Waffentechnik Unsichtbarer Unimog

Ein deutscher Erfinder hat in der Wüste Arabiens eine Radar-Tarnfarbe gebraut. Ein Institut bei Bonn testete sie. Der erstaunliche Befund: Sie funktioniert.

In die Wüste kam er, weil er einen Wurm gezüchtet hatte, mit dessen Exkrementen sich selbst in trockenem Sand Radieschen ziehen lassen. Das beeindruckte die Scheichs: ein Erfinder, noch dazu ein deutscher, der ihr Land urbar machen könnte. Werner Nickel, 67, ein an den Rollstuhl gebundener Tüftler aus Berlin, zog um in die Vereinigten Arabischen Emirate.

Das Projekt begann verheißungsvoll. Prächtig gediehen die Gurken, Rettiche und Bohnen auf Nickels Testfeld vor den Toren Abu Dhabis. Doch der Wurm-Verschleiß war hoch: 3000 Stück pro Quadratmeter, irgendwann wurde das seinen Gastgebern zu teuer.



Nickel, vor Ideen sprühend, sattelte einfach um: Diesmal beschloss er, eine Farbe zusammenzubrauen, einen Tarnanstrich, der Panzer, Schiffe und Flugzeuge für das Radar unsichtbar machen soll wie sonst nur die aufwendige Technik der Tarnkappenjets. Einen Namen für seinen Wunderlack hat Nickel schon: "AR 1".

Seither haben die Würmer Ruhe. Nur noch zwei ausgetrocknete Vivarien stehen in Nickels Institut an der Scheich Mohammed Bin Salem Road im Emirat Ras al-Cheima. Manchmal kriegt er Besuch: "Die Leute klopfen an die Scheibe und sind sauer, wenn sich die Würmer nicht sofort aus der Erde kringeln", sagt Nickel. "Die haben eben keine Geduld."

Nickel hatte sie. In Abertausenden Laborstunden hat er an seiner Farbe gemixt. Dann schickte er einen Eimer voll an Helmut Essen. Der ist bei der Forschungsgesellschaft für Angewandte Naturwissenschaft (FGAN) bei Bonn zuständig für Radartechnik. Er hat Nickels Farbe untersucht und stellte verblüfft fest: Sie funktioniert - "und zwar für alle militärisch relevanten Frequenzen", wie der Strahlenphysiker beteuert.

Ein Haus, ein Schiff oder ein Auto, das ohne Nickels Anstrich auf dem Radarschirm hell leuchten würde, verschwindet, mit AR 1 beschichtet, im Dunkel - sehr weitgehend jedenfalls. Warum das so ist, hat Essen bisher nicht klären können: Möglicherweise handle es sich um eine Art des sogenannten Jaumann-Absorbers, der die auftreffenden Radarwellen so reflektiert, dass sie sich gegenseitig auslöschen. Es könnte auch mit mikroskopisch kleinen magnetischen Teilchen zu tun haben, welche die Energie der Strahlen absorbieren. Wie gesagt: Essen weiß es nicht.

Dass Nickel einen solchen Lack zusammengerührt hat, scheint Essen "kaum erklärlich". Dort, in der Wüste, habe er doch praktisch keine Forschungsmöglichkeiten. Und doch absorbierte jede Probe, die im Laufe der Jahre eintraf, noch ein bisschen besser als die letzte. "Wie macht der Mann das nur?", grübelt der Radarexperte.

Inzwischen kennt Essen die ganze Geschichte des Wüstentüftlers: Als der anfing, sich erstmals mit Tarnfarben zu befassen, war Kalter Krieg. Ein Freund, ein Jugoslawe vom Konsulat in West-Berlin, brachte ihn mit Rüstungsexperten zusammen; Nickel geriet an einen Amerikaner, der eine Villa in der Clayallee bewohnte. Anfang der achtziger Jahre lud der Nickel ein auf ein militärisches Sperrgebiet, wo er eine mit seiner ersten Farbe beschichtete Aluminiumkugel vorführen sollte. Die Ergebnisse waren verheerend. "Take it easy", meinte der Amerikaner. "Sie haben nur eine Schlacht verloren, nicht den Krieg." Nickel tüftelte weiter.

