Glücksspiel Auf der Jagd nach Boris

Die Deutsche Katja Thater, Weltmeisterin im Poker, gilt in den Spielsalons der Welt als Hai. Das sind Profis, die den Millionen kleinen Fischen das Leben schwermachen, also Leuten wie Boris Becker und anderen Anfängern. Nun muss sie in Las Vegas ihren Titel verteidigen.

Eine gute Freundin von Katja Thater hatte vor einiger Zeit ein Problem. Zu kleine Brüste und 700 Euro auf dem Konto. Zu kleine Brüste und 5000 Euro auf dem Konto wären kein Problem gewesen. So viel koste eine Schönheitsoperation, erzählte die Freundin. Es war eine wirklich gute Freundin, und sie wünschte sich die neuen Brüste sehr. Thater überlegte. Nach einer Weile nahm sie die 700 Euro und sagte:

"Komm Montag wieder."

"Du hilfst mir?"

"Ja."

"Was hast du vor?"

"Boob-Challenge."

Boob-Challenge ist nicht leicht zu übersetzen. Vielleicht mit Brust-Herausforderung. Oder Busen-Wettkampf. Projekt Doppel-D.

Thater fuhr ins Casino Schenefeld bei Hamburg, wo sie viele Wochenenden verbracht hatte, kaufte für 700 Euro Chips, suchte sich einen Pokertisch und sagte: "Jungs, ist für 'nen guten Zweck."

Drei Nächte spielte sie. Am Ende hatte sie das Geld zusammen. 5000 Euro. Immer wieder hatte Thater entscheiden müssen, ob die Karten in ihrer Hand gut oder schlecht waren, ob es einen bestimmten Spieler am Tisch gab, auf den sie sich konzentrieren sollte, der allein genug abwerfen würde, oder ob sie stetig allen etwas abnehmen sollte. Es waren viele Fragen, viele Entscheidungen, aber es ging gut. Thater gab die 5000 Euro der Freundin, einer Freundin, die sich in letzter Zeit gern Blusen mit weitem Ausschnitt kauft.

Thater ist voriges Jahr in Las Vegas Weltmeisterin in der Pokerdisziplin Seven Card Razz geworden. Es gibt noch andere Varianten; Draw, Stud, Omaha. Die populärste Variante heißt Texas Hold'em. Thater ist in allen gut.

Poker ist über Deutschland gekommen wie ein Grippevirus. Vor fünf Jahren dachte man bei Poker an Saloons. Mittlerweile gibt es Dutzende deutsche Pokerseiten im Netz, und DSF überträgt regelmäßig Partien. Die German Poker Players Association spricht von etwa zwei Millionen Spielern. Der Deutsche Poker Bund gibt die Zahl mit einer Million an.

Die Pokerwelt ist in zwei Gruppen aufgeteilt, man muss sich das wie im Meer vorstellen. Es gibt Fische und Haie. Leute wie Thater heißen Haie, sie suchen sich am Tisch Opfer und verbeißen sich so lange, bis nichts mehr übrig bleibt. Sie sind berechnend, rücksichtslos, kalt. Von außen muss es aussehen, als beherrschten Haie das Glück. Jeden Abend provozieren sie das Schicksal am Tisch, und das Schicksal kneift. Haie gewinnen spielend Geld. Es sind nur wenige, aber sie sind die Könige der Pokerwelt.

Die Opfer der Haie sind die Fische, Leute, die der Poker-Boom gebracht hat. Sie sind nicht berechnend, nicht rücksichtslos, auch sie dürfen im Pokermeer schwimmen. Fische sind das Futter.

Wenn man Poker verstehen will, muss man dieses Meer verstehen. Es funktioniert nur, weil es immer genug Fische gibt. All die Fernsehübertragungen, die Werbung für Pokerseiten, der Rummel, all das ist - genau genommen - eine Fischzucht. Sie ist so erfolgreich, weil ein Gewinn von 5000 Euro in drei Nächten einfach zu verlockend klingt. Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, dass man selbst irgendwann zum Hai wird. Diese Hoffnung ist ein wenig naiv, aber menschlich. Alle wollen der Hai sein.

Auch Miro Stankovic, noch Fisch, will irgendwann mal Hai sein.

