AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2008

Literatur Unterwegs mit Zwodoppelvier

In ihrem vierten Roman "Taxi" erzählt die Erfolgsautorin Karen Duve von einer Taxifahrerin in Hamburg: so eigenwillig und mitreißend, wie man es seit dem "Regenroman" von ihr kennt.

Von Volker Hage


Ein Taxiroman? Wie gut, dass Karen Duve damit nicht ihr literarisches Debüt bestritten hat. Fast wäre es nämlich so gekommen. Es gab da schon vor knapp 20 Jahren ein Duve-Manuskript über die Erfahrungen einer Taxifahrerin, einen Roman von rund 800 Seiten, den die unbekannte Autorin an einige große Verlage sandte - sie kassierte Absagen.

Autorin Duve: "Ein Schriftsteller darf keine Angst haben, eine lächerliche Figur abzugeben"
DPA

Autorin Duve: "Ein Schriftsteller darf keine Angst haben, eine lächerliche Figur abzugeben"

Das Buch wäre damals zu nah an der eigenen Erfahrung gewesen und womöglich abgestempelt worden als ein spätes Exemplar aus der Gattung "Literatur der Arbeitswelt". Die noch unerfahrene Schreiberin hatte den Stoff aus Tagebüchern kompiliert (die sie danach verbrannte). Es war ihre eigene Geschichte pur: Sie selbst hatte sich nach dem Abitur und einer abgebrochenen Ausbildung als Steuerinspektorin mit Taxifahren ihren Lebensunterhalt verdient, immerhin 13 Jahre lang.

Ein Freund aus jenen Tagen erinnert sich: "Karen war als die legendäre 'Zwodoppelvier vom Wandsbek-Funk' bekannt. Weil sie atemberaubend aussah und weil 244 die beleuchtete Kennnummer des Taxis war, das sie fuhr. Fast alle Taxifahrer waren hinter ihr her."

Heute ist Karen Duve, 46, "heilfroh", dass es nicht auf Anhieb mit dem Taxiroman geklappt hat, viel zu "selbstmitleidig" sei ihr Werk gewesen. Nach drei erfolgreichen Romanen - wobei der erste, der wunderbare "Regenroman" (1999), sich bis heute mehr als 100.000-mal verkauft hat und in 15 Sprachen übersetzt ist - hat sie sich jetzt noch einmal an den Stoff gewagt: Ihr vierter Roman mit dem knappen Titel "Taxi" wird Anfang Mai in den Buchläden liegen und aller Voraussicht nach schon bald auf der Mittelkonsole vieler Taxen, nicht nur in Hamburg.

Es ist die Geschichte der jungen Alexandra Herwig, von ihr selbst erzählt. Zeit und Ort: die Jahre zwischen 1984 und 1990, die Straßen Hamburgs. Auch Alex, wie sie von Freunden genannt wird, weiß nach der abgebrochenen Ausbildung bei einer Versicherung nichts Vernünftiges mit sich anzufangen - vernünftig im Sinne der Erwachsenen, vor allem der besorgten Eltern - und bewirbt sich auf gut Glück: "Ich meldete mich auf eine Anzeige, in der nicht nur Taxifahrer, sondern ausdrücklich auch Taxifahrerinnen gesucht wurden. 1984 war es in Stellenanzeigen noch nicht üblich, jedem Beruf auch noch eine weibliche Endung anzufügen. Man tat es nur, wenn man andeuten wollte, dass man praktisch jeden nahm."

Da ist er wieder, schon auf den ersten Seiten: der unverwechselbare Ton. Wäre es nicht zu abgegriffen, könnte man vom Duve-Sound sprechen. Bei dieser Autorin liegen Weisheit und Lakonie, Melancholie und wache Wahrnehmung so eng beieinander, dass die Übergänge kaum wahrzunehmen sind. Was gerade noch heiter daherkommt, ist schon im selben Moment mit einem Hauch Vergeblichkeit überzogen.

Das zeigt sich besonders in Liebesdingen. Schon in ihrem Roman "Dies ist kein Liebeslied" (2002) hat Karen Duve eine Ich-Erzählerin leiden und gleichzeitig pointiert formulieren lassen: "Es war nicht schlimm, allein zu sein. Das Alleinsein selbst war okay. Ich wollte bloß nicht, dass jemand mitbekam, wie einsam ich war."

In "Taxi" nun mokiert sich Alexandra über einen "besonders hübschen Fahrgast", mit dem sie sich gegen alle ihre Regeln verabredet hat: "Er hatte mich einfallslos geküsst und danach nur noch von seinem Job als Fotomodell für Ritter-Sport-Schokolade erzählt."


Auch einer ihrer Kollegen, Dietrich, darf sie küssen, zu seinem großen Entzücken, weniger zu ihrem: "Ich küsste höflicherweise noch bis Viertel nach zehn weiter, damit es so aussah, als fiele es mir schwer zu gehen. Aber dann stand ich endgültig auf, um wenigstens noch die Staatsoper mitzunehmen. Dietrich ging mit mir hinaus, und wir stiegen in unsere Taxis und fuhren los."

Dennoch übernachtet Alex häufig bei Dietrich und schafft es lange nicht, mit ihm Schluss zu machen. Als es dann doch passiert, heißt es: "Ich fing an zu weinen. Was ich Dietrich antat, war nicht wiedergutzumachen. Jemanden wie mich würde er nie wieder finden." Fast überliest man die feine Pointe.

Anders als die traurige Heldin aus dem "Liebeslied"-Roman, die mit ihren Pfunden hadert und sich kaum im Spiegel ansehen mag, ist die Taxifahrerin Alex nicht ohne Selbstbewusstsein, was ihre Wirkung angeht: "Mir war schon klar, dass ich ziemlich gut aussah."

