AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2008

Städtebau Kampf um die Skyline

Von , und

2. Teil: Ultimative amerikanische 24-Stunden-Stadt



Dubai: zwei Halbinseln im Westen, ein älteres Stadtviertel im Osten, dazwischen eine kilometerlange Zeile von Wolkenkratzern, die einem dann doch bekannt vorkommen. Hier der Campanile vom Markusplatz in Venedig, dort die Silberbögen des New Yorker Chrysler Building.


An den Autobahnen, die die Wüste zerschneiden, stehen riesige Werbeschilder, die den nächsten urbanen Visionen Namen geben: Arabian Ranches, Emirates Hills, Springs, Meadows, The Old Town. Wenn das nicht die Sprache Amerikas ist.

"Fast alles hier ist mit Ölgeld bezahlt - aber nicht mit unserem eigenen", sagt ein Mitarbeiter des Herrschers von Dubai. Das Emirat hat nicht mehr als ein paar Pfützen Erdöl übrig, nur vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung stammen aus dem Ölgeschäft. Dafür hat es ein Immobilienfeuerwerk entfacht, das viele Milliarden anlockt, die früher nach New York geflossen wären. Wie eilig die Investoren es haben, hier zu investieren, lässt sich auf den vielen Immobilienmessen beobachten: "Cityscape Dubai", "Cityscape Abu Dhabi", "The Property Shopper".

Radikal anders dagegen das Bild im Westen. Für die USA scheint momentan zu gelten: Je glamouröser die Utopie, desto fixer wird der Rückwärtsgang eingeschaltet.

Bis vor kurzem war es relativ unkompliziert, selbst an Milliardenbeträge zu gelangen. "Wenn ich oder irgendjemand anderes Geld brauchte, rief man kurz die Bank an, und die schickten einen Wagen mit Bargeld vorbei", sagt Amerikas prominentester Immobilienzar, Donald Trump: "Es war sehr, sehr viel Geld unterwegs."

So lief es bis zur großen Finanzkrise. Ausgelöst worden war sie 2007 in den USA durch den überhitzten Handel mit Krediten, die Privatleute für den Kauf von Häusern und Wohnungen aufgenommen hatten. Seither knausern die Banken: Dass sie jetzt nur noch schwer ans Geld kommt - daran ist die Immobilienbranche im Grunde selbst schuld. Aus der Rausch.

Ein prominentes Opfer der Kreditkrise ist ein Hotel- und Casinokomplex namens Cosmopolitan Resort Casino in Las Vegas. Der Rohbau der zwei jeweils 180 Meter hohen Wolkenkratzer steht. Für die Lobby hatte der Bauherr Ian Bruce Eichner neun Meter große Roboter bestellt, die auf überdimensionierten Gitarren den Song "Disco Inferno" spielen sollten.

Das Projekt befindet sich auf dem Weg zur Zwangsvollstreckung, meldete kürzlich das "Wall Street Journal", allein die Deutsche Bank sei in Gefahr, etwa eine Milliarde Dollar zu verlieren.

Ein anderes Beispiel, in Los Angeles: Mehrmals wurde der Baubeginn für das "Grand Avenue Project" verschoben. Das Ensemble aus Hotel-, Apartment- und Shopping-Klötzen sollte Downtown Los Angeles wiederbeleben und würde drei Milliarden Dollar kosten. Frank O. Gehry hat es entworfen, einer der Großen der US-Architekturszene, bekannt dafür, Gebäude schick schillern zu lassen.

Erst sollten die Arbeiten im vorigen Dezember starten, inzwischen spricht man vom kommenden Februar. Die Immobilienkrise sei schuld, teilten die Entwickler von Related Cos mit. Schon bald hatte Kaliforniens größter Pensionsfonds Calpers das Weite gesucht. Nun hoffen die Entwickler auf Geduld bei ihrem neuen Großaktionär: der königlichen Familie von Dubai.

Schwierigkeiten bereitet auch ein anderes Veredelungsunternehmen Gehrys. Im New Yorker Stadtteil Brooklyn soll er eine Industriebrache in eine Architekturperle mit Mischnutzung verwandeln. Das Kostenvolumen für die "Atlantic Yards": vier Milliarden Dollar. Bürgermeister Michael Bloomberg lobte die "kolossale Leistung eines der weltbesten Architekten". Doch die Nachfrage hält sich in Grenzen. Den größten Turm der Anlage musste Gehry stutzen. Mehrere Gebäude, erklären die Entwickler, würden vorerst nicht gebaut.

