AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2008

Investoren "Riesige neue Möglichkeiten"

US-Milliardär Warren Buffett über die Folgen der Finanzkrise, wirklichen Luxus und sein plötzliches Interesse an deutschen Unternehmen


SPIEGEL: Die Immobilienpreise in den USA sind rapide gefallen, Energie wird von Tag zu Tag teurer, die Finanzbranche ist in einem jämmerlichen Zustand, überall lauern neue Risiken. Können die USA eine Rezession noch abwenden?

US-Milliardär Buffett: "Sie brauten ein Giftgetränk und mussten es am Ende selbst trinken"
REUTERS

US-Milliardär Buffett: "Sie brauten ein Giftgetränk und mussten es am Ende selbst trinken"

Buffett: Nun, ich bin kein Wirtschaftsexperte. Ich könnte kein Geld damit verdienen, den Verlauf der Wirtschaft für ein halbes oder ganzes Jahr vorherzusagen. Aber ich glaube schon, dass wir uns bereits in einer Rezession befinden. Vielleicht nicht in dem Sinne, wie sie Ökonomen definieren. Da müsste es zwei Quartale hintereinander negatives Wachstum geben. So weit sind wir noch nicht. Aber die Leute fühlen die Effekte der Rezession bereits. Sie wird tiefer gehen und länger dauern, als viele denken. Meine Geschäftsmodelle basieren aber nicht auf aktuellen Prognosen. Sie sind davon gänzlich unabhängig. Selbst wenn die Welt zugrunde ginge, würde ich noch Firmen kaufen.

SPIEGEL: Aber Sie sagten doch selbst: Die Party ist vorbei.

Buffett: Ja, damit meinte ich aber lediglich den Versicherungssektor. Dort konnte man über Jahrzehnte hinweg vergleichsweise gut verdienen. Das ist jetzt vorbei.

SPIEGEL: Und die Finanzindustrie?

Buffett: Dort ist die Party nie vorbei. Es gibt aber immer wieder Verwerfungen, klar. Jetzt erleben wir wieder so eine Verwerfung, beispielsweise mit dem Beinahe-Zusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns. Aber so etwas eröffnet riesige neue Möglichkeiten für Investitionen, auch wenn es in chaotischen Zeiten passiert.

SPIEGEL: Plötzlich so optimistisch? Sie haben doch selbst manche Instrumente der Finanzindustrie als Massenvernichtungswaffen bezeichnet. Das klingt so ähnlich wie die Äußerung von Bundespräsident Horst Köhler, der die Finanzmärkte als Monster bezeichnet.

Buffett: Ich verdamme nicht die ganze Industrie. Mit Massenvernichtungswaffen meinte ich lediglich den ausufernden Derivatehandel. Es kann doch nicht sein, dass Hunderttausende Jobs vernichtet werden, dass ganze Industriezweige in der Realwirtschaft aufgrund solcher Finanzwetten zugrunde gehen, obwohl sie eigentlich kerngesund sind. Zudem sind solche Konstrukte dermaßen kompliziert, dass sie von kaum jemandem noch verstanden werden.

SPIEGEL: Selbst die Banker blicken nicht mehr durch.

Buffett: Sie brauten ein Giftgetränk und mussten es am Ende selbst trinken. So etwas machen die Banker normalerweise nur sehr ungern, sie verkaufen es lieber an andere.

SPIEGEL: Wie lassen sich solche Finanzinstrumente kontrollieren?

Buffett: Das ist das Problem: Sie können so etwas nicht mehr steuern, nicht mehr regulieren. Das hat sich verselbständigt. Den Geist bekommt man nicht zurück in die Flasche. Die amerikanische Zentralbank Fed hat ja versucht, zum Beispiel durch Zinssenkungen Einfluss zu nehmen. Die Fed und auch die US-Regierung haben überhaupt kein Interesse an solchen extremen Ausschlägen, wie wir sie zurzeit haben. Und trotzdem konnten sie sie nicht verhindern.

SPIEGEL: Nach dieser Logik ist auch eine künftige US-Regierung machtlos. Wen wünschen Sie sich denn als nächsten Präsidenten?

Buffett: Ich habe den beiden jetzigen demokratischen Kandidaten vor ihrer Kandidatur gesagt: Ich unterstütze euch. Ich habe die gesetzlich maximal mögliche Summe an die Demokraten gespendet und sowohl Barack Obama als auch Hillary Clinton mit dem gleichen Betrag unterstützt. Aber das ist, wie mit zwei Menschen verheiratet zu sein. Irgendwann muss man sich entscheiden. Ich habe mich für Obama entschieden und hoffe, dass er gewinnt.

SPIEGEL: Warum?

Buffett: Ich stimme einfach mit vielen seiner Ansichten überein. Das fängt bei seinen modernen Entwürfen für Abtreibungs- und Fortpflanzungspolitik an und endet bei der Steuerpolitik, die er anstrebt.

SPIEGEL: Sie sind nach Deutschland gekommen, um dauerhaft bei Familienunternehmen einzusteigen. Was finden Sie so attraktiv hier?

Buffett: Wir suchen große, gutgeführte Unternehmen, die wir auf Anhieb verstehen. Voraussetzung ist, dass sie über Jahrzehnte gewachsen sind. Drei, vier Jahre alte Firmen kommen nicht in Frage. Natürlich werden viele Familien eine solche attraktive Firma nicht verkaufen wollen. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Aber manchmal gibt es doch einen guten Grund, die Firma abzugeben. Dann sollen die Familien zuerst an uns denken.

