AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2008

Fans in Uganda FC Bayern Kampala

Bayern München hat selbst in Uganda einen eigenen Fanclub. Die gut organisierten Anhänger in der Hauptstadt Kampala können zwar die Spiele nicht sehen und müssen sich gegen harte Konkurrenz wehren - aber dafür werden sie aus dem Allgäu gesponsert.


Immer wenn in Europa Fußball-Spieltag ist, bewegen sich lange Pilgerzüge durch Ugandas Hauptstadt Kampala. Die einen ziehen in der blauen Kluft des FC Chelsea durch die Straßen. Sie tragen Hemden, auf denen der Name Ballack steht oder Lampard.

Ugandische Bayern-Fans: Träume von Rummenigge und Breitner
Thilo Thielke

Ugandische Bayern-Fans: Träume von Rummenigge und Breitner

Die anderen marschieren für Manchester United in Rot, die Namenszüge Rooney oder Ronaldo auf dem Rücken. Die dritte Kolonne bevorzugt rote Hemden mit weißen Ärmeln und huldigt Arsenal.

Es sind friedliche Züge. Trotz ihrer unterschiedlichen Konfessionen, die sie öffentlich zur Schau stellen, bekriegen sich deren Teilnehmer nicht, wenn sie zur Rushhour aufeinandertreffen. Ab und zu frotzeln sie sich an. Mehr nicht.

Ziel der farbenfrohen Marschierer ist eine der heruntergekommenen Hauptstadtkneipen, in denen meist wenig mehr als ein Fernsehgerät, einige kaputte Plastikstühle und ein paar Flaschen Bier auf sie warten. Das eine Lokal strahlt dann chelseablau, das zweite manchesterrot, das dritte arsenal-rotweiß. Das Gerät wird eingeschaltet, es wird gefiebert und gejohlt. Für 90 Minuten herrscht noch einmal das Vereinigte Königreich im einstigen Protektorat. Für andere ist wenig Platz in Ugandas wohlsortierter Fußballwelt.

Nur eine kleine weiß-rot gestreifte Sekte mit blauweißem Hintergrund wehrt sich standhaft gegen Albions Übermacht. Sie besteht aus einigen hundert Sympathisanten, trägt Bayern-München-Kluft und hat einen schweren Stand. Chelsea, Manchester United, die Gunners - sie alle spielen Champions League. Gegen die Crème de la Crème des europäischen Fußballs also: gegen Barcelona oder Real.

Bei den Abweichlern hingegen stehen Schriftzüge auf dem Rücken wie Ottl oder Schweinsteiger - ein Name, den niemand hier aussprechen kann. Sie hängen einem Verein an, der es in dieser Saison im Uefa-Cup allenfalls mit Fallobst wie dem FC Aberdeen zu tun hatte. Uefa-Cup aber kommt in Uganda nicht einmal im Fernsehen vor.

So schwer es die schwarzen Bajuwaren gegen die Anhänger der steinreichen Clubs aus London oder Manchester auch haben mögen: Der FC Bayern Kampala ist ein erstaunlich erfolgreiches Projekt. Nicht nur, dass sich mehr als 200 Ugander in der Bayern-Fangemeinde registrieren ließen und sogar Beiträge zahlen. Der Club verfügt auch über eine eigene, 18-seitige Satzung sowie ein Emblem, welches den ugandischen Wappenvogel - den Kronenkranich - neben dem Bayern-Abzeichen zeigt, und über ein eigenes Motto: "Forever as one".

Er hat auch eine eigene Fußballmannschaft auf die Beine gestellt, die in einer ugandischen Liga spielt und im Statut eine Menge hehrer Prinzipien formuliert: "Fair Play, gegenseitiges Vertrauen und Einigkeit durch eine gemeinsame Vision".

Mentoren des FC Bayern Kampala sind Gleichgesinnte aus dem Allgäu: der Bayern-Fanclub Babenhausen. Von "unseren Freunden in Babenhausen" spricht Patrick José Kalungi, der Vorsitzende des Clubs in Kampala: "Sie bringen uns Bayern-Trikots, Mützen und Schals." In seiner kleinen Hütte hängen die einschlägigen Poster, Fahnen, Jerseys.

Kalungi liebt den deutschen Fußball, seit er in den achtziger Jahren Klaus Augenthaler spielen sah - jenen Mann, der mit den Bayern siebenmal Meister wurde und 52 Tore für sie schoss. Kalungi war immer Augenthaler gewesen, wenn sie auf der Straße kickten, und seine Gegner nannten sich 1. FC Köln oder Hamburger SV: "Wir haben die Bundesliga bewundert, sie war die beste Liga der Welt." In Uganda beseitigten sie damals die Scherben der Terrorherrschaft Idi Amins, doch Patrick Kalungi träumte von Rummenigge und Breitner und einem Fan-Club vom FCB. Noch sollte es eine Weile dauern, bis sein Traum in Erfüllung gehen würde.

Der Anstoß dazu erfolgte vor zwölf Jahren im deutschen Allgäu. Da erschien in der Kirche von Kettershausen Lawrence Ssemusu, ein pechschwarzer Pater aus Uganda, den die Diözese Augsburg als Urlaubsvertretung entsandt hatte. Für Kettershausen war der Gottesmann eine misstrauisch beäugte Sensation.

Auch Reinhold Reinöhl staunte. Reinöhl fuhr schon seit vielen Jahren Lastwagen für einen großen Milchproduzenten durch die Region. Da erlebt man einiges. Aber so etwas hatte auch er noch nicht gesehen: einen schwarzen Priester in der Gemeinde.

Ganz behutsam näherten sich beide einander an. Ob Lawrence auch wisse, was Fußball sei? Ja, sicher. Ob er denn auch den berühmten FC Bayern kenne? Na klar. Ob er Lust habe, einmal mitzukommen ins Olympiastadion? Lawrence war begeistert. Reinöhl auch, der Vorsitzende des FC-Bayern-Fanclubs Babenhausen. Das letzte Eis zwischen dem Allgäuer und dem fremden Pater brach mit dem gemeinsamen Stadionbesuch.

Sie kamen noch auf andere Themen zu sprechen, die Armut in Uganda, die vielen Analphabeten, und Reinhold Reinöhl beschloss, sich in Afrika zu engagieren. Er gründete das Projekt "Hilfe für Kinder in Uganda", mit dem er Schulen in der Heimat von Lawrence Ssemusu unterstützt. Er fuhr in das ostafrikanische Land, viermal schon mittlerweile, in dieser Zeit wurden vier Schulhäuser mit seiner Hilfe renoviert. Die Bayern, die richtigen Profis, halfen mit einem Benefizspiel im Allgäu.

Und irgendwann geschah das Unvermeidliche. Da trafen sich auf Kampalas staubigen Straßen Bayern-Fans, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten: Reinhold Reinöhl aus dem Allgäu, der Aushilfspriester Lawrence Ssemusu und Patrick Kalungi, der immer noch von Klaus Augenthaler schwärmte und mittlerweile im ugandischen Sport- und Erziehungsministerium arbeitete.

Sie mussten nicht lange überlegen, was nun zu tun sei. Sie schworen sich "Forever as one", und so ist es bis heute geblieben.



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