Überhaupt New York. Für die Immobilien-Freaks ist es nach wie vor die "ultimative amerikanische 24-Stunden-Stadt", die die globale Elite anzieht. Doch es bedarf einiger Anstrengungen, ständiger Aktualisierungen, damit das auch so bleibt. Wo sonst, wenn nicht hier, reagiert man allergisch auf jede Art von Stillstand.

Der Bürgermeister wollte daher auch Manhattan, also das Herz der Stadt, erneuern, und zwar insbesondere die West Side. Dazu würde er gern einen modernen Bahnhof bauen, dafür unter anderem die bekannte Arena Madison Square Garden abreißen lassen. Nun weiß er nicht mehr, wie er die veranschlagten 14 Milliarden Dollar aufbringen soll.

Geplant war dort außerdem die ehrgeizige Expansion des Messeareals Javits Convention Center. Jetzt fällt die Erweiterung sehr viel bescheidener aus.

Blamabel verlief zuletzt die Suche nach einem Investor für den neuen Businessdistrikt "Hudson Yards", ein Vorhaben, das selbst die abgehärteten New Yorker als "Gigantismus" bezeichnen.

Der Immobilienkonzern Tishman Speyer wollte es mit dem deutsch-amerikanischen Hochhausarchitekten Helmut Jahn realisieren - und stieg überraschend aus. Nun darf Related Cos die historische Chance ergreifen. Es kann Monate dauern, bis auch nur die Verträge ausgearbeitet sind: eine Hängepartie nach der anderen, und das in einer Stadt, die doch traditionell kein Limit zu kennen scheint.

Und Europa? Muss sich die alte Welt daran gewöhnen, zum Museumsdorf zu werden, pittoresk zwar, aber ohne Chance, mit der Wachstums-Ikonografie anderer Kontinente mithalten zu können?

Laut einer Studie des Urban Land Institute in Washington ist auch hier so mancher große Deal, der gerade noch in der Pipeline war, "klinisch tot".

Vielleicht ist es ein Trost, wenn der Italiener Vittorio Lampugnani, der in Mailand als Architekt arbeitet und in Zürich als Architekturtheoretiker lehrt, betont: Er zweifle daran, dass Städte wie Shanghai langfristig attraktiv blieben; die europäischen Metropolen aber böten mit ihren "historischen Ablagerungen die Art von Lebensqualität, die in Zukunft gefragt sein wird". Nachhaltige Stadtbilder nennt er das.



