Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

10. März 2008, 00:00 Uhr

Talkshows

Die Leiden der jungen W.

Von

"Anne Will" hat Quoten- und Qualitätsprobleme. Das Format und seine Macherin sind dem Missverständnis vieler Plauderrunden verfallen, vor allem Informationsprogramm sein zu wollen.

Es ist geschafft! Seit Sonntag vorvergangener Woche ist Gleichberechtigung in Deutschland keine Utopie mehr. Dank der ARD-Talkerin Anne Will und ihrer überwiegend weiblichen Gäste war um 22.45 Uhr auch dem letzten Couch-Klops klar: Frauen können genauso langweilig, ideologisch borniert oder wenigstens komplett unoriginell daherreden wie Männer.

Wenn das geplant war: Glückwunsch an alle Beteiligten - außer vielleicht an die Zuschauer, sofern die im Laufe der Sendung nicht ohnehin zügig ins Wachkoma gefallen sind. Der Marktanteil der Sendung war so schlecht wie nie zuvor: 8,9 Prozent ist für den außerparlamentarischen Sonntagabendzirkus keine Quote, sondern eine Katastrophe.

Will fing vor einem halben Jahr mit rund doppelt so viel an. Ihre Vorgängerin Sabine Christiansen hatte selbst in ihrer dämmrigen Spätphase mehr. Fairerweise muss man sagen: Zeitgleich zu "Anne Will" sank im ZDF die "Gustloff". Im Ersten ging derweil die Hoffnung auf ein bisschen Kurzweil baden, was angesichts von Gästeschar und Sujet nicht wirklich wunderte.

Zum Thema "Kinder, Krippe, Karriere" debattierten unter anderem: Christa Müller (Die Linke, Lafontaine-Gattin), Renate Schmidt (SPD, Ex-Ministerin), Christa Stewens (bayerische CSU-Familienministerin) und Claudia Roth (Grünen-Vorsitzende). So ein Personal hat den Überraschungsfaktor einer Sanduhr. Prompt prickelte die Runde wie ein Eimer grauer Dispersionsfarbe. Und das ist letztlich schlimmer als irgendwelche Quotendebatten.

Bevor Anne Will im September ihre Talkshow begann, wurde um ihren Start ein Gewese gemacht, als sollte sie Kanzlerin werden. Wie das mit Hoffnungsträgern so ist, ersticken sie nach dem Wahltriumph gelegentlich in den Mühen der Ebenen Großer Koalitionen aus ritualisiertem Proporzdenken, politischer Korrektheit und diplomatischer Langeweile.

Es sind die noch eher wohlmeinenden ARD-Spitzen, die neuerdings sagen, die Stimmung in der Berliner Will-Redaktion bewege sich unter null. Die echten Gegner mag man da gar nicht mehr fragen.

Der Star trete intern arg selbstgerecht und fordernd auf. Will sei weitgehend humorresistent. Sie verliere Rückhalt - und Personal. Tatsächlich ging zuerst ihre Redaktionsleiterin, dann die Pressesprecherin. Weitere Abgänge könnten folgen.

Dabei ist es nicht mal so, dass Frau Will ihren Job schlecht macht. Sie macht ihn vielleicht viel zu gut. Sie ist so schrecklich seriös und staatstragend geworden. Diese Frau ist 41 und schafft es nun sogar, ohne zu lachen in die weit aufgerissenen Augen einer Claudia Roth schauen zu können, während die über ihre persönliche Familienplanung spricht.

Das Hauptleiden der jungen W.: Sie möchte in ihrer Show "die Politik mit der Realität der Menschen konfrontieren". Dummerweise konfrontiert sie nun die Menschen mit der Realität der Politik.

Phrase, Gegenphrase. Schön ist das nicht. Und es wird in der ohnehin völlig zerredeten Presseclubmaischbergerillnerkernerbeckmannplasbergstrunz-&-Co.-Republik auch nicht dadurch spannender, dass bei Will auf elfenbeinfarbenem Sofa immer ein Laien-Betroffener Stichworte liefern darf, die dann von den Erste-Klasse-Gästen sehr betroffen eingespeichelt werden.

Kurz: Es gibt Sonntage, an denen Will nicht mehr sonderlich viel von ihrer Vorgängerin unterscheidet. Übrigens gab es zu Christiansen-Zeiten immer mal Ärger, weil ihre Talkshow ARD-intern als "Unterhaltung" lief und sich die zehn Chefredakteure des Ersten deshalb nie so richtig einmischen konnten. Das wurde geändert für Will, die als "Information" nun Chefsache ist.

Die Folgen: 1) Will ist wahnsinnig bedeutend. 2) Alle dürfen mitreden, viele tun das auch bereits.

An Christiansen und ihrem immer sehr elegant zur Schau getragenen Journalismus-Surrogat ließ sich weiland wunderbar herummäkeln. Aber dass sie sich als "Unterhaltung" deklarieren ließ, erweist sich im Nachhinein als Coup.

