Standpunkt Alles Adolf

Vom Jubiläum der Hitler-Tagebücher des "Stern" bis zur "Gustloff" und zu Jonathan Littells "Wohlgesinnten" - die Nazi-Gedenk-Industrie brummt. Die Ursachen sind bizarr.
Von Henryk M. Broder

Gibt man bei google.de "Hitler" als Suchbegriff ein, bekommt man 584.000 deutschsprachige Einträge angezeigt. Das ist viel weniger als im Falle Konrad Adenauers (3.090.000 Seiten), aber fünfmal mehr als bei Erich von Däniken (117.000 Seiten). Stalin kommt auf 1.270.000 Seiten.

Auch Hitlers Beitrag zur Geschichte ist, sachlich betrachtet, eher bescheiden: ein Buch und zwölf Jahre Kanzlerschaft. Däniken hat mehr geschrieben, Adenauer hat länger regiert, und Stalin hat mehr Menschen umbringen lassen. Dennoch hat der Mann aus Braunau in einer wichtigen Kategorie die Nase vorn: Nachhaltigkeit. Tausende Bücher, Filme, Dokumentationen, Doktorarbeiten und Melodramen versuchen, das Phänomen Hitler zu beschreiben, aus dem Kontext der Geschichte zu erklären und analytisch zu durchdringen.

"Hitlers Helfer", "Hitlers Krieger", "Hitlers Frauen", Hitler als Privatmann, Hitler als Verführer, Hitler als Verbrecher - allein der "Chefhistoriker" des ZDF, Guido Knopp, hat im Laufe von 20 Jahren mehr als fünf Dutzend Filme über Hitler, das "Dritte Reich", die Täter und die Opfer, den "Widerstand in Uniform" und den "Kampf bis zum Untergang" produziert, zuletzt die Doku zum Zweiteiler "Die Gustloff". Amazon bietet mehr als hundert Titel in verschiedenen Ausgaben über alle möglichen NS-Themen an, die Knopp geschrieben, herausgegeben oder kompiliert hat.

Knopps Absichten mögen die besten sein - unterhaltsame Aufklärung für die Massen -, am Ende aller Mühen steht freilich auch bei ihm die banale Erkenntnis, dass Hitler ein böser Mann war, der seinem Volk und der Welt viel Schlimmes angetan hat. So weit waren auch schon Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, als sie dem "Scheinriesen" entgegenfuhren und dabei feststellten, dass er immer kleiner wurde, je näher man ihm kam.

Zwischen Hans Jürgen Syberbergs Sieben-Stunden-Opus "Hitler - ein Film aus Deutschland" (1977), dem noch eine Ästhetisierung und Mystifizierung des Grauens angelastet, und Bruno Ganz in Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" (2004), dem der Vorwurf der "Vermenschlichung" gemacht wurde, liegen fast 30 Jahre, zahllose Debatten über Schuld und Sühne und die Einsicht, dass Hitler ein Mensch wie du und ich war, den die Vorsehung irgendwie aus dem Souterrain der Geschichte auf die Kommandobrücke katapultiert hat.

Das ist eine gute Pointe für alle Gelegenheiten, aber sie reicht nicht, um Hitlers mediale Omnipräsenz und Nachhaltigkeit zu erklären. Ralph Giordano spekuliert darüber, wie die Welt aussehen würde, "wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte", andere Hitler-Erklärer gehen der Frage nach, ob Hitler schwul war oder wenigstens eine jüdische Oma hatte. Und wenn einem aus der Adi-Riege nichts mehr einfällt, dann fordert er die Aufhebung des Verbots von "Mein Kampf", um den Autor der Kampfschrift zu "entzaubern". Tritt ein deutscher Exil-Fußballer bei der Vereinsfeier seines australischen Clubs in einem Hitler-Kostüm auf, gibt das umgehend einen Skandal, der auch in Deutschland verhandelt wird; werden in einem Museum auf den Lofoten drei blasse Aquarelle entdeckt mit Gartenzwergen, die mit A. H. signiert sind, dann ist das auch eine Sensation, die das Leben und Schaffen von Hitler in ein völlig neues Licht stellt. So wie die vor 25 Jahren von der Illustrierten "Stern" ausgegrabenen Hitler-Tagebücher, nach deren Veröffentlichung die Geschichte des "Dritten Reiches" neu geschrieben werden sollte.

