SPIEGEL-Gespräch "Alle haben doch profitiert"

Der ehemalige VW-Betriebsratschef Klaus Volkert, 65, über die einst organisierten Rotlicht-Abenteuer des Wolfsburger Konzerns und seinen Absturz ins gesellschaftliche Nichts.

SPIEGEL: Herr Volkert, vor drei Jahren galten Sie noch als mächtigster Betriebsratschef des Landes. Nun wurden Sie vom Braunschweiger Landgericht wegen Anstiftung und Beihilfe zur Untreue und Verstoßes gegen das Betriebsverfassungsgesetz zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Das Urteil ist der vorläufige Schlusspunkt der VW-Affäre um Lustreisen und Puffbesuche auf Firmenkosten. Warum legen Sie Revision ein?

Volkert: Das Urteil ist für mich nicht akzeptabel. Wenn Sie sehen, dass der einstige Personalvorstand Peter Hartz mit einer deutlich niedrigeren und auf Bewährung ausgesetzten Strafe davonkam, muss ich von einer Zwei-Klassen-Justiz ausgehen. Im Gegensatz zu Hartz hat mir die Staatsanwaltschaft nie einen Deal angeboten.

SPIEGEL: Sie haben wegen der Affäre alles verloren - Geld, Job, Ansehen. Wie haben Sie Ihren eigenen Absturz erlebt?

Volkert: Was soll ich sagen ... es war eine Katastrophe. Dass meine Familie mit reingerissen wurde, die ja von nichts wusste, trifft mich am meisten, weil ich ja durchaus mit Schuldgefühlen zu kämpfen habe.

SPIEGEL: Wo halten Sie sich für schuldig?

Volkert: Ich habe über Jahre meine Ehe aufs Spiel gesetzt und meine Frau betrogen. Das ist eigentlich das Schlimmste.

SPIEGEL: Dass Ihre brasilianische Geliebte Adriana Barros über Scheinaufträge von VW mitfinanziert und zu Treffen mit Ihnen auf Konzernkosten durch die Welt geflogen wurde, finden Sie akzeptabler?

Volkert: Wissen Sie, ich bin dafür durch die Hölle gegangen. Aber das Schlimmste ist wirklich, was ich meiner Familie angetan habe. Auch was die danach an Ächtung ertragen musste. Wenn ich mir diese Folgen je vor Augen geführt hätte, wäre es nie so weit gekommen.

SPIEGEL: Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gingen über die bezahlte Geliebte und von VW beglichene Puffbesuche im Betriebsratskreis weit hinaus. Sie haben vom Konzern allein 1,9 Millionen Euro an Sonderboni kassiert - und wirkten am Ende wie ein gekaufter Betriebsrat.

Volkert: Ich bin nie gekauft worden und hätte mich nie kaufen lassen. Mir hat auch nie jemand einen Scheck in die Hand gedrückt und dafür eine bestimmte Gegenleistung erwartet ...

SPIEGEL: ... aber vielleicht bekommen?

Volkert: Auch das nicht. Das wäre für mich unvorstellbar gewesen.

SPIEGEL: Ihre persönliche Vorzugsbehandlung begann, nachdem Ferdinand Piëch 1993 an die VW-Spitze rückte und Hartz Personalvorstand wurde. Sie verdienten schon knapp 200.000 Euro, verlangten aber bald mehr.

Volkert: Damals sorgte die Truppe um den neuen Vorstand José Ignacio López plötzlich für Unmut. Sie operierte an allen Hierarchieebenen vorbei und kassierte teils enorme Bezüge. Ich warnte Piëch, dass das Thema auch im Gesamtbetriebsrat für Ärger sorgen würde, und sagte, er sollte sich nur zum Vergleich mal meine eigenen Bezüge anschauen - damit er ein Gefühl für die Verhältnisse bekommt. Piëch gab mir recht. Ich solle künftig bezahlt werden wie ein Markenvorstand. Hartz sagte dann, er überlege sich dazu eine Lösung. Ich fand das nur fair angesichts meines weltweiten Aufgabengebiets als Chef des Gesamtbetriebsrats.

SPIEGEL: Hartz nannte Sie während seines eigenen Prozesses einen "Terrier", der immer gieriger nach mehr verlangte.

"Da kann ich nur lachen"

Volkert: Da kann ich nur lachen. Ich brauchte nie irgendetwas zu fordern ...

SPIEGEL: ... haben es aber dennoch bekommen, und das auch noch heimlich. Über die Sonderboni an Sie gibt es keine schriftliche Mitteilung, nichts.