Stankovic sitzt im Berliner Westspiel Casino, in der 37. Etage des Hotels Park Inn am Alexanderplatz. Es ist ein kleines Casino. Es gibt nur zwei Räume, in einem stehen Roulettetische, im anderen wird Poker gespielt. Die Casinoleitung verlangt, dass die Herren im Jackett erscheinen. Vielleicht hätte man die Farbe auch festlegen sollen. Einige der Männer tragen weinrote Sakkos, andere grüne oder gelbe, viele davon kariert. Im hinteren Raum, nicht weit von den Pokertischen, steht die Bar. In der Karte steht: "Schlemmereien von Nah und Fern". Mit nah ist die Berliner Currywurst für 4,80 Euro gemeint, mit fern das Chili con Carne für 7,80. Eine Karte, die zu karierten Sakkos passt.

Stankovic sitzt mit dem Rücken zur Bar. Er hat Pik-Bube und eine Herz-Dame in der Hand. Stankovic ist 30 Jahre alt. Er hat dunkle Haare und eine recht große Nase. Seine feinen Hände stehen kaum still. Um ihn herum sitzen am ovalen Tisch acht Mitspieler und der Angestellte des Casinos, der die Karten verteilt. Nur Männer. Sie spielen Texas Hold'em. Zwei Karten in der Hand, weitere fünf werden nach und nach für alle sichtbar auf den Tisch gelegt. Dazwischen gibt es Setzrunden. Wer am Ende die besten Karten hat, gewinnt. Texas Hold'em ist nicht kompliziert. Katja Thater nennt es "Dumpfbacken-Poker".

"Man spielt nicht nur die Karten, man spielt auch den Gegner"

Vor etwa einer Stunde hat das Montagsturnier im Casino begonnen. 34 Spieler haben sich angemeldet. Jeder hat 100 Euro eingezahlt, sie spielen so lange, bis einer alles hat und die anderen 33 nichts mehr. So viel ist nach einer Stunde klar, Stankovic gehört heute zu den 33. Ein dünner Brillenträger mit liebevoll geföhnten Haaren hat König, Dame in der Hand. Thater hätte vielleicht auch das nicht gespielt, aber nachdem die anderen Karten aufgedeckt werden, zeigt sich, für Stankovic reicht das heute. Die Föhnfrisur kommt auf ein Paar Könige. Stankovic hat alles verloren.

"Man spielt ja nicht nur die Karten, man spielt auch den Gegner." Ein Pokerlehrsatz, er steht in den meisten Pokerbüchern. Stankovic hat ihn irgendwo gehört. Er hat mal in einem Pokerbuch geblättert und sich gelangweilt, "alles zu theoretisch". Stankovic hat sich an die Bar gesetzt und will nichts trinken. ,,Es gibt Spieler, die können in meinem Gesicht wie in einem Buch lesen. Keine Ahnung, warum." Es ist ein freundliches Gesicht, mit dunklen Augen. Seine Familie stammt aus Serbien, aber er ist in Deutschland aufgewachsen. Stankovic kommt oft zu den Montagsturnieren. Sein bestes Ergebnis war Sechster.

Vor zwei Jahren hat er mit dem Pokerspielen angefangen. Freunde haben es ihm gezeigt. Anfangs hat er alle paar Wochen gespielt, dann einen Abend die Woche, schließlich vier oder fünf Abende. "Ich kenne Freunde, die es nicht im Griff haben. Die verzocken alles, weil sie nicht aufhören können. Man fragt sie, was sie abends machen, und sie sagen, sie bleiben daheim. Später trifft man sie am Tisch."

"Geld, das man gewonnen hat, ist schöner als Geld, das man erarbeitet hat."

Stankovic hat eine kleine Firma. Er vermietet Container an Baustellen. "Ich habe Verantwortung." Bei Stankovic klingt es, als gehe das beides nicht zusammen, Verantwortung und Pokerspielen. Er ist hin- und hergerissen, manchmal, sagt er, würde er gern mehr spielen, aber er muss ein Leben als Familienvater und Kleinunternehmer führen. Er weiß, dass Poker böse enden kann. Der Werbespruch des Casinos lautet: "Gewinner wissen, wann sie aussteigen müssen." Stankovic sagt, dass er es weiß, er wiederholt es sogar mehrmals und sagt schließlich: "Aber manchmal ist Pokerspielen einfach ein unglaubliches Gefühl. Geld, das man gewonnen hat, ist schöner als Geld, das man erarbeitet hat."

Poker ist ein Versprechen. Es verspricht Geld, es verspricht Aufregung, das Gefühl, ein Sieger zu sein. Am Pokertisch kann es das Leben gut mit einem meinen - und sei es nur für einen Abend. Leider hält Poker seine Versprechen nicht. Und darum klingt das Leben von Katja Thater für Fische wie ein Märchen, etwas, von dem man sich zwischen zwei Partien bei den Montagsturnieren erzählt. Beim Chili con Carne für 7,80 Euro.

