozent der Stimmen, Rafael van der Vaart noch weniger.

Sie haben ihn gewählt, weil er der einzige Fußballer in der Bundesliga ist, der Fußball nicht spielt, sondern zaubert. Im April vergangenen Jahres im Spiel gegen Alemannia Aachen lupfte er aus 63 Metern den Ball ins Tor. Seitdem vergleicht man ihn in Deutschland mit Maradona. In Brasilien gibt es solche Vergleiche nicht. Noch nicht.

Diego wohnt in einem Einfamilienhaus in Schwachhausen, einem Stadtteil von Bremen. Zwei Gartenzwerge stehen im Vorgarten, im Wohnzimmer hängt ein Flachbildschirm, und in der Küche arbeitet Janaína, seine Haushälterin, die er aus Brasilien mitgebracht hat, damit sie ihm "Feijão" kocht, schwarze Bohnen; mit Reis. Diegos Freundin lebt noch in Santos. Ein Zuhause fühlt sich anders an.

In einem Monat wird Diego 23 Jahre alt, er wirkt schüchtern, fast kindlich, und hat ein Grübchen in der linken Wange, wenn er verlegen ist. Abends nach dem Training sitzt er am Computer und redet mit Mama Cecília in Brasilien, manchmal stundenlang. An ihren Computern haben sie Webcams, damit sie sich sehen können.

Die Mutter pflegt Diegos Herz, hilft bei Heimweh, spendet Trost, wenn es nicht so gut läuft. Der Vater treibt die Karriere an. Diegos Telefonate mit ihm sind kurz und sachlich, eigentlich haben sie nur ein Thema: den nächsten Schritt in Diegos Karriere. Djair hat einen Plan, Bremen soll nur eine Station sein auf dem Weg zum Weltruhm.

Diego kommt aus Ribeirão Preto, einer Stadt mit 570.000 Einwohnern, 320 Kilometer nordwestlich von São Paulo. Es gibt wenige Orte in Brasilien, wo die Extreme dieses Landes deutlicher zu spüren sind. Ribeirão Preto ist eine Insel in einem Meer von Zuckerrohrplantagen. Vor den schicken Hochhäusern liegen Bettler und Junkies in den Eingängen, ehemalige Feldarbeiter.

Diegos Familie lebt in einem dieser Hochhäuser. Djair hat gut verdient als Ingenieur, er gehört zur oberen Mittelschicht des Landes, die 120 Quadratmeter große Luxuswohnung haben sie sich gekauft, bevor Diego nach Europa ging. Es riecht nach Putzmittel, alles ist akkurat, im Wohnzimmer hängen Fotos des berühmten Sohns, vor dem Balkon spannt sich Maschendraht, um Einbrecher abzuhalten. Diegos Kinderzimmer sieht aus, als wäre er gestern ausgezogen, dort steht auch der Computer samt Webcam. "Mein Mann wollte die Kamera schon abbauen", sagt Cecília. Djair halte nicht viel von diesem "Rumgeglucke".

Sie hätte Diego als Kleinkind lieber beim Tennis oder Volleyball angemeldet, aber er habe sich einfach nicht aufhalten lassen. "Anfangs haben mich meine Freundinnen gefragt, wie ich dem Jungen das nur antun könne, mit den Slumkindern zu spielen. Später haben sie mich gemieden."

Der Weltfußballer Ronaldo, der heute beim AC Mailand spielt, stammt aus Bento Ribeiro, einem der ärmsten Stadtteile Rios. Nationalspieler Adriano, der lange in Italien spielte, war zehn Jahre alt, als sein Vater in der Favela Vila Cruzeiro in Rio angeschossen wurde. Und Robinho, der jüngste Star Brasiliens, bekam erst mit 14, auf dem Internat des FC Santos, sein erstes Paar Fußballschuhe. Slumkinder können Schnösel wie Diego nicht ausstehen. "Dass er sich beim FC Ribeirão Preto durchgesetzt hat, gleicht einem Wunder", sagt Cecília, die Mutter. "Die anderen haben Diego anfangs nur gehänselt."



