AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2008

Städtebau Kampf um die Skyline

In Asien, Russland und am Golf wird wie im Rausch gebaut. Dagegen fehlt in etablierten Metropolen wie London oder New York das Geld für architektonische Höhenflüge - nicht nur wegen der Finanzkrise. Werden die westlichen Stadtbilder bald veralten? Entwickelt sich Europa sogar zum großen Museumsdorf?

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Ein Jahrhundert lang war New York die Metropole der Wolkenkratzer, die vertikale Stadt schlechthin. Immer schneller, risikofreudiger, mondäner wuchs sie in den Himmel. Ein Höhenrausch aus Stein, Stahl, Glas. Scheinbar uneinholbar.


Von einer "Besiedlung der Lüfte" schwärmte der junge niederländische Architekt Rem Koolhaas in seinem 1978 veröffentlichten legendären Buch "Delirious New York" über die City der Skyscraper, die Magie dieses Molochs.

Auch die Anschläge auf das World Trade Center 2001 ließen den mittlerweile weltberühmten Architekten Koolhaas nicht am Hochhaus als Erfolgsmodell zweifeln. Trotz der Katastrophe sei es "so ungefähr der einzige Gebäudetyp, der den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft hat".

Tatsächlich hat die Turmarchitektur als Prestigesymbol überdauert. Die Imposanz einer Skyline gilt als der Gradmesser für die Prosperität einer Stadt: Hochhäuser geben dem Aufschwung eine Form, zeigen den Adrenalinspiegel der Wirtschaft an.

Genau das ist allerdings aus westlicher Sicht inzwischen das Problem. Denn die ökonomisch starken Megacitys wie Peking, Shanghai oder Dubai, wo extravagante Wolkenkratzer wie im Akkord entstehen, lassen Städte wie New York - trotz aller Versuche der Modernisierung - schon längst furchtbar alt aussehen. Auch in Europa zeichnet sich eine Entwicklung ab, die den Osten moderner wirken lässt als den Westen. Städte wie Istanbul und Moskau sind dynamischer, auch skrupelloser als London, Paris oder Mailand.

Noch nie waren so viele Hochhäuser in Planung, doch die meisten Wohlstands-Obelisken werden in den gegenwärtigen Boomregionen installiert, wo oft auch ganze Städte aus dem Nichts entstehen.

Der Westen schaut dieser geradezu babylonischen Megalomanie neidisch zu - und wird wegen der anhaltenden Turbulenzen an seinen Finanzmärkten gerade noch kleinlauter. Denn der massive Einbruch des amerikanischen Kreditgeschäfts, der in vielen Ländern stark nachvibriert, lässt im Moment viele architektonische und urbanistische Großprojekte scheitern.

Der nun schon über hundert Jahre andauernde Kampf um die Skyline geht in eine neue Runde, und die Sieger scheinen festzustehen: der Nahe und der Ferne Osten.

Simultan zur Verschiebung der Wirtschaftskraft gen Osten bildet sich in Architektur und Städtebau eine neue Weltordnung heraus. Eine, in der Kasachstan und Katar ästhetisch dominanter sein könnten als Europa oder die USA. Es ist ein Clash der Baukulturen. Oft genug, und das ist die Ironie dieser Entwicklung, sind es westliche Stararchitekten, die sich im Auftrag der neureichen Regierungen und Immobilientycoons so austoben dürfen, wie es in ihrer Heimat derzeit undenkbar wäre.

Ein kantiger, kolossaler Triumphbogenbau? Wurde vom Niederländer Koolhaas eben in Peking vollendet, jetzt zieht das chinesische Staatsfernsehen ein.

Eine Eisberglandschaft, bestehend aus asymmetrisch geformten Hochhäusern? Hat der Amerikaner Steven Holl für die chinesische Stadt Chengdu entworfen.

Eine Pyramide für die kasachische Hauptstadt Astana und eine zweite für Moskau, dort 450 Meter hoch? Liefert Londons Vorzeigearchitekt Lord Norman Foster. Das dazugehörige Moskauer Viertel Crystal Island gestaltet er mit. Es sei, sagt er, das "ehrgeizigste Bauprojekt der Welt".

Der Größenwahn dieser Gründerzeit-Euphorie fordert mehr als schlichte Höhe. 400, 500, 600 Meter - darum allein geht es nicht. Heute sind spektakuläre Konturen gefragt, glitzernde Oberflächen: eine Exzentrik, die weithin auffällt. Lauter Wow-Effekte in der Form von Lilien, Harfen, Pokalen, Zelten, was auch immer.