Das Leben von Katja Thater, es ist gerade etwas anstrengend. Sie hat letzte Nacht bis halb vier gespielt. Jetzt ist es halb drei. Seit zwei Tagen ist sie im Casino Baden, ihrem Lieblingscasino, nicht weit von Wien. Es ist ein wuchtiger, klassischer Bau, mit schweren Teppichen, schweren Kronleuchtern und Kellnern, die "sehr wohl, der Herr"; "sehr wohl, die Dame" sagen.

Zwei Turniere wird Thater in Baden spielen. Erst das EPT Baden Classic, ein Turnier der European Poker Tour. Im Prinzip eine Art Tennistour, nur eben für Poker. Gleich im Anschluss ist die Poker-EM im Seven Card Stud, einer Pokerdisziplin. Das Ganze dauert eine Woche. Das Antrittsgeld beträgt für das EPT-Turnier 8000 Euro, der Sieger bekommt 670.800 Euro. Die Teilnahme an der EM kostet 2500 Euro. Rund 100.000 für den Sieger. Mehrere hundert Spieler haben sich angemeldet, viele Haie darunter.

Stankovic würde hier vermutlich keine zwei Stunden überleben. Aber er fände es bestimmt interessant. An etwa 20 ovalen Tischen sitzen Pokerspieler, zehn je Tisch. Viele hören über ihren Kopfhörer Musik, tragen eine Sonnenbrille oder haben eine Kapuze über den Kopf gezogen. Sie möchten nicht, dass man ihr Gesicht sieht. Manchmal verrät das Gesicht zu viel, vor allem die Augen. So gut wie alle an den Tischen spielen mit ihren Chips. Ein paar können Tricks und lassen die Chips um die Finger kreisen. Die meisten aber lassen sie einfach aufeinanderfallen. Ein ununterbrochenes lautes Klackern. Es ist, als hätten die meisten hier einen nervösen Tick. Man kann bei einem Pokerturnier die Nervosität der Spieler hören. Es ist das Klackern. Deswegen die Kopfhörer mit der Musik.

Das große Geld ist im Cash Game

Thater sitzt an einem der Pokertische, hinter ihrem Mann. Jan von Halle ist auch Profi. Thater begann mit dem Poker, als sie ihn kennenlernte. Er war damals schon Profispieler und verbrachte die Wochenenden am Tisch. Sie schaute zu. 1999, während einer Partie, stand er plötzlich auf und sagte zu ihr: "Übernimmst du mal kurz, muss mal." Er kam nicht wieder, und Thater gewann. Sie war damals ein Fisch, aber einer, der von den Haien nicht gefressen wurde, weil er Talent hatte und Jan von Halle in der Nähe war.

Am Nachbartisch, drei Meter von Thater entfernt, wird Cash Game gespielt. Sie schaut manchmal rüber. Cash Games sind normale Pokerpartien, losgelöst vom Turnier. Bei Turnieren geht es um den Wettkampf, die Ehre, das große Geld aber ist im Cash Game. Poker nur zum Spaß, also um Geld, was für Haie das Gleiche ist. Jeder kann sich dazusetzen und mitspielen. Man ist sehr willkommen.

Um die 30.000 Euro in Chips und 500-Euro-Scheinen liegen am Nachbartisch im Pott. Sie werden in den nächsten drei, vier Minuten den Besitzer wechseln. Thater gähnt.

"Wer hat den längsten Schwanz?"

Nicht weit von hier hängt ein Poster von Thater. Seit sie Weltmeisterin wurde, ist sie ein Star. Das Poster zeigt eine blonde Frau mit hellen, klaren Augen, die sehr konzentriert schaut. Sie trägt halblanges Haar und ein dunkles Hemd, am Revers die Aufschrift ihres Sponsors, einer Poker-Internet-Seite. Thater ist 41 Jahre alt, eine intelligente, resolute Frau, die ziemlich schnell spricht und seit Jahren in der Nähe von Hamburg Pferde züchtet. Sie ist in einem Unternehmerhaushalt groß geworden. Privatinternat, Ballettunterricht, Studium in Barcelona, guter Job als Event-Managerin. Poker war nie vorgesehen. Ihr Vater hat mal versucht, ihr Skat beizubringen. Sie hat es nie verstanden.

"Wenn Männer pokern, dann geht es immer um diese Schwanzvergleiche." Sie schaut auf den Nachbartisch. Zehn Männer - und wieder ein riesiger Haufen Chips in der Mitte. Viele der Chips sind nicht rund. Sie sind rechteckig. 10.000 in goldenen Ziffern steht drauf. "Heißer Tisch", sagt Thater, "wer macht den größeren Haufen, wer kann mit den großen Hunden pissen, so ist das, wenn Kerle spielen. Wer hat den längsten Schwanz?"

