AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2008

Stasi "Die Angst ist noch da"

Von

2. Teil: "In Anerkennung hervorragender Leistungen im Kampf gegen den Feind"



Im Juni 1980 wurde "Schubert" belobigt - "in Anerkennung hervorragender Leistungen im Kampf gegen den Feind", es gab eine Reise in die Sowjetunion. Der IM "Schubert" war dem Ministerium für Staatssicherheit viel wert. Die Akte ist voller Belege und Quittungen. Immer wieder erhielt der Zuträger Geld von der Stasi, mal einen Kredit, mal eine Heizung, dann Kronen für eine Reise in die CSSR.



Und immer neue Erfolge verbuchte der Geheimdienst. 1984 notierte ein Stasi-Offizier, "Schubert" sei es gelungen, in die Evangelische Studentengemeinde an seinem Studienort Freiberg einzudringen. Er habe dort eine geachtete Position, "dazu gehört auch die Realisierung der Taufe". Die Taufurkunde befindet sich in der Stasi-Akte: Im Alter von 22 wurde "Schubert" im Auftrag der Staatsmacht Christ. Sein Taufspruch stammt aus der Bergpredigt: "So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." Auf den damaligen Studentenpfarrer Klaus Goldhahn, der S. taufte, waren zehn IM angesetzt, einer davon war "Schubert".

Mit einer "Erklärung" vom 6. November 1989 endet die Akte "Schubert": Der IM entpflichte sich schriftlich vom Stasi-Dienst, kurz zuvor hatte er den Führungsoffizier noch um Hilfe beim Kauf eines Autos gebeten. S. kündigte seine Übersiedlung "in die BRD" an und stellte doch vage eine Rückkehr in Aussicht. Die Erklärung - drei Tage vor dem Mauerfall - endet mit dem Satz: "Falls Sie eines Tages alle Minister, die diese innen- und außenpolitische Schande auf dieses Volk gebracht haben, hinter Schloss und Riegel bringen, bin ich der Erste, der wiederkommt."

Es ist nicht ganz klar, was S. damit gemeint hat, aber in diesen Tagen bekommt die Drohung einen ganz aktuellen Bezug: Einige sehen offenbar die Zeit gekommen, zurückzuschlagen. Pfarrer Käbisch etwa, der Stasi-Aufklärer, bekommt gehässige Briefe von hohen Ex-Stasi-Offizieren. Eine Protesterklärung gegen eine Ausstellung in der früheren Stasi-Haftanstalt in Halle unterzeichnete im vergangenen Jahr gleich eine ganze Gruppe ehemaliger Vernehmer.

Im kleinen Neumark mit seinen 3400 Einwohnern ist zu spüren, dass die Arbeit der früheren Stasi-Kader Folgen hat. Man flüstert wieder. Ja, sagt eine Frau in ihrem Laden, sie kenne Leute, die damals inhaftiert wurden, zwei Schwestern darunter. Aber mehr wolle sie nicht sagen, "wenn schon Herrn Pfarrer Käbisch vom Gericht der Mund verboten wird". Und dann ist schnell von den kleinen Leuten die Rede, die ja nichts machen könnten, und ein ganz bestimmtes DDR-Gefühl ist wieder da.

Auch eine Frau, die zu den vier Inhaftierten des Jahres 1980 gehörte, will anonym bleiben. Zweieinhalb Jahre hat sie im Gefängnis verbracht, weil sie als Schülerin über Monate "Freiheit statt Sozialismus" auf Straßen der Gegend gesprüht hatte. Es war ihr klar, wer sie und die drei anderen verraten hatte. Immer wieder ist sie dem Denunzianten in den vergangenen Jahren begegnet. "Entschuldigt hat er sich nie, dieser Typ, der jetzt auf Superkapitalist macht." Und dann fügt sie hinzu: "Die Angst ist immer noch da."

Vielleicht liegt es an der Entfernung, an einer Art Sicherheitsabstand, die er hat - aber es gibt doch ein Opfer des IM "Schubert", das offen redet. Thomas Singer war in Reichenbach Mitschüler des Spitzels. Er ist heute Lehrer in Brandenburg. In seiner Akte finden sich mehrere Berichte von IM "Schubert".

"Schubert" borgte sich 1980 ein kleines Textbuch, in das Thomas Singer Liedertexte der DDR-kritischen Sänger Bettina Wegner und Gerulf Pannach geschrieben hatte. Kurz nachdem "Schubert" ihm das Büchlein zurückgeben hatte, wurde Thomas Singer aus dem Klassenraum gerufen. Dann ging es im Stasi-Lada zur Vernehmung. "Ich hatte Angst", erinnert sich Thomas Singer. Unter Druck gesetzt, aus Sorge um die Familie, erklärte er sich später selbst kurzzeitig zu Treffen mit der Stasi bereit.

