AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2008

Gesundheit Mangel im Überfluss

Groß ist die Klage über fehlende Ärzte - dabei gibt es immer mehr Mediziner. Sie sind nur nicht da, wo man sie braucht. Schuld daran, dass ganze Regionen verwaisen, sind die Funktionäre.

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Wer wissen will, wie mies es in Deutschland den Ärzten geht, muss sich beim Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erkundigen, Dr. med. Andreas Köhler. Fragen nach dem Befinden beantwortet der Spitzenfunktionär verlässlich mit "sehr, sehr schlecht". Das Ansehen der Heilkunst schwinde, der Stress nehme zu. Für immer mehr Arbeit gebe es immer weniger Geld.

Aktuell hat die Lage offenbar einen neuen Tiefpunkt erreicht. Wo immer Köhler dieser Tage auftritt, macht sich Untergangsstimmung breit. Es fallen Schockvokabeln wie "Rationierung" und "Versorgungsnotstand". Zigtausende Mediziner wollten dem System demnächst den Rücken kehren, es fehle Nachwuchs. "Es zeichnet sich ein dramatischer Ärztemangel ab", sagt Köhler und verlangt, es müsse schleunigst mehr Geld ins System gepumpt werden. Ihm schwebt da eine Summe von 18 Milliarden Euro vor.

Bemerkenswerterweise ertönt Köhlers Wehgeschrei umso lauter, je weniger es durch harte Zahlen gestützt werden kann. Während der Gesundheitsfunktionär den Eindruck erweckt, die Ärzte seien eine akut vom Aussterben bedrohte Spezies, beobachten die Statistiker seiner KBV, Dezernat 4, Abteilung Bundesarztregister, den genau entgegengesetzten Trend. Sie haben festgestellt, dass die Zahl der Mediziner in Deutschland nicht etwa sinkt, sondern steigt.

Zu Beginn des vergangenen Jahres gab es demnach 136.105 ambulant tätige Ärzte - ein neuer Nachkriegsrekord. Um 16 Prozent ist die Medizinerschar seit Mitte der neunziger Jahre angewachsen - und damals war in öffentlichen Debatten nicht von "Ärztemangel" die Rede gewesen, sondern von "Ärzteschwemme".

Eigentlich müssten sich Kassenpatienten daher besser umsorgt fühlen als je zuvor. In kaum einem anderen Land der Europäischen Union gab es zuletzt - gemessen an der Einwohnerzahl - mehr Fachärzte als hierzulande. Bei den Hausärzten liegt Deutschland vor Holland und den skandinavischen Ländern. "Der internationale Vergleich zeigt, dass die Versorgungsdichte in Deutschland hoch ist", heißt es auch in einer Aufstellung des Bundesgesundheitsministeriums.

Das ist allerdings nicht überall so. In strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands warten Mitglieder einer gesetzlichen Krankenkasse oft monatelang auf einen Termin beim Facharzt. Auch in den alten Bundesländern häufen sich Beschwerden über volle Wartezimmer. Kaum noch vorstellbar, dass einige Ärzte früher sogar Hausbesuche machten.

Es gilt, einen besonders misslichen Fall von Fehlsteuerung zu bestaunen: Ärztemangel und Ärzteüberfluss treten im deutschen Gesundheitswesen neuerdings gleichzeitig auf, und zwar mit allen damit verbundenen Nachteilen. Einerseits kommen bundesweit immer mehr Mediziner auf immer weniger Kassenpatienten; das treibt die Kosten und Kassenbeiträge hoch. Andererseits werden ganze Landstriche zu praxisfreien Zonen.

Schuld an der Misere sind zunächst die Ärzte selbst. Vom heiteren Leben in Metropolen wie Berlin, Hamburg, München und dem Rhein-Ruhr-Gebiet sowie von den Vororten mit vielen Gutverdienern fühlen sie sich magisch angezogen. Die Hartz-IV-Hochburgen in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern hingegen sind schon wegen des sehr geringen Aufkommens an Privatpatienten aus Medizinersicht zu meiden.

Eigentlich müssten an dieser Stelle die Kassenärztlichen Vereinigungen eingreifen. Es handelt sich um Körperschaften des öffentlichen Rechts; ihnen obliegt die lückenlose Versorgung mit niedergelassenen Haus- und Fachärzten. Für die von KBV-Chef Köhler beklagten Versorgungslücken ist deshalb vor allem einer verantwortlich: Köhler selbst.



