Der SPIEGEL

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14. April 2008, 00:00 Uhr

Globalisierung

Die Wut der Armen

850 Millionen Menschen hungern weltweit. Ihre Verzweiflung löst Revolten in Nordafrika, Asien und Lateinamerika aus. Die Weltbank warnt, dass auch Regionalmächte wie Ägypten kollabieren könnten, wenn Lebensmittel unbezahlbar werden.

Fort Dimanche, ein ehemaliges Gefängnis in den Hügeln über Haitis Hauptstadt Port-au-Prince, ist die Hölle auf Erden. Früher folterten hier die Tontons Macoutes, die Todesschwadronen von Diktator "Baby Doc" Duvalier. Heute hausen Tausende Habenichtse auf dem Gelände und wühlen in Müllhaufen, doch selbst Hunde finden hier kaum Nahrung.

Auf dem Dach des einstigen Kerkers legen erfinderische Frauen etwas aus, das an Kekse erinnert und auch so genannt wird. Die wichtigste Zutat bringen Lastwagen aus den nahen Bergen, es ist gelber Lehm, der mit etwas Salz und Pflanzenfett zu einem Teig verrührt wird und dann in der Tropensonne trocknet.

Für viele Haitianer sind Lehmkekse die einzige Mahlzeit. Sie schmecken nach Fett, saugen die Feuchtigkeit aus dem Mund und hinterlassen einen Nachgeschmack von Dreck. Häufig verursachen sie Durchfall, aber sie betäuben das Hungergefühl. "Ich hoffe, dass ich eines Tages auf sie verzichten kann", sagt Marie Noël, 40, die ihre sieben Kinder mit dem erdigen Fraß durchbringt. Der Lehm für 100 Plätzchen kostet fünf Dollar; binnen eines Jahres ist der Preis um 1,50 Dollar gestiegen, also um rund 40 Prozent. Ähnlich ist es bei den Grundnahrungsmitteln. Man bekommt allerdings mehr Kekse als Brot oder Maisfladen fürs Geld. Die tägliche Schüssel Reis ist kaum noch erschwinglich.

In der vergangenen Woche brachen deshalb auf Haiti Revolten aus, eine flaschen- und steinewerfende Menge zog durch Port-au-Prince. Vor dem Präsidentenpalast skandierte sie: "Wir haben Hunger!" Es gab Tote, Autoreifen brannten. Es war eine dieser Rebellionen, die sich zurzeit weltweit häufen und die wohl nur Vorboten dessen sind, was noch kommt.

Nahrung wird immer knapper, immer teurer, sie ist für viele Menschen schon unbezahlbar. Die reichsten 200 Individuen besitzen so viel Geld wie gut 40 Prozent der Weltbevölkerung. 850 Millionen Menschen aber müssen jeden Tag hungrig schlafen gehen. Dieses Elend sei "eine der schlimmsten Verletzungen der Menschenwürde", sagt der frühere Uno-Generalsekretär Kofi Annan.

Ist es verwunderlich, dass die Verzweiflung in Gewalt umschlägt?

Wie eine biblische Strafe trifft die Ernährungskrise die Armen dieser Welt - in Afrika, in Südasien, im Nahen Osten. Jahrelang waren die Preise für Reis, Mais und Weizen recht stabil geblieben, allein in den letzten drei Jahren aber sind sie um 181 Prozent gestiegen. Ein existentieller Engpass bahnt sich an, womöglich folgenschwerer als die Krise an den Finanzmärkten. Denn Hungernde haben nichts mehr zu verlieren, Hungernde haben grenzenlose Wut.

Am vergangenen Wochenende befassten sich die Weltbank und der Internationale Währungsfonds mit dieser transkontinentalen Existenzkrise. Weltbank-Präsident Robert Zoellick warnte davor, dass mindestens 33 Länder von Instabilität bedroht seien infolge der explodierenden Preise, darunter auch Regionalmächte wie Ägypten, Indonesien und Pakistan, wo die Armee Mehltransporte schützen muss. In Nordafrika lässt die Not islamische Bewegungen erstarken. In den letzten Wochen kam es auch in Kamerun (etwa hundert Tote), Mauretanien, Mosambik, Senegal und an der Elfenbeinküste zu Unruhen.

Gründe gibt es mehrere:

Es geht nicht bloß um einen akuten Engpass, sondern um eine weltweite, fundamentale Ernährungskrise. Sie trifft vor allem die Armen, die überproportional viel für Essen und Trinken ausgeben müssen. So wird der Fortschritt, der in den vergangenen Jahren bei der Bekämpfung von Hunger und Krankheit erzielt wurde, wieder zunichte gemacht.

