AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2008

Drogenhandel Der Prinz aus Salamanca

Sie waren auf der Suche nach Liebe und einem Weg aus dem Elend: Junge Frauen, vorwiegend aus Ostdeutschland, ließen sich in Spanien von nigerianischen Männern zum Drogentransport verführen. Jetzt sitzen sie in europäischen Gefängnissen.

Von Bruno Schrep


Solche Komplimente hatte Sabine K. noch nie gehört. "Du hast so tolle Augen", schwärmte der neue Freund, "ich könnte dich stundenlang nur anschauen." Und, nach dreitägiger Bekanntschaft: "Du bist die schönste Frau, mit der ich je zusammen war."


Sabine K., die es bis zu diesem Zeitpunkt gewohnt war, von Männern ignoriert, beschimpft oder verprügelt zu werden, glaubte den schönen Worten nur zu gern. "Ich habe mich erstmals begehrt und geliebt gefühlt", erinnert sie sich, "ich wurde behandelt, als wenn ich wer bin."

Blass, die blondgefärbten Haare straff nach hinten gekämmt, das karierte Herrenhemd über der Jeans, sitzt die 30-Jährige in einer Zelle des Hamburger Untersuchungsgefängnisses und rechnet gnadenlos mit sich selbst ab. "Was war ich bloß dumm", stößt sie hervor, "was war ich leichtgläubig und naiv."

Sabine K. hasst sich dafür, dass sie viel zu spät merkte, wie raffiniert ihre Gefühle ausgenutzt wurden: Aus Liebe zu ihrem nigerianischen Freund schmuggelte sie Kokain von Südamerika nach Europa.

Sie war nicht die Einzige, die auf charmante Verführer aus Nigeria, sogenannte Romeos, hereinfiel. In Hamburg, im Ruhrgebiet und selbst in der Lüneburger Heide ließen sich Frauen erst den Kopf verdrehen und dann zum Rauschgifttransport verleiten.

Als Kleinkuriere - Szenejargon: "Mulis" - haben sie mit dazu beigetragen, dass der Nachschub der harten Modedroge Nummer eins in Europa nicht abriss. Die Kokainpäckchen zwischen zwei und acht Kilogramm, in Folie eingeschweißt und in präparierten Koffern versteckt, bekamen sie dabei nicht einmal zu sehen.

Der Clan der Nigerianer - lose Gruppierungen afrikanischer Zwischenhändler in Südamerika und Europa, die unabhängig voneinander dealen - hat sich ganz gezielt auf die weiblichen Kuriere spezialisiert: Die alleinstehenden Frauen sind meist weniger auf Geld aus, sie suchen vor allem ein bisschen Gefühl - und sind deshalb leichter bereit, große Gefahren einzugehen.

Das Kalkül der Hintermänner ist einfach: Von zehn weiblichen Kofferkulis kommen nach polizeilichen Schätzungen acht unbehelligt durch den Zoll, bei einem Ankaufspreis von 5000 und einem Verkaufspreis von 30.000 Euro pro Kilogramm Kokain in Europa ein lohnendes Geschäft. Die beschlagnahmte Schmuggelware wird als Verlust verbucht, was aus den verhafteten Botinnen wird, ist den Auftraggebern egal.

Das hohe Risiko war den meisten Frauen nicht klar. Selbst wenn mehrere Touren glücken, irgendwann läuft jede in die Fallen der Kontrolleure. Allein aus Norddeutschland sitzt derzeit mehr als ein halbes Dutzend Kurierinnen aus Liebe im Knast: zwei in Paris, zwei in Madrid, zwei auf Teneriffa, eine in Lissabon, eine im Hamburg.

In der Hansestadt führt die Spur in den Stadtteil St. Georg, zu jenem heruntergekommenen Hansaplatz nahe dem Hauptbahnhof. Im Schatten imposanter Gründerzeitfassaden existiert dort vornehmlich Gewerbe für Verlierer: Kaschemmen, in denen rund um die Uhr Fusel ausgeschenkt wird; Ramschläden, die Hehlerware verkloppen, dazwischen Spielhöllen und Sexshops.