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Seite 1
maxmehr2008 31.03.2008
1. Das Problem ...
... ist doch ganz einfach gelagert. Der Beruf des Mediziners ist, auch wenn einem das mehr oder weniger missgünstige Personen einreden möchten kein gewöhnlicher Beruf und aus diesem Grunde darf er auch nicht so bezahlt sein. Erstes Argument ist, dass man Verantwortung für Menschenleben trägt, in JEDEM Beruf, bei dem dies nur annähernd der Fall ist (z.B. Berufspilot) ist das ein Argument hohe 5 stellige Gehälter zur Grundlage zu machen (Lufthansaeinstiegsgehalt um 60.000€ mit Endgehältern im 6 stelligen Bereich). Des Weiteren hat man Wechselschichten, Tag und Nachtarbeit, Wochenenden, Feiertage etc ... was logisch ist, aber in welchem Bereich werden diese Extrazeiten so mies bezahlt?? Des Weiteren kann man sich seine Patienten nicht aussuchen, nicht jeder Mensch hält regelmäßiges Duschen für wichtig. Wer von den hier lesenden Kollegen einmal eine Leiste nach Koronarangiographie abegdrückt und dabei vom Patienten Erbrochenes ins Gesicht bekommen hat, wird mir zustimmen, dass unser Beruf kein normaler Beruf "wie jeder andere" ist. Dann lassen Sie uns doch alle ehrlich sein - wer Top Mediziner mit Einser Examina, Promotion und Motivation will kann nicht verlangen, dass diese nach 6 Jahren Studium, Promotionsarbeit und gutem Abitur für lächerliche 3.500€ arbeiten. Ja, mit Diensten kommt man auf 2.500€ netto, vielleicht mal 3.000€ wenn man jeden Tag im Krankenhaus war, fragen Sie doch mal eine Mitarbeiter von McKinsey, was der von 3.500€ Grundgehalt hält, ach ja stimmt ja, Unternehmensberater habens viel schwerer als wir ;-)))) Australien, England, Frankreich - alle suchen Ärzte, seltsamerweise ist dort Geld vorhanden und dies ist auch der Grund, warum ich Ende des Jahres zusammen mit 2 Kollegen hier auch die Segel streiche. Sollen doch die lieben Poliker, Redakteure und alle die meinen, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gegessen, sich selber behandeln, vielleicht wird man dann irgendwann begreifen, wie wichtig motivierte und gutbezahlte Mediziner sind. Ich möchte dabei anmerken, dass ich definitiv meinen Frust nicht am Patienten ablasse, so wie das einigen Kollegen vorgeworfen wird, kranke Menschen können nichts dafür. Ach noch eine Frage an Frau Schmidt: Würden Sie für 3.500€ arbeiten gehen ??? Wohl kaum ... schönen Tag noch !!!
alte unke, 31.03.2008
2. Eine Alternative
Wenn es wirkllich ernst wird, werden vielleicht die gesetzlichen Kassen individuelle Verträge mit Heilpraktikern schließen - zumindest in den Regionen, wo akuter Ärztemangel herrscht. Wie sagt man so schön: In der Not frisst der Teufel Fliegen:-))
Act_of_Peace, 31.03.2008
3. Tschüss - aber...
Zitat von maxmehr2008... ist doch ganz einfach gelagert. Der Beruf des Mediziners ist, auch wenn einem das mehr oder weniger missgünstige Personen einreden möchten kein gewöhnlicher Beruf und aus diesem Grunde darf er auch nicht so bezahlt sein. Erstes Argument ist, dass man Verantwortung für Menschenleben trägt, in JEDEM Beruf, bei dem dies nur annähernd der Fall ist (z.B. Berufspilot) ist das ein Argument hohe 5 stellige Gehälter zur Grundlage zu machen (Lufthansaeinstiegsgehalt um 60.000€ mit Endgehältern im 6 stelligen Bereich). Des Weiteren hat man Wechselschichten, Tag und Nachtarbeit, Wochenenden, Feiertage etc ... was logisch ist, aber in welchem Bereich werden diese Extrazeiten so mies bezahlt?? Des Weiteren kann man sich seine Patienten nicht aussuchen, nicht jeder Mensch hält regelmäßiges Duschen für wichtig. Wer von den hier lesenden Kollegen einmal eine Leiste nach Koronarangiographie abegdrückt und dabei vom Patienten Erbrochenes ins Gesicht bekommen hat, wird mir zustimmen, dass unser Beruf kein normaler Beruf "wie jeder andere" ist. Dann lassen Sie uns doch alle ehrlich sein - wer Top Mediziner mit