Bildung Früher fertig

Sollen deutsche Schüler nach 12 oder nach 13 Jahren Abi machen? Und was müssen sie bis dahin lernen? Der Streit um "G8" treibt Eltern und Schüler auf die Barrikaden - und erschüttert eine der letzten Grundfesten des maroden Schulsystems: das ehrwürdige Gymnasium.

Dass Gymnasiasten meist 13 Jahre lang in die Schule gehen, war Angela Kasner egal. Sie erwarb schon nach 12 Jahren ihre Hochschulreife - und fand das ganz normal.

Mühe mit der Schule hat die Schülerin aus dem brandenburgischen Templin ohnehin nie: In Englisch war sie stets die Beste; in Deutsch tat sich Kasner nur mit den Aufsätzen manchmal schwer. In Mathe trat sie für ihre Schule sogar bei der Rechen-Olympiade an, und im Russisch-Unterricht störte sie nur, dass ihr "r" wegen der Zahnspange nicht so recht rollen wollte.



Mit glatter Eins bestand "Kasi", so ihr Spitzname, das Abitur - nicht einmal ihre Schwächen in Kunst und Sport änderten etwas daran. Später studierte Kasner Physik, trat der CDU bei und wurde - unter dem Namen ihres ersten Ehemanns Ulrich Merkel - Bundeskanzlerin.

Heute liegt Angela Merkel mit ihrem Zwölf-Jahre-Abitur voll im Trend. Denn in der DDR gab es nie einen Zweifel: Zwölf Jahre Schule sind genug - wie vielerorts auf der Welt. In der Bundesrepublik hingegen war ein 13. Schuljahr Pflicht für Gymnasiasten.

Inzwischen ist auch im Westen Schluss damit. Früher, besser, schneller lernen: So heißt, angesichts des internationalen Wettbewerbs, die Devise im Deutschland nach dem Pisa-Schock. Fast alle Bundesländer haben die Schulzeit am Gymnasium von neun auf acht Jahre verkürzt. "G8" lautet das Schlagwort der Bildungspolitik. Gedacht war es als Formel für den schnellen Weg ins Leben - doch binnen kurzem ist es verkommen zum neuen Synonym für die bundesdeutsche Bildungsmisere.

Denn im Reformrausch stutzten die Kultusminister zwar die Schulzeit - Stoff und Stundenzahl blieben jedoch gleich. Was Unter- und Mittelstufler zuvor in sechs Jahren lernten, wird nun in fünf gezwängt. Die lieben Kleinen sind nun - in jeder Hinsicht - früher fertig. Die Folge: Nachmittagsunterricht schon für Zehnjährige, Hausaufgaben bis zum Abendbrot, Vokabeln pauken am Wochenende.

Sportvereine und Musikschulen jammern über rückläufige Anmeldezahlen - den gestressten Pennälern fehlt schlicht die Zeit. "Unsere zwölfjährige Tochter kommt, einschließlich Hausaufgaben und Üben für die Arbeiten, oft auf über 50 Stunden pro Woche. Das ist ja schlimmer als bei manch einem Erwachsenen", klagt die Berlinerin Veronika Csizi. Da sprach der TV-Moderator und zweifache Vater Reinhold Beckmann vielen genervten Eltern aus der Seele: "Das neue System stiehlt den Schülern die Kindheit."

Von den 15 Kindern, die Clara, 13, aus Hünfelden in Hessen zu ihrem Geburtstag eingeladen hatte, blieb die Hälfte weg. Schuld ist in den Augen ihrer Mutter eindeutig die G8-Reform: "Die meisten sagten: ,Nein, wir haben doch zwei Arbeiten nächste Woche.' Ist das nicht erschreckend?" An Claras Gymnasium, berichtet Mutter Angela Ottersbach, gab es bis vor kurzem noch ein Orchester mit 30 kleinen Streichern. Nach der Einführung von G8 schrumpfte die Truppe im Nu auf kümmerliche 8.

Und nach dem Schulabschluss droht das nächste Ungemach: Wer das Turbo-Abi geschafft hat, muss auch noch um einen Platz im Hörsaal bangen. Denn durch die G8-Reformen strömen in einem Jahr gleich zwei Abi-Jahrgänge an die Unis. Besonders voll dürfte es zwischen 2010 und 2012 werden, wenn in Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Nordrhein-Westfalen die Gymnasien ihre Doppeljahrgänge entlassen.

Zwar sichert der Hochschulpakt den Unis zur Bewältigung des Ansturms fürs Erste eine Milliarde Euro zusätzlich zu; genügen wird das jedoch kaum. Mindestens sechs Milliarden Euro würden benötigt, um "das zu erwartende Abiturientenhoch auch zu einem Absolventenhoch zu machen", hat das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung ausgerechnet.

