AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2008

Städtebau Kampf um die Skyline

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3. Teil: "Wenn Europa mit seinem Erbe intelligent umgeht, kann das eine riesige Chance sein"



Natürlich driftet da etwas auseinander. Lampugnani sagt, es sei schon wahr, dass der Nachwuchs, der sich auf den Weg nach Asien mache, quasi gleich Wolkenkratzer baue, während die Absolventen, die in Europa blieben, als Erstlingswerk ein Häuschen für die Eltern entwerfen dürften.


Aber gut, Europa hat immerhin Flair. "Wenn Europa mit seinem Erbe intelligent umgeht, kann das eine riesige Chance sein, nicht nur für die Lebensqualität und die Kultur, sondern auch für die Wirtschaft", meint Lampugnani.

Die Wirtschaft aber erweist sich als die Bremse. Der Interessenverband spanischer Baukonzerne schätzt, die Zahl neuer Projekte werde 2008 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 70 Prozent sinken.

Viele europäische Städte wollen gar nicht zu Freiluftmuseen werden, London etwa als der wichtigste europäische Finanzplatz würde seine viktorianische Pracht gern durch ein paar weitere futuristische Wahrzeichen auffrischen.

Als Norman Foster Anfang des Jahrtausends einen bombastischen, eiförmigen Tower mitten in die alte City setzte, war das der Startschuss zu einer Modernisierungswelle. Bis auf Prinz Charles, der Wolkenkratzer als Eiterbeulen bezeichnet, nahmen die Londoner das Auftrumpfen der Skyline mit Humor: Im Volksmund hieß Fosters Hochhaus sofort "Erotische Gurke".

Mindestens 20 weitere Türme sollen in den kommenden Jahren errichtet werden, mit ihnen will sich London energisch ins 21. Jahrhundert hineinbauen. Noch aber ragt da wenig in den Himmel, immerhin gibt es bereits Spitznamen. "Käsereibe" heißt ein Hochhausprojekt, "Glasscherbe" ein anderes, dann wären da noch "Hals über Kopf", "Boomerang" und "Walkie Talkie".

Doch selbst in London, wo die Preise lange nur eine Richtung kannten, nämlich steil aufwärts, gebe der Markt nach, hadert die Immobilienbranche. 2008 wird das Investitionsvolumen wohl um 30 bis 40 Prozent zurückgehen. Einen solchen "slowdown" ist man hier nicht mehr gewohnt.

Inzwischen gelten fast alle Großvorhaben in London als hoch spekulativ. Und was aus dem ohnehin umstrittenen "Walkie Talkie" wird? Der Investor schweigt.

Natürlich: Wenn, wie prognostiziert, in Großbritannien während der nächsten fünf Jahre 40 Prozent weniger Einkaufszentren entstehen als vorgesehen, wird das bei Architekturfans keine Trauer auslösen. Shopping Malls erweisen sich selten als ästhetische Glanzlichter.

Aber es ist eben auch Ambitioniertes betroffen. Die Britin Zaha Hadid sollte für eine Londoner Architekturstiftung eine neue Unterkunft bauen. Wegen "ökonomischer Nervosität" wurde davon Abstand genommen. Wenn die Börsenkurse fallen, nimmt die Spendenbereitschaft ab, und auf private Förderer ist die Stiftung angewiesen. Hadid bekundet, enttäuscht zu sein. Dafür plant sie, unter anderem, in Dubai und Warschau. Der moderne Architekt ist zum Wandergesellen geworden. Wie ein mittelalterlicher Künstler zieht er dorthin, wo es Arbeit gibt. Einst führte die Route von Hof zu Hof, heute führt sie von Kontinent zu Kontinent.

In Deutschland herrscht die größte Architektendichte Europas - 121.000 -, und obwohl das Land zu den stabilen Märkten gehört, bilden urbanistische Großtaten wie die Hamburger Hafencity eher die Ausnahme. Die Architekten ärgert es, dass selten sogenannte offene Wettbewerbe ausgeschrieben werden, an denen sich jeder beteiligen darf. Die Chancen für die junge Avantgarde, sich zu beweisen, sind klein.

