AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2008

Irak Ein hundertjähriger Krieg?

Fünf Jahre nach der US-Invasion: Das Leben in Bagdad ist sicherer geworden - aber niemand weiß, wie die politischen Probleme des Landes zu lösen sind.

Von Hussam Ali, Ala Chalil Nassir, und


Die Nachrichtenlage am Vorabend des Jahrestags der "Operation Iraqi Freedom" lässt Gegner und Befürworter des amerikanischen Feldzugs ratlos: Bei Mossul wird die Leiche des katholischen Erzbischofs gefunden, aber die US-Botschaft in Bagdad hält wie in Friedenszeiten einen Flohmarkt ab. Die Zahl der Anschläge nimmt wieder leicht zu, und Douglas Feith, einer der hauptverantwortlichen Planer aus dem Pentagon, legt eine Rechtfertigung in Buchform vor. Amerika steht nun länger im Irak, als das Land im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Der Krieg ist in die Jahre gekommen.

Sturz der Saddam-Statue in Bagdad (2003)
REUTERS

Sturz der Saddam-Statue in Bagdad (2003)

Seit Sommer 2007 stagniert im Bewusstsein der Amerikaner die Zahl ihrer Toten: Mehr als die Hälfte der Befragten wusste damals, dass 3500 GIs gefallen waren, nur ein Viertel weiß, dass es inzwischen fast 4000 sind. Mindestens 3000 Milliarden Dollar hat der Krieg laut Nobelpreisträger Joseph Stiglitz bisher gekostet.

Zwei amerikanische Zivilverwalter, drei Botschafter und drei Oberkommandierende hat Washington verschlissen. Der letzte - und vergleichsweise erfolgreichste - der Diplomaten kündigte soeben seinen Abschied an. Im Januar will Botschafter Ryan Crocker gehen. "Das waren dann zwei Jahre im Irak. Das reicht."

Zunächst aber werden Crocker und der ebenfalls bis Januar amtierende Irak-Befehlshaber, General David Petraeus, im April noch einmal Bericht erstatten: Was hat die Aufstockung der Truppe gebracht? Um mehr als die Hälfte war nach dem Sommer die Zahl der Anschläge zurückgegangen, doch nur bis zu einem Sockel: Knapp 2000 waren es jeden Monat von November bis Januar, etwa so viele wie im Frühjahr 2005.

Wenig taugen die Prognosen, solange unklar ist, was überhaupt den Umschwung brachte. Auf den Erfolg an der Sunnitenfront verweisen die Optimisten: An die 80 000 ehemalige Aufständische sind übergelaufen und stehen heute mit je 300 Dollar monatlich im Sold der Amerikaner. Der Qaida-Terrorismus ist nachhaltig gestört.

Vor übereiltem Optimismus in Bezug auf die Schiiten warnen dagegen die Skeptiker: Wohl habe der Schiitenführer Muktada al-Sadr die Waffenruhe seiner Mahdi-Miliz verlängert - unbestrittener Hauptgrund für den Rückgang der konfessionellen Morde. Doch weder wisse man, ob sie mehr als Taktik sei, noch ob sie hält.

Der Fortgang des Krieges hängt lange schon von Entwicklungen und Personen ab, an die vor fünf Jahren niemand dachte. Der Bagdad-Eroberer Tommy Franks habe nur die Augen verdreht, als er ihn damals gefragt habe, was nach dem Krieg geschehen solle, klagt Douglas Feith heute in seiner Autobiografie "Krieg und Entscheidung". Für derlei "bullshit" habe er keine Zeit, lautete die Antwort. Versager auch sonst, wohin Feiths Auge blickt. Fehlerlos - der Leser ahnt es - nur das Dreigestirn der Planer: Donald Rumsfeld, George W. Bush und eben Feith.

Den Präsidenten selbst ficht keine Rückschau an: "Die Entscheidung, Saddam Hussein zu stürzen, war am Anfang meiner Präsidentschaft richtig, sie ist heute richtig, und sie wird immer richtig sein", sagte er vorige Woche in Nashville.

Wie es in Bagdad weitergeht, entscheiden, zumindest teilweise, die amerikanischen Wähler. Machen sie den Republikaner John McCain zum Präsidenten, müssen sie sich nach dessen Worten auf 100 Jahre US-Präsenz im Irak einrichten. Die demokratischen Präsidentschaftsbewerber drängen dagegen auf einen Abzug der US-Truppen. Einen friedlichen Weg zur Lösung der politischen Probleme zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden kennen beide Seiten nicht.

Bernhard Zand

Auf den folgenden Seiten erzählen fünf Iraker, wie sich ihr Leben seit der Invasion verändert hat - aufgezeichnet von Hussam Ali, Ala Khalil Nasser und Mathieu von Rohr.



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