Volkert: Auf mein Gehalt schauten zu viele Leute. Hartz hatte Angst, das könnte Begehrlichkeiten wecken. Deshalb schlug er den Weg über die Boni vor. Mir wäre ein höheres Gehalt lieber gewesen, denn ich hatte keine Lust, bei ihm einmal pro Jahr auf die Knie fallen zu müssen für eine Sonderzahlung, die nicht mal rentenwirksam ist.

SPIEGEL: Ganz wohl kann Ihnen selbst nicht gewesen sein, sonst hätten Sie sich nicht auf diese Geheimniskrämerei eingelassen.

Volkert: Ich würde es heute anders machen, ja. Aber solche Zahlungen sind nun mal eine sehr diskrete Sache. Sie werden bis heute niemanden bei VW finden, der sagt: Hey, mein Bonus ist wieder gestiegen.

SPIEGEL: Sie waren sogar Mitglied einer Kommission zur Vergütung von Betriebsräten. Nicht mal Ihren Kollegen dort haben Sie von Ihren Gratifikationen erzählt.

Volkert: Eine normale Gehaltserhöhung hätte ich meinen eigenen Leuten schon erklären können. Aber noch mal: Nicht ich wollte diese Heimlichkeit, sondern Hartz.

SPIEGEL: Der VW-Betriebsrat ist auch deshalb so mächtig, weil Niedersachsen 20 Prozent der Aktien hält. Mit den beiden Vertretern des Landes hatten die Arbeitnehmer die Mehrheit im Aufsichtsrat. Es ist also kein Wunder, dass der Konzern alles tat, seine Betriebsräte zu umgarnen.

Volkert: Bei VW war es immer gute Tradition, dass Betriebsrat und Management wichtige Reisen gemeinsam unternahmen. So kriegte man sich weniger in die Haare. Ist das schon schlimm? Und Herr Piëch achtete eben auch darauf, dass Leute wie ich mit auf dem roten Teppich standen.

SPIEGEL: Sie haben das auch genossen.

Volkert: Ja, habe ich. Und es hat richtig gutgetan, auch wenn ich heute jeden warnen würde: Pass auf, ein Tanz macht noch keine Freunde! Aber in meiner Position damals fehlte es an kritischen Stimmen ...

SPIEGEL: ... auf die Sie zu jener Zeit doch gar nicht gehört hätten.

Volkert: Jedenfalls wäre ich heute froh, wenn es diese Stimmen gegeben hätte. Ich selbst war zugegebenermaßen nicht in der Lage, die Gefahr zu erkennen.

SPIEGEL: Es gibt etliche Indizien dafür, dass man Sie letztlich finanziell gefügig gemacht hat. Erster Fall: 1994 drohte Piëch wegen der López-Affäre die Ablösung. Sie haben ihm im Aufsichtsrat den Rücken gestärkt. Die anschließende Erhöhung Ihrer Bezüge wirkte wie ein erstes Dankeschön.

Volkert: Ich selbst habe das so nie gesehen. Da war die Arbeitnehmerseite doch nicht allein.

SPIEGEL: Verstehen Sie wenigstens heute, dass Sie sich angreifbar gemacht haben?

Volkert: Allenfalls bei denen, die einem eh Böses wollen.

SPIEGEL: Zweiter Fall: 1998, damals lag Ihr Jahreseinkommen schon bei 440.000 Euro, bereitete Piëch die milliardenschwere Übernahme von Bentley vor. Der Hang zum Luxus wurde im Arbeitnehmerlager durchaus kritisiert, nur von Ihnen nicht.

Volkert: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Natürlich haben manche gefragt: Passt das zu VW? Wir haben im unteren Preissegment kein Einstiegsauto und machen oben den dicken Max. Aber nicht nur Herr Piëch, sondern auch die Vertriebs- und Finanzexperten haben sich für den Deal ausgesprochen, der zudem unserem Massengeschäft viel Know-how bringen sollte. Da waren sich alle einig.

SPIEGEL: Dritter Fall: Ende 2002 haben Sie im Aufsichtsrat mit dafür gesorgt, dass Hartz' Vertrag bis zu dessen 66. Geburtstag verlängert wurde - und vorher schnell die VW-Regel abgeschafft, dass mit 64 Schluss ist. So was ist kein Dankeschön?

"Ich nehme wirklich viel auf meine Kappe"

Volkert: Wenn es eines war, dann von allen Aufsichtsräten. Hartz hat schließlich viel für den Konzern getan. Denken Sie nur an die Viertagewoche. Mit Hartz wurde die Arbeitslosenquote in Wolfsburg halbiert ...

SPIEGEL: ... und Ihre heimlichen Boni wuchsen sich ebenso aus wie das System der Lustreisen und Puffbesuche.

Volkert: Heute wird so getan, als seien wir bei jeder Reise im Bordell gelandet. Wir reden über einen Zeitraum von 15 Jahren. Das war viel harte Arbeit. Und es lief ja. Alle haben doch profitiert. Der Konzern brummte, nie gab es bessere Tarifverträge für die Beschäftigten. Es ging nach vorn mit diesem Trio: Piëchs Dominanz im Vorstand, Hartz' Innovationsfreude und mein Einfluss im Betriebsrat - das brachte den Erfolg ...

SPIEGEL: ... den man auch kritisch sehen kann. Die Bilanzen mögen gestimmt haben. Innerlich wurde das Unternehmen immer brüchiger. Einerseits konnte der Vorstand ohne Gegenwind seine Luxusprojekte ausleben, andererseits gluckte der Betriebsrat auf den alten, hohen Tarifverträgen. Man tat sich nicht weh.

Volkert: Einem Piëch hätte so oder so kaum jemand zu widersprechen gewagt. Und vielleicht habe auch ich ihm zu wenig Paroli geboten. Aber bei Modellpolitik oder Plattformstrategie war mit ihm nicht zu reden.

SPIEGEL: Das ganze System glich einem Nichtangriffspakt, der langfristig dem Unternehmen schadete.

Volkert: Sie mögen das aus heutiger Sicht so sehen. Aber VW hat seinen Börsenkurs damals verdreifacht. Die Belegschaft bekam gutes Geld. Ich kann da bis heute keinen Schaden erkennen.

SPIEGEL: Sie klingen fast, als würden Sie den jetzigen VW-Akteuren empfehlen, mal wieder einen draufzumachen auf Firmenkosten, dann stimmen auch die Zahlen.

Volkert: Ich kann Ihnen Ihre Häme nicht nehmen. Aber wir haben die Interessen der Arbeitnehmer vertreten. Im Übrigen: Im Aufsichtsrat saßen und sitzen ja auch integre Leute von der Kapitalseite. Die waren doch wohl in jeder Hinsicht frei. Aber niemand hat widersprochen.

SPIEGEL: Fünf der zehn Arbeitnehmervertreter im VW-Aufsichtsrat waren bei Bordellbesuchen dabei. Wie sollten die das Management noch kritisch kontrollieren?

Volkert: Diese Gedanken gab's gar nicht, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Bei unseren Gesprächen mit dem Vorstand ging es oft ruppig zu. Da hat nie jemand versucht, uns mundtot zu machen.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie möglichst viele Betriebsratskollegen zum Mitmachen animiert haben? Angeblich um zu verhindern, dass am Ende doch mal jemand auspackt.

Volkert: Ich nehme wirklich viel auf meine Kappe. Aber das ist absurd. Es fing damit an, dass man sich abends einfach sagte: Mensch, lass uns noch irgendwo ein Bier trinken! Da wurde doch niemand gezwungen.

SPIEGEL: Mit Verlaub: Am Ende waren Puffbesuche, Spaßspesen und die Verwaltung heimlich angemieteter Liebesnester offenkundig generalstabsmäßig organisiert.

Volkert: Stellen Sie sich meinen damaligen Job vor: Hotels, Flüge, Taxis, Essen - das war alles immer schon vorbereitet.

SPIEGEL: Und bei Ihnen hat sich nie so was wie ein Gewissen geregt?

Volkert: Doch, natürlich. Aber man hat derlei Fragen genauso schnell verdrängt.

SPIEGEL: Sie haben sich nie gefragt, was eine Konzernspitze letztlich mit den Millionen bezweckt, die sie da investiert?

Volkert: Meine Güte, verstehen Sie das doch! Es ging um Augenhöhe, um Gleichbehandlung. Wir fanden, dass wir dieselbe Rundumbetreuung erwarten durften wie das Topmanagement.

SPIEGEL: Soll das heißen, der Vorstand ließ sich auch verwöhnen?

Volkert: Keine Ahnung. Aber ums Auschecken beim Hotel oder Flugkosten musste sich von denen sicher auch nie jemand kümmern.