Poker ist Arbeit, nicht Emotion

Thater zockt nie, das ist das Geheimnis. Sie ist immun gegen die Verführung. Sie mag auch keine Brettspiele oder Roulette, wirft nie eine Münze in die Automaten. Ihr eine Wette vorzuschlagen hat keinen Sinn. "Könnte ja verlieren." Poker ist Arbeit, nicht Emotion, und diese Arbeit besteht darin, Fragen zu beantworten. Sie muss sich überlegen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Ass auftaucht, wer der Fisch ist, ob jemand blufft. Sie kann zwei, drei Stunden, manchmal eine ganze Nacht dasitzen, auf die richtigen Karten warten und Preiselbeersaft trinken, den sie gern mag. Ihr Gesichtsausdruck verändert sich in der Zeit kaum, sie schaut stur auf die Karten. Manchmal scheinbar gelangweilt, manchmal so kalt, dass einem unwohl wird. Es ist Arbeit, und es heißt nicht, dass sie immer gewinnt. Es heißt, dass sie mehr gewinnt als verliert. Wie viel das ist, möchte sie nicht sagen. Es reicht für die Pferde, eine Rolex und Urlaub in der Karibik.

"Ich nehme Glück nicht persönlich." Ein Fisch glaubt, dass sich das Glück, der Zufall oder Gott gegen einen verbündet habe, wenn es nicht läuft. Für Thater gleicht sich Glück aus, und was Poker betrifft, ist das Glück sehr redlich. Niemand bekommt nur schlechte Karten, niemand nur gute. Karten haben kein Gedächtnis, sagen Spieler. Aber offenbar sind sie auch nicht vergesslich. Alle Spieler werden auf lange Sicht gleich behandelt. "Nur darum kann es ja Weltmeisterschaften geben, es ist kein Glücksspiel", sagt Thater. "Gibt es professionelle Roulettespieler? Professionelle Würfelspieler? Nein, das sind Glücksspiele. Warum sitzen an den Finaltischen so oft dieselben Leute, wenn es Glück ist?"

Poker hat ein Problem. Es ist das gleiche Problem, das Pferdewetten oder Spielautomaten haben. Glücksspiele, sagen Psychologen, können süchtig machen. Die Zahl der Pokersüchtigen in den Fachkliniken nimmt erheblich zu. In Deutschland gilt Poker als Glücksspiel, und so wie Anfänger es spielen, ist das auch richtig. Fische hoffen auf eine bestimmte Karte. Es gibt Leute, die Thater, der Weltmeisterin, Geld schicken, weil sie denken, dass das Glück bringt. Diese Menschen gewinnen wirklich nur, wenn sie Glück haben, weil gegen jede Wahrscheinlichkeit doch das Ass kommt. Dennoch sind Fische wichtig. Wenn alle wie Thater spielen würden, so vorsichtig, so emotionslos, Poker wäre ein Stellungskrieg. Haie neutralisieren sich, sie hören auf, bevor sie viel verlieren. Poker braucht Fische, Menschen, die nicht so stark sind, Poker braucht Fische wie Miro Stankovic, der schon mal 500 Euro an einem Abend verloren hat.

"Wenn du nicht weißt, wer der Fisch am Tisch ist, dann bist du es."

Stankovic' Traum ist es, irgendwann mal bei einem großen Turnier mitzuspielen. Er fragt sich manchmal, wie es sein muss, in Monte Carlo zu spielen, am Mittelmeer, umgeben von Yachten und Autos, die man am Alexanderplatz nicht sieht. Das Antrittsgeld für das Pokerturnier in Monte Carlo vor ein paar Wochen betrug 10 000 Euro. Vielleicht ist es besser, wenn Stankovic' Traum nie in Erfüllung geht.

"Sorry", sagt Katja Thater, "ich kann keine Rücksicht darauf nehmen, ob der Spieler den Verlust verschmerzen kann oder ob das die Miete ist, die er mir gerade da rüberschiebt." Thater ist in Monte Carlo. Für sie ist es das letzte große Turnier in Europa, bevor sie nach Las Vegas fährt, um ihren Titel zu verteidigen, das wird im Juni sein.

Thater steht auf der Terrasse des Sporting Club, von der man den kleinen Strandstreifen sehen kann, den Monaco hat. 842 Spieler haben sich für das Turnier angemeldet, der Gewinner bekommt rund zwei Millionen Euro. Das größte Pokerturnier, das es jemals in der European Poker Tour gegeben hat.

