AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2008

Hirnforschung Todfeind im Kopf

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3. Teil: Normales Verhalten gerät außer Rand und Band


Für den Neurochirurgen Marcus Pinsker war die Operation in Kiel nichts Besonderes. An die 50 Patienten im Jahr stattet er mit den Hirnschrittmachern aus; die meisten leiden an Parkinson, und viele können dank Tiefenhirnstimulator wieder gehen.

Erstaunlich ist, dass die gleiche Technik bei Krankheiten anschlägt, die so verschieden sind. Die Parkinsonpatienten, zaghaft und wackelig, sind kaum imstande, eine Aktion in Gang zu setzen. Die Selbstverletzer dagegen können nicht mehr aufhören. Sie schlagen, beißen, scheuern wie enthemmt; ihre Bewegungen sind überschießend und unkontrollierbar.

Eine Gemeinsamkeit gibt es: Beiden Gruppen mangelt es an dem Botenstoff Dopamin. In den Basalganglien der LNS-Patienten ist meist kaum ein Fünftel der üblichen Menge nachweisbar. Diese Region ist eine Art Schaltknoten; sie steht in regem Austausch mit anderen Hirnarealen, wo Bewegungen gesteuert und erprobte Verhaltensmuster ausgelöst werden.

"Wenn die Großhirnrinde den pauschalen Impuls 'Hand heben' sendet", sagt Neurologe Jinnah, "kümmern sich die Basalganglien um die präzise Ausführung." Sie filtern und verfeinern den Befehl, bis beispielsweise ein einzelner Finger ausklappt und zielsicher in der Nase bohrt. Aber auch an vielem, was mit Temperament oder Antrieb zu tun hat, wirken die Basalganglien mit, etwa an der Entscheidung, ob das Gehirn ein Vorhaben als erfreulich oder unangenehm bewertet.

Wenn bei diesem vielfältigen Zusammenspiel ein wichtiger Botenstoff ausfällt, können die Folgen leicht unabsehbar sein. Das lässt sich an Menschen studieren, die Verletzungen im Bereich der Basalganglien erlitten haben. Nicht selten ändert sich dann schlagartig die Persönlichkeit. Der Neurologe Jinnah hat einige Fälle gesammelt: Ein erfolgreicher Geschäftsmann verlor jegliches Interesse an seinen Firmen und dämmert seither vor dem Fernseher dahin. Höfliche Zeitgenossen wiederum verwandelten sich in impulsive Flegel, die ihre Mitmenschen ungehemmt beleidigten.

Jinnah vermutet, dass der Gendefekt schon sehr früh in der Entwicklung zu Schäden führt, die nicht mehr umkehrbar sind. Nach dem Mechanismus wird nun gefahndet; und dabei ist wahrhaft kriminalistische Findigkeit vonnöten. Denn die einzige direkte Wirkung des Gendefekts ist unspektakulär: Der Körper kann ein Enzym nicht mehr herstellen, das für den Harnsäure-Stoffwechsel wichtig ist. Auf rätselhaften Wegen führt das aber offenbar zu höchst ausgesuchten Schäden unter bestimmten Hirnzellen, in deren Folge der ganze Mensch umgestaltet wird.

An Theorien mangelt es nicht. Zum Beispiel könnte die Impulskontrolle im Gehirn erloschen sein, so dass an sich normales Verhalten außer Rand und Band gerät. Beißt nicht jeder mal auf den Nägeln herum? Hat sich nicht jeder schon mal ein bisschen zu heftig gekratzt? Vielleicht können LNS-Patienten einfach nicht mehr aufhören, weil ihr Gehirn keine hemmenden Impulse hervorbringt?

Jinnah ist skeptisch. "Zumindest erklärt das nicht alles", sagt er. "Dafür handeln sie zu gezielt." Der Neurologe sieht eher eine Verwandtschaft mit Zwangshandlungen. Bekanntlich gibt es Menschen, die unaufhörlich Dinge abzählen oder sich die Hände waschen, bis die Haut aufgescheuert ist; auch sie stehen unter dem Regiment einer inneren Gewalt, die vermutlich ebenfalls in den Basalganglien angesiedelt ist.

Ehe die Forscher verstehen, wie es dazu kommt, dass sich in der Hand die Tücke regt, bleibt als Hoffnung nur die Hirnstimulation. Auch da ist noch genug zu tun. Der Erfolg hängt davon ab, wo genau die Elektroden postiert werden. Bislang gab es eher Zufallstreffer. Deshalb will Hyder Jinnah noch in diesem Jahr einen Versuch mit zwölf Patienten beginnen, um das Zielgebiet für die Stimulation einzugrenzen.

Ob Kai Menken Glück gehabt hat, wird sich in einigen Monaten zeigen. Er weiß, dass es keine Garantie auf Rettung gibt. Die Eltern haben ihn vorher gefragt. Ihm genügte die Aussicht, dass er vielleicht eines Tages allein essen kann.

In der Kieler Klinik verließ den Jungen aber dann doch der Mut. "Ich muss sterben", jammerte er in einem fort und zeigte eine so seelenvolle Wehsal im Blick, dass der Krankenschwester, die ihn begleitete, die Tränen rannen.

Dann rollten sie ihn in den Operationssaal, und Neurochirurg Pinsker machte sich ans Werk. Sechs Stunden später waren die Elektroden an Ort und Stelle, eingeführt über zwei Löcher in der Stirn, und der erste Strom floss durch die Leitung. Stärke und Frequenz wurden so lange eingepegelt, bis Kai keine unerwünschten Zuckungen mehr zeigte.

Den Eltern, als sie im Krankenhaus erstmals zur Probe ihr Schaltkästchen betätigen sollten, wurde es sehr flau zumute. Keiner brachte es über sich, den Stromfluss im Gehirn des Sohnes zu aktivieren. Am Ende drückten sie gemeinsam den Schalter.



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