SPIEGEL: Puffbesuche, Einkaufsgutscheine für Betriebsratsgattinnen, die Flüge Ihrer Geliebten - das Abrechnungswesen hat erstaunlicherweise gegen alle VW-internen Regeln verstoßen. Konnte ein Personalvorstand wie Hartz das alles allein anordnen?

Volkert: Gute Frage. Ich hatte jedenfalls nie das Gefühl, dass wir etwas Unrechtes tun. Der zuständige Manager Klaus-Joachim Gebauer hat alles organisiert und abgerechnet. Es lief alles durch den Apparat.

SPIEGEL: Angeblich hat im Vorstand außer Hartz niemand was gewusst. Glaubhaft?

Volkert: Ich kann mir das nicht vorstellen; nein. Wenn ich Gebauer gefragt habe, wie machst du das mit der Abrechnung, hat er gesagt: Wir haben das Go vom Vorstand. Ob er damit nur Hartz meinte oder die gesamte Spitze, weiß ich nicht.

"Am Ende waren wir vielleicht alle nur Teil eines sehr großen Spiels"

SPIEGEL: Und all diese Geschichten sollen ausgerechnet hinter dem Rücken eines Kontrollfreaks wie Piëch stattgefunden haben?

Volkert: Wissen Sie, ich habe gestandene Manager erlebt, denen bei Piëchs leisen Nachfragen sofort der Schweiß auf die Stirn schoss. Wer die damalige Gesamtkonstellation im Unternehmen kennt, kann sich schwer vorstellen, dass all das ohne Piëch gelaufen ist. Es gab wenig im VW-Konzern, was er nicht wusste.

SPIEGEL: Fürchten Sie ihn?

Volkert: Ich habe ihn nie gefürchtet - damals nicht und heute nicht. Aber man ist gut beraten, ihn sich nicht zum Feind zu machen.

SPIEGEL: Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Volkert: Nein, weder zu ihm noch zu Hartz. Die haben sich auch nicht bei mir gemeldet. Ich will auch mit Gebauer nichts mehr zu tun haben, der das damals alles im Hartz-Auftrag abrechnete mit diesem System von Eigenbelegen, die keiner gegenzeichnen musste. Obwohl Gebauer selbst ein armer Teufel ist.

SPIEGEL: Auch Ihr Nachfolger als Betriebsratschef, Bernd Osterloh, wusste angeblich von nichts.

Volkert: Er wuchs wie ich bei VW auf. Was mich ein bisschen ärgert: Vor einer unserer letzten Reisen nach Mittelamerika - wohlgemerkt ohne Puffbesuch - meldete sich Osterloh bei mir und sagte, das passe doch alles nicht mehr so richtig in die Welt. Vielleicht machte er sich wirklich Sorgen. Vielleicht wusste er da aber auch schon mehr.

SPIEGEL: Die ganze Affäre lässt zwei Deutungen zu: Entweder war der Auslöser ein gieriger Betriebsratschef namens Volkert, der nicht genug kriegen konnte. Oder die Konzernspitze baute ein System der Abhängigkeiten auf wie eine Falle, in die der Betriebsrat tappte. Ziel des Managements: ungestört agieren zu können.

Volkert: Ich brauchte nichts zu fordern und niemanden zu irgendwas anzustiften. Insofern halte ich aus heutiger Sicht eher Ihre zweite Deutung für glaubhaft. Ja, am Ende waren wir vielleicht alle nur Teil eines sehr großen Spiels. Und wahrscheinlich habe ich dabei vielen geschadet. Den Belegschaften. Der Gewerkschaft. Auch der Idee der Mitbestimmung. Aber aus den Fehlern, die ich gemacht habe, wurden leider keine Lehren gezogen.

SPIEGEL: Sie meinen, auch die IG Metall ging zu schnell zur Tagesordnung über?

Volkert: Nach meiner Kenntnis wird doch alles totgeschwiegen. Dabei gibt es viele offene Fragen: Wie sieht das eigentlich in anderen Unternehmen aus? Wie halten es Betriebsräte mit der Transparenz ihrer Bezüge? Da könnte man vieles modernisieren. Aber, wissen Sie: Diese Mitbestimmung fordert letztlich einen derart großen Spagat, dass es einen irgendwann zerreißt, egal wie charakterfest man ist. Die Schmerzen setzen erst ein, wenn es schon zu spät ist.

