AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2008

SPIEGEL-Gespräch "Dieses Gefühl der inneren Qual"

US-Schriftsteller Nicholson Baker über seine umstrittene Chronik des Zweiten Weltkriegs


SPIEGEL: Mr. Baker, der Zweite Weltkrieg gilt als Paradebeispiel eines "guten", unabwendbaren Krieges, der geführt werden musste, um die Nationalsozialisten zu stoppen. Was hat Sie getrieben, gerade diesen Krieg in Frage zu stellen?

Baker: Ich habe jahrelang ein großes Zeitungsarchiv gehütet, und immer wenn ich mir die Schlagzeilen der amerikanischen Zeitungen aus den Weltkriegsjahren anschaute, hat mich die Blutrünstigkeit erschreckt, die darin zum Ausdruck kam. Aber ich verstand den Krieg nicht wirklich; ich verfügte nicht über eine Erzählung, anhand deren ich mir die vermutlich schlimmsten sechs Jahre in der Geschichte der menschlichen Zivilisation erklären konnte.

SPIEGEL: Warum war es Ihnen wichtig, dieses Stück Geschichte zu verstehen?

Baker: Hier in Amerika befinden wir uns gerade in einem Krieg, und das Thema quält mich sehr. Darum erschien es mir sinnvoll, mir den Zweiten Weltkrieg genauer anzuschauen, denn er muss immer als historischer Bezugspunkt für den Irak herhalten - eben als gerechter Krieg, der auf amerikanischer Seite von der sogenannten größten Generation geführt wurde.

SPIEGEL: Sie sind kein Historiker. Was wussten Sie über den Krieg, als Sie mit Ihrer Recherche anfingen?

Baker: Ich kannte die einfache, quasi öffentlich-rechtliche Fernsehfassung des Zweiten Weltkriegs. Ich wusste, dass Panzer in Warschau eingerollt waren und dass der britische Premier Neville Chamberlain als Beschwichtiger galt. Sehen Sie, ich bin nur ein mittelprächtig gebildeter Amerikaner, was heißt, dass ich im Grunde ziemlich wenig über die Welt weiß. Aber das kann auch ein nützlicher Ausgangspunkt sein, denn ich kann noch mit Staunen und Schock reagieren. Für mich ist alles neu, und wenn ich über eine Schreckenstat in Minsk oder sonst wo lese, dann fühlt sie sich auch schrecklich an. Genau dieses Gefühl der inneren Qual wollte ich in "Human Smoke" vermitteln.

SPIEGEL: Geschichte als Lektion in Mitgefühl?

Baker: Ein Krieg ist zerstörerisch, er tut weh, er verursacht unendliches Leid. Ich glaube, dass man etwas davon fühlen muss, wenn man über einen Krieg liest, sonst ist es keine wirkliche Geschichte. Man muss mittendrin sein im Augenblick, man muss sehen, wie jemand, der gerade mühsam aus einem Bombenkrater geklettert ist, angeschossen wird und wieder zurückfällt. Wenn man diesen Schmerz nicht erlebt, versteht man die Geschichte nicht wirklich, sondern bewegt nur seine Pupillen über die Seite.

SPIEGEL: Sie konfrontieren den Leser mit kurzen, anekdotischen Textfragmenten, etwa über einen Besuch des britischen Premiers Winston Churchill in Coventry, ohne jeden Zusammenhang, ohne Theorie. Wo liegt der Erkenntnisgewinn?

Baker: Ich wollte ja keine umfassende Geschichte des Zweiten Weltkriegs verfassen, dazu bin ich gar nicht qualifiziert. Stattdessen habe ich Fragmente gesammelt - viele einzelne Glasscherben mit scharfen, gefährlichen Kanten, die auch gar nicht alle zusammenpassen. Ich wollte zum Beispiel zeigen, was mit Menschen geschieht, die ausgebombt werden. Welche Wut löst das aus? Und wie macht die sich Luft? Ich wollte zeigen, wie eine Sprache des Hasses Menschen ergreift. Ich wollte unbequeme Fragen stellen.

SPIEGEL: Aber keine Antworten geben?

Baker: Nein. Zwischen den Fragmenten gibt es viel leeren Raum auf den Buchseiten. Mit diesem Raum können Sie als Leser anstellen, was Sie wollen. Sie können Ideen hinzufügen, Sie können widersprechen, weinen oder auch Partei ergreifen. Auf jeden Fall aber werden Sie zum aktiven Teilnehmer, denn ich gebe Ihnen nicht einmal eine Einführung vor. Ich schicke Sie nur los, und dann müssen Sie sich selbst im Wust der widersprüchlichen, komplizierten Ereignisse zurechtfinden.

SPIEGEL: Schon in Ihrer Auswahl liegt doch eine Wertung. Churchill etwa erscheint ausschließlich als Kriegstreiber, der den Konflikt unerbittlich hochputscht. Wer nur Ihr Buch kennt, kann den Eindruck gewinnen, Churchill sei für mehr Leid verantwortlich als Hitler.

Baker: Man sollte zwei so grundlegend verschiedene Männer wie Churchill und Hitler überhaupt nicht miteinander vergleichen. Abgesehen davon, dass sie beide mit Büchern Geld verdienten, haben Churchill und Hitler praktisch keine Ähnlichkeiten. Hitler war ein höchst komplizierter Irrer, Churchill nicht.

SPIEGEL: Aber beide führten eine europäische Großmacht im Zweiten Weltkrieg ...



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