Integration "Meine Zeit wird kommen"

Die Rapperin Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray macht sich jetzt auch als Schauspielerin einen Namen. Mit ihren Obszönitäten greift sie die strenge Welt vieler Deutschtürken an.

Der junge Mann bereut es bitter, dass er Reyhan Sahin angesprochen hat. Was das für ein Mantel sei, wollte er wissen und zeigte auf das Fellungetüm, das über dem Stuhl der Rapperin hängt. "Den habe ich mir aus Schamhaar gebastelt", blökt sie. "Ganz schön viele, hä? Wächst ja immer nach." Betretene Stille.

Die 26-Jährige sitzt in der Cafeteria der Bremer Universität und saugt zufrieden am Strohhalm ihrer Schokomilch. Sie hat schließlich einen Ruf zu verteidigen. Die Deutschtürkin ist in der Rapszene als Lady Bitch Ray unterwegs und dichtet mit Begeisterung Zeilen wie "Kein Schwanz ist so hart wie mein Leben".

Derbe Sprüche. Reyhan Sahin liebt es, mit Fremdscham zu spielen, und versteht etwas von Sprache und ihrer Wirkung: An der Bremer Universität hat sie Linguistik, Germanistik und Sexualpädagogik studiert, dort promoviert sie und gibt Seminare über Kleidungssemiotik, also Bedeutung und Ausdrucksformen von Mode. Wenn neben Interviews, Dreharbeiten und Musik noch Zeit bleibt.

Im Blitzlicht stand sie zuletzt, als sie im Februar den von Fatih Akin produzierten Drogenfilm "Chiko" auf der Berlinale präsentierte. Im April kommt das Drama mit Moritz Bleibtreu und Denis Muschitto, in dem sie in der weiblichen Hauptrolle eine türkische Prostituierte spielt, in die deutschen Kinos. Viel Sex, viele Flüche, viel nackte Haut.

Eine Rolle, die zu Sahin passt. Sie lässt keine Gelegenheit aus, um sich öffentlichkeitswirksam ordinär zu gebärden. Im Januar schüttete sie dem konservativen Journalisten Ulf Poschardt, damals Chefredakteur der deutschen "Vanity Fair", in der Talksendung "Willkommen Österreich" auf ORF mit den Worten "Fuck off, Poschi" ein Glas Wasser ins Gesicht. Poschardt hatte die Rüpel-Rapperin als "Nervensäge" bezeichnet.

Nach einem Gastauftritt in der ARD-Sendung "Menschen bei Maischberger" im Dezember zählte die "Bild"-Zeitung die Sex-Vokabeln, mit denen die Lady um sich geschmissen hatte: 16-mal "ficken" und 10-mal "Vagina" waren dabei, dazu noch Derberes.

Das öffentlich-rechtliche Radio Bremen soll wegen ihrer anstößigen Raptexte im Mai 2006 die Zusammenarbeit mit ihr als Moderatorin des Programms "Funkhaus Europa" beendet haben. Sahin klagt sich deshalb noch immer durch die Instanzen.

Manche nennen ihr Verhalten menschenverachtend und sexistisch. Sie spricht von "Vaginakunst und Rebellion". Tatsächlich aber ist es wohl eher ein überbordendes Geltungsbedürfnis, gepaart mit einer unbändigen Wut auf kulturelle Schranken und Verbote.

Sahin riskiert einiges. Denn was für manch eine deutsche Frau schon als anstößig gilt, ist für viele Türkinnen absolutes Tabu. Das konservative Rollenbild der Frau ist gerade in der türkischen Gemeinschaft in Deutschland oft übermächtig, wo Anstand mehr zählt als Bildung und der schlimmste Ausdruck, den man einer Frau an den Kopf werfen kann, "Orospu" ist. Nutte.

Reyhan Sahin schnalzt mit der Zunge und sagt: "Orrrospu." Genüsslich rollte sie dabei das "r". "Das bin ich, eine Bitch. Ich plädiere für mehr Selbstbewusstsein", sagt sie und zupft ihren goldfarbenen Anorak zurecht. Sie trägt eine enge dunkle Stretchhose und Stiefel mit Leopardenmuster. Die Lippen sind pink angemalt. An jedem Finger ein dicker goldener Ring. "Votze" ist darauf eingraviert oder "Fickt euch". Sie zelebriert das Ordinäre durch und durch.