Denn das ersparte ihr nicht nur die Einmischung der für alles Seriöse zuständigen Sender-Oberen. Es ist ja auch ein riesiges Missverständnis, Talkshows für Informationssendungen zu halten und politische Plauderrunden deshalb für die Krönung der TV-Schöpfung, wie das hierzulande immer noch üblich ist.

Politische TV-Gesprächsrunden sind im Gegenteil ein gleich doppeltes Paradoxon. Erstens widersprechen sich schon die Grundideen von Talk-Format und Medium: Die Stärke des Fernsehens sind ja gerade Bilder, Bewegung, Schnelligkeit und Aktion, die Oberflächen bunter Optik eben.

Frage-Antwort-Spiele bedeuten dagegen: Menschen sitzen auf Stühlen. Wenn man Glück hat, reden sie. Das ist alles. Es hat schon seinen Grund, dass das Medium Glotze heißt. Nicht Höre.

Diesen enormen Nachteil versuchte das Talk-Genre schon früher dadurch wettzumachen, dass man auf Krawall setzte. In Erinnerung blieben dem Publikum Szenen, wo einer dem andern ein Glas Wasser ins Gesicht schüttet, brüsk das Studio verlässt oder sonst wie aus der Fassung gerät.

Inhalte stören eher. Und seien wir ehrlich: Letztlich wollen wir im Fernsehen nicht das wohlabgewogene Für und Wider zu Gesundheitsfonds oder Koalitionsarithmetik erörtert bekommen. Dafür sind vor allem gedruckte Medien viel besser geeignet. Wir wollen dabei sein, wenn einer dem anderen auf die Glocke haut. Wenigstens verbal. Das wiederum hat aber mit der Realität nichts zu tun, die Anne Will so gern abbilden möchte.

Denn die zweite strukturelle Unvereinbarkeit ist die zwischen Politik und Talkshow. Politik bedeutet Komplexität, Inhalte, Grauwerte, Hinterzimmerdiplomatie und mühsame Suche nach Mehrheiten.

Leider stellt sich die Politik auf die Erfordernisse des Fernsehens nur allzu gern ein. Es ist daher kein Widerspruch mehr, dass gerade gutgemachte Polit-Talks eine absurde Karikatur der Wirklichkeit liefern. Frank Plasbergs "Hart aber fair" ist dafür ein gutes Beispiel.

Wen er etwa am Mittwoch vergangener Woche zu welchem Thema zu Gast hatte, war einem schon tags darauf wieder zu Recht entfallen. Aber seine eigene Präsenz bleibt in Erinnerung: Plasberg geht an, bohrt nach, blafft los, hakt ein und würgt ab. Er ist ein bisschen wie Michel Friedman. Argumentieren bedeutet bei Plasberg Kampf. Die Waffen sind Parole und Pointe, Polemik und Plakativität. Als Fernsehen funktioniert das.

Eine der schlimmsten Journalistenkrankheiten ist die Eitelkeit. Plasberg ist davon nicht bedroht, er kostet die Infizierung vielmehr voll aus. Auch weil er vorher so um seinen Sendeplatz im Ersten kämpfen musste. Weil sie ihn ja lange nicht haben wollten. Weil sie ihm Star-Qualitäten absprachen. Weil sie Anne Will am Sonntagabend den Vorzug gaben. Jetzt kommt er vor lauter Selbstvertrauen kaum noch durch die Tür.

Schlechtgemachte Talkshows kommen dagegen vielleicht der Realität politischer Prozesse recht nahe, sind aber auch so - seien wir höflich - breit aufgestellt wie eine Runde bei Anne Will oder ihrer ZDF-Konkurrentin Maybrit Illner.

Es mag sogar sein, dass Plasbergs Weg des Peitschenschwingers ein typisch männlicher ist. Und der ruhige Weg des Austauschs von Argumenten wie bei Illner und Will eher ein weiblicher. Diese Erkenntnis macht aber nichts besser, wenn man nun die Wahl der Qual hat zwischen Tribunal fatal und Ritual banal.

Denn auf beide Arten von Bühnen hat sich die Politik eingestellt. Die Fernsehmacher lassen es geschehen und liefern entweder echte Ödnis oder falschen Krawall, in jedem Fall genug Vorwand für wachsende Demokratieverdrossenheit. Insofern ist Anne Will ein Opfer des Systems, dem sie sich andererseits selbst verdankt.

Da hilft es dann nicht mal mehr, wenn am vorvergangenen Sonntag bei ihr auch die Sängerin Judith Holofernes saß, die selbst nicht so genau zu wissen schien, weshalb sie eingeladen war. Irgendwann setzte sie an: "Ich weiß, ich bin unter Politikerinnen. Ich werde es sehr schwer haben ..." Dann verlor sie den Faden.

URL:


© DER SPIEGEL 11/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung