AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2008

Ausland Barbies Babys

Global Village: In einem Schönheitssalon in Beverly Hills lernen Drei- bis Achtjährige den kalifornischen Körperkult lieben.

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In rosafarbenen Bademäntelchen laufen sie herum, den Lolli in der einen Hand, den tragbaren DVD-Spieler in der anderen. Sechs Mädchen, ein Junge, sieben Stimmen kreischend hoch: "Sieht das nicht süß aus?" Und Paxton Malone, fünf, steckt die zarten Füße ins Becken, es riecht nach Vanille und blubbert bunt. Paxton legt den DVD-Spieler auf die Oberschenkel, damit sie eine Hand frei hat für ein Stück Zitronentorte, sie beißt hinein, ohne hinzugucken, denn sie starrt auf den Bildschirm. Sie guckt "E.T.".

Zu Paxtons Füßen kniet eine erwachsene Frau. Sie rubbelt Paxtons Füße trocken. Schneidet die Zehennägel, feilt die Zehennägel, lackiert die Zehennägel. "Wie fühlst du dich, Paxton?", fragt die Frau.

"Was?", fragt Paxton und nimmt den Kopfhörer ab.

"Wie du dich fühlst, kleine Paxton?"

Paxton stöhnt jetzt wie eine Große. "Besser", sagt sie dann.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass "Spa Di Da" hier erfunden wurde, in Beverly Hills. Spa Di Da ist angeblich der erste Schönheitssalon, das erste Spa, das ausschließlich für Kinder da ist; demnächst soll es exportiert werden, nach New York, Chicago, San Francisco, dann nach England, ins alte Europa, hinaus in die ungepflegte Welt.

Geht man durch dieses Beverly Hills, sieht man nicht mehr viele Menschen, die einfach so aussehen, wie man halt aussähe, entspräche das Aussehen dem Alter, der Natur oder auch dem eigenen Verhalten. Die Arme hier sind dicker als anderswo (bei den Männern), die Nasen schmaler, die Brüste praller (bei den Frauen). Schwarze lassen sich operieren, lassen jene Stellen aufpumpen und andere absaugen, Weiße machen das Gleiche, die Mexikaner machen das eher nicht, aber Mexikaner kommen selten vor in Beverly Hills.

Es ist ein Klima, in dem jede 50-Jährige, die sich nicht operieren lässt, Außenseiterin ist - so faltig die Haut. Beverly Hills ist ein Dorf, in dem so gut wie jeder in Fensterscheiben und allem, was sonst noch spiegelt, überprüft, wie er aussieht. Linksdrehung, Rechtsdrehung, Haare zurück, Strähnchen in die Stirn: Schönheit ist Leistung hier, Altern ist Versagen, und genussvoll oder spielerisch ist daran nichts.

Natürlich sagen sie aber genau dies bei Spa Di Da: ist doch alles nur Spiel.

Sie bieten "Glitz & Glam Makeup" für 30 Dollar an und Frisuren, die "The Diva", "The Princess" und "The Rockstar" heißen, sie entfernen die Haare von Beinen und Armen, mit Wachs, wie bei Mami. Und die Kinder sitzen herum mit Gurkenscheiben auf den Augen und strecken die Fingerchen aus, und zwei erwachsene Frauen, eingewandert, Greencard-Besitzerinnen, hocken vor diesen Kindern und lächeln und lackieren.

"Ich will meine Haare wie Britney", ruft nun Ava, vier. Und Jackson, sieben, sagt: "Britney ist scheißdumm."

Es passiert ja inzwischen alles recht früh in Amerika: Lindsay Lohan fuhr schon mit 17 Jahren Autos zu Schrott, Paris Hilton kam mit 26 in den Knast, Britney Spears, so hört man, wollte ihrem Sohn die Milchzähne bleichen lassen und trägt keinen Slip. "Train wreck", das ist der Ausdruck, der in Amerika fällt, wenn von Frau Spears die Rede ist, Zugwrack.

Dies sind die Vorbilder, so wie diese Damen wollen die fünf-, acht-, elfjährigen Mädchen sein, Ava sagt: "Dann halt wie Paris." "Wie Ashley", das sagt Georgia.

Ashley Tisdale ist 22 Jahre alt und mindestens ein Weltstar in Kalifornien, seit sie in "High School Musical 2" mitgespielt hat. Sie wurde reich damit, und vom Reichtum kaufte sie sich erst einmal eine neue Nase, aus gesundheitlichen Gründen, sagte sie, wegen der Atmung. Rund 13 Millionen Mal wurden Schönheitschirurgen 2007 in den USA tätig, um Nase und Brüste geht es oft, der Anteil der Teenager steigt. Es gibt eine Fernsehserie, "I want a famous face", in der sich junge Amerikaner operieren lassen, damit sie aussehen wie Barbie oder Britney.

So etwas allerdings machen sie nicht im Spa Di Da, operiert wird hier nicht, sie können den Kindern nur sagen, wo sie den nächsten plastischen Chirurgen finden. "Man kann doch nicht ignorieren, welche Rolle das Aussehen heute spielt", sagt April Weiss, die Geschäftsführerin.

An die Wände haben sie Drachen und Prinzessinnen gemalt. Und Ritter und Burgen und Feen und Fliegenpilze und Frösche. Und wuchernde Bäume.

Psychologen warnen davor, Kinder in das Leben Erwachsener zu pressen. Pädagogen sagen, Kinder sollten rennen, toben, manschen, schmieren. Maria Botham, geboren in Hollywood, aufgewachsen in Hollywood, sagt: "Meine Töchter sind zweieinhalb und viereinhalb Jahre alt, ich habe Georgia und Lucia immer mitgenommen, wenn ich zur Kosmetik ging. Sie wollten, was ich habe. Wir bieten nur an, was Kinder heute sowieso wünschen."

Maria Botham, 38, ist CEO von Spa Di Da, die Chefin. Sie trägt Jeans, einen breiten Gürtel, ein weißes T-Shirt. Sie hat lange braune Haare, sie ist natürlich schlank und sieht ein bisschen einsam aus, die grünen Augen ganz traurig, aber Maria sagt: "Ich wollte immer schon Unternehmerin sein. Das hier ist eine Idee dieser Zeit. Wir werden nun Lizenzen vergeben, die Welt ist bereit für diese Idee."

Das Luxuspaket kostet 125 Dollar: Schokoladenmaske, Maniküre, Fußbad in pinkfarbener Limonade mit anschließender Pediküre, Hair-Styling, Make-up und Abzieh-Tattoos. Bridget Fonda hat ihre Süßen schon vorbeigebracht, Rebecca De Mornay auch.

Jackson, der Siebenjährige, hält das Mobiltelefon in der Hand und lässt sich das Kinn einseifen. Die erste Rasur.



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