Doch Vorsicht mit einer rein autobiografischen Lesart: Die Autorin Duve vermag meisterlich mit dem zu spielen, was sie erlebt hat, sie spitzt es zu, bis ebendieser Ton entsteht, der über Seiten trägt und selbst ganz profane Szenen lebendig werden lässt. Dabei meistert sie souverän ihre irritierenden Stolperfahrten durch den Alltag, steuert mit hinreißend pointierten Dialogen mitten hinein in das Chaos menschlichen Miteinanders.

Sie kennt das Leben. Sie lässt ihre Figuren reden, spinnen, Fahrgäste kutschieren, am Warteplatz stehen, schimpfen, während die Jahre vergehen, kaum dass Alex und die anderen es recht begreifen können: "Und dann waren fünf Jahre um, und ich fuhr immer noch Taxi. Zur Reeperbahn. Zum Flughafen. Zum Mittelweg."

Schon lange bevor sie ihr erstes Buch veröffentlichte, wusste die Autorin: "Ein Schriftsteller darf keine Angst haben, eine lächerliche Figur abzugeben. Und wenn er sich entscheiden muss, so wird er lieber offenen Auges einen Fehler machen als gar nichts." Das schrieb Karen Duve vor rund zwei Jahrzehnten in einem Brief an einen Freund, als sie gerade ihre ersten ernsthaften Schreibversuche unternahm.

In diesem Sinne scheut sie dann auch durchaus nicht die autobiografische Suggestion. Ihre Heldin Alexandra lässt sie genau jenes Wandsbeker Taxi mit der Nummer 244 fahren, in dem sie einst selbst saß, und die Funkzentrale ruft Alex als "Zwodoppelvier": "Nun mal ganz ruhig, Zwodoppelvier. Ich höre Sie sehr gut. Sie brauchen nicht so zu schreien."

Diese Funkdialoge ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch, gut dosiert, die Stimme der Zentrale jeweils halbfett gedruckt - und beim Umblättern freut man sich schon auf den nächsten Wortwechsel, den nächsten Auftrag, wieder einen Fahrgast, über den Alex sich ärgern wird.

Denn sie kann sich nur schwer Straßennamen merken, und eigentlich würde sie lieber weiter in einem ihrer Bücher "über die großen Affenarten" lesen - aber sie braucht das Geld, das manchmal ohnehin kaum für die Miete reicht. In jenen Tagen gibt es auch noch viele, die sich eine Zigarette anstecken wollen: "Nicht genug, dass die Fahrgäste einen vollrauchten, nein, sie zwangen einen auch noch jedes Mal, zu behaupten, dass es einem nichts ausmachte."

Und dann sind da die Kollegen, die einander mit ihren Taxifahrer-Erlebnissen nerven: "Sie wechselten sich ab, ertrugen gegenseitig ihre unglaublich langweiligen Geschichten und erwarben damit das Recht, die eigenen loszuwerden." Es gibt auch die Oberschlauen: einen Kollegen, der "immer diese Suhrkamp-Bücher" liest, "selbst beim Essen", einen anderen, der sogar behauptet, "dass Suhrkamp mich drucken will". Die schauen auf Alex herab.

Auch die Ich-Erzählerin ertappt sich dabei, wie sie ununterbrochen über ihre Fahrgäste herzieht, selbst ihrer Mutter gegenüber, bei der sie immer noch brav ihre Schmutzwäsche abgibt. "Oh, bitte, Alexandra", sagt ihre Mutter dann, "bitte nicht wieder eine von deinen schrecklichen Taxi-Geschichten."

Karen Duve kann es lässig wagen, solche Einwände aufzuschreiben, die auch gegen den Roman sprechen könnten - um dann zu demonstrieren, wie reizvoll sich diese Geschichten erzählen lassen, wenn es eben jemand vermag: knapp, zugespitzt, als eine Art Running Gag. Übrigens sind bei ihr Feuilletonredakteure, die besonders gern mit einem Fünfzig-Mark-Schein bezahlen wollen, besonders unbeliebt.

Aber ist das am Ende nicht doch eine sehr beschränkte Perspektive, ein allzu kleiner Ausschnitt aus der Realität? Keine Frage, "Taxi" ist weder der große Deutschland- noch der politische Insider-Roman, auch kein Bildungsroman, ja, nicht einmal der definitive Hamburg-Roman.

Gerade in der Beschränkung erweist sich die Kunst der Autorin. Sie zeigt nur ein kleines Stück Welt, ein paar Jahre, einige Figuren, die ihre Zeit hauptsächlich im Auto verbringen. Durch ihre konsequente Weigerung, über den Horizont dieser Figuren hinauszugehen, wird eine soziale Realität greifbar, die heute, in einer Zeit der Minijobs, sonderbar aktuell wirkt.

Die unausgesprochene Pointe besteht natürlich doch in der autobiografischen Grundierung des Buches, darin nämlich, dass ausgerechnet jene Taxifahrerin, die einige männliche Kollegen nicht für voll nehmen, ja geradezu beleidigen, später Bücher publizieren wird. Das steht nicht mehr im Roman, ist aber als Fluchtlinie angedeutet.

Und darum konnte Karen Duve diese Geschichte eben erst jetzt so unbeschwert erzählen, ihre verzagte Heldin so mitleidlos vorführen, kurzum: einen so großartigen Roman schreiben - aus der Perspektive der späteren Siegerin, die ausreichend Distanz zum Elend vergangener Jahre hat.


Karen Duve: "Taxi". Verlag Eichborn Berlin, Berlin; 320 Seiten; 19,95 Euro.



© DER SPIEGEL 18/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.