AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2008

Debatte Macht und Gewissen

Über die schwere Kunst, die Wahrheit zu sagen

Von Matthias Matussek


"Denn wahr ist nur, was nicht in diese Welt passt."
THEODOR W. ADORNO: "ÄSTHETISCHE THEORIE"

Da steht sie in der Landschaft mit ihrem verrutschten Bienenstock auf dem Kopf, wie ein Sperrbalken, und sie sagt "nö". Dabei schnurrte doch alles gerade so schön. Und lief in Richtung Macht, und plötzlich stehen alle Räder still.

Hä? Gewissen? Haben wir eigentlich so jetzt nicht mehr vorgesehen, Genossin, wenn du verstehst, was wir meinen, wir haben schließlich Fraktionsdisziplin, verdammt, wir können auch anders ...

Doch die Dame steht wie eine Eins, und 41 hessische SPD-Abgeordnete sind überhaupt "nicht begeistert", während Dagmar Metzger sie und sich selber um die Macht bringt und womöglich den Chef stürzt, nur weil sie nicht betrügen will. Das hat antiken Rang. Und der Chef? Dem dämmert gerade, dass er gar nicht Churchill ist, sondern doch nur Kurt Beck.

Alle hatten sich gerade so schön machiavellistisch heißgeredet. Noch zwei Wochen zuvor hatte der Politologe Franz Walter an dieser Stelle das "Lob der Lüge" gesungen und sie als Erfolgsmodell der Politik gepriesen (SPIEGEL 9/2008). Allerdings, das sei hier ebenfalls vermerkt, Bismarck und Adenauer und Hannah Arendt als Zeugen zu rufen, um ein paar linke Betonköpfe zu salvieren, war Geiselnahme in besonders schwerwiegenden Fällen.

Aber sowieso zeigt sich jetzt: Die Lüge ist gar nicht so erfolgreich! Effektiver als Andrea Ypsilanti konnte man sich nicht tottricksen, und jetzt ist wieder dieser Finsterling dran, den man doch schon zur Strecke gebracht hatte mit einem Sperrfeuer von unglaublich moralischen Wahlkampfparolen.

Was für ein Kollateralschaden! Ein Riss im Himmel!

Die Lüge hatte doch einen so schönen Lauf. Neben den Ethik-Ratgebern und "Gauner muss man Gauner nennen"-Episteln nämlich gibt es durchaus diese andere Welle, die der Lüge Wert beimisst. "Die Kunst des Lügens", "Die Wahrheit über die Lüge" und, klar, "Lob der Lüge" heißen entsprechende Titel. Da tobt ein leiser Kulturkrieg. Er wird geführt zwischen Biologisten und Moralisten.

Der Bestseller von Roger Willemsen (mit Dieter Hildebrandt und Traudl Bünger), dieses flotte Lügenkompendium mit dem gar nicht flotten, sondern doch eigentlich tragischen Uwe-Barschel-Titel "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!", scheint nur Belege für das zu liefern, was die Evolutionsbiologen schon seit einiger Zeit laut und ebenfalls bestsellerträchtig sagen: Alle lügen! Sie geben der ganzen Sache naturwissenschaftlichen Glanz. Für unseren Kampf ums Dasein, führen sie aus, ist die Täuschung essentiell. Tarnverhalten oder Mimikry sind eingeschriebene Programme.

Seitdem die Biologie auch nach Fragen der Moral greift, haben wir ganz beachtliche kulturelle Adaptionsleistungen an die Lüge hinter uns gebracht, Mimikry sozusagen. Zu Ende gedacht bedeutet das: Die Lüge ist keine ethische Kategorie mehr, sondern eine ausschließlich biologische, womit die Schuld abgeschafft wäre. Uff!

Wir haben so viel Schuld wie eine Koralle. Man darf gespannt sein auf die Gerichtsverhandlungen der Zukunft: Ich hab das Auto nicht geknackt, Herr Vorsitzender, es war das egoistische Gen! Wie sehr sich die Biologie da an Dingen vergreift, von denen sie keinen blassen Schimmer hat, das führt uns nun die Dame mit der drolligen Frisur und ihrem dämlichen Gewissen vor, die so arterhaltungswidrig "nein" sagt und Fragen aufwirft, die weit über die hessische Politik hinausgehen.