All das schürt Unmut, der sich in handfesten Wahlschlappen entladen kann. Das haben Politiker spätestens bei der Hessen-Wahl erfahren müssen. Regierungschef Roland Koch (CDU), der seit seiner Niederlage Ende Januar ums politische Überleben ringt, hatte auf eine krawallige Jugendkriminalitäts-Kampagne gesetzt.

Doch mehr noch als kriminelle Migranten fürchteten Hessens Wähler offenbar die Schulreformen von Kochs Bildungsministerin Karin Wolff. In einer Forsa-Umfrage kürten die Befragten die Bildungs- und Schulpolitik zum wichtigsten Wahlkampfthema - und ausgerechnet da trauten selbst CDU-Anhänger der Koch-Regierung nicht viel zu.

Besonders am Projekt G8 entzündeten sich die Proteste. Kaum eine Schule war auf das neue Turbo-Abi vorbereitet, viele konnten ihren Schülern nicht einmal ein warmes Mittagessen bieten, geschweige denn passendes Unterrichtsmaterial oder Hausaufgabenbetreuung.

Selbst der konservative Philologenverband kündigte der Koch-Regierung beim Turbo-Abi die Gefolgschaft: Wolffs Reform sei "Hokuspokus", polterte der Landesvorsitzende des Gymnasiallehrerbundes, Knud Dittmann. Zu guter Letzt kostete das G8-Gezerre die Ministerin ihr Amt: Am vorigen Mittwoch erklärte Wolff ihren Rücktritt.

Nun geht unter Kochs Parteifreunden in Hamburg und Bayern die Angst um, dass es ihnen bei den anstehenden Wahlen ähnlich gehen könnte. "Es ist ein heikles Manöver, sich die Gymnasialeltern zu Gegnern zu machen", warnt der Dortmunder Schulforscher Ernst Rösner.

Das weiß auch Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust, der sich an diesem Sonntag der Wahl stellen muss. Denn in der Hansestadt ächzen die Schüler ebenfalls unter der Last eines verdichteten Stundenplans. In ihrer Not schlug Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) vor, ein paar Schulstunden auf den Samstag auszulagern - und erntete wütenden Protest. Im wohlhabenden Stadtteil Volksdorf kam ein Schulleiter gar auf die Idee, Zehntklässler für samstägliche Mathestunden zur Kasse zu bitten - fünf Euro pro Schüler sei für Nachhilfe doch nicht zu viel.

Hastiger noch als in Hamburg oder Hessen wurde G8 im leistungsbewussten Bayern durchgepeitscht. Immer wieder hatte der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) vor der Landtagswahl 2003 beteuert, am neunjährigen Gymnasium wolle niemand rütteln. Doch kaum hatte er im Parlament die Zweidrittelmehrheit errungen, ordnete Stoiber die Schulzeitverkürzung an - und zwar im Eiltempo. "Nirgends ist G8 so dilettantisch eingeführt worden wie in Bayern", schimpfte Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands.

"Das wollen wir unserem Sohn nicht antun" - der Schulstreit erschüttert die Bildungslandschaft

Wechselnde Ankündigungen schürten die Verwirrung noch. Wie viel vom Lehrstoff sollte denn nun gestrichen werden? Gar nichts, wie es erst klang? Volle 60 Prozent, wie Landesvater Stoiber dann überraschend verkündete? Oder doch nur 10 Prozent, wie das Kultusministerium flugs korrigierte?

Schulen und Gemeinden standen derweil vor ganz praktischen Problemen: Wie sollten sie so rasch Kantinen aus dem Boden stampfen? Wie ausreichend Schulbusse in ländlichen Gebieten organisieren?

Schon regt sich bei der Opposition die Hoffnung, die CSU bei der Landtagswahl im September unter die 50-Prozent-Marke drücken zu können - erstmals seit 1966. "Es hieß immer: Mit Bildungspolitik kannst du keine Wahlen gewinnen", sagt SPD-Fraktionschef Franz Maget. "Aber inzwischen kann man sie damit verlieren."

Einen wie ihn mag insgeheim freuen, dass vom Ärger um G8 nun ausgerechnet eine Schulform profitiert, die mancherorts nur noch als Altlast sozialdemokratischer Gleichheitsromantik vor sich hin dümpelte: Die meisten Gesamtschulen nämlich sind von der Schulzeitverkürzung ausgenommen - und werden nun von einer Welle von G8-Flüchtlingen überrollt.

"Das Turbo-Abitur treibt uns Schüler zu", sagt Werner Kerski, Vorsitzender des Landesverbands Nordrhein-Westfalen der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule. In diesem Jahr müssten die nordrhein-westfälischen Gesamtschulen mehr als 16.000 Schüler abweisen.

Einer von ihnen ist Maik Dahlmann, 9. Sein Vater wollte den Jungen zur Städtischen Gesamtschule im westfälischen Fröndenberg schicken - "weil er ohne unnötigen Druck in neun Jahren die Chance aufs Abitur bekommen soll". Maiks zwölfjährige Schwester besucht die sechste Klasse eines Gymnasiums, und die Familie hat gelernt, was das in G8-Zeiten bedeuten kann: "Das wollen wir unserem Sohn nicht antun", sagt der Vater.

Doch Maik bekam eine Absage: Die Fröndenberger Schule war von einer Anmeldeflut auch aus Nachbarstädten überschwemmt worden. Unter den Bewerbern, so Schulleiter Klaus de Vries, sei ein "deutlich gestiegener Anteil von Kindern mit klarer Gymnasialempfehlung, deren Eltern sich wegen G8 Sorgen machen".

Die G8-Flucht zeigt, wie tief der Schulstreit die Bildungslandschaft erschüttert hat - zumal er ausgerechnet das Gymnasium betrifft, das lange Zeit als Aushängeschild deutscher Schulpolitik und scheinbar letzte Bastion von Leistung und Beständigkeit im Bildungswesen galt. Die großen Probleme, so schien es, machten stets halt vor den Toren der höheren Bildungsstätten. Trostlose Pisa-Ergebnisse, Migranten, Gewalt und Drogen - waren nicht vor allem die Hauptschulen davon betroffen? Und bedurften nicht in erster Linie die Grund- und Vorschulen tiefgreifender Reformen, um gleich zu Anfang die Weichen richtig zu stellen?

"Das Gymnasium in Deutschland ist ein nationaler Mythos", sagt der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth, vergleichbar mit den britischen Elite-Universitäten Oxford und Cambridge oder den "Grandes Ecoles" in Frankreich. "Alle Normen und Inhalte, die wir im Bildungssystem vermitteln wollen, werden letztlich am Gymnasium gemessen."

Nun rächt sich der Glaube, die exklusiven Lehranstalten kämen schon irgendwie zurecht, ganz gleich, welche neuen Aufgaben man ihnen auch aufbürdet. Wichtige, pädagogisch motivierte Reformen sind in vollem Gange, nur finden sie anderswo statt. Seit dem Pisa-Schock fließen Millionen in Sprachförderprogramme an Kitas und Grundschulen, gibt es Ganztagsangebote vor allem in Grund- und Hauptschulen oder die Gründung von Gemeinschaftsschulen nach skandinavischem Vorbild. An den Gymnasien jedoch dienen die Reformen einzig einem Zweck: mehr Effizienz.

Dabei ist ein Ziel gar nicht strittig: Deutschlands Abiturienten sind im Schnitt 19 Jahre alt und damit gut ein Jahr älter als die meisten Schulabgänger im Ausland; ein 13. Schuljahr leisten sich neben den Deutschen nur wenige Länder wie etwa die Niederlande, Polen und Italien. "Die Schüler haben aber nichts davon, dass sie ein Jahr länger im System bleiben", meint Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Nicht die Straffung des Bildungsgangs selbst sehen die meisten Experten als Problem, sondern deren überhastete Umsetzung. "Ob die Schüler das Gymnasium als Stress empfinden, hängt nicht davon ab, ob es acht oder neun Jahre dauert", glaubt Eckhard Klieme, Leiter des Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main. Der Fehler beim G8 sei, "dass es ad hoc eingeführt wurde, ohne wissenschaftliche Begleitung". Solche Experimente seien eben riskant: "Das ist wie die massenhafte Verwendung eines Medikaments ohne klinische Tests."

Unter dem Titel "Sind 12 Schuljahre stressiger?" verglich ein Team von Wissenschaftlern um die Schulforscher Wilfried Bos und Horst Weishaupt bereits 1999 die Belastung von Schülern und Lehrern an 38 Gymnasien in den Bundesländern Bayern und Brandenburg (damals neunjähriges Gymnasium) sowie Thüringen (acht Jahre). Ergebnis: "Beansprucht fühlen sich Schüler vor allem dann, wenn sie sich einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt sehen und an der Relevanz der schulischen Lerninhalte zweifeln."

Nach mehr Stress suchten die Forscher im G8-Land Thüringen vergebens. In allen untersuchten Bundesländern akzeptierten die Schüler offenbar gleichermaßen "die für schulische Aktivitäten benötigte Zeit als notwendiges Übel der Schullaufbahn". Da sei eine ideologische Diskussion um 12 oder 13 Jahre nur hinderlich, meinen die Forscher: "Sie bremst eher eine qualitative Weiterentwicklung des Schulsystems, als dass sie sie befördert."

Entwicklungsbedarf gäbe es auch an den Gymnasien mehr als genug. Doch statt pädagogischer Fort- sind vielerorts eher Rückschritte zu beobachten. So überblickt kaum ein Lehrer mehr die Vielzahl der Vergleichstests, denen sich die Schüler stellen müssen. Auch ein Zentralabitur haben inzwischen fast alle Länder eingeführt. All das steigert zwar, wie erwünscht, die Vergleichbarkeit der Leistungen. Zugleich aber zwingt es die Lehrer, auf die Prüfung hin zu unterrichten - jeder pädagogischen Eigeninitiative schiebt das einen Riegel vor.

Da passt es ins Bild, dass viele Bundesländer die Oberstufenreform der siebziger Jahre wieder zurückdrehen: Kurssystem und Spezialisierungsmöglichkeiten werden abgeschafft, die Kernfächer Deutsch, Mathematik und Englisch werden zur Pflicht in der Abiturprüfung, vielerorts müssen sich die Schüler in fünf statt der bisher üblichen vier Fächer prüfen lassen.

Die Debatte um Zentral- und Turbo-Abitur lenkt indes nur ab von der entscheidenden Problematik, der sich ein rohstoffarmes Land wie Deutschland stellen muss: Wichtiger als die Frage, ob Deutschlands künftige Forscher, Ingenieure und Führungskräfte 12 oder 13 Jahre in der Schule verbringen, ist, was sie dort eigentlich lernen sollen. Wie sieht der zukunftsfähige Bildungskanon aus, wenn sich das Wissen der Welt alle fünf Jahre verdoppelt und deutsche Absolventen mit Jungakademikern aus China und Indien konkurrieren?

Eine Antwort auf ähnlich tiefgreifende Fragen sollte das humanistische Gymnasium einst liefern, als es Ende des 18. Jahrhunderts von preußischen Reformern ins Leben gerufen wurde. Eine Umwälzung der Gesellschaftsordnung war geplant: In der neuen Form von Schule sollte das selbstbewusste Bürgertum sein geistiges Rüstzeug erwerben. Unbescheidenes Ziel der Reformer war nicht weniger als die "allgemeine Menschenbildung".

Das preußische Schulsystem war dabei egalitär und elitär zugleich: Im geistigen Wettstreit aller, so die Idee, sollten sich die besten Köpfe durchsetzen. Andererseits jedoch bildete das gegliederte Schulsystem selbst die zu überwindende Standesgesellschaft ab, nur dass nun die Kinder aus dem Bürgertum an der Spitze der Bildungspyramide standen, während ihre adligen Altersgenossen stärker auf die bildungsferne Offizierslaufbahn fixiert waren.

"Lehrpläne entrümpeln" - klingt gut, ist in der Praxis aber nicht so einfach

Breite Volksbildung bei zugleich strikter Hierarchie - so lautete das preußische Erfolgsrezept. Die große Mehrheit besuchte die Volksschule, die zugleich stark disziplinierenden Charakter hatte: Hier sollte das Fußvolk der Industrialisierung Fleiß, Genauigkeit und Pünktlichkeit lernen. Als mittlere Schulform kam noch die Realschule hinzu, die vor allem von den Kindern der Gewerbetreibenden besucht wurde.

An der Spitze der Hierarchie aber stand das Gymnasium: Hier sollten die künftigen Beamten herangezogen werden, eine neue Kaste von Technokraten, in die laut Wilhelm von Humboldt "nur Geist und Bildung den Weg bahnen" könnten. Die künftige Elite erlernte Latein und Griechisch, aber auch moderne Fächer wie Biologie oder Chemie.

Auch um die Dauer der Lehrjahre kümmerten sich die emsigen preußischen Reformer: Das humanistische Gymnasium, das als einzige Schule berechtigt war, die begehrte Abiturprüfung abzunehmen, sollte neun Jahre dauern. Inklusive der dreijährigen Vorbereitungsschule umfasste die Schulzeit damit zwölf Jahre.