Ein Ende der Hitlerei ist nicht in Sicht, und für dieses Phänomen muss es eine andere Erklärung geben als das rituelle "Wehret den Anfängen" oder die faktisch richtige, aber sehr vage Feststellung eines Historikers, die NS-Zeit sei "eine Schatztruhe voller dramatischer Geschichten". Das ist die Bibel auch. Dennoch wird das Neue Testament nicht alle paar Monate neu verfilmt.

Das Faszinosum Hitler speist sich aus anderen Quellen. Da ist zum einen das Wissen der Deutschen, dass sie nach 1945 preiswert davongekommen sind. Wobei "Wissen" in diesem Fall eher ein Bauchgefühl bedeutet, aber das ist ja meistens stärker und prägender als jeder kognitive Prozess. Gewiss, die Deutschen haben gelitten und Schreckliches durchgemacht, an der Front und in der Etappe, bei Stalingrad und in Dresden; wer die Bombennächte in Hamburg und Köln erlebt hat, der war schon mit einem Fuß in der Hölle, und wer den Untergang der "Gustloff" überlebt hat, der ist bis an das Ende seiner Tage traumatisiert. Dem darf man auch nicht die Einsicht abverlangen, dass der Holocaust, die "Endlösung" der Juden- und der Zigeunerfrage, schlimmer war. Er wäre völlig überfordert.

Leben mit einer Bestrafungshaltung

Dennoch: Alles, was die Deutschen im Krieg und nach dem Krieg durchmachen mussten, waren nur Unannehmlichkeiten gemessen an dem, wie die Nazis mit ihren Opfern verfuhren. Nicht nur mit den Juden, auch mit den Zigeunern, den Schwulen, den Behinderten, den Wehrkraftzersetzern, den Deserteuren. Für Lidice, Oradour und San Polo gibt es kein von den Alliierten zu verantwortendes Pendant im Hunsrück oder in der Eifel.

Und egal, was die Deutschen im Einzelnen wussten oder nicht wissen wollten, sie rechneten damit, dass die Sieger, nachdem sie die KZ aufgemacht und die letzten Gefangenen befreit hatten, furchtbare Rache üben würden. Gemessen an den Ängsten wäre sogar der "Morgenthau-Plan", der die völlige De-Industrialisierung Deutschlands vorsah, noch als humane Reha-Maßnahme empfunden worden. Doch statt der erwarteten Prügel gab es Schokoriegel und Zigaretten, die "Siegerjustiz" kostete nur ein paar Top-Nazis das Leben, die Entnazifizierung war ein Witz.

Kurzum: Die Strafe blieb aus. Es wäre für die Befindlichkeit der Deutschen besser und gesünder gewesen, wenn es eine gegeben hätte. Denn seit über 60 Jahren leben sie mit einer Bestrafungserwartung, die sie von Generation zu Generation weitergeben. Die äußert sich mal diffus, mal konkret, ist aber immer da und bricht vor allem in Krisenmomenten wie eine verschleppte Krankheit aus. Als das Ende der DDR unmittelbar bevorstand, sprach sich Günter Grass, das Gewissen der Nation, gegen die nationale Einheit aus - die deutsche Teilung müsse als "Strafe für Auschwitz" erhalten bleiben. Wobei er zu erklären vergaß, warum nur die Ostdeutschen büßen sollten, während die Westdeutschen, einschließlich Grass, schon früh auf Bewährung entlassen worden waren.

Als bald darauf alliierte Bomber Angriffe auf Bagdad flogen, hing über dem Eingang zur Humboldt-Universität ein Transparent: "Wann werden wir gebombt?" Klarer und eindeutiger könnte der Wunsch, dass es einen endlich erwischen möge, nicht artikuliert werden.

Deswegen sind Untergangsphantasien und Endzeitängste in Deutschland stärker verbreitet als in Gesellschaften, die nicht täglich mit der strafenden Hand der Geschichte rechnen.

Wenn es nicht das Waldsterben ist, dann ist es die Vogelpest; die Polkappen schmelzen in Deutschland schneller als am Polarkreis, der Tag, an dem nur noch die Turmspitzen des Kölner Doms aus der Nordsee ragen werden, ist so absehbar wie das Ableben der letzten Knoblauchkröte in der Lüneburger Heide. Ein Tag ohne einen Super-GAU ist ein verlorener Tag. Entsprechend sind die Deutschen auch chronisch unglücklich und unzufrieden, unabhängig vom Wetter, der Konjunktur und den Sonderangeboten bei Aldi.

