AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2008

Debatte Macht und Gewissen

Von Matthias Matussek

2. Teil: "Denn wahr ist nur, was nicht in diese Welt passt"


Die Lüge vernichtet das soziale Gewebe. Der Lügner nimmt weder sich noch den anderen ernst. Er verletzt sowohl die Würde des Angesprochenen wie seine eigene. Auch Willemsen will nicht verkohlt werden. Die Wahrhaftigkeitsregel gehört zum kategorischen Imperativ: Der Lügner nimmt Zuflucht zu einem Mittel, von dem er selber nicht möchte, dass es allgemeine Akzeptanz findet und dann auch auf ihn angewendet wird. Dass das nicht geht, ist einsehbar für jeden.

Weshalb Franz Walters Zuruf an die Politiker - verarscht uns bitte recht ordentlich und professionell - schon rein logisch absurd ist. Ganz zu schweigen von unserer Berufsgrundlage, Herr Kollege: Wir leben davon, dass wir "Skandal" rufen, wenn die da oben lügen, und wir müssen es mit einer gewissen Überzeugung tun.

Gibt es die Lüge, die erlaubt ist? Aber sicher, und selbst Augustinus scheint mit sich reden zu lassen, wenn sie hilft, eine Vergewaltigung zu verhindern. Noch deutlicher: Natürlich ist man nicht verpflichtet, dem SS-Mann auf die Frage nach dem Versteck der jüdischen Familie die Wahrheit zu sagen.

Auch diesen Fall hat Kant, sonst so prinzipienfest wie Augustinus, bereits diskutiert: "Die Wahrheit zu sagen ist eine Pflicht, aber nur gegen denjenigen, welcher ein Recht auf die Wahrheit hat." Der SS-Mann hat kein Recht darauf. Er muss belogen werden.

Allerdings hat es diese extreme und extrem notwendige Ausnahme von der Wahrheitsverpflichtung verdient, mit großem Respekt behandelt zu werden. Es handelt sich um die Lüge als Form der Zivilcourage. In unserer Vergnügungsgesellschaft ist diese allerdings mittlerweile so weit trivialisiert, dass sie jeder Kretin bemüht, der seinen Mitmenschen übers Ohr haut. Das ist dann, pardon, so unappetitlich, wie Hannah Arendt zu zitieren, um eine Ypsilanti zu exkulpieren.

Eine Gesellschaft, in der die Lüge zur allgemein akzeptierten Verkehrsform gehört, marschiert in den Schwachsinn. Dafür - für den allgemeinen Schwachsinn - gibt es durchaus Anhaltspunkte. Der Sänger König Boris der Gruppe Fettes Brot bringt die Sache auf den Punkt. "Ich frag mich, was das über ein Land aussagt, wenn nachts Frauen im Fernsehen oben ohne nach Automarken mit A fragen und dann Leute anrufen und 'BMW' sagen. Da kann irgendwas auf beiden Seiten nicht stimmen."

Das ist die Lage. Wir haben uns an den Schwachsinn gewöhnt, an eine Situation, in der es völlig irrelevant geworden ist, was wir sagen und ob es die Wahrheit ist oder nicht, geschweige denn, dass wir sie erkennen. Was wir haben, ist das Zwielicht der Unterhaltungsindustrie, die alles gleich und billig ausleuchtet, selbst die besten Zwecke, für die sie sich ins Zeug legt.

Das lässt sich auch auf Illustriertencover oder Charity-Events besichtigen. Auf eine Mutter Teresa kommen ganze Heerscharen von Society-Damen und Starlets im schwarzen Mini und Popstars mit Sonnenbrille, die Geld für kranke Kinder sammeln und darauf achten, dass sie am Buffet in der richtigen Klatschspalte neben dem richtigen Zwölfender richtig abgelichtet sind. Warum können die nicht mal Kartoffeln schälen, wenn die Kamera nicht dabei ist?

Frage also: Sie tun doch objektiv Gutes - warum will der Brechreiz darüber doch nicht verschwinden? Offenbar zählt die Absicht mit. Sie klebt am Zweck. Ein aristotelisches Paradigma ist: Wahrhaftig ist nur der, der sich so darstellt, wie er ist. Derjenige, der nur an PR und Selbstvergrößerung interessiert ist, lügt nach Aristoteles besonders hässlich.

Auch derjenige übrigens lügt, der sich verkleinert, der Ironiker. Aristoteles ist da durchaus humorlos. Gesucht wird der Mann der Mitte, der Mann mit Maß. Nun ja, ein Kabarettprogramm wird da wohl nicht mehr draus, Willemsen.

Dass die Lüge unter den Bedingungen der politischen Propaganda und der Unterhaltungsindustrie triumphal gewonnen hat, hat der Kulturphilosoph Theodor W. Adorno bekanntermaßen in unzähligen Diskursbewegungen immer wieder beklagt. In seiner postum erschienenen "Ästhetischen Theorie" steht der Satz: "Denn wahr ist nur, was nicht in diese Welt passt." Das heißt: Die Lüge ist total. Bei ihm ist es kein Satz der Bewunderung, sondern des Ekels.

