AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2008

Gesellschaft Clements Mini-Jobs

Ortstermin: Als Gastprofessor in Duisburg zeigt der ehemalige Superminister, wie weit er sich von der SPD entfernt hat.

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Professor Korte nimmt Haltung an. "Hiermit, lieber Wolfgang Clement, verleihe ich Ihnen die Gastprofessur für Politikmanagement an der NRW School of Governance der Universität Duisburg-Essen." Der Professor versucht ein bisschen feierlich zu klingen, das ist nicht leicht in Hörsaal MD 162. Linoleum, helle Holzverkleidung rechts, Hallenbad-Fensterfront links, steil abfallende Sitzreihen, bekritzelte Klapptische, darauf Körperöffnungslyrik.

Außerdem klingt Gastprofessor nicht besonders beeindruckend. Ein wenig nach Aushilfe, nach Mini-Job, nur ein bisschen schlau. Genaugenommen könnte die Uni jeden zum Gastprofessor ernennen. Der Titel ist flexibel. Er ist wie Meister der Herzen. Oder King of Love.

Professor Korte gibt sich Mühe. Er hat eine Urkunde vorbereitet - und einen kleinen Präsentkorb: Wildblütenhonig, Tee, eine Krawatte mit der Aufschrift "Universität Duisburg-Essen" und ein Beutel, auf dem steht: "Duisburger Ruhrkohle, die Spezialität Ihrer Konditorei Dobbelstein". Der Professor nickt Clement zu, der nach vorn kommt, die Urkunde anschaut, dann den Korb und sagt: "Hätt' ich mir ja nicht träumen lassen. Eine Gastprofessur. Und eine Krawatte!"

Wolfgang Clement ist jetzt also Dozent und soll auch Seminare halten. Früher war Clement schon mal Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost", sozialdemokratischer Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, stellvertretender Parteivorsitzender, Superminister in Berlin. Dann gab es in Deutschland 5,2 Millionen Arbeitslose, Hartz IV, Montagsdemos, Mini-Jobs und die Frage, ob das Super nicht vielleicht ironisch gemeint war. Für viele in der SPD war Clement rechts, das, was Oskar Lafontaine links war. Ein ehrgeiziger Sturkopf, der es in der falschen Partei viel zu weit gebracht hatte. Clement war zu liberal, zu wirtschaftsfreundlich, zu sehr Friedrich Merz. 2005 verlor Rot-Grün die Wahl, Clement sein Amt und die SPD ein Problem. Nun fragt man sich, ob Nostalgie so einen in der Partei halten kann.

"Ich habe Schwierigkeiten, mich selbst und das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe, zu analysieren. Ich schaue selten zurück." Wolfgang Clement hat gerade angefangen zu sprechen. Der Vortrag, den er halten soll, heißt: "Regieren in Düsseldorf und Berlin - am Beispiel der Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik". Er hat eine Stunde. Als Clement beginnt, klopfen ein paar Jugendliche von außen an die Fensterfront. Sie halten Zettel nach innen: "Atomlobbyisten sind Mörder". Clement ist unter anderem im Aufsichtsrat der RWE Power, einer Tochter des Energiekonzerns RWE. Kurz vor der Landtagswahl hatte er die Hessen aufgerufen, sich gut zu überlegen, ob sie die SPD-Kandidatin Ypsilanti wählen wollen. Die Frau gefährde mit ihrer Energiepolitik die industrielle Substanz Deutschlands.

Es ist der Tag nach der Hessen-Wahl, bei der der SPD nur 3595 Stimmen fehlten, um stärkste Partei zu sein. Die CDU dürfte Wolfgang Clement gerade sehr dankbar sein.

"Ich bin kein Atomlobbyist", sagt Clement. Er bekomme 30.000 Euro als Aufsichtsratsmitglied, in diesem Mitbestimmungsgremium seien Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter, das sei ein ganz normaler ...

"20.000", unterbricht ihn jemand in der ersten Reihe.
"20.000?"
"Ja." Es ist seine Frau. Sie macht das mit dem Geld zu Hause. Clement ist in vielen Aufsichtsräten. Unter anderem beim Gebäudedienstleister Dussmann, der Landau Media, dem DuMont Verlag. Außerdem ist er Vorsitzender des Adecco Instituts, das vom weltgrößten Zeitarbeitskonzern finanziert wird. Zudem Senior Adviser bei der Citigroup Deutschland. Das sind viele Posten. Viele Ämter. Viele Überweisungen. Man kommt leicht durcheinander.

Clement wird in der Stunde vieles ansprechen. Er wird Margaret Thatcher loben, eine größere Verquickung von Wirtschaft und Schule fordern sowie mehr Atomkraftwerke. Er wird den Mindestlohn ablehnen, das längere Arbeitslosengeld I kritisieren und gegen die generelle Festlegung auf irgendein Renteneintrittsalter eintreten. Westerwelle, Hundt, Ackermann, sie könnten jetzt das Mikrofon übernehmen, und bis auf die Stimme bliebe alles gleich.

Im Publikum sitzen nicht nur Studenten. Ein paar ältere Damen mit Hut sind auch gekommen. Sie schauen sich an. Vielleicht ist es nicht verwunderlich, dass manche Menschen das Gefühl haben, nicht mehr mitzukommen bei der SPD. Clement klingt wie Westerwelle. Beck wie Gysi. Gabriel wie Trittin. Vielleicht wollen sich die Menschen ja festlegen, nur scheint ihnen niemand zu sagen, worauf.

"Herr Clement, ich hätte da mal eine Frage", sagt eine der älteren Damen. Sie klingt etwas unsicher. "Das, was da gerade bei Nokia passiert, ist doch unanständig."

Clement wartet einen Augenblick, bevor er antwortet. "Wissen Sie, ich mache mir nichts vor, ich mache Ihnen nichts vor. Ich muss das nicht mehr." Es habe keinen Sinn, den schlechtqualifizierten Arbeitern bei Nokia Hoffnung zu machen.

Es ist keine Antwort, es ist ein Urteil.

Etwas später steht Clement neben ein paar Journalisten. Sein neues iPhone hat er in der Hand. Er hat noch immer viele Termine; Aufsichtsratssitzungen, Konferenzen, Tagungen. Bonn, Berlin, London, Brüssel. Er kommt viel rum. Vielleicht ist es das, es wäre eine Erklärung. Wolfgang Clement hat einfach keine Zeit, um aus der SPD auszutreten.



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