Sie schaut aufs Meer hinaus. Die Sonne scheint, und die Brise der Côte d'Azur gibt sich alle Mühe, die unfassbaren Immobilienpreise in der Region zu rechtfertigen. Von einem Stankovic hat Thater noch nie gehört. Aber ihn meint sie, als sie sagt: "Wenn du am Tisch sitzt und nach einer halben Stunde nicht weißt, wer der Fisch ist, dann bist du es."

Bevor Thater Weltmeisterin wurde, fuhr sie zu solchen Turnieren, nur um Cash Games zu spielen. Es lief immer ähnlich. Nach einer Weile flogen die Ersten raus. Meist Männer, die 2000, 4000 Euro, manchmal mehr verloren hatten. Nicht die besten Spieler, zudem gekränkt und entschlossen, alles sofort zurückzugewinnen. Thater nahm ihnen den Rest.

Etwas später sitzt Thater wieder am Tisch. Sie will heute noch ein kleines Nebenturnier spielen. Texas Hold'em, 500 Euro Antrittsgeld, keine große Sache. Thater hat den Tisch 38 zugewiesen bekommen. Heute ist sie nicht der Star. Ein paar Tische weiter sitzt jemand, der noch viel bekannter ist als sie. "Neuer Hecht unter den Haien", titelte eine Pokerzeitschrift. Der Mann hat rotblonde Haare, trägt einen braunen Anzug und teure Schuhe. Er stammt aus Leimen. An Tisch 37 sitzt Boris Becker.

Seit einigen Monaten macht Becker Werbung für eine Pokerseite. Diese Seiten verdienen viel Geld im Internet. Die englische Agentur Global Betting and Gaming Consultants schätzt für 2003 den weltweiten Umsatz der Online-Pokerseiten auf 300 Millionen Dollar. 2006 waren es 3,1 Milliarden Dollar. Auch hier wird mehr für die Zukunft erwartet. Beckers Aufgabe ist es, viele Fische anzulocken.

Gestern hat er so schlecht gespielt, dass Stankovic Becker ruiniert hätte. Becker hat Poker gespielt wie früher Tennis in Wimbledon. Aggressiv, wild, zügellos. Die 10 000 Euro, die der Sponsor gezahlt hatte, damit Becker sich an einen Tisch des Hauptturniers setzten konnte, waren innerhalb von Stunden weg.

Heute im Nebenturnier ist Becker schon wieder fast pleite. Es ist 23 Uhr. Bei Thater sieht es gut aus. Sie macht das, was sie immer macht. Gucken, warten, denken. Leider gibt es keinen Preiselbeersaft, ansonsten ist alles in Ordnung.

Bei Becker ist nichts in Ordnung, er muss etwas tun. Er tut das, was Fische immer in solchen Situationen machen. Er geht mit schlechten Karten "All-in". Ein dicker Amerikaner geht sofort mit. Er hat viele Chips, es wird ihn nicht umbringen, wenn er verliert. Becker schon. Bis zum Aufdecken der letzten Karte steht der Amerikaner besser da. Dann kommt eine Zehn, und Becker hat wie durch ein Wunder den Pott gewonnen. Es ist, wie Miro Stankovic gesagt hat: Manchmal kämpft ein Fisch gegen einen Hai, und der Fisch gewinnt.

Boris Becker wird in dieser Nacht nicht gewinnen, er wird triumphieren. Erst wirft er den Amerikaner raus, dann einen Chinesen, dann eine Italienerin, die ein wenig Deutsch spricht und sagt: "Borise Begga hat eine Asch, so groß wie Melone." Sie meint, dass er unglaubliches Glück hat. Es stimmt. Becker spielt Karten, die kaum jemand spielen würde, und meist kommt genau das, was er braucht. Irgendwann sind alle am Tisch so verunsichert, dass sie nicht wissen, wann man ihm glauben kann und wann er blufft. Er schmeißt einen Hai nach dem anderen aus dem Turnier. Becker spielt wie im Rausch.

Boris Becker wird Siebter von 338 Spielern werden, das ist ein phantastisches Ergebnis. Irgendwann hat ihn das Glück verlassen, er machte Fehler, und es ging zu Ende. Monte Carlo ist nicht Wimbledon.

Thater ist lange vor Becker ausgeschieden. Sie hat nicht schlecht gespielt, ist dennoch nur 36. geworden. Das passiert. Kurz bevor sie den Saal verlässt, wirft sie noch einen kurzen Blick auf Becker, dem gerade seine blonde Pressefrau sagt, wie wunderbar er sei. Es ist nur ein flüchtiger, kalter Blick, ein letzter Gruß. "Willkommen im Meer, Fisch."

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