Frauen Das Achselhöhlengleichnis

Heidi Klum und Charlotte Roche: zwei höchst unterschiedliche Medienerfolge - ein Erklärungsversuch.

In Deutschland existieren viele, teils bizarre Parallelwelten: ostdeutsche Swingerclubs zum Beispiel oder die Volksmusikbranche. Islamistische Terrorzellen, Hobbyköche und natürlich Programm und Publikum von Neun Live.

Das alles ist schon ziemlich groß und verrückt, wird aber komplett in den Schatten gestellt von jener Menschenmasse, der zurzeit gleich zwei Phänomene einzigartigen ökonomischen Erfolg verdanken: einerseits Charlotte Roche und ihr Buch "Feuchtgebiete", andererseits Heidi Klum und ihre Castingshow "Germany's Next Topmodel". Frau Roches Verlag hat bereits mehr als eine halbe Million Bücher verkauft. Frau Klum verzeichnet eine satte Quote zwischen drei und vier Millionen Zuschauern.



Hier das 34-jährige Noch-Supermodel, das sein Leben wie einen permanenten Drei-Wetter-Taft-Spot inszeniert. Da das 30-jährige Ex-Viva-Girlie, Abteilung Kodderschnauze. Auf den ersten Blick scheint die beiden nichts zu verbinden. Auf den zweiten auch nicht. Und für einen dritten haben die meisten RezensentInnen keine Zeit oder Lust. Allenfalls wird unterstellt, dass Roche der feministische Gegenentwurf zum Klum-Kosmos sein muss.

Vielleicht liegt diese Ausschließlichkeit auch daran, dass die journalistische Begleitung das jeweils andere Universum nur vom Hörensagen kennen möchte. Oder anders: Wer an den wöchentlichen Zickenkriegen der Dorfschönheiten in "Germany's Next Topmodel" ein gewisses Vergnügen findet, soll Roche gefälligst für eine eklige Maulheldin halten. Und wer "Feuchtgebiete" goutiert, soll in Klum bitte schön die verlogene Fratze einer globalen Schönheitsdiktatur sehen.

Dass die beiden sich ähnlicher sind, als sie selbst und erst recht ihre jeweiligen Lager wahrhaben wollen, wird gar nicht erst erwogen. Dabei werden beide überwiegend von der gleichen Zielgruppe getragen - und die ist jung und weiblich. Klum hat bei 14- bis 29-jährigen Frauen einen Marktanteil von unfassbar hohen 45 Prozent. Die gefühlten Zahlen bei Roche-Lesungen fallen ähnlich aus.

Beide Phänomene machen zudem - Pardon - aus Scheiße Gold, was bei Roche leider wörtlich zu nehmen ist, aber darauf kommen wir noch. Und beide setzen sich dem Verdacht aus, berechnenden Gefühlskitsch zu liefern, der letztlich nur den Zweck hat, Quote beziehungsweise Verkaufszahlen zu befeuern.

Bei Heidi Klum glaubt man das natürlich sofort. Ihr allwöchentlicher Zickenzirkus ist auf faszinierende Weise spießig, denn was ist die Botschaft? Mädels, seid artig und hübsch, gut geschminkt und ein bisschen unterwürfig, und ihr werdet reich und berühmt? "Germany's Next Topmodel" ist eine Mischung aus donnernder Schleichwerbetrommel, Seifenoper und Reise nach Jerusalem: Das Leben als markenbewusste Zweck-WG, aus der jede Woche die Nächsthässliche, -blöde oder -nervige rausfliegt. Bis aus Tausenden Kandidatinnen das ultimative Aschenputtel zum Schwan gekürt wird, muss unglaublich viel gerotzt, geschleimt, geheult und (mit der Kamera) draufgehalten werden. Am Ende gewinnt immer - Heidi. Denn sie beherrscht das Spiel mit den Medien wie kaum eine andere, außer vielleicht Roche.

Deren "Feuchtgebiete" wären nicht weiter der üblen Nachrede wert, denn Literatur geht wirklich anders. Das Buch erzählt die Geschichte der 18-jährigen Helen, die sich wegen einer missglückten Analrasur auch an ihren blumenkohligen Hämorrhoiden operieren lassen will, deshalb nun im Krankenhaus liegt und all ihre Körperöffnungen und -flüssigkeiten akribischen Analysen unterzieht.

Auch "Feuchtgebiete" ist auf faszinierende Weise spießig, denn die Botschaft lautet, dass Scheidungskinder wie Helen verhaltensgestört sind und vor allem ihre Eltern wieder vereinen wollen. Es wird unglaublich viel gerotzt, geschleimt, geheult und (mit Worten) draufgehalten. Am Ende gewinnt immer - Charlotte, denn sie beherrscht das Spiel mit den Medien.

Es gab zu Beginn weniger Rezensionen als schwallweise Roche-Interviews, in denen gern kolportiert wurde, dass Kiepenheuer & Witsch das Buch als zu pornografisch abgelehnt habe. Das war zwar allenfalls ein Teil der Wahrheit, denn die Verlagsspitze fand den ersten Entwurf wohl vor allem effekthascherisch und eindimensional. Aber ein vermeintlicher Porno von einem hauptberuflich frechen Alphamädchen hat schon was: das gewisse Nichts ebenso plumper wie erfolgreicher PR.

Über Bahnhofstoilettenpoesie kommt Roche leider nie hinaus: "Immer, wenn ich pinkele oder kacke, esse ich meine Nase leer von Popeln." War aber egal, denn da war das Buch bereits von ein paar zehntausend Leuten gekauft, die sich mittlerweile übrigens in Leserforen wie Amazon bitter beschweren, wie doof es sei.

Viel genialer wurde die zweite Welle der Erregung, die eine höchst fruchtbare Liaison mit der Frauenbewegung einleitete. Dabei wurde Roche unterstellt, sie habe eine Botschaft.

Das Achselhöhlengleichnis: Ich stinke, also bin ich. Aus dieser Absurdität zimmerten ihre Exegeten eine Art postfeministisches Protestprogramm: Müffeln für Gleichberechtigung und Weltfrieden! Rasiert euch nicht, und lasst das Deo weg, dann wird alles gut. Auf so was muss man erst mal kommen.

Ingeborg Harms schrieb in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", der Roman bleibe "gerade durch seine Widersprüchlichkeit eine Irritation, die in ihren moralischen Implikationen weit über den Schock der systematischen Tabuverletzung hinausgeht". Angesichts dieses "raubeinigen Manifests gegen die Einhegung des weiblichen Körpers durch Sauberkeits- und Schönheitszwänge" sekundierte Ines Kappert in der "taz": "Feminismus ist wieder in." Und Andrea Ritter hechelte im aktuellen "Stern"-Titel hinterher: "'Feminismus' groovt plötzlich wieder mit dem Zeitgeist." Yeah, lass jucken, Mutti!

Die Achse der Mösen


Abgesehen davon, dass hier charmanterweise schierer Massenerfolg mal als Beweis für einen gesellschaftlichen Großtrend herhalten muss; abgesehen davon, dass andere Mehrzweckhallen-Phänomene wie Florian Silbereisen oder Mario Barth dann noch immer der wohlwollenden Interpretation durch die deutsche Intelligenzija harren; abgesehen davon, dass es also immer eine Frage der gerade regierenden Geschmackspolizei ist, was paradigmenwechseltauglich hochgejazzt werden kann - was haben diese drei durchaus für die zweite PR-Welle repräsentativen Stimmen gemein?

Sie stammen von Frauen (offenkundig wagen Männer mittlerweile kaum noch, sich ohne anwaltlichen Beistand dem Phänomen Roche zu nähern) und transpirieren ein erstaunliches Maß an doch eher einfallsloser Gleichschrittrhetorik.

Ein klarer Fall von symbiotischer Trittbrettfahrerei: Die Frauenbewegung hat Frischfleisch, das medial gut rüberkommt. Und das Frischfleisch bekommt als kleines Dankeschön im Gegenzug den Stempel "politisch korrekt".

Sexuelle Selbstbestimmung und Kampf um Gleichberechtigung in allen Ehren. Ehrlich. Aber Roche beschreibt ja zum Beispiel das vaginale Einführen einer fettigen Holzgrillzange, die ihre Heldin Helen dann ungereinigt wieder zu Papas Wurstbesteck zurücklegt. Eine Bewegung, die sich aus so was ein Programm schnitzt, hat mehr als nur ein Problem. Da ließe sich ja noch eher mit dem Chemnitzer Telefonbuch als Heiliger Schrift eine neue Religionsgemeinschaft gründen.

Früher mag Feminismus ein Schimpfwort gewesen sein. Heute ist er eine Reklamemasche, mit der sich offenkundig bereits viel verkaufen lässt, wenn man sich die aktuellen Hauptakteurinnen anschaut.

Da gibt es in der Boulevard-Nische Menschen wie Barbara Schöneberger, die immer noch als irgendwie frech und unangepasst gilt, weil sie Witze über den eigenen Brustumfang macht. Da sitzen in der Talkshow-Ecke Allwettersirenen wie Thea Dorn. Da gibt es ewige Jungautorinnen wie Jana Hensel. Und da gibt es nun Roche und Reyhan Sahin, die als "Lady Bitch Ray" angeblich für ihre "vaginale Selbstbestimmung" musiziert.

Wenn man all das mischt, kommt eine grellgeschminkte Sozialpsychologiestudentin (32. Semester) heraus, die schlecht riecht und unbescholtene Passanten bespringt. Ein Wesen also, von dem Männer immer geträumt haben. Frauen auch.

Lady Bitch Ray dürfte das wahrscheinlich "Die Achse der Mösen" nennen. Mit solchen Vortänzerinnen kann man jedenfalls den dritten Weltkrieg anzetteln.

Sie alle leben von und mit Bekenntniswahn, Sex, Tabubruch oder wenigstens Provokation. Ein Rezept, mit dem sich auch Breitreifen oder Splatterfilme verkloppen lassen. Es war jedenfalls schon schwerer, die Frauenbewegung ein klein wenig wunderlich zu finden, womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären: der gemeinsamen Zielgruppe von Klum und Roche.

Entweder ist dieses Millionenpublikum junger Frauen also extremst zwiegespalten und befremdlich, wenn es sich so unterschiedlichen Entertainment-Offerten ausliefert. Oder es ist - und das ist viel wahrscheinlicher - sehr, sehr intelligent.

Denn dann gilt: Diese Frauen nutzen die beiden Formate ganz anders, als ihnen die Gesinnungsguerilla ihrer journalistischen Geschlechtsgenossinnen unterstellt. Sie nehmen beides nicht weiter ernst. Sie wissen, dass Klum nicht harte Model-Arbeitsrealität präsentiert, sondern einen herrlich durchgeknallten Käfig voller Schnepfen. Und sie besuchen Roches Lesungen, oft ohne das Buch überhaupt gelesen zu haben.

Egal, ob in Wuppertal, Dresden oder Darmstadt - Roche lieferte auf ihrer Tour wunderbar selbstironische Leseshows, die alles waren, aber ganz sicher keine Therapieabende für Spaßbremsen.

Roche ist bei weitem nicht so wichtig, Klum nicht so doof, wie gern behauptet wird. Sie wollen nur spielen. Und beide eint dabei ihr Publikum, das nicht missioniert, sondern unterhalten werden möchte.

Betrachtet man sich "Topmodel"-TV wie "Feuchtgebiete"-Tour ausnahmsweise einmal etwas weniger ernst und bedeutungsschwer, wird beides plötzlich erträglich: Klums Kandidatinnen wie Roches Lesungen, bei denen gern und viel gelacht wird, mal schüchtern, mal dreckig, mal verwirrt.

Und war nicht auch der Bedarf an solchen Extrem-Rollenbildern immer da - vom nahbaren Doktorspiel-Nachbarsmädchen bis zur unberührbaren Beauty-Domina?

Wegen Roche wäscht sich sicher keine aufgeklärte Mitteleuropäerin nun untenrum weniger. Und wegen Klum wird keine zum Opfer der globalen Kosmetikmafia. Wäre ja auch albern. In dubio pro Deo.

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