AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte Der Minuten-Mann

Wie ein Callboy die bürgerliche Ordnung wiederherstellte

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Mirko trägt eine schwarze Lederjacke und eine Sonnenbrille, er sieht müde aus. Auf Mallorca ist es gerade etwas zu kalt für die Jahreszeit.

Er sei bereit, alles zu erzählen, sagt Mirko. Wie er vor rund zweieinhalb Jahren von Brasilien nach Spanien gekommen sei, wie er angefangen habe, für 100 Euro die Stunde mit Männern zu schlafen, vor allem aber könne er die vielen Vorlieben des ehemaligen zweiten Bürgermeisters, Javier Rodrigo de Santos, beschreiben. Interessante Details. Gruppensex, Koksorgien, Dildogeschichten. Solche Sachen. Darum gehe es doch, deswegen wollten doch alle mit ihm sprechen, sagt Mirko. Zeitungen, Magazine, Fernsehsender. Es gehe doch darum, wie Javier Rodrigo de Santos in sein Leben trat.

Mirko, der Stricher aus Brasilien, der seinen wahren Namen nicht nennt, und der Politiker aus Mallorca - genau darum geht es.

Mirko hat einen schönen brasilianischen Akzent, wenn er Spanisch spricht. Es klingt fast, als würde er singen. Der Politiker habe ihn gebucht, wenn er Drogen genommen hatte, zusammen mit zwei oder drei anderen Jungs.

Javier Rodrigo de Santos war von 2003 bis 2007 Baustadtrat und zweiter Bürgermeister von Palma de Mallorca. Er war Mitglied des Partido Popular (PP), der konservativen Partei Spaniens, die bis vergangenes Jahr auf den Balearen regierte. 42 Jahre alt, Katholik, Kirchgänger, Kritiker der in Spanien eingeführten Schwulenehe, Vater von fünf Kindern. Seine Ehefrau, ebenfalls Politikerin des PP, war dafür bekannt, sich mehrmals am Tag in ihrem Büro einzuschließen, um zu beten. De Santos brachte alles mit, was man im Partido Popular auf dem Weg nach oben braucht: Loyalität, Ehrgeiz, Glaube, Kinder. Es klang nicht vermessen, wenn er vor Freunden sagte: "Ich werde eines Tages Minister." Doch wie das so ist mit Vorzeigeleben, manchmal weiß man nicht, ob Stärke sie zusammenhält oder Verlogenheit. Aus dem Leben war eine Fassade geworden.

De Santos' Fassade ist vor ein paar Wochen zusammengebrochen. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen ihn erhoben. Er soll 50.804 Euro veruntreut haben. Das Geld wurde über die silberne Visa-Karte der städtischen Baugesellschaft EMOP abgerechnet.

Aus der "Stuttgarter Zeitung"

Aus der "Stuttgarter Zeitung"

De Santos hat mittlerweile zugegeben, von Januar 2006 bis Juni 2007 unter anderem in dem Schwulenbordell Casa Alfredo mit dieser Kreditkarte bezahlt zu haben. Mehrmals die Woche fuhr er in die Casa Alfredo, einen kleinen, unscheinbaren Flachbau in der Calle Ramón Servera Moyá 29, im Stadtteil El Terreno. An manchen Abenden gab de Santos bis zu 1500 Euro aus, auf Staatskosten.

"Rodrigo war ein freundlicher Kunde. Manchmal, wenn er Drogen genommen hatte, buchte er drei von uns für zwei Tage", sagt Mirko, der Kronzeuge.

Er möchte gleich klarstellen, was er anzubieten hat. Mirko hat sein Nokia-Handy dabei. Im Handy sind Aufnahmen von den Treffen gespeichert, die ganzen Details.

Aber die Aufnahmen sind bekannt. Mirko hatte sie mehreren Zeitungen angeboten. Die meisten wollten sie nicht. Ein Magazin hat sie schließlich gekauft und einige davon ins Netz gestellt. Man sieht den Baustadtrat beim Koksen, er ist nackt, umgeben von ebenfalls nackten Männern, jemand hält einen absurd großen Plastikpenis.

Die Geschichte des zweiten Bürgermeisters ist ungefähr so wie die Geschichte von Max Mosley, dem Chef der Formel 1, nur eine Nummer kleiner. Und Mirko ist die Geschichte hinter der Geschichte. Der Garant dafür, dass die Großen klein werden, irgendwann.

"Ich kann nicht mehr arbeiten, seit die Sache bekannt geworden ist", sagt Mirko, "das hat alles verändert."

Die Sache flog auf, als eine Buchprüfungsgesellschaft einbestellt wurde. Ein Prüfer wunderte sich über die häufigen Abbuchungen einer Wäscherei Miele. Immer mitten in der Nacht, immer sehr hohe Beträge, mehrmals die Woche. Die Wäscherei Miele steht in direkter Verbindung zu Alfredo Gómez Ribada, einem Masseur, der seit vielen Jahren seine Dienste um das erweitert, was man in bestimmten Kreisen "das Happy End einer Massage" nennt. Alfredo Gómez Ribada ist der Besitzer des Bordells Casa Alfredo. Dort trafen sich de Santos und Mirko zum ersten Mal. Danach sahen sie sich regelmäßig.

Der Partido Popular der Balearen ist seitdem nicht mehr wiederzuerkennen. Er liegt am Boden. Der Partido Popular auf Mallorca trat nicht ganz so verbissen, nicht ganz so fundamentalistisch auf wie die Parteizentrale in Madrid. Dann gab es erst ein paar Skandale, später gingen die Regionalwahlen verloren, schließlich der Fall de Santos. Es wird dauern, bis sich die Partei davon erholt.

"Andere Journalisten haben mir Geld geboten", sagt Mirko. Er sei bereit, sagt er, alles zu erzählen, die ganzen Details. Er weiß, dass seine Geschichte ein Verfallsdatum hat.

Das Gespräch dauert drei Minuten, vielleicht vier. Dann steht Mirko auf und läuft davon, den Kopf voll mit Geschichten, die vielleicht schon bald niemand mehr wissen will.



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