SPIEGEL: Wer steht auf Ihrer Einkaufsliste?

Buffett: Ich habe keine konkrete Einkaufsliste. Ich suche Unternehmen mit einem langfristigen, dauerhaften Wettbewerbsvorteil, die von guten Leuten geführt werden und preiswert sind. Wir haben bei Berkshire in Omaha nur 19 Leute und brauchen deshalb gute lokale Manager. Mir fallen in Deutschland eine ganze Reihe von Unternehmen ein, die uns interessieren. Aber ich kann von außen nicht sagen, wann die Umstände für einen Verkauf stimmen. Deshalb sollten die Leute mich direkt anrufen.

SPIEGEL: Über welchen Anruf würden Sie sich besonders freuen?

Buffett: Es ist weder für mich noch für die Unternehmen gut, wenn ich Ihnen jetzt die Namen sage.

SPIEGEL: Die deutsche Wirtschaft ist derzeit in einer sehr robusten Verfassung, während einige andere westliche Staaten Konjunkturprobleme haben. Wie erklären Sie sich das?

Buffett: Das zeigt, dass die Deutschen etwas von Wirtschaft verstehen. Eigentlich arbeitet der starke Euro ja gegen Deutschland. Wenn gerade eine Exportnation wie Deutschland dennoch stark ist, beweist es, dass Angebot und Qualität stimmen. Und dass in der Vergangenheit viele richtige Entscheidungen gefällt wurden und sich die Reformanstrengungen gelohnt haben.

SPIEGEL: Neben Unternehmen wie Coca-Cola und Procter & Gamble haben Sie viele Milliarden Dollar in Rückversicherer investiert. Nun fallen die Versicherungsprämien. Haben Sie einen Fehler gemacht?

Buffett: Ich bin seit 1970 in dem Geschäft, und es ging immer auf und ab. Ich werde vielleicht in den kommenden zwölf Monaten nicht mehr ganz so viel Geld verdienen, aber insgesamt finde ich die Branche trotz der gegenwärtigen Flaute gut. Wenn wir etwas kaufen, bleiben wir für immer und ewig. Das irritiert viele, aber so sind wir halt.

SPIEGEL: Die Münchener Rück war die erste deutsche Firma, in die Sie direkt investiert haben. Auch eine Investition für die Ewigkeit?

Buffett: Wir haben bei Berkshire Hathaway zwei verschiedene Kategorien: Es gibt 76 Firmen, die wir dauerhaft besitzen. Und es gibt einen Handelsbestand. Die Münchener Rück gehört zu der zweiten Kategorie.

SPIEGEL: Haben Sie die Vorstände des Münchener Rückversicherers getroffen?

Buffett: Vor zwei Jahren, ja. Wir haben auch Aktien eines anderen deutschen Unternehmens gekauft ...

SPIEGEL: Von welcher Firma?

Buffett: Das will ich nicht sagen. Auch diese Aktien gehören zum Handelsbestand, die können schnell wieder verkauft werden.

SPIEGEL: Sie versprachen etwa die Hälfte Ihres Vermögens der Bill & Melinda Gates Stiftung. Was passiert mit der anderen Hälfte?

DER SPIEGEL
Buffett: Ich habe neben der Gates-Stiftung noch vier andere Stiftungen bedacht. Bisher sind 80 Prozent meiner Aktien diesen fünf Organisationen fest zugesagt. Ich habe versprochen, letztlich jede meiner Aktien von Berkshire Hathaway zu spenden. In meinem Testament ist klar geregelt, was mit den restlichen Aktien passiert. Aber diese Entscheidung kann ich in meiner verbleibenden Lebenszeit noch einmal ändern.

SPIEGEL: Sie sind der reichste Mann der Welt ...

Buffett: ... vielleicht zurzeit ja schon nicht mehr ...

SPIEGEL: Wir wollen uns mit Ihnen nicht über ein paar Milliarden streiten. Welche Rolle spielt Ihr immenser Reichtum in Ihrem Alltag?

Buffett: Ich habe alles, was ich brauche. Aber so habe ich mich auch mit 25 Jahren gefühlt, als ich noch nicht so viel Geld hatte. Ich habe eine wunderbare Familie. Ich habe einen Job, den ich liebe, und wunderbare Leute, die mir dabei helfen. Es wird nicht besser werden.

SPIEGEL: Was denken Sie über die neue Klasse der Superreichen, die wie beispielsweise viele russische Oligarchen ihren Reichtum protzig zur Schau stellen?

Buffett: Nun, wenn sie das glücklich macht ... Mir persönlich gibt das gar nichts. Ich freue mich, wenn ich jeden Tag genau die Sachen machen kann, die mir Spaß machen. Das ist mein Luxus. Es hätte nicht so kommen müssen, aber ich hatte Glück.

SPIEGEL: Keine Lust auf eine neue Villa in Omaha oder vielleicht ein luxuriöses Strandhaus? Sie leben immerhin seit Jahrzehnten in ein und demselben Heim.

Buffett: Ich brauche keine 15 Häuser, der Besitz von Immobilien bedeutet mir nicht viel. Ich will nicht über solche Dinge nachdenken. Ich brauche keine zwölf Boote oder gar das größte Boot der Welt mit einer Besatzung von 80 Mann. Um die müsste ich mich kümmern, da müsste ich mich sorgen. Ich habe ohne diesen ganzen Schnickschnack mehr Spaß am Leben.

Das Interview führten Christoph Pauly und Janko Tietz



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