AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2008

Psychologie "Falsches Beuteschema"

Von Merlind Theile

2. Teil: Im Bann der Tradition


Obwohl Frauen höher qualifiziert sind denn je, suchen viele nach wie vor den statusüberlegenen Versorger.

Im Bildungssystem gelten Frauen längst als Gewinner. 56 Prozent der deutschen Abiturienten sind weiblich, ihre Abschlussnote ist im Schnitt besser als die der jungen Männer. Im Jahr 2005 lag die Studierquote beider Geschlechter erstmals auf gleichem Niveau. Und unter den Hochschulabsolventen sind heute etwas mehr als die Hälfte Frauen.

In den Wirtschafts-, Natur- und Ingenieurwissenschaften, also klassischen Karrierestudiengängen, beträgt ihr Anteil jedoch nur 30 Prozent. "Und wenn Frauen sich für diese Fächer entscheiden, studieren sie nicht karrieregerecht", sagt Sonja Bischoff, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. "Bei den Ingenieurwissenschaften wählen sie Architektur statt Maschinenbau, bei den Naturwissenschaften Biologie statt Physik." Das Potential für die Karriere in der Wirtschaft sei dadurch begrenzt, sagt Bischoff, die seit mehr als 20 Jahren auf diesem Gebiet forscht.

Vor allem in den Chefetagen dominieren folglich Männer, die bei gleicher Qualifikation und Position insgesamt besser bezahlt werden als Frauen - das ist kurz gesagt auch heute noch das Ergebnis von Bischoffs Untersuchungen. Und daran wird sich wohl so schnell nichts ändern.

"Es gibt nur eine Minderheit von Frauen, die wirklich Karriere machen möchten und dabei vielleicht noch ein Kind haben", sagt Bischoff. "Und es gibt die Mehrheit, die diese Anstrengung nicht auf sich nehmen wird und den Weg über die Familie geht."

In den meisten Fällen heißt das: nur noch in Teilzeit arbeiten. "Es sind heute zwar mehr Frauen denn je erwerbstätig", sagt Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. "Aber aus dem traditionellen Einverdienerhaushalt, in dem der Mann für das Einkommen sorgt, ist nur ein Eineinhalbverdienerhaushalt geworden." Auch Umfragen zeigen, dass immer noch ein Drittel der Frauen das Modell Haupternährer plus Zuverdienerin favorisiert. Als Chefversorgerin der Familie sehen sich die wenigsten.

Es sind die Nachwirkungen langer Traditionen. Über Jahrzehnte hätten Frauen eben "eher in den Heiratsmarkt als in die eigene Karriere" investiert, sagt Allmendinger, "angehalten durch das Ehegattensplitting und Erleichterungen bei der Kranken- und Rentenversicherung". Schlechtere Gehälter für Frauen und fehlende Kinderbetreuung taten und tun ihr Übriges.

Wenn es Frauen im Beruf doch nach oben schaffen, und das tun in aller Regel die Hochqualifizierten, dann bleiben sie überdurchschnittlich häufig kinderlos. Nach jüngsten Schätzungen von Bevölkerungswissenschaftlern werden 30 Prozent der Akademikerinnen in Westdeutschland nicht Mutter, unter allen Frauen gilt das nur für 20 Prozent. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt: Weibliche Führungskräfte sind häufiger kinderlos als Männer in gleicher Funktion. Die leben öfter mit Partnerin und Kind oder Kindern.

Bei den Akademikerinnen mag hinzukommen, dass sie schon bei der Partnersuche kritischer sind und deshalb vielleicht seltener als andere Frauen einen geeigneten Kindsvater finden. Ein aktuelles Forschungsprojekt des Soziologen Hans-Peter Blossfeld von der Universität Bamberg zeigt, dass in Online-Partnerbörsen niemand so streng auswählt wie gutausgebildete Frauen. Heirat nach unten kommt offenbar kaum in Frage. "Wenn aber die Frauen immer noch nach oben heiraten wollen, also an einem gutgebildeten und -verdienenden Mann interessiert sind, dann fehlen hochqualifizierte Männer auf dem Heiratsmarkt."



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