Das preußische System erwies sich als sehr effizient; es sorgte mit dafür, dass sich ein ehemals rückständiger Agrarstaat an die Spitze der industrialisierten Nationen setzen konnte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lag die Rate der Analphabeten in Deutschland bei unter zehn Prozent. Rund sieben Prozent eines Altersjahrgangs kamen in den Genuss höherer Bildung - im internationalen Vergleich waren das außergewöhnlich gute Werte.

Zugleich aber wuchs schon damals die Kritik am Gymnasium: Die Jugend werde in "Schulgefängnissen" drangsaliert, der Unterricht sei verknöchert und lebensfern. Eine neue literarische Gattung, der Schulroman, schilderte das tragische Zerbrechen einzelner überforderter Jugendlicher an der Schule. Viele dieser Tragödien endeten im Selbstmord.

Das in Europa außergewöhnliche 13. Schuljahr kam im Jahr 1920 dazu: Vor allem als Zugeständnis an die Sozialdemokraten, die die Arbeiter besser bilden wollten, wurde die Grundschule auf vier Jahre verlängert. Die Gymnasiallehrer mochten jedoch keines ihrer wertvollen Jahre abtreten, und so wurde aus der alten Formel 3+9 das neue Modell 4+9.

Der Zweite Weltkrieg hatte maßgeblich Anteil daran, dass sich diese traditionelle Schulstruktur bis in die Gegenwart halten konnte. Zwar hatten sich die Westalliierten für eine Einheitsschule ausgesprochen, zumindest aber für eine längere Grundschulzeit. Doch durchsetzen konnten sie sich damit nicht. Nach Führerwahn und Kriegsverheerung wollten die Deutschen nichts wissen von neuen Experimenten.

Mit Wucht wurde "die deutsche Bildungskatastrophe" erst in den sechziger Jahren kritisiert. "Bis zum Ersten Weltkrieg", konstatierte damals der Philosoph und Pädagoge Georg Picht, "beruhten die politische Stellung Deutschlands, seine wirtschaftliche Blüte und die Entfaltung seiner Industrie auf seinem damals modernen Schulsystem." Jetzt aber sei "dieses Kapital verbraucht".

Chancengleichheit und die Ausschöpfung von Begabungsreserven wurden zu den neuen Schlagworten. Europaweit lösten sich viele alte selektive Schulsysteme auf. Und auch die deutschen Kultusminister entschlossen sich, wenngleich halbherzig, zur Reform: Zumindest innerhalb der gymnasialen Oberstufe wollten sie nun mehr Demokratie wagen - die Schüler durften durch Grund- und Leistungskurse ihre Vorlieben stärken.

Die eigentliche Bildungsrevolution aber fand durch Abstimmung mit den Füßen statt: Zwischen 1965 und 1985 verlor die Hauptschule mehr als ein Drittel ihrer Schülerschaft, die Gymnasien hingegen verzeichneten enormen Zulauf. Während 1960/61 gerade einmal 6 Prozent der Pennäler ihre Schulzeit mit der Hochschulreife beendet hatten, lag der Anteil der Studienberechtigten einer Altersgruppe im Jahr 2005 bei 42,5 Prozent; etwa 36 Prozent entscheiden sich dann laut OECD wirklich für ein Studium.

International betrachtet ist das immer noch sehr wenig. So studieren in Dänemark 57, in Finnland 73 und in Polen sogar 76 Prozent eines Jahrgangs. Eine hohe Akademikerquote aber sei unerlässlich, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, mahnt Bildungsforscher Bos: "Betonieren können die Arbeiter in Rumänien genauso gut wie hier - und vor allem billiger."

Das muss jeder berücksichtigen, der sich über die gymnasialen Lehrpläne beugt: Hier geht es nicht mehr, wie einst, um die Qualifizierung einer kleinen Bildungselite. Ziel des Gymnasiums muss es vielmehr sein, breite Volksschichten fit zu machen für die moderne Wissensgesellschaft. Doch wie sollte die intellektuelle Grundausstattung dieses Massen-Abiturienten im 21. Jahrhundert aussehen? Wie schwer es ist, sich darauf zu einigen, das zeigt die Debatte um die Lehren aus dem G8-Debakel.

Vielerorts setzt die von den Protesten aufgeschreckte Politik auf das gleiche Nachbesserungsrezept: "Lehrpläne entrümpeln", verlangt Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU). Fast wortgleich fordern das nun auch sein Parteifreund Christian Wulff in Niedersachsen, der Berliner Regierungschef Klaus Wowereit (SPD) und der Bayer Günther Beckstein (CSU): Wenn der Stoff nicht mehr in die Schulzeit passt, dann muss er eben gekürzt werden.