Einser Examina, Promotion und Motivation will kann nicht verlangen, dass diese nach 6 Jahren Studium, Promotionsarbeit und gutem Abitur für lächerliche 3.500€ arbeiten. Ja, mit Diensten kommt man auf 2.500€ netto, vielleicht mal 3.000€ wenn man jeden Tag im Krankenhaus war, fragen Sie doch mal eine Mitarbeiter von McKinsey, was der von 3.500€ Grundgehalt hält, ach ja stimmt ja, Unternehmensberater habens viel schwerer als wir ;-)))) Australien, England, Frankreich - alle suchen Ärzte, seltsamerweise ist dort Geld vorhanden und dies ist auch der Grund, warum ich Ende des Jahres zusammen mit 2 Kollegen hier auch die Segel streiche. Sollen doch die lieben Poliker, Redakteure und alle die meinen, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gegessen, sich selber behandeln, vielleicht wird man dann irgendwann begreifen, wie wichtig motivierte und gutbezahlte Mediziner sind. Ich möchte dabei anmerken, dass ich definitiv meinen Frust nicht am Patienten ablasse, so wie das einigen Kollegen vorgeworfen wird, kranke Menschen können nichts dafür. Ach noch eine Frage an Frau Schmidt: Würden Sie für 3.500€ arbeiten gehen ??? Wohl kaum ... schönen Tag noch !!!
ich möchte das Sie das Studium an uns Steuerzahler zurückzahlen von ihrem vielen Geld was Sie dann im Ausland bekommen! PS: Ich möchte das diese 2-Klassen-Kranken-Gesellschaft aufgehoben wird! PPS: Ich möchte das Pflegepersonal und Ärzte ein ordentliches Gehalt für ihren Dienst erhalten und das "Funktionäre" die nur Geld bekommen gänzlich abgeschafft werden!
Nicosch, 31.03.2008
4. ...
Ich liebe das Kabarett von Volker Pispers, für mich ist das nichts Neues! ;) Natürlich müssen Ärzte gut bezahlt werden, das ist doch jedem klar hier. Aber eben nicht in überversorgten Regionen! Die Ärzte schaffen sich dort nunmal ihren eigenen Bedarf, sprich, die Leute in überversorgten Regionen sind auch kurioserweise häufiger krank. Auch bei den Ärzten, wie bei allen anderen Berufsgruppen gibt es eben schwarze Schafe, Verantwortung hin oder her. Ich spreche hier nicht von den armen Schweinen, die in Krankenhäusern arbeiten und total überlastet sind. Ich möchte meinem Vorredner deswegen nur mal kurz sagen, dass Arzt nicht gleich Arzt ist! Ich persönlich würde mal Krankenschwestern besser bezahlen!
Hador, 31.03.2008
5. Der GRUND ist eine Sache....
...das Problem ist aber durchaus real auch wenn der Autor diese Artikels das offenbar nicht wahrhaben will. Denn mit einem Vorurteil dieses Artikels will ich gleichmal aufräumen: Ärztemangel gibt es nicht nur im Osten. Ich bin vor 2 Jahren mit meiner Partnerin nach Ostwestfalen/Lippe gezogen. Als sie als Kassenpatientin dann das erste Mal einen Hausarzt gebraucht hat ging das Drama los. Sie hat bei 4 Praxen angerufen, bei den ersten 3 wurde sie lapidar abgefertigt mit der Auskunft: "Tut uns leid wir nehmen keine neuen Patienten mehr!" Bei der 4. Praxis ging niemand ans Telefon, also hat sie sich am nächsten Tag einfach ins Auto gesetzt und ist zu dieser Praxis hingefahren ohne Termin und Voranmeldung. Als sie dann da war wurde ihr auch hier gesagt, es würden keine neuen Patienten mehr angenommen aber weil sie nun schonmal da wäre und sich wirklich nicht gut anhören würde machen sie mal ne Ausnahme. Da kommt man sich schon ein bissel wie in einer Bananenrepublik vor. Natürlich sind an dieser Misere mehrere Schuld, die Politiker mit ihren Gesundheitsreformen, die Krankenkassen mit ihrem oft sehr fähigen Management und auch die Ärzte, die lieber in Großstädten sitzen als auf dem flachen Land oder in mittelgroßen Städtchen. Dennoch ist ein MANGEL an Allgemeinmedizinischen Praxen gerade im ländlichen Raum (und etwas anderes hat ja nie jemand behauptet auch wenn das dem Autor des Artikels nicht klar zu sein scheint) eben KEINE Mähr sondern leider durchaus Realität.
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