AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2008

Arbeitsmarkt Jung, gut und unerwünscht

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2. Teil: Chef zum Angestellten: "Sie können drei deutsche Pässe haben, für mich bleiben Sie ein Türke"



Das Interesse an Jobs in der Türkei sei "sehr groß", berichtet er: Die Gehälter für Führungspositionen haben sich in der Türkei dem deutschen Niveau angenähert. Gleichzeitig ist das Leben dort billiger. Besonders Betriebswirte und Ingenieure werden gesucht. Die Firmen wollen Deutschtürken, die beide Kulturen kennen, beide Sprachen perfekt beherrschen - und die eine Arbeitsmoral haben, wie sie gemeinhin den Deutschen zugeschrieben wird. "Die Nachfrage nach diesem Personenprofil ist deutlich gestiegen", so die für Vermittlung in die Türkei zuständige Mitarbeiterin der Bundesagentur für Arbeit.

In Deutschland sei ein ausländischer Name bei Bewerbungen gewöhnlich ein Nachteil, sagt Bökli. Vor vier Jahren hatte er ein Vorstellungsgespräch bei einem sehr großen deutschen Unternehmen. Es lief gut, und deshalb war der Psychologe ziemlich erstaunt, als ihm der Personalchef absagte. Er habe zu den drei Besten gehört, erfuhr Bökli, "aber die Einheit besteht nur aus Deutschen, und da könnte es interkulturelle Probleme geben".

Bökli fördert nun als Personalberater einen Exodus, von dem er selbst sagt, es handle sich um "einen Braindrain, der für die türkische Community in Deutschland fatal ist". Eine "Katastrophe" nennt Integrationsminister Laschet den Aderlass: "Auch die türkische Gemeinschaft in Deutschland braucht Eliten und Vorbilder."

Denn die, die hier bleiben, das seien auf jeden Fall die Ungebildeten, die weder richtig Deutsch können noch richtig Türkisch. "Die bleiben schon deshalb", meint Bökli, "weil nirgendwo sonst ein vergleichbares Sozialsystem verfügbar ist."

Wissenschaftler des Essener Zentrums für Türkeistudien gehen davon aus, dass im Schuljahr 2004/05 viermal mehr Schüler mit türkischem Hintergrund Hauptschulen besuchten als Gymnasien. "Die Hartz-IV-Empfänger wandern nicht aus", sagt die Kölner SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün. Für sie ist die Abwanderung der Akademiker "ein Horrorszenario". Es verschwänden genau diejenigen, die Brücken zur deutschen Mehrheitsgesellschaft schlagen könnten.

Neben der Türkei stehen als Auswanderungsziele vor allem der Persische Golf und englischsprachige Länder hoch im Kurs. "Die Briten sind toleranter", sagt ein türkischstämmiger Unternehmensberater aus Mannheim. In Deutschland hat ihm sein Ex-Chef in einem großen Unternehmen einmal erklärt: "Sie können drei deutsche Pässe haben, für mich bleiben Sie ein Türke."

"Bildung hin oder her, man fühlt sich ausgegrenzt und nicht akzeptiert", sagt Eda Gökçen Yücel, 28, aus Bremen, die demnächst ihr Studium in Medizintechnik beenden wird und schon mehrere Angebote von türkischen Firmen hat.

Ein Betriebswirt aus Düsseldorf sah sich unlängst in New York nach Jobs um. "Nach einer Woche", erzählt er, "fühlte ich mich wie ein Amerikaner." In Deutschland fühlt er sich auch nach 26 Jahren nicht ganz heimisch. Hier suchte er auch, obwohl er sein Diplom mit 1,0 machte, wesentlich länger nach einem Job als deutsche Kommilitonen - die deutlich schlechtere Noten hatten.

Eine Erfahrung, die alle türkischstämmigen Akademiker verbindet - irgendwann fordern Deutsche sie mehr oder weniger unfreundlich auf: Geh doch wieder dahin, wo du herkommst.

Dilsad Budak, 27, die mit anderthalb Jahren aus Istanbul nach Deutschland kam, antwortet dann manchmal pampig: "Nein, ich hole alle meine Verwandten aus der Türkei hierher und bekomme noch dazu zehn Kinder."

Im vergangenen Jahr arbeitete die Rechtsreferendarin aus Düsseldorf vier Monate in einer Anwaltskanzlei in Istanbul. Sie bekam sofort mehrere gute Jobangebote. "In der Türkei wird deine Bikulturalität geschätzt", sagt sie.

Anfang kommenden Jahres, nach ihrem zweiten Staatsexamen, wird die Juristin höchstwahrscheinlich nach Istanbul gehen. Am Bosporus fühlt sie sich zwar auch als Ausländerin, "aber erwünscht". In Deutschland sei sie juristisch gesehen zwar Inländerin, "aber wenig erwünscht".

Cem Yurtsever, 36, hat diese Erfahrung schon hinter sich. Vor vier Jahren, nach seinem Architekturstudium, wanderte er nach Istanbul aus. Inzwischen hat er dort ein Architekturbüro - und eine Filiale in Köln. Als er im Herbst 2004 nach Istanbul zog, sagten seine Eltern, die in Duisburg lebten: "Spinnst du, in die Türkei zu gehen?"

Zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Aysin Ipekci hat Yurtsever inzwischen den internationalen Wettbewerb für den Neubau der Kunstakademie Bezalel in Jerusalem gewonnen. "Ich habe nicht die Absicht", sagt er, "aus Istanbul wieder wegzugehen."

Den Satz könnte auch Cihan Batman, 40, unterschreiben, der seit anderthalb Jahren in Istanbul für Vodafone arbeitet. Der in Stuttgart geborene Diplomkaufmann ist Deutscher, fühlt sich aber als europäischer Türke und genießt das Leben in der Metropole. Gelegentlich besucht Batman einen Stammtisch von nach Istanbul ausgewanderten Deutschtürken. Einmal im Monat treffen sich bis zu 50 Zuwanderer im Café einer Emigrantin aus Bochum.

Ein paar Dinge, haben die jungen Leute dabei festgestellt, vermissen sie in der Bosporus-Metropole dann doch. Eine Bratwurst zum Beispiel. Und natürlich deutschen Fußball, die Bundesliga.

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