Klingt gut, ist in der Praxis aber nicht so einfach. In Hessen hat das Kultusministerium die Fachlehrer an den Schulen aufgefordert, bislang verbindliche Unterrichtsinhalte zu benennen, die künftig nur noch als "freiwilliger" Lernstoff im Lehrplan stehen sollen. Doch gerade Fachlehrer halten die Inhalte ihrer Disziplin in aller Regel für besonders wichtig. "Die neigen eher dazu, Kürzungen in anderen Fächern zu empfehlen", hat ein hessischer Ministerialer bemerkt.

Richtig kompliziert wird es, wenn sich die Politik einmischt. Man könne doch einfach in den Naturwissenschaften Chemie, Physik oder Biologie ein paar Unterrichtseinheiten streichen, räsonierte etwa der Stuttgarter Regierungschef Oettinger Anfang Februar, schließlich müssten die Schüler "nicht jede Formel" kennen. "Naturwissenschaften sind Allgemeinbildung und Bestandteil der Zukunftsfähigkeit unseres Landes!", konterten unisono die wissenschaftlichen Fachgesellschaften der Biologie, Chemie und Physik.

Vielleicht könnte man dann ein wenig beim Sprachunterricht kürzen? Oder die eine oder andere Geschichtszahl weglassen? Auf keinen Fall, barmt der Philologenverband: "Der Umfang des verlangten Grundwortschatzes in den Fremdsprachen ist so gering wie noch nie in der Nachkriegsgeschichte - und in einzelnen Ländern hören die Schüler in Geschichte nichts mehr über die amerikanische Unabhängigkeitserklärung."

Auch von anderer Seite wächst der Druck: Die Kultusbürokratien müssen sich immer mehr gegen Forderungen stemmen, die Lehrpläne sogar noch auszuweiten: "Besonders die Wirtschaft und die Hochschulen formulieren regelmäßig zusätzliche Anforderungen an die Schulen", sagt Barbara Mathea, die sich als Abteilungsleiterin im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium seit 15 Jahren um die Modifizierung von Lehrplänen kümmert.

Ginge es nach den Wirtschaftsverbänden, müssten Gymnasiasten "schon in der Schule eine Art Grundkurs in Betriebs- und Volkswirtschaftslehre absolvieren", sagt Mathea - damit sie gleich nach der Schule nahtlos mit der Existenzgründung beginnen könnten. Gesundheitsexperten fordern ein Schulfach Ernährung, Kulturschaffende ein Musikinstrument für jedes Kind, Fachgesellschaften kämpfen erbittert um abseitige Schulfächer wie Astronomie.

Und selbst die Eltern, die einerseits gegen eine Überforderung ihrer Kinder protestieren, bestehen andererseits darauf, dass keinesfalls auf Inhalte verzichtet werden dürfe, die für das spätere berufliche Fortkommen wichtig werden könnten.

Exemplarisches Lernen statt Faktenwissen - es geht auch anders

Allein der Umgang mit den sich stetig verändernden neuen Medien sprengt jeden althergebrachten Lehrplan. "Früher konnten wir den Schülern relativ schnell erklären, wie sie sich in einer Bibliothek Informationen zum selbständigen Lernen besorgen", sagt Mathea. Heute gehöre die Recherche im Internet zum schulischen Alltag - "allein das verlangt hohen zeitlichen Aufwand, um den kritischen Umgang mit einer ungeheuren Vielfalt von Quellen mit völlig unterschiedlicher Zuverlässigkeit zu erlernen".

Statt auf reines Faktenwissen wollen viele Bildungsexperten daher künftig verstärkt auf exemplarisches Lernen setzen. Das Feilschen um die Anteile einzelner Schulfächer führe zu nichts, warnt der Dortmunder Wissenschaftler Bos: "Die unselige Diskussion um einen verbindlichen Kanon hatten wir eigentlich hinter uns gelassen."

Zudem, so fordern die meisten Lernexperten, müsse der Stoff besser über den Tag verteilt werden, anstatt in sieben oder gar acht Stunden fast ohne Pause durchgehechelt zu werden. Viele Länder mit zwölfjährigem Abitur haben ein Ganztagsschulsystem mit Mensa und Sportprogramm am Nachmittag - die Schüler dort bringen weit mehr Stunden in der Schule zu als deutsche Kinder. "Die G8-Debatte suggeriert, die in der Schule verbrachten Stunden seien verlorene Zeit", sagt der Frankfurter Forscher Klieme. Dabei könne ein abwechslungsreiches Ganztagsangebot mit Lern- und Erholungszeiten "vielfältige Anreize bieten, die weit über den Kernunterricht hinausgehen".