Ein wenig Glück verspricht nur die Aussicht, endlich auch als Opfer der eigenen Geschichte anerkannt zu werden. So wie die Österreicher, die sich 1938 jubelnd von den Nazis überrennen ließen. Zum 70. Jahrestag des "Anschlusses" sagte jüngst Otto von Habsburg, Sohn des letzten österreichischen Kaisers: "Es gibt keinen Staat in Europa, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen" als Österreich - und bekam für diese Worte Standing Ovations. In einer Welt, in der alle Opfer sein möchten - die Polen, die Kosovaren, die Palästinenser, die Russen, die Aborigines in Australien, die Inuit in Grönland -, wollen sogar die Enkel und Urenkel der Täter auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Dabei helfen Bücher wie "Der Brand" von Jörg Friedrich und Doku-Dramen wie "Flucht und Vertreibung". Am Ende wird jeder, dessen Opa besoffen von einem Wachturm gefallen ist, behaupten können, auch er habe einen Angehörigen im KZ verloren.

Die unerfüllt gebliebene Bestrafungserwartung verlangt, dass ihr Verursacher nicht zur ewigen Ruhe gebettet werden darf. Er muss weiterleben wie ein Untoter, der nächtens seine Gruft verlässt, um Reisende zu erschrecken. So wird der Hausherr im Spukschloss Germania zum Garant ewigen Unglücks. Er verkörpert das schlechte Gewissen, das nicht vergehen will. Dazu kommt noch ein Verlust der Selbstachtung, den keine Aufbauleistung und keine Handelsbilanz wettmachen kann.

Ein Schurke wie Stalin hatte Grandezza, Hitler nur Blähungen und Mundgeruch. Von so einem um den Verstand gebracht, bis über den Rand des Abgrunds verführt zu werden ist eine Peinlichkeit, die auch nach 60 Jahren noch mehr schmerzt als der verlorene Krieg. Erwischt ein Mann seine Frau mit George Clooney oder Johnny Depp im Bett, wird er darüber nicht glücklich, aber ein wenig stolz sein. Überrascht er sie mit Karl Moik oder Karl Dall, wird er sich vor Verzweiflung gleich die Kugel geben. Die Deutschen sind leider mit dem größten Würstchen aller Zeiten in flagranti ertappt worden, einem impotenten Kotzbrocken.

Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Mag die ganze Welt ihnen inzwischen verziehen haben, sie selbst nehmen sich diesen Fehltritt noch immer übel. Das spricht für sie, aber es macht ihr Leben zu einem Querfeldeinrennen im Rückwärtsgang.

Deswegen bestehen die Deutschen darauf, dass Hitler ein Dämon war, eine Ausgeburt der Hölle. Wenn man sich schon reinlegen lässt, dann lieber von einem Alien in Menschengestalt als von einem Hütchenspieler. Deswegen wird jeder Ansatz, den "Führer" zu "vermenschlichen", abgewehrt.

Die Verbrechen der Nazis dürfen nicht verharmlost werden, heißt es dann. Tatsächlich soll Hitler nicht auf seine wahre Größe reduziert werden. Deswegen fangen brave Gutmenschen zu hyperventilieren an, wenn nur das Wort "Autobahn" gesagt wird. Deswegen muss jeder Regisseur, der eine Komödie über Hitler dreht, sich als Erstes eine gute Antwort auf die Frage überlegen: "Darf man das?"

Was Hitler so unfassbar und so unbegreiflich macht, ist weniger seine kriminelle Energie als die Tatsache, dass die Leute bei seinen Auftritten vor Lachen nicht ohnmächtig geworden sind. Noch bevor der "Führer" von Charlie Chaplin parodiert wurde, war er schon die perfekte Parodie auf einen großen Diktator, ein elender Politiker, als Komiker wider Willen dagegen erstklassig.

Das "Tausendjährige Reich" begann 1933, vor 75 Jahren. In 925 Jahren wird es vorbei sein. Bis dahin hat die Erinnerungsindustrie noch einiges abzufeiern.