insgesamt 126 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MOUXIN 28.01.2008
1.
Zitat von sysopZaubern, tricksen, Tore schießen: Ob Diego, van der Vaart, Ribéry oder Toni - die Bundesliga hat in dieser Saison jede Menge zu bieten. Wer ist für Sie der aktuell beste Profi?
Die ersten Plätze haben: Ribery, Klose, Toni, Ze Roberto, Lucio, Jansen, Sosa, Lahm, Kahn, Schweinsteiger und Altintop. Wobei ich mir nicht ganz sicher über die Reihenfolge bin. ;-) Bis bald (morgen geht´s wiedr los, oder?),
lentri, 28.01.2008
2.
Zitat von sysopZaubern, tricksen, Tore schießen: Ob Diego, van der Vaart, Ribéry oder Toni - die Bundesliga hat in dieser Saison jede Menge zu bieten. Wer ist für Sie der aktuell beste Profi?
Ich hätte in der Aufzählung mindestens noch Klose und Schneider genannt als Quotendeutsche quasi. Bester ist natürlich Diego (sagt auch der Kicker nach Benotung und nach Scorerpunkten) vor Klose (mit Klose aber ohne Toni wäre Bayern auch oben umgekehrt sehe ich es nicht so) und Adler. Dann balgen sich Schneider, Ribery und Enke um die weiteren Topplätze. vdV ist ohne Zweifel ein überdurchschnittlicher Spieler aber er profitiert auch von dem Hype um ihn und seine Frau (Beckham/Posh der Buli). Hat aber nicht die Klasse von Klose/Diego. Vor Toni sind noch einige Andere.
le67 28.01.2008
3.
Zitat von lentriIch hätte in der Aufzählung mindestens noch Klose und Schneider genannt als Quotendeutsche quasi. Bester ist natürlich Diego (sagt auch der Kicker nach Benotung und nach Scorerpunkten) vor Klose (mit Klose aber ohne Toni wäre Bayern auch oben umgekehrt sehe ich es nicht so) und Adler. Dann balgen sich Schneider, Ribery und Enke um die weiteren Topplätze. vdV ist ohne Zweifel ein überdurchschnittlicher Spieler aber er profitiert auch von dem Hype um ihn und seine Frau (Beckham/Posh der Buli). Hat aber nicht die Klasse von Klose/Diego. Vor Toni sind noch einige Andere.
.. und ich dachte, ich wäre allein mit dieser Meinung :) Es wurde viel von Toni geschrieben, der Mann mit Torgarantie. Dabei ist seine Scorer-Quote schlechter als Klose. Er ist ein typischer Abstauberstümer mit begrenzter technische Fähigkeiten, während Klose ein spielender Stürmer ist. Wobei ich Klose nicht unbedingt als Weltklasse bezeichnen würde (weil er nicht konstant genug ist). Wieso aber Toni neben Ribery als Superstars aufzuzählen ist, ist mir schleierhaft. Ich würde Toni sogar nicht stärker als z.B. Gomez (wenn er gesund ist) oder Makaay einstufen.
nephrom 29.01.2008
4.
Spielerisch ist Toni ohne Frage schlechter als Klose, sieht man ja auch an den Torvorlagen und der Quote. Was Toni aber ausmacht, ist die Fähigkeit, wichtige Tore zu schießen, insbesondere das 1:0. Klose dagegen taucht in engen Situationen öfter mal ab. Sonst ist aus meiner Sicht Diego der stärkste, VdV hat als Spielmacher zu große Defizite, Ribery ist zu uneffektiv. Schneider hat dagegen in einer solchen Aufzählung zu diesem Zeitpunkt nichts verloren. Er hat zwar eine hervorragende letzte Saison gespielt, diese Hinrunde ist aber nicht zu bewerten. Um nicht nur Offensivspieler zu betrachten: Bei den Torhütern sehe ich genau wie lentri Adler und Enke vorn - aber nur, weil sich Miller vom KSC früh in der Saison verletzt hatte. Vor seiner Verletzung war er mit den beiden auf einer Stufe. Bei den Innenverteidigern sind die üblichen Verdächtigen bisher die Besten: An Bordon, Mertesacker und Demichelis kommt keiner vorbei. Dicht dahinter folgen dann Eggimann und Kompany. Von den Außenverteidigern ist mir eigentlich keiner so richtig im Gedächtnis hängengeblieben, Castro und Vidal (wenn er nicht im defensiven Mittelfeld gespielt hat) von Leverkusen waren wohl so die stärksten aus meiner Sicht. Hier ist auf jeden Fall noch viel Potential vorhanden (Pander, Janßen, Lahm, Fritz...).
lentri, 29.01.2008
5.
[QUOTE=le67;1895084Ich würde Toni sogar nicht stärker als z.B. Gomez (wenn er gesund ist) oder Makaay einstufen.[/QUOTE] Sie haben recht. Nach den von mir genutzten Kriterien - aktuelle Benotung pro Spiel, aktuelle Scorerpunkte, aktueller Tabellenplatz der Mannschaft und das bisher Erreichte - ist Gomez in der Tat nicht schlechter als Toni - Makaay sogar besser aber Makaay spielt nicht mehr in der Bundesliga. Klose wurde zwar nicht Weltmeister wie Toni, erhielt aber bei einer WM den Silbenen Schuh und bei der nächsten den Goldenen Schuh. Er ist nur nicht so medienwirksam wie Luca Toni. Bernd Schneider (den ich schon häufiger live gesehen habe) spielt genial, (der technisch beste deutsche Fussballer nach Heinz Flohe). Wäre er Brasilianer, Deutschland würde ihm zu Füssen liegen. Und wenn ich nicht nach den oben genannten Kriterien urteilen würde sondern nach Gefühl wäre Schneider der Beste. Ribery spielt ebenfalls gut hat aber bisher noch keinen wichtigen Titel gewonnen. Wie Olli Kahn schon sagte, bei Bayern erwartet man schon ein bissel mehr als bei Olimpiqe oder in Florenz.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 5/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.