Plötzlich hat die Wahrheit doch einen gewissen Charme. Könnte es sein, dass wir sie die ganze Zeit unterschätzt haben? Dass das Kapital der Politik nicht die Lüge, sondern die Wahrheit ist? Dass mit der Glaubwürdigkeit auch die Politikfähigkeit baden geht? Dass Machiavelli einfach nicht taugt, wenn es um den großen verantwortungsethischen Wurf geht, etwa den Generationenvertrag oder die Klimakatastrophe?

Nun fällt auf, dass die Geschichte der Lüge auch eine Geschichte von Pleiten ist, ganz besonders in der Politik. Die Lüge ist äußerst unpraktisch. Sie verlangt ständige Nachbesserungen, und irgendwann wird sie zu kompliziert. Bill Clinton war nach der Lewinsky-Affäre so immobil wie Tony Blair nach der Irak-Lüge und Fujimori nach seinen Betrügereien.

Das ist die andere Liga, die Franz Walter vergessen hat: Lügner, die sich selber ins Knie geschossen haben.

Modell Bismarck? Mittlerweile spricht vieles dafür, dass der Bismarck-Schüler Henry Kissinger mit seiner Schaukelpolitik den Friedensprozess in Vietnam eher verschleppt und beschädigt hat, weil sowohl die Sowjets wie die Chinesen sich ständig von ihm hinters Licht geführt fühlten.

Die Wahrhaftigkeit dagegen ist zu durchaus nachhaltigen Siegen in der Lage, und es wird niemanden geben, der bestreitet, dass Mahatma Gandhi oder Martin Luther King erfolgreicher waren als Richard Nixon.

Von der Wahrheit geht offenbar ein unwiderstehlicher, ein wirkungsmächtiger Zauber aus, und diejenigen, die sich ihr verpflichtet haben, genießen merkwürdigerweise Heldenstatus. Warum halten wir zu Josef und nicht zu Potifars schöner Frau? Warum hassen wir die Lüge und bewundern die Wahrheit? Sind wir plemplem? Oder geht es am Ende ohne Wahrheitsziel gar nicht?

Vielleicht ist es das, was uns Frau Metzger ins Gedächtnis gebracht hat, und man kann nur hoffen, dass sie dem Medienzauber der "Rebellin", den es ja auch gibt, nicht ganz so erliegt wie Frau Pauli, die sich Latexhandschuhe übergestreift hat, um ihre Zeit im Licht zu verlängern.

Unsere Dame Metzger soll bitte stur stehen bleiben und ihre Frisur behalten und "nein" sagen und die Grünen daran erinnern, dass sie doch auch mal für komische Frisuren und notwendige Verweigerungen zuständig waren. Im Moment noch argumentieren sie wie die Mafia: Sie bemängeln an der SPD-Chefin nicht etwa ihre Unehrenhaftigkeit, sondern "Unprofessionalität" - die hat ihre Leute nicht im Griff! Aber sie sind ja flexibel, die Grünen, und werden in Kürze wieder mit der ständig empörungsbereiten Claudia Roth auf das Wort zum Sonntag umstellen.

Wenn wir uns näher über die Exkurse zur Lüge beugen, so fällt doch auf, dass sie lückenhaft sind und weder praktisch noch plausibel. Die Biologen zum Beispiel bleiben uns die Antwort schuldig, warum uns die Gene bisweilen zu überhaupt nicht arterhaltendem Verhalten treiben, etwa wenn wir einen Seitensprung beichten oder gar einen Mord.

Eine der genialsten Partien in Dostojewskis "Schuld und Sühne" ist die Verhörszene. Raskolnikow ist versucht, sich im philosophischen Gespräch mit dem Untersuchungsrichter überführen zu lassen. Die Wahrheit will ans Licht. Raskolnikow wird dafür in Sibirien büßen - wo liegt da der Vorteil, Gen?

Vorübergehend schlüssiger scheint die Apologie der Lüge im Alltag durch die Sozialpsychologie. Steffen Dietzsch kommt in einer "Kleinen Kulturgeschichte der Lüge" zu dem Befund, dass die Dauerlüge den "Normalfall von Kommunikation" darstellt. "Lernen wir, damit umzugehen."

Kein Mensch erträgt den, der immer mit allem herausplatzt. Es ist nett, auch einer dicken Dame Komplimente zu machen. Es hilft durchaus dem beruflichen Fortkommen, dem Chef nicht jeden Fehler auf die Nase zu binden, sondern ihn allenfalls durch eine geschickte Intrige kaltzustellen.