Andere Wissenschaftler kritisieren, dass die Stoffkürzungen ausschließlich die Unter- und Mittelstufe beträfen - nach einem Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) müssen die Schulen an der dreijährigen Oberstufe festhalten. So fällt die größte Stofffülle ausgerechnet in die Hochzeit der Pubertät, wenn viele Schüler anderes im Kopf haben als Mathe und Latein. In der Oberstufe hingegen gibt es nicht selten unnötigen Leerlauf.

Dass der Abi-Stoff sich durchaus auch in zwölf Jahren bewältigen lässt, machen Bundesländer wie Sachsen und Thüringen seit Jahren vor. Beide Länder schwenkten nach der Wiedervereinigung gar nicht erst auf den 13-Jahre-Kurs ein, sie landen im Pisa-Test im oberen Drittel des Bundesländervergleichs. Elternproteste, Schülergejammer: Fehlanzeige.

Nach der Wende bekam das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm) den Auftrag, die Lehrpläne an die Vorgaben der KMK anzupassen - ohne jedoch die Schulzeit zu verlängern. "Wir wollten das bewährte System von Anfang an beibehalten", erinnert sich Thillm-Direktor Bernd Uwe Althaus.

Verändert habe sich vor allem die Struktur der Lehrpläne: "In der DDR war den Lehrern eine genaue Schrittfolge vorgegeben. Nach der Wende ging man dazu über, allgemeine Lernziele zu formulieren und weniger konkrete Inhalte", erläutert Althaus. Deshalb könnten die Lehrer heute freier darüber bestimmen, wie der Unterrichtsstoff aussehen soll.

Zum Beispiel am Erfurter Albert-Schweitzer-Gymnasium: Was anderswo Schüler und Eltern zur Verzweiflung treibt, ist Normalität in diesem Betonklotz zwischen Plattenbauten und Billig-Discountern. "Die Aufregung in den anderen Bundesländern verstehe ich nicht ganz", sagt Schulleiter Manfred Wohlgefahrt, 64.

Am Albert-Schweitzer-Gymnasium haben die Schüler genau jene 32 bis 35 Stunden Unterricht pro Woche, die hessische Eltern für eine unzumutbare Belastung halten. Zusätzlich bietet die Schule diverse Sport- und Freizeitkurse an, es gibt eine Theatergruppe, ein Blasorchester und einen Chor. Ab der siebten Klasse wird der Unterricht in manchen Fächern wahlweise auf Englisch angeboten, ab der neunten gibt es mathematisch-naturwissenschaftliche Spezialklassen.

In der kleinen Mensa, in der mittags zwei warme Menüs angeboten werden, sitzen an diesem Mittwochvormittag ein paar Elftklässler, die gerade eine Freistunde haben. Die Frage, ob sie sich gestresst fühlten durch die zwölfjährige Schulzeit, löst Erheiterung aus.

Matthias jedenfalls bleibt genügend Zeit, um drei- bis viermal pro Woche Handball zu spielen, und am Wochenende mit Freunden ausgehen kann er auch noch. Seine Kameraden nicken einhellig, und Benjamin mit der blonden Fransenfrisur wirft ein: "Bei einem Sportgymnasium würde ich es ja noch verstehen, wenn die Schulzeit ein Jahr länger dauert, weil man nebenbei noch so viel Sport macht. Aber sonst?" Maria, ganz in Schwarz mit dunkelvioletten Zöpfen, ergänzt: "Ich finde zwölf Jahre genau richtig."

Gewiss, die Ostdeutschen kennen es nicht anders - aber kann das Experiment Turbo-Abitur auch an einer ganz gewöhnlichen Schule im Westen gelingen?

Eine Antwort findet sich im schleswigholsteinischen Neumünster. 750 Schüler besuchen dort die Klaus-Groth-Schule (KGS), ein Gymnasium im Stadtzentrum; etwa die Hälfte pendelt täglich aus dem Umland nach Neumünster. Schulleiter Reinhard Rahner und sein Team haben G8 schon 2001 eingeführt - ganz freiwillig.

"Uns hat der Blick ins Ausland dazu bewogen", erklärt Mathelehrer Ulrich Dietl, stellvertretender Schulleiter der KGS. Seiner Kollegin Meike Meyer (Englisch, Französisch, Latein) ging vor allem der Schlendrian am Ende der Schulzeit auf die Nerven: "Das zweite Halbjahr der Klasse 13 plätscherte einfach so dahin, die Schüler haben sich vor allem damit beschäftigt, an der Tankstelle zu jobben."