Jede noch so diskret gehandhabte Stornierung fällt doch auf. BMW etwa wollte ein neues "Designhaus" errichten, wird nun aber andere Projekte "priorisieren".

Es ist erst ein Jahr her, dass in Potsdam eigens eine Bundesstiftung Baukultur gegründet wurde - die das Mittelmaß hiesiger Architektur angreift. Die deutsche Regel sei leider schon lange so, "dass die Bauherren alles haben wollen, aber das nur zur Hälfte des Preises", beschwert sich Michael Braum, Präsident der Stiftung.

Verlockend erscheint die Ferne, wo im großen Maßstab gedacht wird.

Das Berliner Büro Léon, Wohlhage, Wernik (LWW) sorgte 2007 für Aufsehen, weil es gegen prominente Mitstreiter den Wettbewerb für das neue Regierungsviertel in Tripolis gewann. "Tripoli Greens" haben die Architekten ihren Entwurf genannt, der arabeske Minarette mit Parkflair kombiniert. Noch ist der Baubeginn nicht in Sicht, die Architektin Hilde Léon spricht von einer Warteschleife.

Generell hält sie es für richtig, dort tätig zu werden, wo qualitätsvolle Architektur gefragt sei. "Einige Länder haben nun einmal großen Nachholbedarf." Dass man sich dabei, wie im Falle Libyen, auch mit umstrittenen Regimen einlässt, scheint sie nicht weiter zu stören.

Léon hat schon den nächsten Markt im Blickfeld. Es sei eine Frage der Zeit, bis ganz Afrika "das nächste große Thema ist". "Groß" ist in diesem Zusammenhang untertrieben. Welch eine paradiesische Vorstellung für Architekten: so viel unbebaute Weite für das, was Friedrich Nietzsche die "Macht-Beredsamkeit" repräsentativer Architektur genannt hat.