Willemsen findet das Lügen regelrecht bewundernswert. Der Lügner, sagt er, brauche "Phantasie und einen flexiblen Geist. Auch schnelle Reflexion und Bildung, dazu ein gutes Gedächtnis". Für ihn ist die Lüge der Selbstausweis besonderer Eleganz. Aber warum nur klingt das alles eine Spur zu geschmeidig, eben nach einer faden, milieutypischen Apologie der Bussi-Bussi-Gesellschaft und nebenbei nach parfümiertem Kabarett, also langweilig?

Sicher können Lockerungsübungen im Krieg zwischen Moralisten und Anti-Moralisten durchaus guttun. Oscar Wildes Paradoxien sind hinreißend, und er hat recht mit seiner Feststellung, dass es keine moralischen oder unmoralischen Bücher gibt, sondern nur gute und schlechte. In seinem besten Buch übrigens, dem "Dorian Gray", führt er den Horror der Lüge vor.

Die Literatur kennt faszinierende unmoralische Spielernaturen, wahre Virtuosen des Falschen wie Felix Krull. Ohne die romantische Ironie, die auch Verstellung bedeutet, sind Heines Gedichte unmöglich. Goethe nannte den Bericht seines Lebens "Dichtung und Wahrheit", wobei ein erheblicher Aufwand in den Anteil der Dichtung ging.

Auf der anderen Seite werden in diesen Tagen gerade die Wahrheits-Angeber als moralische Nullen überführt: "Richter Gnadenlos" Schill verfolgte unter großem Lärm jeden armen Junkie und wurde jetzt selbst als Drogenkonsument enttarnt. Und wie hinreißend ist diese Pointe, dass bei Post-Chef Zumwinkel just in dem Moment eine Steuer-Razzia durchgeführt wurde, als sein Lob auf ethische Lebensführung im Mitarbeiter-Magazin erschien.

Sollten wir da nicht weniger manichäisch mit Lüge und Wahrheit, mit richtig oder falsch umgehen? Mal nicht ganz so sehr Gas geben und die Freiheit zur Verstellung preisen?

Antwort: Es geht nicht. Kirchenvater Augustinus, selber in jungen Jahren äußerst lebenslustig und beliebt in Mailänder Bordellen, hat erklärt, warum die Lüge schon methodisch nicht funktioniert. Seine Analyse wurde von Thomas von Aquin und Immanuel Kant weiterentwickelt und hat Gültigkeit bis heute: Die Lüge zerstört jede Kommunikation.