Dem Hamburger Architekten Volkwin Marg, mit seinem Kollegen Meinhard von Gerkan in China gut im Geschäft, gefällt diese Tendenz zum bildhaften Bauen nicht. Er sagt, ihm fehle bei den "iconic buildings" die gesellschaftliche Bedeutung.

Gar von "abstrusen, grauenhaften Blüten der skulpturalen Architektur" spricht Peter Schweger, ein weiterer Baumeister aus Hamburg. Er beobachtet bereits Rückkopplungen auf die westliche Bauästhetik, wo "Gebäude auch schon wie Reklameprodukte gestaltet werden, die sich aggressiv vermarkten lassen müssen".

Seine eigenen Hochhausentwürfe, etwa die verspiegelten Twin Towers für Moskau, bezeichnet er als rational.

Der Investor dieser Zwillingsbauten ist Russe, ebenso wie der kooperierende Architekt, die meisten Bauarbeiter stammen aus China. Der größere Turm wird mit über 500 Meter Höhe (inklusive sogenannter Panorama-Nadel) als eines der höchsten Gebäude Europas in die Geschichte eingehen. Jedenfalls kurzfristig.

Gerade hat Schweger einen Vertrag für einen neuen Moskauer Business-Park unterschrieben. Dort lässt er 400.000 Quadratmeter Fläche entstehen, was fast bescheiden anmutet. In der russischen Hauptstadt würden neue Flächen in einer Größenordnung geschaffen, "die kann man eigentlich gar nicht kapieren".

In Russland, so kritisiert er, seien "viele Gebäude technologisch zehn Jahre hinter dem westlichen Standard zurück, Fragen zum Energiehaushalt interessieren die Bauherren nicht". Diese Ignoranz hat auch er schon zu spüren bekommen: Als Architekt könne man da Vorschläge machen, "aber Sie haben dann keinen Einfluss mehr".

Es gibt noch andere gute Gründe, an der hektischen Betonierung der Welt Kritik zu üben, ästhetische, ökologische, ethische. Nur wenige Investoren und Architekten haben dafür Gehör. Sie wollen sich verewigen, wollen ihre Türme wachsen sehen.

Auf China, sagt Schweger, habe er keine Lust. "Zu brutal." In Dubai errichtet er dagegen eine Ansammlung von Hochhäusern. Der liebliche Titel: "Dubai Pearl".

Dieses Emirat ist das gelobte Land der Immobilienspekulanten. Die Hälfte aller Baukräne der Welt, wird gesagt, steht in Dubai, dem aufregendsten Beispiel für die hochtourige Stadtverdichtung. Wird wenigstens hier Architekturgeschichte geschrieben?



