AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2008

Globalisierung Die Wut der Armen

2. Teil: Zweite grüne Revolution



Vor einer Generation stand die Dritte Welt vor einer ähnlichen Herausforderung. Damals starteten die unterentwickelten Staaten die sogenannte grüne Revolution: Mit dem Einsatz von Dünger, Pestiziden und Hybridsaatgut konnten die Bauern ihre Ernten erheblich steigern. Nun denken manche daran, eine zweite grüne Revolution zu starten: Mit Hilfe der Gentechnik könnte das globale Ernährungsproblem gelöst werden, versprechen die Forschungschefs von Agrarkonzernen - aber wie schnell?

Auch in reichen Gegenden ist Hunger neuerdings ein Kernthema, beispielsweise in Dubai. Dort haben sich Supermarktketten verpflichtet, die Preise von 20 Grundnahrungsmitteln mindestens ein Jahr lang zu halten - damit das Heer indischer und pakistanischer Bauarbeiter stillhält. Ohne sie gäbe es ja die gigantischen Hotels, Museen und künstlichen Inseln nicht, mit denen Dubai Furore macht. Das karge Gehalt wird den fremden Arbeitssklaven in Landeswährung ausgezahlt, die wiederum an den sinkenden Dollar gebunden ist.

Eine Hungerrevolte im Schatten der Wolkenkratzer und Shopping-Malls wollen sich die Globalisierungsgewinnler am Golf nicht leisten. Außerdem wögen "die geopolitischen Folgen von Aufständen in dieser Region deutlich schwerer als anderswo auf der Welt", glaubt Robin Lodge vom Uno-Welternährungsprogramm. Das gilt vor allem für Ägypten.

Saad Ibrahim betreibt einen kleinen Imbiss in Kairo, in einem Viertel hinter der Al-Azhar-Moschee. Er verkauft Nudeln und Kichererbsen in Tomatensauce, es ist eigentlich ein guter Standort, dennoch laufen die meisten Gläubigen nach dem Freitagsgebet schnell an ihm vorbei. "Ich habe jeden Tag weniger Kunden", sagt Ibrahim.

Im vergangenen Herbst kostete die Tonne Nudeln noch 1500 ägyptische Pfund, das sind etwas mehr als 175 Euro. Jetzt muss Ibrahim das Dreifache bezahlen. Schuld sei die Regierung: "Als Agrarstaat könnten wir alles selbst anbauen, anstatt es für viel Geld zu importieren."

32 Millionen der 80 Millionen Ägypter müssen mit einem Euro am Tag auskommen, 16 Millionen mit noch weniger. Aber allein Speiseöl hat sich binnen Jahresfrist um 40 Prozent verteuert. Die Inflationsrate stieg im Februar auf über 12 Prozent, wobei die Teuerung des Weizens besonders hart trifft. "Aisch baladi", das runde, weiche Fladenbrot, ist Ägyptens Grundnahrungsmittel. Jahrzehntelang hat der Staat es subventioniert, das schaffte Ruhe.

Wie lange das noch gutgeht? Die Schlangen vor den Bäckereien, die Billigbrot verkaufen, werden länger. Denn immer mehr Ägypter sind auf die staatliche Hilfe angewiesen. Mindestens elf Tote gab es in den vergangenen Wochen, als korrupte Bäcker das billige staatliche Mehl auf dem Schwarzmarkt teuer weiterverkauften und der Volkszorn ausbrach.

Mittlerweile veranschlagt die Regierung 2,5 Milliarden Dollar für Brot-Subventionen im kommenden Haushalt - was auch groteske Folgen haben dürfte: Manche Bauern verfüttern Brot an ihre Tiere, weil Viehfutter unerschwinglich geworden ist. Denn Viehzucht lohnt sich, immer mehr Konsumenten, die es sich leisten können, wollen Fleisch. Die neue Mittelschicht in Delhi oder Peking begnügt sich nicht mehr mit Reis oder Linsen. Doch allein für ein Kilogramm Rindfleisch benötigt ein Züchter sieben Kilo Futter und Unmengen Wasser. So werden die Preise in die Höhe getrieben.

In Jordanien, das eigentlich über eine moderne Landwirtschaft verfügt, verteuerten sich die Grundnahrungsmittel um 60 Prozent binnen Jahresfrist. "Ich werde mein Gemüse kaum mehr los", erzählt der Händler Hussein Bureidi an seinem Stand nahe der großen Moschee in der Hauptstadt Amman. "Wie soll das weitergehen?" König Abdullah befürchtet eine Neuauflage der Hungerrevolte von 1996, als sich in der Gebirgsstadt Karak aufgebrachte Bürger mit der Polizei Gefechte lieferten.

In Algerien kosten Speisefett, Maisöl, Zucker und Mehl doppelt so viel wie vor einem halben Jahr. Außer einer unzureichenden Anhebung der Gehälter im Öffentlichen Dienst um 15 Prozent tat die Regierung wenig, um den "Angriff auf unseren Lebensstandard" (Radio Algier) abzuwenden. Einnahmen aus dem Erdöl- und Gasgeschäft werden bislang nicht für zusätzliche Nahrungsmittelsubventionen verwendet. Sonst könnte die Regierung ihre Auslandsschulden womöglich nicht mehr pünktlich bedienen.

Die meisten Unterernährten aber gibt es in Indien, rund 220 Millionen Menschen. Folgerichtig fanden vergangene Woche gleich zwei internationale Konferenzen in Neu-Delhi zur Nahrungskrise statt.

Der gigantisch gewachsene Bedarf Chinas und Indiens sei hauptverantwortlich für das Dilemma, erklärte der aus dem Senegal stammende Chef der Food and Agriculture Organization, Jacques Diouf. Es könne sich zu einer "ungeahnten Katastrophe" ausweiten. China hat fast ein Viertel der Weltbevölkerung zu ernähren, aber nur sieben Prozent der Anbauflächen. Ähnlich verhält es sich mit Indien.

Also importieren beide Länder Nahrung in großem Stil, also verhängen viele Exportländer Ausfuhrquoten, damit nicht plötzlich die eigenen Leute darben müssen.

Als in Haiti die Hungernden vorige Woche randalierten, schlossen die USA vorsorglich ihre Botschaft. Die Ereignisse alarmierten auch den britischen Premier Gordon Brown, der einen Brief schrieb an seinen japanischen Kollegen Yasuo Fukuda, den momentanen Vorsitzenden der G-8-Staaten. Darin empfiehlt er, dass sich die internationale Gemeinschaft um "eine vollständig koordinierte Antwort" auf den grassierenden Hunger bemühen sollte.

Nötig wär's.


RÜDIGER FALKSOHN; AMIRA EL AHL, JENS GLÜSING, ALEXANDER JUNG, PADMA RAO, THILO THIELKE, VOLKHARD WINDFUHR und BERNHARD ZAND



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