AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2008

Konjunktur Überraschende Renaissance

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2. Teil: Mindestens bis 2010 soll die Wirtschaft weiter boomen


Gesamtwirtschaftlich macht die Industrie nach rasantem Schrumpfkurs Boden gut. Seit 1970 sank ihr Anteil an der jährlichen Wirtschaftsleistung von über 40 Prozent auf unter ein Viertel. Seit kurzem gewinnt sie wieder Anteile.

So soll es weitergehen, mindestens bis zum Jahr 2010, sagt ein Prognos-Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) voraus.

Besonders kraftvoll expandiert die Industrie in den neuen Ländern. Seit 2003 wächst sie dort doppelt so schnell wie im Westen. Über elf Prozent der Industrieproduktion kommen aus Ostdeutschland.

Die Bedeutung der Industrie spiegeln die Exporte. Fast neun Zehntel aller Ausfuhren Deutschlands sind Industrieerzeugnisse. Das bleibt nicht ohne Folgen für den Servicesektor. "Die Industrie ist Impulsgeber für Wachstum im Dienstleistungsbereich", heißt es in einem Positionspapier des BMWi. 40 Prozent aller Dienstleistungen, sogar 63 Prozent aller Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie der Ingenieurdienstleistungen werden für Industrieunternehmen erbracht.

"Die Stärke deutscher Unternehmen auf den Weltmärkten besteht darin, dass sie ein Paket anbieten aus ihren Erzeugnissen und produktbegleitenden Dienstleistungen", stellt Hans-Joachim Haß fest, Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Da liefert etwa ein Werkzeugmaschinenhersteller eine Produktionsstraße in die USA und betreibt sie so lange mit dem Personal einer eigenen Servicegesellschaft, bis einheimische Arbeiter angelernt sind.

Bernd Pfaffenbach, Staatssekretär im BMWi, hat ein weiteres Erfolgsrezept deutscher Industrieunternehmen ausgemacht: "Die Zusammenarbeit und Arbeitsteilung von großen und kleinen Unternehmen ist einzigartig, das gibt es nirgendwo sonst auf der Welt", glaubt der Spitzenbeamte.

Deutschland verfügt noch über viel mehr industrielle Kompetenz und Substanz als beispielsweise Großbritannien. Hierzulande gilt die Industrie, anders als dort, nicht als eine weitgehend überkommene Wirtschaftsform aus dem 19. Jahrhundert und die Dienstleistungsbranche nicht uneingeschränkt als das allein seligmachende Modell der Zukunft.

"Wir haben konsequent auf industrielle Kerne gesetzt, das zahlt sich jetzt aus", meint Wirtschaftsstaatssekretär Pfaffenbach. "Wir können nicht davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden."

Zum anderen profitiert Deutschland von der industriellen Vielfalt, die sich hier erhalten hat. Mit China und Indien industrialisieren sich große Teile der Welt, und deutsche Unternehmen haben genau die Produktpalette im Angebot, die Schwellenländer dafür brauchen, von Werkzeugmaschinen über komplette Stahlwerke bis hin zu Autos, die sich der aufstrebende Mittelstand dort gern leisten möchte.

Entsprechend stieg der Anteil der Ausfuhren an der deutschen Industrieproduktion. 1994 lag er noch bei 28,3 Prozent, 2006 bei 42,3 Prozent. Maschinenbau, chemische Industrie und Automobilindustrie exportieren weit mehr als die Hälfte ihrer gesamten Produktion ins Ausland.

Deutsche Unternehmen haben sich zudem hervorragend auf die Erfordernisse der Globalisierung eingestellt. Sie haben sich spezialisiert, in ihren Nischen sind sie nicht selten Weltmarktführer. Gutehoffnungshütte Radsatz etwa ist weltweit führend im Markt für Niederflurstraßenbahnen. Räder aus Oberhausen rollen in Perth, Hiroshima und Vancouver.

Wesentliche Ursache des Erfolgs: Das Traditionsunternehmen hat immer wieder das Rad neu erfunden. Eine seiner Spezialitäten ist ein einzeln lenkbares Rad, mit dem Straßenbahnen durch engste Gassen kurven können. Die Konstruktion ist technisch anspruchsvoll, sie besteht aus 400 Einzelteilen. "Das kann nicht jeder", meint Manager und Miteigentümer Walter.

Auch das wirtschaftliche Umfeld hat sich in Deutschland nach Ansicht vieler Industrieller verbessert. "Jahrelang sind die Lohnstückkosten nicht gestiegen", sagt Unternehmensinhaber Bauer, "das steigert die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Konkurrenz aus anderen Ländern erheblich." Hinzu kämen die Agenda-Reformen.

So attraktiv ist mittlerweile der Stand-ort, dass viele Unternehmen, die Fertigung ins Ausland verlegt haben, wieder zurückkommen. "Sicherlich sind die Löhne im Ausland niedriger, aber so einfach ist die Verlagerung dann doch nicht", erklärt Bauer. Im Ausland müsse das Personal erst mühsam angelernt werden, was bei anspruchsvollen Tätigkeiten zuweilen Schwierigkeiten bereite. Aus der Ferne bietet der Heimatstandort dann doch Vorteile, die jederzeitige Verfügbarkeit von Material zum Beispiel oder die Nähe zu Lieferanten, hat Bauer festgestellt.

Verlässliche Statistiken darüber, wie viele Unternehmen Arbeitsplätze wieder nach Deutschland zurückverlagern, gibt es allerdings nicht, genauso wenig wie zuverlässige Angaben darüber, wie viele ins Ausland abwandern. Vom Erfolg der Industrie profitieren jedenfalls auch die Beschäftigten. Die Stahlkocher beispielsweise haben seit 2005 jedes Jahr rund vier Prozent mehr Lohn bekommen, die Metallindustrie als Ganze konnte im vergangenen Jahr gleichziehen. Gut schnitten auch die Beschäftigten der Chemieunternehmen ab.

Die Arbeitnehmer der Dienstleistungsbranche müssen sich regelmäßig mit weniger Einkommen begnügen. In vielen Bereichen sind die Tarife so niedrig, dass die Gewerkschaften gesetzliche Mindestlöhne fordern. Mit Ausnahme des chronisch angeschlagenen Baugewerbes sind Lohnuntergrenzen in keinem einzigen Industriezweig ein Thema.

Auch für den Chef der Gutehoffnungshütte Radsatz spielen Mindestlöhne keine Rolle. Seine Dreher, Fräser und Schlosser bezahlt Walter allesamt über Tarif. Am Jahresende gibt es eine Erfolgsbeteiligung.

Geld bleibt dennoch übrig. In der vergangenen Woche übernahmen die Oberhausener ihren wichtigsten Konkurrenten aus Frankreich. Das Unternehmen ist doppelt so groß.



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