insgesamt 39 Beiträge
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hansmaus 05.06.2008
1. wollen wir das?
Die Frage ist halt ob wir das überhaupt wollen. Also wenn ich mir Städte wie Stuttgart (Weinberge bis in die Innenstadt), Köln (der Dom unverbaut), Hamburg, Berlin oder München ansehe gefällt mir ganz persönlich das wesentlich besser als die Zugebauten Betonwüsten in Asien oder New York. Sicher es beeindruckt im ersten Moment aber dann? Nennt mich hinterwäldler oder Bauer, ich fühle mich da derart unwohl das ich dort nicht tot über dem Zaun hängen wollte. Ähnlich Dubai, einfach nur seelenlos, künstlich und hässlich. Da lobe ich mir doch die heimlichen Fachwerkwinkel einiger deutscher Kleinstädte. Da gibt es das was auch 1000 Norman Fosters nicht hinbekommen: das warme Gefühl von Geborgenheit. Die modernen Glasbauten sind kalt abweisend und schlicht hässlich. Es gibt so gut wie kein Hochhaus wo ich persönlich sage "das gefällt mir". Beeindrucken ist was anderes wie gefallen, für mich zumindest.
l.augenstein 05.06.2008
2. Stahlwüsten
Zitat von hansmausDie Frage ist halt ob wir das überhaupt wollen. Also wenn ich mir Städte wie Stuttgart (Weinberge bis in die Innenstadt), Köln (der Dom unverbaut), Hamburg, Berlin oder München ansehe gefällt mir ganz persönlich das wesentlich besser als die Zugebauten Betonwüsten in Asien oder New York. Sicher es beeindruckt im ersten Moment aber dann? Nennt mich hinterwäldler oder Bauer, ich fühle mich da derart unwohl das ich dort nicht tot über dem Zaun hängen wollte. Ähnlich Dubai, einfach nur seelenlos, künstlich und hässlich. Da lobe ich mir doch die heimlichen Fachwerkwinkel einiger deutscher Kleinstädte. Da gibt es das was auch 1000 Norman Fosters nicht hinbekommen: das warme Gefühl von Geborgenheit. Die modernen Glasbauten sind kalt abweisend und schlicht hässlich. Es gibt so gut wie kein Hochhaus wo ich persönlich sage "das gefällt mir". Beeindrucken ist was anderes wie gefallen, für mich zumindest.
Ich bin auch sehr gerne Hinterwäldler und Bauer:-) Leben in solchen Stahl/Betonwüsten? Nein, danke!
Pelomaniaxx 05.06.2008
3. Eintagsfliege
Aus meiner Sicht beweist die Planungs- und Baukultur in Asien nur eins: Das alle Länder die Erfahrungen der städtebaulichen Praxis scheinbar erst selbst machen müssen. Denn das, was wir in Europa und in Amerika in den 60er und 70er Jahren fabiziert haben und was in vielzitierten Aufsätzen von Jane Jacobs oder Alexander Mitscherlich zur Gänze diskutiert wurde, wiederholt sich m.E. gegenwärtig im asiatischen Städtebau. Ergebnis sind Megastrukuren, bei welchen die Bedürfnisse der Menschen nach Sicherheit über Orientierung und Selbstbestimmtheit, nach sozialer Distanz und Dichte, sowie nach Mischung und Urbanität gänzlich unberücksichtigt bleiben. Die Folgen sind uns "alten Europäern" dabei zu genüge bekannt: Die Entfremdung des öffentlichen Raumes, der Zerfall der gesellschaftlichen Kohäsision und raumbezogenen Identät und letztendlich die Schaffung sozialer Brennpunkte in Megastädten ohne Zentrum oder Mitte. Daher können wir gelassen unser Selbstvertrauen wahren. Denn Projekte, welche die Essenz städtebaulicher Erfahrungen des 20. Jahrhunderts bergen, gibt es neben der HafenCity in Deutschland zu genüge. Die Größe in Hektar oder Höhe in Metern ist dabei völlig sekundär - wiedereinmal geht dabei Qualität über Quantität in einer Maßstäblichkeit, die menschliche Bedürfnisse berücksichtigt.
hansmaus 05.06.2008
4. hmm
Pelomaniaxx, es scheint aber offensichtlich wichtig zu sein "den längsten" zu haben denn der Artikel um den es hier geht liest sich als würden wir in Armut und Elend versinken wenn wir nicht wie die bekloppten unsere Altstädte abreißen und durch Glaswüsten ersetzen in denen keiner Wohnt aber es dafür tolle Büros gibt (was ich persönlich auch anders empfinde). Du hast aber vollkommen recht unsere Städte sind auch größtenteils schon so entfremdet wie es die chinesischen Städe noch werden. @l.augenstein Genau aus dem Grund lebe ich mittlerweile wieder auf einem Dorf mit 800 Einwohnern in einem Fachwerkhaus ;)
roland.we 05.06.2008
5. Nachhaltigkeit
Speziell im Nahen Osten wird meiner Meinung nach nicht nur buchstäblich, sondern auch im übertragenen Sinne "auf Sand gebaut". Die gigantischen Hochhäuser sind energie- und klimatechnisch auf dem Stand der 60er jahre, die ganze Infrastruktur ist auf das Auto ausgerichtet und das wenige Begleitgrün wird mit immensem Aufwand aus dem Meer oder der Tiefe gewässert. Und wer soll die ganzen Paläste dann auf Dauer nutzen? Wenn man sich umhört, kommt der derzeitige Büroflächenbedarf in erster Linie von ausländischen Projektentwicklern und Baufirmen, nährt sich also selbst. Sobald der Boom kippt, verlassen diese das Land und die ganzen Bürotürme und Shoppingmalls werden zu totem Beton. Es wird dann auch nicht helfen, dass die Franjos dieser Welt gelegentlich im teuersten Hotel Arabiens absteigen, denn auch touristisch hat Dubai nichts ausser neureichem Protz zu bieten. Auf Dauer werden sich Mitteleuropäer, Amerikaner und Asiaten wohl kaum an die religiös bedingten Einschränkungen gewöhnen und doch lieber in liberaleren Teilen der Welt urlauben und Geschäfte machen. Übrigens, die ersten Dubai-Fonds geraten bereits in Liquiditäts-Schwierigkeiten. Wie bei jedem Boom zahlen die, die zuletzt einsteigen die Zeche für jene, die ihr Schäfchen schon im trockenen haben.
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