Irgendwann begannen sich Interessenten zu melden. Anfang 2002 sprach ein Mann aus Bagdad vor: Saddam Husseins Regime dachte daran, seine Wehranlagen vor dem Radar der US-Luftpatrouillen zu verstecken. "Wir entbieten Ihnen unsere Grüße", heißt es in einem Schreiben aus Bagdad vom 20. März 2002, "und laden Sie zum Besuch unserer Produktionsstätten ein." 18 Millionen Dollar, sagt Nickel, hätten die Iraker ihm geboten, die Hälfte davon in Öloptionen. "Als sie uns dann Zimmer im Raschid-Hotel in Bagdad buchten, wurde mir die Geschichte zu heiß", so Nickel heute.

2007 klopften die Chinesen an. Eine G.S Holding aus Shanghai zeigte sich "sehr interessiert an Ihrem Produkt" und versprach Profite auf dem "riesigen chinesischen Markt". Das Angebot habe ihm geschmeichelt, im Mai erwarte er eine Delegation des chinesischen Verteidigungsministeriums, sagt Nickel. Doch am Ende seien ihm "vernünftige Leute aus meiner Heimat dann doch lieber".

In Deutschland weiß man seit langem von Nickels Arbeit. 2004 hatte er der FGAN, die vor allem für die Bundeswehr arbeitet, erste Proben geschickt. Die "Effektivität" von AR 1, bescheinigte ihm das Institut, gehe "weit über das Maß hinaus, welches wir jemals an ähnlichen Farbproben erzielen konnten". 2005 ließ die FGAN einen Unimog mit Nickels Farbe beschichten und führte das Tarnkappengefährt Wehrexperten vor. Es kamen Delegationen aus Singapur, den Emiraten und den Niederlanden. Nur die Bundeswehr, so schien es, interessierte sich nicht recht.

Im Juli 2007 beschwerte sich Nickel beim Bundesverteidigungsminister: "Vorsorglich weise ich darauf hin, dass in der Zwischenzeit verschiedene ausländische Staaten Kaufinteresse bekundet haben." Die Beamten wandten sich an Essen: "Die riefen hier an und wollten sich bestätigen lassen, dass der Nickel ein Spinner sei. Aber mit dieser Auskunft konnte ich leider nicht dienen", erzählt der.

Seither bekommt Nickel sehr freundliche Post, von der Rüstungsschmiede Rheinmetall ("wirklich beeindruckend"), vom Tarnnetzhersteller Tec-Knit ("begeistert von den Dämpfungswerten"), vom Ministerium selbst und von der Wehrtechnischen Dienststelle für Schutz- und Sondertechnik (WTD 52). In der nächsten Woche will Essen die neue Tarnkappenfarbe der internationalen Presse vorstellen.

"Sie könnte militärisch durchaus nützlich sein", sagt der FGAN-Abteilungsleiter. Das gelte für Land- wie Luftstreitkräfte; für die Marine will die WTD 71 in Eckernförde nun prüfen, ob der Anstrich auch für den Einsatz auf hoher See taugt.

Allerdings sei Tarnung heute bei den Militärs nicht mehr sehr hoch im Kurs. "Im Kalten Krieg war das ein großes Thema", meint Essen. "Aber heute läuft das eher unter 'nice to have'." Das Problem: Bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr gehe es heutzutage ja oft geradezu darum, besonders gut sichtbar zu sein.

Höher sei vermutlich der zivile Nutzen von Nickels Erfindung: Weltweit beklagen Piloten und Fluglotsen den Störeffekt, den Flughafengebäude auf dem Radarschirm auslösen. Mit Nickels Farbe angestrichen, ließen sie sich weitgehend ausblenden. "Ich versuche ihm seit langem klarzumachen, dass er eher in der Luftfahrt reich wird als beim Militär", sagt Essen.

In einer Hinsicht allerdings fällt seine Auskunft enttäuschend aus: Radarfallen werden die Autofahrer auch künftig nicht entrinnen. "Ein bewegtes Objekt bei so kurzer Entfernung - da hilft selbst der beste Tarnlack nichts."

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