Auswirkungen der Lebensmittelkrise
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Auswirkungen der Lebensmittelkrise

Zu viele Menschen, zu wenig Ackerland: Ein Verteilungskampf um die besten Anbauflächen entbrennt da, ein neuer Nord-Süd-Konflikt. In diesen Tagen höre man ja viel über die weltweite Finanzkrise, sagt der US-Ökonom Paul Krugman, doch gleichzeitig sei eine andere Weltkrise in Gang gekommen, "und die trifft sehr viel mehr Menschen".

Mexikaner sind Anfang vorigen Jahres als Erste auf die Straße gegangen. Die Preise für Maismehl, den Grundstoff der Tortillas, hatten angezogen. Mexiko kann nur einen Teil seines Bedarfs decken, den Rest importiert das Land vorwiegend aus den USA. Dort aber verkaufen immer mehr Farmer ihren Mais an die Hersteller von Biosprit, denn die zahlen besser.

Um weitere Proteste zu verhindern, entschloss sich Präsident Felipe Calderón, den Mais noch stärker zu subventionieren als ohnehin schon. Das können sich aber nur halbwegs solvente Länder leisten. In Haiti oder Bolivien, in Algerien oder im Jemen schlägt die Inflation voll auf die Unterschichten durch.

Jemeniten verfügen durchschnittlich über 1,18 Euro am Tag. Ihre Regierung hat es mit einer Flüchtlingswelle aus Somalia, einem Bandenkrieg im Norden und dazu mit anhaltender Terrorgefahr zu tun. Seit Februar stiegen die Preise für Weizen um das Doppelte, für Reis und Speiseöl um ein Fünftel. Auch hier starben seit Ende März schon Menschen beim Kampf um billigeres Brot.

Im Libanon sind Lebensmittel im letzten Vierteljahr um 145 Prozent teurer geworden, in Syrien um ein Fünftel. "Sogar Petersilie, für die wir früher so gut wie gar nichts bezahlt haben, kostet jetzt plötzlich dreimal so viel", klagt ein Damaszener.

Irak und Sudan, einst Arabiens "Brotkammern", sind heute vom Welternährungsprogramm abhängig. Gut eine Million Iraker sind auf Hilfe angewiesen, im sudanesischen Darfur zwei Millionen. Hart war das Leben in Sudans Westprovinz Darfur immer schon. In den vergangenen vier Jahrzehnten ist die Sahara nach Süden gewandert. Die Niederschläge sind dramatisch gesunken. Der Ertrag an Sorghum, der wichtigsten Hirseart, könnte um zwei Drittel fallen.

Der Bürgerkrieg macht mehr als zwei Millionen Menschen in den Flüchtlingslagern vollständig von Nahrungsmittelhilfe abhängig. Seit Jahren werden die Felder nicht mehr bestellt. "Die Menschen sterben vor unseren Augen, und die Welt schaut zu", sagt Johan van der Kamp von der Deutschen Welthungerhilfe.

Zweite grüne Revolution


Vor einer Generation stand die Dritte Welt vor einer ähnlichen Herausforderung. Damals starteten die unterentwickelten Staaten die sogenannte grüne Revolution: Mit dem Einsatz von Dünger, Pestiziden und Hybridsaatgut konnten die Bauern ihre Ernten erheblich steigern. Nun denken manche daran, eine zweite grüne Revolution zu starten: Mit Hilfe der Gentechnik könnte das globale Ernährungsproblem gelöst werden, versprechen die Forschungschefs von Agrarkonzernen - aber wie schnell?

Auch in reichen Gegenden ist Hunger neuerdings ein Kernthema, beispielsweise in Dubai. Dort haben sich Supermarktketten verpflichtet, die Preise von 20 Grundnahrungsmitteln mindestens ein Jahr lang zu halten - damit das Heer indischer und pakistanischer Bauarbeiter stillhält. Ohne sie gäbe es ja die gigantischen Hotels, Museen und künstlichen Inseln nicht, mit denen Dubai Furore macht. Das karge Gehalt wird den fremden Arbeitssklaven in Landeswährung ausgezahlt, die wiederum an den sinkenden Dollar gebunden ist.

Eine Hungerrevolte im Schatten der Wolkenkratzer und Shopping-Malls wollen sich die Globalisierungsgewinnler am Golf nicht leisten. Außerdem wögen "die geopolitischen Folgen von Aufständen in dieser Region deutlich schwerer als anderswo auf der Welt", glaubt Robin Lodge vom Uno-Welternährungsprogramm. Das gilt vor allem für Ägypten.

Saad Ibrahim betreibt einen kleinen Imbiss in Kairo, in einem Viertel hinter der Al-Azhar-Moschee. Er verkauft Nudeln und Kichererbsen in Tomatensauce, es ist eigentlich ein guter Standort, dennoch laufen die meisten Gläubigen nach dem Freitagsgebet schnell an ihm vorbei. "Ich habe jeden Tag weniger Kunden", sagt Ibrahim.