Thomas Singer, 46, ist nach der friedlichen Revolution einen anderen Weg gegangen als sein einstiger Mitschüler. Er hat sich nicht versteckt, er ist nicht vor seiner Geschichte geflohen. Er hat bei der Überprüfung im entsprechenden Fragebogen das Kreuzchen bei "IM" gemacht, obwohl er ja auch eine Opferakte hat. Wegen des Makels durfte er nicht Beamter werden, "das habe ich sozusagen ihm zu verdanken", sagt Thomas Singer. Er ist Lehrer für Deutsch und Geschichte. Er redet oft mit seinen Schülern über das, was in der DDR geschah.

Die alte Geschichte lässt ihm keine Ruhe, er hat 28 Jahre später noch sehr genaue Erinnerungen. Einen bewegenden Brief an Pfarrer Käbisch hat er geschrieben, dem das Schreiben nun auch ein Stück Bestätigung ist. Oft genug ist Käbisch belächelt worden, weil er dem Thema Stasi noch immer Bedeutung beimisst.

Auf Käbischs Tisch in seinem Zwickauer Arbeitszimmer brennt eine Kerze in einem Ring aus Stacheldraht. Die Ausstellungstafel mit der Akte "Schubert" steht an seiner Bücherwand.

Diesen Dienstag wird das Landgericht entscheiden, ob er sie gemeinsam mit Oberbürgermeister Kießling wieder aufhängen darf.



insgesamt 433 Beiträge
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Seite 1
cathys 01.04.2008
1. Wer sollte dies veranlassen??
Zitat von sysopZwei Redakteure der Berliner Zeitung wurden als ehemalige Stasi Mitarbeiter enttarnt. Wurden die deutschen Medien ausreichend durchleuchtet??
Wer weiß wo diese noch überall sitzen, wenn ich mir Deutschland mittlerweile so anschaue!
Hardliner 1, 01.04.2008
2. Kein ernster Wille
Zitat von sysopZwei Redakteure der Berliner Zeitung wurden als ehemalige Stasi Mitarbeiter enttarnt. Wurden die deutschen Medien ausreichend durchleuchtet??
Wenn schon Stasi-Leute in Parlamenten und Behörden sitzen dürfen, warum nicht auch in der Redaktion der BZ. Die Politik hat doch alles getan, um die "Befindlichkeiten" der ehemaligen DDR-Bürger nicht zu sehr zu strapazieren. Parallelen zur Nachkriegszeit im Westen tun sich auf. Ein ernster Wille, die Schandtaten der Mielke-Truppe aufzuarbeiten, war im politischen Raum nie vorhanden. Und wie auch in Berlin man sehen kann, ist die SED-PDS-Linke ja bereits wieder hoffähig und ministrabel.
Jodeljedi, 01.04.2008
3.
Zitat von sysopZwei Redakteure der Berliner Zeitung wurden als ehemalige Stasi Mitarbeiter enttarnt. Wurden die deutschen Medien ausreichend durchleuchtet??
Klasse Frage! Wie habt ihr das denn bei Euch geregelt? Hat Rudolf alle seine Redakteure gecheckt und wenn ja, wußten die davon und was ist dabei rausgekommen? Gruß Jodeljedi
kleiner-moritz 01.04.2008
4.
Zitat von sysopZwei Redakteure der Berliner Zeitung wurden als ehemalige Stasi Mitarbeiter enttarnt. Wurden die deutschen Medien ausreichend durchleuchtet??
Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie erinnere ich mich, dass es da eine Verjährungsfrist gab, die wohl auch schon mal verlängert worden ist. Man beurteile bitte Menschen nach dem, was sie tun... Offensichtlich haben die Beiden keinen Hymnus auf die Stasi und die SBZ angestimmt, also, was soll es?
Nante, 01.04.2008
5.
Die Frage ist völlig falsch gestellt. Ich war fast gerührt, als bei berlinonline.de von der Redaktionskonferenz berichtet wurde: unterdrückte Tränen, Betroffenheit, Schlucken, Besorgnis ob der Glaubwürdigkeit der Journalisten, Journalismus als "vierte" Gewalt, als Korrektiv usw. Die Journalisten nehmen sich da zu wichtig; so groß ist ihre Glaubwürdigkeit auch nicht. Betroffenheitstränen sind 30 Jahre nach den Ereignissen übertrieben, die Ereignisse überwiegend unwichtig und gegenüber ISNM- oder Gewerkschaftsverbundenen Berichterstattungen absolut marginal. Deswegen: Mal einen Gang zurückschalten und an die vielen BILD-Journalisten denken. Da stellt sich das Problem der Glaubwürdigkeit viel dringender.
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