Allerdings hat er selber immer wieder gegen sein eigenes Verdikt verstoßen, indem er weiter schrieb und sich in zahllosen Radiogesprächen hineingemeldet hat in das Unwahre, mit der Hoffnung auf Wahrheit. Die Suche nach der Wahrheit ist einfach nicht kaputtzukriegen. Die einzige andere Alternative wäre das Verstummen, eine Art intellektueller Selbstmord. Doch solange wir reden, haben wir nicht aufgegeben.

Aus gegebenem Anlass sollte der Kulturgeschichte der Lüge eine der Wahrheit entgegengesetzt werden, nicht um zu predigen - der Verfasser dieser Zeilen lügt schätzungsweise so viel wie alle anderen -, sondern aus sportiven Gesichtspunkten. Bei Aristoteles bildet die Wahrhaftigkeit zusammen mit der Freundlichkeit und der gesellschaftlichen Gewandtheit die später so genannten homiletischen Tugenden, also solche, die den Umgang der Menschen untereinander bestimmen.

Wohlgemerkt: Freundlichkeit gepaart mit Wahrhaftigkeit! Das geht angeblich. Das wäre die Herausforderung, die uns von den Anfängen des Philosophierens herübergereicht wird. Oder, um mit Muhammad Ali zu punkten: "Ich sage die Wahrheit, einfach weil sie spannender ist."

Glaubt man dem Soziologen Peter Stiegnitz, können wir den Alltag ohne Täuschungen und Lügen gar nicht überleben, denn diese bewahren "das Netz menschlicher Kommunikation vor dem Zerreißen". Sollte man es nicht einmal darauf ankommen lassen? Wie wäre es, wenn wir, die wir angeblich 200-mal am Tag lügen, am kommenden Donnerstag zwischen 14 und 15 Uhr mal stur die Wahrheit sagten?

Nach Stiegnitz würde an diesem Tag Blut durch die Bürokorridore fließen. Was aber, wenn stattdessen in all dem Lügengedudel nur eine helle, nette Pause eintreten und alles ein wenig entspannter und gleichzeitig interessanter würde?

Die Rede über die Pleiten der Lüge kann, wie gesehen, ohne große Rückgriffe auf die Bibel oder das Gewissen auskommen. Man braucht sie nicht, um Überdruss an der Lüge zu empfinden, es genügt fürs Erste der Blick auf eine Dame mit komischer Frisur.

Die allerdings beruft sich auf ihr Gewissen, das sich so ohne weiteres auch nicht wegplappern lässt in der Beliebigkeits- und Geschmeidigkeitsrhetorik unserer Tage. Wir haben das Gewissen mit gutem Grund als Instanz der Politik und des Rechts eingeschrieben, und es ist damit beileibe nicht nur für Kirchenbänke reserviert, wie Politologe Walter meint.

Dass sich die Nazi-Mörder in den Nürnberger Prozessen auf geltendes Recht beriefen, war letztlich irrelevant für ihre Verurteilung. Alle Menschen, so argumentierten die Richter, trügen in sich eine moralische Instanz, die es verbiete, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen.

Es gibt ein Bewusstsein darüber, was gut ist und was böse, egal wie das die Gene jetzt finden. Es ist das Gewissen, das einfach nicht totzukriegen ist, ob es uns behagt oder nicht. Der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff nennt es "die innere Stimme".

Die meldet sich eben bisweilen, ganz unpraktisch. Und das, können wir sagen, ist auch gut so.