Alkoholiker mit Bierdosen scharen sich schon früh um den steinernen Hansabrunnen, ab Mittag bevölkern Prostituierte zwischen 15 und 70 die Bürgersteige, manche der Frauen gehen am Stock. In den Billigpensionen und Steigen ringsum suchen neben den Dirnen auch Bedrängte und Verfolgte Unterschlupf: Menschen ohne gültige Aufenthaltserlaubnis, Ausreißerinnen, Drogensüchtige.

Als sich Sabine K. im Frühjahr 2006 in der Pension Hager einquartiert, blickt sie, obwohl erst 30 Jahre alt, bereits auf ein bewegtes Leben. Ein Leben, von Kränkungen und Gewalt geprägt, aber auch von dem verzweifelten Wunsch, anerkannt und gemocht zu werden. "Ein total beschissenes Leben", urteilt sie selbst.

Aufgewachsen in Greifswald, trägt sie als Kind noch das blaue Halstuch der Jungen Pioniere, alles scheint vorbestimmt nach DDR-Fahrplan: Schule, ein Ausbildungsplatz, eine Arbeitsstelle. Als die Wende kommt, Sabine ist gerade elf, geht es mit der Familie bergab. Der Vater, ein Bauarbeiter, wird arbeitslos, beginnt zu trinken, reagiert seine Wut und seine Enttäuschung an der Familie ab, prügelt so oft auf seine Ehefrau und die beiden Kinder ein, bis das Jugendamt eingreift.

Mit 14 Jahren läuft Sabine K. von zu Hause weg, zur Hauptschule geht sie nicht mehr. Sie bricht auch eine Lehre als Verkäuferin in einem Supermarkt ab, schließt sich einem Wanderzirkus an. Dort legt sie abends, wenn die Artisten ihre Kunststücke vollführen, die jeweils passenden Schallplatten auf, gegen freie Kost und einen Schlafplatz im Wohnwagen.

Sabine K. lernt einen Asylbewerber aus dem ehemaligen Jugoslawien kennen, rettet ihn vor der Abschiebung, indem sie ihn 1998 heiratet. Drei Kinder werden geboren, der Mann holt seine gesamte Verwandtschaft nach. Sabine K. muss für alle kochen, den Haushalt führen und, um die Finanzen aufzubessern, noch Büros putzen. Sie fühlt sich missachtet, und als sie auch noch beschimpft und geschlagen wird, packt sie ihren Nachwuchs und flüchtet in ein Hamburger Frauenhaus.

Doch allein in einem Zimmer mit drei Kindern gibt sie nach mehreren Monaten überfordert auf. Den Vorschlag des Jugendamts, nach einer Kur neu anzufangen, lehnt sie ab. Die Kinder kommen zurück zum Vater, Sabine K. landet ganz unten: Wenn die Stütze nicht reicht, geht sie anschaffen.

Auf dem Hansaplatz findet die Frau aus Greifswald schnell Freundinnen, die wie sie aus dem deutschen Osten stammen, wie sie im Elend von Prostitution, Drogen und Kleinkriminalität gestrandet sind: die Anja aus Rathenow, die Nicole aus Halle, die Yvonne aus der Lutherstadt Wittenberg, die Jana aus Erfurt. Auch ein paar Hamburgerinnen schließen sich an, ebenfalls mit klangvollen Namen, ebenso am Boden: die Denise, die Jasmin, die Melanie. "Alles arme Mädchen", sagt ein Drogenfahnder des Hamburger Landeskriminalamts, der im Bahnhofsviertel regelmäßig observiert.

Um den Alltag für Stunden zu vergessen, flüchten die Frauen mehrmals täglich in Samirs Internet-Café, wo die Stunde im Netz einen Euro kostet. An Bildschirmen mit Web-Kameras mailen sie Freunden oder suchen in Kontaktforen nach Bekanntschaften in aller Welt, die sie aus ihrem Dasein erlösen.

Den attraktiven jungen Nigerianer, der in Spanien lebt, wunderschöne Mails auf Englisch schreibt, lernt Sabine K. im August 2006 über so eine Kontaktbörse kennen. Sie ist derart fasziniert von seiner Stimme am Telefon, seinem Aussehen und seinem Charme, dass sie ihr letztes Geld zusammenkratzt und mit dem Bus 33 Stunden zu ihm ins spanische Salamanca fährt, eine alte Universitätsstadt westlich von Madrid.



© DER SPIEGEL 18/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.