insgesamt 39 Beiträge
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hansmaus 05.06.2008
1. wollen wir das?
Die Frage ist halt ob wir das überhaupt wollen. Also wenn ich mir Städte wie Stuttgart (Weinberge bis in die Innenstadt), Köln (der Dom unverbaut), Hamburg, Berlin oder München ansehe gefällt mir ganz persönlich das wesentlich besser als die Zugebauten Betonwüsten in Asien oder New York. Sicher es beeindruckt im ersten Moment aber dann? Nennt mich hinterwäldler oder Bauer, ich fühle mich da derart unwohl das ich dort nicht tot über dem Zaun hängen wollte. Ähnlich Dubai, einfach nur seelenlos, künstlich und hässlich. Da lobe ich mir doch die heimlichen Fachwerkwinkel einiger deutscher Kleinstädte. Da gibt es das was auch 1000 Norman Fosters nicht hinbekommen: das warme Gefühl von Geborgenheit. Die modernen Glasbauten sind kalt abweisend und schlicht hässlich. Es gibt so gut wie kein Hochhaus wo ich persönlich sage "das gefällt mir". Beeindrucken ist was anderes wie gefallen, für mich zumindest.
l.augenstein 05.06.2008
2. Stahlwüsten
Zitat von hansmausDie Frage ist halt ob wir das überhaupt wollen. Also wenn ich mir Städte wie Stuttgart (Weinberge bis in die Innenstadt), Köln (der Dom unverbaut), Hamburg, Berlin oder München ansehe gefällt mir ganz persönlich das wesentlich besser als die Zugebauten Betonwüsten in Asien oder New York. Sicher es beeindruckt im ersten Moment aber dann? Nennt mich hinterwäldler oder Bauer, ich fühle mich da derart unwohl das ich dort nicht tot über dem Zaun hängen wollte. Ähnlich Dubai, einfach nur seelenlos, künstlich und hässlich. Da lobe ich mir doch die heimlichen Fachwerkwinkel einiger deutscher Kleinstädte. Da gibt es das was auch 1000 Norman Fosters nicht hinbekommen: das warme Gefühl von Geborgenheit. Die modernen Glasbauten sind kalt abweisend und schlicht hässlich. Es gibt so gut wie kein Hochhaus wo ich persönlich sage "das gefällt mir". Beeindrucken ist was anderes wie gefallen, für mich zumindest.
Ich bin auch sehr gerne Hinterwäldler und Bauer:-) Leben in solchen Stahl/Betonwüsten? Nein, danke!
Pelomaniaxx 05.06.2008
3. Eintagsfliege
Aus meiner Sicht beweist die Planungs- und Baukultur in Asien nur eins: Das alle Länder die Erfahrungen der städtebaulichen Praxis scheinbar erst selbst machen müssen. Denn das, was wir in Europa und in Amerika in den 60er und 70er Jahren fabiziert haben und was in vielzitierten Aufsätzen von Jane Jacobs oder Alexander Mitscherlich zur Gänze diskutiert wurde, wiederholt sich m.E. gegenwärtig im asiatischen Städtebau. Ergebnis sind Megastrukuren, bei welchen die Bedürfnisse der Menschen nach Sicherheit über Orientierung und Selbstbestimmtheit, nach sozialer Distanz und Dichte, sowie nach Mischung und Urbanität gänzlich unberücksichtigt bleiben. Die Folgen sind uns "alten Europäern" dabei zu genüge bekannt: Die Entfremdung des öffentlichen Raumes, der Zerfall der gesellschaftlichen Kohäsision und raumbezogenen Identät und letztendlich die Schaffung sozialer Brennpunkte in Megastädten ohne Zentrum oder Mitte. Daher können wir gelassen unser Selbstvertrauen wahren. Denn Projekte, welche die Essenz städtebaulicher Erfahrungen des 20. Jahrhunderts bergen, gibt es neben der HafenCity in Deutschland zu genüge. Die Größe in Hektar oder Höhe in Metern ist dabei völlig sekundär - wiedereinmal geht dabei Qualität über Quantität in einer Maßstäblichkeit, die menschliche Bedürfnisse berücksichtigt.
hansmaus 05.06.2008
4. hmm
Pelomaniaxx, es scheint aber offensichtlich wichtig zu sein "den längsten" zu haben denn der Artikel um den es hier geht liest sich als würden wir in Armut und Elend versinken wenn wir nicht wie die bekloppten unsere Altstädte abreißen und durch Glaswüsten ersetzen in denen keiner Wohnt aber es dafür tolle Büros gibt (was ich persönlich auch anders empfinde). Du hast aber vollkommen recht unsere Städte sind auch größtenteils schon so entfremdet wie es die chinesischen Städe noch werden. @l.augenstein Genau aus dem Grund lebe ich mittlerweile wieder auf einem Dorf mit 800 Einwohnern in einem Fachwerkhaus ;)
roland.we 05.06.2008
5. Nachhaltigkeit
Speziell im Nahen Osten wird meiner Meinung nach nicht nur buchstäblich, sondern auch im übertragenen Sinne "auf Sand gebaut". Die gigantischen Hochhäuser sind energie- und klimatechnisch auf dem Stand der 60er jahre, die ganze Infrastruktur ist auf das Auto ausgerichtet und das wenige Begleitgrün wird mit immensem Aufwand aus dem Meer oder der Tiefe gewässert. Und wer soll die ganzen Paläste dann auf Dauer nutzen? Wenn man sich umhört, kommt der derzeitige Büroflächenbedarf in erster Linie von ausländischen Projektentwicklern und Baufirmen, nährt sich also selbst. Sobald der Boom kippt, verlassen diese das Land und die ganzen Bürotürme und Shoppingmalls werden zu totem Beton. Es wird dann auch nicht helfen, dass die Franjos dieser Welt gelegentlich im teuersten Hotel Arabiens absteigen, denn auch touristisch hat Dubai nichts ausser neureichem Protz zu bieten. Auf Dauer werden sich Mitteleuropäer, Amerikaner und Asiaten wohl kaum an die religiös bedingten Einschränkungen gewöhnen und doch lieber in liberaleren Teilen der Welt urlauben und Geschäfte machen. Übrigens, die ersten Dubai-Fonds geraten bereits in Liquiditäts-Schwierigkeiten. Wie bei jedem Boom zahlen die, die zuletzt einsteigen die Zeche für jene, die ihr Schäfchen schon im trockenen haben.
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