insgesamt 39 Beiträge
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hansmaus 05.06.2008
1. wollen wir das?
Die Frage ist halt ob wir das überhaupt wollen. Also wenn ich mir Städte wie Stuttgart (Weinberge bis in die Innenstadt), Köln (der Dom unverbaut), Hamburg, Berlin oder München ansehe gefällt mir ganz persönlich das wesentlich besser als die Zugebauten Betonwüsten in Asien oder New York. Sicher es beeindruckt im ersten Moment aber dann? Nennt mich hinterwäldler oder Bauer, ich fühle mich da derart unwohl das ich dort nicht tot über dem Zaun hängen wollte. Ähnlich Dubai, einfach nur seelenlos, künstlich und hässlich. Da lobe ich mir doch die heimlichen Fachwerkwinkel einiger deutscher Kleinstädte. Da gibt es das was auch 1000 Norman Fosters nicht hinbekommen: das warme Gefühl von Geborgenheit. Die modernen Glasbauten sind kalt abweisend und schlicht hässlich. Es gibt so gut wie kein Hochhaus wo ich persönlich sage "das gefällt mir". Beeindrucken ist was anderes wie gefallen, für mich zumindest.
l.augenstein 05.06.2008
2. Stahlwüsten
Zitat von hansmausDie Frage ist halt ob wir das überhaupt wollen. Also wenn ich mir Städte wie Stuttgart (Weinberge bis in die Innenstadt), Köln (der Dom unverbaut), Hamburg, Berlin oder München ansehe gefällt mir ganz persönlich das wesentlich besser als die Zugebauten Betonwüsten in Asien oder New York. Sicher es beeindruckt im ersten Moment aber dann? Nennt mich hinterwäldler oder Bauer, ich fühle mich da derart unwohl das ich dort nicht tot über dem Zaun hängen wollte. Ähnlich Dubai, einfach nur seelenlos, künstlich und hässlich. Da lobe ich mir doch die heimlichen Fachwerkwinkel einiger deutscher Kleinstädte. Da gibt es das was auch 1000 Norman Fosters nicht hinbekommen: das warme Gefühl von Geborgenheit. Die modernen Glasbauten sind kalt abweisend und schlicht hässlich. Es gibt so gut wie kein Hochhaus wo ich persönlich sage "das gefällt mir". Beeindrucken ist was anderes wie gefallen, für mich zumindest.
Ich bin auch sehr gerne Hinterwäldler und Bauer:-) Leben in solchen Stahl/Betonwüsten? Nein, danke!
Pelomaniaxx 05.06.2008
3. Eintagsfliege
Aus meiner Sicht beweist die Planungs- und Baukultur in Asien nur eins: Das alle Länder die Erfahrungen der städtebaulichen Praxis scheinbar erst selbst machen müssen. Denn das, was wir in Europa und in Amerika in den 60er und 70er Jahren fabiziert haben und was in vielzitierten Aufsätzen von Jane Jacobs oder Alexander Mitscherlich zur Gänze diskutiert wurde, wiederholt sich m.E. gegenwärtig im asiatischen Städtebau. Ergebnis sind Megastrukuren, bei welchen die Bedürfnisse der Menschen nach Sicherheit über Orientierung und Selbstbestimmtheit, nach sozialer Distanz und Dichte, sowie nach Mischung und Urbanität gänzlich unberücksichtigt bleiben. Die Folgen sind uns "alten Europäern" dabei zu genüge bekannt: Die Entfremdung des öffentlichen Raumes, der Zerfall der gesellschaftlichen Kohäsision und raumbezogenen Identät und letztendlich die Schaffung sozialer Brennpunkte in Megastädten ohne Zentrum oder Mitte. Daher können wir gelassen unser Selbstvertrauen wahren. Denn Projekte, welche die Essenz städtebaulicher Erfahrungen des 20. Jahrhunderts bergen, gibt es neben der HafenCity in Deutschland zu genüge. Die Größe in Hektar oder Höhe in Metern ist dabei völlig sekundär - wiedereinmal geht dabei Qualität über Quantität in einer Maßstäblichkeit, die menschliche Bedürfnisse berücksichtigt.
hansmaus 05.06.2008
4. hmm
Pelomaniaxx, es scheint aber offensichtlich wichtig zu sein "den längsten" zu haben denn der Artikel um den es hier geht liest sich als würden wir in Armut und Elend versinken wenn wir nicht wie die bekloppten unsere Altstädte abreißen und durch Glaswüsten ersetzen in denen keiner Wohnt aber es dafür tolle Büros gibt (was ich persönlich auch anders empfinde). Du hast aber vollkommen recht unsere Städte sind auch größtenteils schon so entfremdet wie es die chinesischen Städe noch werden. @l.augenstein Genau aus dem Grund lebe ich mittlerweile wieder auf einem Dorf mit 800 Einwohnern in einem Fachwerkhaus ;)
roland.we 05.06.2008
5. Nachhaltigkeit
Speziell im Nahen Osten wird meiner Meinung nach nicht nur buchstäblich, sondern auch im übertragenen Sinne "auf Sand gebaut". Die gigantischen Hochhäuser sind energie- und klimatechnisch auf dem Stand der 60er jahre, die ganze Infrastruktur ist auf das Auto ausgerichtet und das wenige Begleitgrün wird mit immensem Aufwand aus dem Meer oder der Tiefe gewässert. Und wer soll die ganzen Paläste dann auf Dauer nutzen? Wenn man sich umhört, kommt der derzeitige Büroflächenbedarf in erster Linie von ausländischen Projektentwicklern und Baufirmen, nährt sich also selbst. Sobald der Boom kippt, verlassen diese das Land und die ganzen Bürotürme und Shoppingmalls werden zu totem Beton. Es wird dann auch nicht helfen, dass die Franjos dieser Welt gelegentlich im teuersten Hotel Arabiens absteigen, denn auch touristisch hat Dubai nichts ausser neureichem Protz zu bieten. Auf Dauer werden sich Mitteleuropäer, Amerikaner und Asiaten wohl kaum an die religiös bedingten Einschränkungen gewöhnen und doch lieber in liberaleren Teilen der Welt urlauben und Geschäfte machen. Übrigens, die ersten Dubai-Fonds geraten bereits in Liquiditäts-Schwierigkeiten. Wie bei jedem Boom zahlen die, die zuletzt einsteigen die Zeche für jene, die ihr Schäfchen schon im trockenen haben.
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