An der KGS startete das Turbo-Abi als Schulversuch: Den Stoff der Klassen fünf bis zehn mussten die Lehrer selbst zusammenstreichen, und auch sonst ging alles ziemlich provisorisch los. "Am Anfang hatten wir nur zwei Mikrowellen und Ikea-Geschirr", erinnert sich Schulleiter Rahner. Denn die neue Mensa mit lichten Fensterfronten und hellen Holzmöbeln steht erst seit knapp zwei Jahren, die Schule bekam dafür Mittel aus dem Ganztagsschulprogramm der Bundesregierung.

Fach für Fach fahndeten die knapp 60 KGS-Pädagogen nach verzichtbarem Stoff, füllten Aktenordner mit frischen Lehrplänen und erfanden eine neue Stundenverteilung, die sich an den Bedürfnissen der Schüler orientiert. So haben die Sechstklässler an der KGS jetzt eine Mathestunde weniger, dafür startet die zweite Fremdsprache bereits in Klasse 6. "Mit vielen Mathe-Inhalten können die Kinder in dem Alter noch nichts anfangen, dafür fällt ihnen das Sprachenlernen leichter", erklärt Lehrer Dietl.

Wissen auf Vorrat wird an der KGS nicht mehr angesammelt: "Polynomdivisionen zum Beispiel können Sie zwar schon mit Achtklässlern machen", erklärt Dietl, "die brauchen sie aber erst viel später bei der Kurvendiskussion." Was die Kinder womöglich nie brauchen, werde auch schon mal ganz gestrichen, sagt Dietl: "Den Satz des Pythagoras muss jeder können, den Sehnentangentensatz zum Beispiel nicht." Auch Kollegin Meyer ist überzeugt: "Ich muss in der Mittelstufe nicht 20 Novellen lesen lassen, damit die Schüler das Prinzip verstehen - da reichen auch 12."

Die KGS-Kids, versichern die Lehrer, brüteten daheim nicht stundenlang über den Hausaufgaben - wer will, kann alles schon in der Schule erledigen: In der 7. und 8. Stunde steht dazu jeden Tag ein Lehrer bereit. "Und wenn uns Eltern gesagt haben, dass ihre Kinder zu lange an den Hausaufgaben sitzen, haben wir uns untereinander abgesprochen und das reduziert", sagt Deutschlehrerin Silke Lobin.

Viele ihrer Schüler machen auch weiterhin ein Auslandsjahr. Und das Schwarze Brett hängt voll mit Ankündigungen der schuleigenen Arbeitsgemeinschaften: Cello, Theater, Astronomie, Bühnentechnik, Rudern, Internet, Big Band. "Unsere Schüler sind keine geknechteten Seelen", versichert Lobin.

Anfangs wurden Neumünsters neue Turbo-Schüler noch misstrauisch beäugt - neuerdings jedoch explodieren die Anmeldezahlen. Zum vergangenen Schuljahr musste Rektor Rahner mehr als 50 Bewerber ablehnen, dabei gibt es statt der üblichen drei schon fünf fünfte Klassen an seiner Schule.

Grund für den Massenansturm: In diesem Sommer startet G8 an allen Schulen in Schleswig-Holstein - als eines der letzten Bundesländer stellt damit auch das nördliche Flächenland sein Gymnasium um. Viele Eltern wollen ihren Kindern das Reformchaos ersparen, über das die anderen Länder klagen. "Wir haben ja schon bewiesen, dass es klappt", erklärt Rahner.

Als eine Art unfreiwilliger G8-Messias wird Rahner seit einiger Zeit im Land herumgereicht - gegenwärtig verfasst er für das Bildungsministerium eine "G8-Broschüre" als Handreichung für die Kollegen. Die würden das KGS-Konzept am liebsten einfach übernehmen. "Viele sagen jetzt, gebt uns doch mal eure Lehrpläne", sagt Rahner, "aber so funktioniert das nicht. Das ganze Kollegium muss mitziehen."

KGS-Schüler John-Lloyd, 12, freut sich schon, dass er ein Jahr früher mit der Schule fertig ist. "Dann will ich Informatik studieren", sagt der Siebtklässler, "das braucht man für die Zukunft." Sein Mitschüler Magnus, 13, hat nach der Schule noch genug Zeit für Klavierstunde und Fußballtraining. "Die Kinder von den anderen Schulen haben immer gesagt, wir wären Streber, nur weil wir G8 machen", sagt er, "ich finde es gut, dass das jetzt alle machen müssen."

MATTHIAS BARTSCH, ANDREA BRANDT, MANFRED DWORSCHAK, JAN FRIEDMANN, JULIA KOCH, OLIVER REZEC, SAMIHA SHAFY

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