insgesamt 27 Beiträge
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toskana2 20.03.2008
1. und die passt doch in diese Welt!
Zitat von sysopÜber die schwere Kunst, die Wahrheit zu sagen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,542148,00.html
"Unsere Dame Metzger soll bitte stur stehen bleiben und ihre Frisur behalten und "nein" sagen und die Grünen daran erinnern, dass sie doch auch mal für komische Frisuren und notwendige Verweigerungen zuständig waren. Im Moment noch argumentieren sie wie die Mafia: Sie bemängeln an der SPD-Chefin nicht etwa ihre Unehrenhaftigkeit, sondern "Unprofessionalität" - die hat ihre Leute nicht im Griff! Aber sie sind ja flexibel, die Grünen, und werden in Kürze wieder mit der ständig empörungsbereiten Claudia Roth auf das Wort zum Sonntag umstellen." Danke Matthias, für den Beitrag! ... und sie - zwar selten genug -, sie passt doch in diese Welt! Toskana
das_zweite_Gesicht 20.03.2008
2. Ja!
Es tut einem in der Seele gut, dass diesem pseudo-coolen Berufs-Zyniker Franz Walter, der auf unnachahmlich penetrante Art staatlich besoldet seine Spät-68er Revoluzzer-Phantasien auslebt, endlich einmal ein SPIEGEL vorgehalten wird. Wie schreibt Matussek: "Eine Gesellschaft, in der die Lüge zur allgemein akzeptierten Verkehrsform gehört, marschiert in den Schwachsinn." So ist es! Und das dürfen sich hier einige der Dauerposter ins Stammbuch schreiben, die das Gewese der Mme. Y. als irgendwie sexy verkaufen wollten. Und sich dabei auch noch unheimlich aufgeklärt vorkamen - obwohl gerade die Lüge jede Form der Aufklärung verunmöglicht. Matusseks Ausführungen erinnern an Botho Strauß: http://www.iee.et.tu-dresden.de/~graupner/theater/bocksgesang.pdf Auch dessen Essay erschien zuerst --- im SPIEGEL! Wenn wir aus der Misere rauskommen wollen, dann muss Schluss sein mit diesen Roger Wilhelmsens, Ulrich Wickerts und Franz Walters mit ihren ebenso inhaltsleeren wie diffus-scheinheiligen Phrasen und ihren Verhaltensregeln, die auf alles und alle, nur bitte nicht auf sie selbst angewendet werden dürfen (Matussek sinngemäß: "Will Wilhelmsen selbst denn belogen werden?"). Die Krise unserer Politik ist zu einem gerüttet Maße durch den Zynismus weiter Teile der Journaille entstanden (Man denke an Jens Jessen). Es liegt daher auch und gerade an Journalisten sie zu beseitigen. Matusseks Artikel ist da ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung! Kompliment und Grüße!
archelys, 20.03.2008
3. Wahrhaftigkeit
Zitat von sysopÜber die schwere Kunst, die Wahrheit zu sagen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,542148,00.html
Lieber Herr Matussek, danke für den Anstoss. Wollen wir mit der Pflicht oder mit der Kür beginnen?
Reiner Fasnacht 20.03.2008
4. Wahrheit oder Lüge?
Mathias Mattusek singt das Hohelied der Wahrheit. Soll er, das ist nie verkehrt - zumindest dann wenn er abstrakt bleibt. Doch er verknüpft die Wahrheit mit dem Handeln von Personen. Hier die Dame mit dem Bienenstock auf dem Kopf, die SPD-Abgeordnete Metzger. Das kann ins Auge gehen und nur allzu leicht den Laudator selbst der Lüge überführen. Eine Lüge ist eine Täuschung, zweifellos. Auch ein Wortbruch ist eine Täuschung. Aber ist deshalb ein Wortbruch eine Lüge. Andersherum: Ist Worthalten die Wahrheit? Vergessen wir nicht: Es gab nicht nur das eine gebrochene Versprechen, sonern gleich mehrere. Hat Frau Metzger etwa den Wählern nicht versprochen, sich für den Mindestlohn einzusetzen, die Studiengebühren abzuschaffen, G8 in Ordnung zu bringen und und und... Sie hatte die Gelegenheit dazu und ist wortbrüchig geworden. Lieber verzichtet sie angeblich darauf Politik zu gestalten, als das diese Politik von den Linken unterstützt wird. Was waren diese Wahlversprechen an die Wähler? Die Wahrheit? Steinbrück und Co waren da weniger heuschlerisch: Die SPD sollte mit der Partei koalieren, die eine Umsetzung der Wahlversprechen garantiert verhindert hätte. Vielleicht nicht mit Frau Y., sondern mit Herrn Walter, einem Bruder im Geiste von Frau Metzger und Herrn Steinbrück. Aber das hat ja nun nicht geklappt. Frau Metzger war der Rettungsanker, der verhindert hat, das in Hessen eine andere Politik versucht wurde, als die von Stein..., Struck und Co. Das mag dem Herrn Mattusek gefallen, mit Wahrheit hat das aber nun wirklich nichts zu tun.
Andreas Heil, 20.03.2008
5. Vom Lügen
Zitat von sysopÜber die schwere Kunst, die Wahrheit zu sagen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,542148,00.html
Kein durchgehend schlechter Artikel wenn, ja wenn ... ... Matussek sich nicht an der einen bestimmten Lüge abgearbeitet hätte, sondern deutlich all' die Lügen, die einen wie anderen als solche benannt hätte. Aber sein eigenes Fazit weist gleichzeitig den Weg auf: ... Es gibt ein Bewusstsein darüber, was gut ist und was böse, egal wie das die Gene jetzt finden. Es ist das Gewissen, das einfach nicht totzukriegen ist, ob es uns behagt oder nicht. Der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff nennt es "die innere Stimme". ... In Hamburg avanciert die schwarz-grüne Lüge ohne das angemessene Begleitfeuerwerk aus den Füllern und Federn zur Regierungskoalition, derweil verwaltet weiter südlich die schwarze Lüge halt kommissarisch das höchste Amt im Land. Nur um die groteske, die unerhörte, eben die auserkorene Lüge, von der Veränderung abzuhalten, die sie androhte.
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