"Der Begriff 'Bitch' ist für mich positiv", sagt sie. "Das ist eine Frau, die sich nimmt, was sie braucht. Auf sexueller Ebene, aber auch in jeder anderen Beziehung." So weit seien viele in dieser Gesellschaft noch nicht.

Während sie erzählt, kommt ein dunkelhaariger Student an ihren Tisch. Küsschen links, Küsschen rechts, und weg ist er wieder. "Das war mein kleiner Kanakenbruder", sagt Sahin. Der 24-Jährige studiert Sport und Philosophie an der Bremer Universität. Die Lebensphilosophie seiner Schwester will er nicht kommentieren. "Meine beiden Brüder sind meine Fans", beteuert Sahin.

Ihre Eltern sind vor 30 Jahren aus der Osttürkei nach Bremen eingewandert. Ihr Vater hat 25 Jahre lang als Schweißer gearbeitet und ist mittlerweile arbeitslos. Die Mutter ist Hausfrau. Beide sprechen schlecht Deutsch. Behördengänge mussten lange die Kinder für ihre Eltern erledigen.

"Wenn man den Migrationshintergrund von Reyhan Sahin betrachtet, ist die gute sprachliche Darstellung in ihrer akademischen Arbeit eine ganz besondere Leistung", sagt Wolfgang Wildgen, Professor für Linguistik und Sahins Doktorvater. "Auch methodisch ist sie sehr gut." Sahin hat ihre Magisterarbeit "Jugendsprache anhand der Darstellung der Jugendkultur HipHop" mit 1,2 abgeschlossen und ist Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die der Partei Die Linke nahesteht. In ihrem Seminar zur "Einführung in die Kleidungssemiotik" an der Bremer Universität saßen im vergangenen Semester 32 Studenten. "Erfrischend" fand Joanna Kalski den Unterricht und betont, dass ihre Dozentin "den Stoff sehr gut vermitteln kann".

Sahin wäre das perfekte Beispiel für gelungene Integration. Sie könnte eine jener Vorzeigetürkinnen sein, die Politiker gern als Beleg für erfolgreiche Ausländerpolitik auf die Bühne stellen. Könnte.

Irgendwo muss dann aber doch etwas schiefgelaufen sein. Ansonsten würde Sahin nicht an Texten feilen, in denen sie den CDU-Politiker Roland Koch mit allerhand Körpersekreten in Verbindung bringen will und Kanzlerin Angela Merkel empfiehlt, sich ihre Türkeipolitik "in die ... zu schieben".

Von der türkischen Community werde den Frauen das Leben schwergemacht, aber vonseiten der deutschen Politik auch, findet Sahin. "Was bitte tun die, um junge türkische Frauen zu unterstützen?"

Rückhalt habe sie jedoch immer von ihrer Familie bekommen. "Für meinen Vater ist Bildung unglaublich wichtig. Weil er selbst die Chance dazu nicht hatte", sagt sie. An ihren Rap im "Vagina Style" habe er sich mittlerweile gewöhnt. "Mein Vater ist cool, der steht da drüber."

Bisher gibt es Lady Bitch Rays Lieder nur im Internet auf MySpace. Fast zwei Millionen Mal wurden ihre Songs gehört. Im Sommer würde sie gern ein "echtes Album zum Anfassen" veröffentlichen, hat aber noch keinen Finanzier gefunden, der ihr Label "Vagina Style Records" unterstützt. Sahins "Votzenvulgärlatein" lässt sich schlecht vermarkten. "Das wird sich bald ändern", sagt sie. Konkrete Verhandlungen mit einem Musiklabel gebe es bereits. "Meine Zeit wird noch kommen."

So langsam habe sie zudem das Gefühl, dass auch ihre Botschaft durchdringt. Vor ein paar Wochen erst habe sich ein Vater bei ihr bedankt, mit den Worten: "Liebe Frau Sahin. Jetzt habe ich endlich etwas in der Hand, um meiner Tochter zu sagen: Hör von mir aus Rap und zieh an, was du willst, aber mach trotzdem dein Abitur. Lady Bitch Ray hat's auch geschafft."

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