insgesamt 27 Beiträge
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toskana2 20.03.2008
1. und die passt doch in diese Welt!
Zitat von sysopÜber die schwere Kunst, die Wahrheit zu sagen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,542148,00.html
"Unsere Dame Metzger soll bitte stur stehen bleiben und ihre Frisur behalten und "nein" sagen und die Grünen daran erinnern, dass sie doch auch mal für komische Frisuren und notwendige Verweigerungen zuständig waren. Im Moment noch argumentieren sie wie die Mafia: Sie bemängeln an der SPD-Chefin nicht etwa ihre Unehrenhaftigkeit, sondern "Unprofessionalität" - die hat ihre Leute nicht im Griff! Aber sie sind ja flexibel, die Grünen, und werden in Kürze wieder mit der ständig empörungsbereiten Claudia Roth auf das Wort zum Sonntag umstellen." Danke Matthias, für den Beitrag! ... und sie - zwar selten genug -, sie passt doch in diese Welt! Toskana
das_zweite_Gesicht 20.03.2008
2. Ja!
Es tut einem in der Seele gut, dass diesem pseudo-coolen Berufs-Zyniker Franz Walter, der auf unnachahmlich penetrante Art staatlich besoldet seine Spät-68er Revoluzzer-Phantasien auslebt, endlich einmal ein SPIEGEL vorgehalten wird. Wie schreibt Matussek: "Eine Gesellschaft, in der die Lüge zur allgemein akzeptierten Verkehrsform gehört, marschiert in den Schwachsinn." So ist es! Und das dürfen sich hier einige der Dauerposter ins Stammbuch schreiben, die das Gewese der Mme. Y. als irgendwie sexy verkaufen wollten. Und sich dabei auch noch unheimlich aufgeklärt vorkamen - obwohl gerade die Lüge jede Form der Aufklärung verunmöglicht. Matusseks Ausführungen erinnern an Botho Strauß: http://www.iee.et.tu-dresden.de/~graupner/theater/bocksgesang.pdf Auch dessen Essay erschien zuerst --- im SPIEGEL! Wenn wir aus der Misere rauskommen wollen, dann muss Schluss sein mit diesen Roger Wilhelmsens, Ulrich Wickerts und Franz Walters mit ihren ebenso inhaltsleeren wie diffus-scheinheiligen Phrasen und ihren Verhaltensregeln, die auf alles und alle, nur bitte nicht auf sie selbst angewendet werden dürfen (Matussek sinngemäß: "Will Wilhelmsen selbst denn belogen werden?"). Die Krise unserer Politik ist zu einem gerüttet Maße durch den Zynismus weiter Teile der Journaille entstanden (Man denke an Jens Jessen). Es liegt daher auch und gerade an Journalisten sie zu beseitigen. Matusseks Artikel ist da ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung! Kompliment und Grüße!
archelys, 20.03.2008
3. Wahrhaftigkeit
Zitat von sysopÜber die schwere Kunst, die Wahrheit zu sagen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,542148,00.html
Lieber Herr Matussek, danke für den Anstoss. Wollen wir mit der Pflicht oder mit der Kür beginnen?
Reiner Fasnacht 20.03.2008
4. Wahrheit oder Lüge?
Mathias Mattusek singt das Hohelied der Wahrheit. Soll er, das ist nie verkehrt - zumindest dann wenn er abstrakt bleibt. Doch er verknüpft die Wahrheit mit dem Handeln von Personen. Hier die Dame mit dem Bienenstock auf dem Kopf, die SPD-Abgeordnete Metzger. Das kann ins Auge gehen und nur allzu leicht den Laudator selbst der Lüge überführen. Eine Lüge ist eine Täuschung, zweifellos. Auch ein Wortbruch ist eine Täuschung. Aber ist deshalb ein Wortbruch eine Lüge. Andersherum: Ist Worthalten die Wahrheit? Vergessen wir nicht: Es gab nicht nur das eine gebrochene Versprechen, sonern gleich mehrere. Hat Frau Metzger etwa den Wählern nicht versprochen, sich für den Mindestlohn einzusetzen, die Studiengebühren abzuschaffen, G8 in Ordnung zu bringen und und und... Sie hatte die Gelegenheit dazu und ist wortbrüchig geworden. Lieber verzichtet sie angeblich darauf Politik zu gestalten, als das diese Politik von den Linken unterstützt wird. Was waren diese Wahlversprechen an die Wähler? Die Wahrheit? Steinbrück und Co waren da weniger heuschlerisch: Die SPD sollte mit der Partei koalieren, die eine Umsetzung der Wahlversprechen garantiert verhindert hätte. Vielleicht nicht mit Frau Y., sondern mit Herrn Walter, einem Bruder im Geiste von Frau Metzger und Herrn Steinbrück. Aber das hat ja nun nicht geklappt. Frau Metzger war der Rettungsanker, der verhindert hat, das in Hessen eine andere Politik versucht wurde, als die von Stein..., Struck und Co. Das mag dem Herrn Mattusek gefallen, mit Wahrheit hat das aber nun wirklich nichts zu tun.
Andreas Heil, 20.03.2008
5. Vom Lügen
Zitat von sysopÜber die schwere Kunst, die Wahrheit zu sagen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,542148,00.html
Kein durchgehend schlechter Artikel wenn, ja wenn ... ... Matussek sich nicht an der einen bestimmten Lüge abgearbeitet hätte, sondern deutlich all' die Lügen, die einen wie anderen als solche benannt hätte. Aber sein eigenes Fazit weist gleichzeitig den Weg auf: ... Es gibt ein Bewusstsein darüber, was gut ist und was böse, egal wie das die Gene jetzt finden. Es ist das Gewissen, das einfach nicht totzukriegen ist, ob es uns behagt oder nicht. Der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff nennt es "die innere Stimme". ... In Hamburg avanciert die schwarz-grüne Lüge ohne das angemessene Begleitfeuerwerk aus den Füllern und Federn zur Regierungskoalition, derweil verwaltet weiter südlich die schwarze Lüge halt kommissarisch das höchste Amt im Land. Nur um die groteske, die unerhörte, eben die auserkorene Lüge, von der Veränderung abzuhalten, die sie androhte.
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