SPIEGEL: Wegen Verdunkelungsgefahr kamen Sie drei Wochen in Untersuchungshaft. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Volkert: Es war grauenvoll. Seither weiß ich, dass auch kurze Knastaufenthalte wirklich abschreckende Wirkung haben. Dass dort drin manch einer durchdreht, kann ich mir gut vorstellen. Ich durfte ein einziges Mal mit meiner Familie telefonieren. Und dabei hatte ich in der Zeit Geburtstag. Selbst für eine zweite Decke musste ich einen Antrag stellen.

SPIEGEL: Fühlten Sie sich besonders ruppig behandelt?

Volkert: Mit den Vollzugsbeamten bin ich heute noch in gutem Kontakt - auch wenn ich sie ungern dienstlich wiedersehen möchte. Weh getan hat vor allem, wie versucht wurde, einen Kontrast aufzubauen zwischen der angeblichen Glaubwürdigkeit von Herrn Gebauer und meiner eigenen Unglaubwürdigkeit. Kann ja wohl nicht sein, dass der eine immer lügt und der andere immer die Wahrheit sagt. Ich war der Erste, der bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt hat. Genutzt hat es mir nichts.

SPIEGEL: Hartz kam mit zwei Jahren auf Bewährung sowie einer Geldstrafe davon und erhält weiter seine volle VW-Betriebsrente von monatlich 16.000 Euro ...

Volkert: ... während meine von VW um 50 Prozent gekürzt wurde. Begründung: Man wolle den Prozess abwarten und behalte sich mögliche Ansprüche vor. Wenn all das keine Vorzugsbehandlung ist - vom Gericht wie von VW -, dann weiß ich nicht mehr.

SPIEGEL: Sie waren einst Teil jener gesellschaftlichen Elite, die gerade wieder schwer in Verruf geraten ist durch die Steuerhinterziehung von Post-Chef Klaus Zumwinkel. Stinkt der Fisch immer vom Kopf?

Volkert: Kann ich so pauschal nicht sagen. Man kann noch so tüchtig sein. Sobald Sie mehr verdienen als jene, mit denen Sie einst groß wurden, beginnt der Neidkomplex. Über Auswüchse schreien immer die am lautesten, die weniger kriegen. Ich verstehe das durchaus. Aber in der Debatte ist auch viel Scheinheiligkeit.

SPIEGEL: Sie hatten eine Vorbildfunktion, der Sie schlicht nicht gerecht wurden.

Volkert: Vollkommen klar. Mit den Funktionen, in die man hineinwächst, wird der Heiligenschein leider nicht mitgeliefert. Ein anständiger Kerl wird man nicht durch den Job, den man macht.

SPIEGEL: Sind Sie noch VWler?

Volkert: Das werde ich immer bleiben. VW ist nicht Piëch, nicht Hartz und nicht Volkert. Das Unternehmen ist so stark, dass es uns alle überstehen wird. Ich habe einfach den richtigen Zeitpunkt verpasst, mich aufrecht zu verabschieden.

SPIEGEL: Sie sind jetzt 65. Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Volkert: Mit dem Hut in der Fußgängerzone.

SPIEGEL: Zu Hause in Wolfsburg?

Volkert: Die Versuchung war groß, wegzugehen. Aber nach Rücksprache mit meiner Familie bin ich in Wolfsburg geblieben. Es kann ja nicht sein, dass die Medien bestimmen, wer wann aufgehängt wird. Durch diese Vorverurteilungen wollte ich mich nicht kriminalisieren lassen. Deshalb habe ich mich jeden Tag selbst ermahnt: Geh raus! Zeig dich! Stell dich! Das hat viel Überwindung gekostet.

SPIEGEL: Fahren Sie noch VW?

Volkert: Zurzeit einen Passat Variant. Geleast. Solange ich mir das leisten kann, werde ich immer VW fahren.

SPIEGEL: Wovon leben Sie jetzt?

Volkert: Frage ich mich auch. Es kommen ja möglicherweise noch enorme Kosten auf mich zu. Das Finanzamt will, dass ich die Gelder, die meine damalige Geliebte über VW bekam, versteuere, und fordert von mir 470.000 Euro. Ich überlege, privat Insolvenz anzumelden. Bezahlen kann ich das nicht.

SPIEGEL: Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, abzuhauen - oder ... auch Schluss zu machen?

Volkert: Ich ... also ... ja, klar. Meiner Familie wäre eine Menge erspart geblieben. Das ist die Situation. So sieht's aus.

SPIEGEL: Herr Volkert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Dietmar Hawranek und Thomas Tuma.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.