Im vergangenen Herbst kostete die Tonne Nudeln noch 1500 ägyptische Pfund, das sind etwas mehr als 175 Euro. Jetzt muss Ibrahim das Dreifache bezahlen. Schuld sei die Regierung: "Als Agrarstaat könnten wir alles selbst anbauen, anstatt es für viel Geld zu importieren."

32 Millionen der 80 Millionen Ägypter müssen mit einem Euro am Tag auskommen, 16 Millionen mit noch weniger. Aber allein Speiseöl hat sich binnen Jahresfrist um 40 Prozent verteuert. Die Inflationsrate stieg im Februar auf über 12 Prozent, wobei die Teuerung des Weizens besonders hart trifft. "Aisch baladi", das runde, weiche Fladenbrot, ist Ägyptens Grundnahrungsmittel. Jahrzehntelang hat der Staat es subventioniert, das schaffte Ruhe.

Wie lange das noch gutgeht? Die Schlangen vor den Bäckereien, die Billigbrot verkaufen, werden länger. Denn immer mehr Ägypter sind auf die staatliche Hilfe angewiesen. Mindestens elf Tote gab es in den vergangenen Wochen, als korrupte Bäcker das billige staatliche Mehl auf dem Schwarzmarkt teuer weiterverkauften und der Volkszorn ausbrach.

Mittlerweile veranschlagt die Regierung 2,5 Milliarden Dollar für Brot-Subventionen im kommenden Haushalt - was auch groteske Folgen haben dürfte: Manche Bauern verfüttern Brot an ihre Tiere, weil Viehfutter unerschwinglich geworden ist. Denn Viehzucht lohnt sich, immer mehr Konsumenten, die es sich leisten können, wollen Fleisch. Die neue Mittelschicht in Delhi oder Peking begnügt sich nicht mehr mit Reis oder Linsen. Doch allein für ein Kilogramm Rindfleisch benötigt ein Züchter sieben Kilo Futter und Unmengen Wasser. So werden die Preise in die Höhe getrieben.

In Jordanien, das eigentlich über eine moderne Landwirtschaft verfügt, verteuerten sich die Grundnahrungsmittel um 60 Prozent binnen Jahresfrist. "Ich werde mein Gemüse kaum mehr los", erzählt der Händler Hussein Bureidi an seinem Stand nahe der großen Moschee in der Hauptstadt Amman. "Wie soll das weitergehen?" König Abdullah befürchtet eine Neuauflage der Hungerrevolte von 1996, als sich in der Gebirgsstadt Karak aufgebrachte Bürger mit der Polizei Gefechte lieferten.

In Algerien kosten Speisefett, Maisöl, Zucker und Mehl doppelt so viel wie vor einem halben Jahr. Außer einer unzureichenden Anhebung der Gehälter im Öffentlichen Dienst um 15 Prozent tat die Regierung wenig, um den "Angriff auf unseren Lebensstandard" (Radio Algier) abzuwenden. Einnahmen aus dem Erdöl- und Gasgeschäft werden bislang nicht für zusätzliche Nahrungsmittelsubventionen verwendet. Sonst könnte die Regierung ihre Auslandsschulden womöglich nicht mehr pünktlich bedienen.

Die meisten Unterernährten aber gibt es in Indien, rund 220 Millionen Menschen. Folgerichtig fanden vergangene Woche gleich zwei internationale Konferenzen in Neu-Delhi zur Nahrungskrise statt.

Der gigantisch gewachsene Bedarf Chinas und Indiens sei hauptverantwortlich für das Dilemma, erklärte der aus dem Senegal stammende Chef der Food and Agriculture Organization, Jacques Diouf. Es könne sich zu einer "ungeahnten Katastrophe" ausweiten. China hat fast ein Viertel der Weltbevölkerung zu ernähren, aber nur sieben Prozent der Anbauflächen. Ähnlich verhält es sich mit Indien.

Also importieren beide Länder Nahrung in großem Stil, also verhängen viele Exportländer Ausfuhrquoten, damit nicht plötzlich die eigenen Leute darben müssen.

Als in Haiti die Hungernden vorige Woche randalierten, schlossen die USA vorsorglich ihre Botschaft. Die Ereignisse alarmierten auch den britischen Premier Gordon Brown, der einen Brief schrieb an seinen japanischen Kollegen Yasuo Fukuda, den momentanen Vorsitzenden der G-8-Staaten. Darin empfiehlt er, dass sich die internationale Gemeinschaft um "eine vollständig koordinierte Antwort" auf den grassierenden Hunger bemühen sollte.

Nötig wär's.


RÜDIGER FALKSOHN; AMIRA EL AHL, JENS GLÜSING, ALEXANDER JUNG, PADMA RAO, THILO THIELKE, VOLKHARD WINDFUHR und BERNHARD ZAND

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