Genetik Peepshow ins Ich

Junge Firmen offerieren Privatleuten den Blick ins Erbgut: Wer bezahlt, soll seine genetischen Stärken und Schwächen erfahren. Was bringt die Entblößung?
Genetische Verwandtschaft: 23andMe sagt einem, mit welchen Menschen weltweit man wie viel genetische Ähnlichkeit hat

Genetische Verwandtschaft: 23andMe sagt einem, mit welchen Menschen weltweit man wie viel genetische Ähnlichkeit hat

Der Tod ist dem Menschen sicher, doch das Wie und das Wann bleiben ihm ein Geheimnis. Wo droht Gefahr, vom Herzen oder von der Leber? Und wie lässt sie sich abwenden? Für so existentielle Fragen bemühten die Lebenden früher gern Orakel, Hexen und Eingeweide; heute aber gibt es vermeintlich Besseres.

Gentests!

Der Spaß ist nicht ganz billig. 999 Dollar (rund 640 Euro) berechnet das Start-up-Unternehmen 23andMe aus dem Silicon Valley. Noch mehr müssen Neugierige beim gleichfalls kalifornischen Navigenics berappen, etwas weniger bei Decode Genetics aus Island. All diese Firmen wollen Geld verdienen, indem sie hineinblicken in anderer Leute Gene und ihnen erzählen, was es dort zu lesen gibt: Enthüllungen über die eigene Abstammung; intime Details über genetische Schwächen, Stärken und Risiken; eine Ahnung von dem, was die Zukunft an Schrecklichem bringen mag.

Fünf Jahre nach der definitiven Entschlüsselung des menschlichen Genoms hat das Zeitalter der Gen-Peepshow für jedermann begonnen. Doch lohnt es, sich so dermaßen nackt zu machen? Was, wenn einem die Botschaft aus dem Kleinstgedruckten gar nicht behagt?

Dem SPIEGEL ist es gelungen, ein Versuchsobjekt auf die Gen-Mission ins Unbekannte zu schicken: mich, Wissenschaftsredakteur, 41 Jahre alt, von Allergien geplagt, ansonsten so weit gesund, Abkömmling einer früh durchglobalisierten Familie, die stets davon ausging, dass sich in ihr vor über hundert Jahren Gene aus Asien eingesprengselt hatten.

Ja, ich habe mich testen lassen. Ich habe in ein Röhrchen gespuckt und es ins Auftragslabor von 23andMe nach Kalifornien geschickt. Die Laboranten dort haben nicht mein gesamtes Genom mit seinen Milliarden Buchstaben aufgedröselt (das wäre vielfach teurer, in diesen Genuss kamen bisher nur eine Handvoll Menschen). Stattdessen haben sie mit "Genchips" automatisch meine genetische Konstitution an bestimmten Positionen im Erbgut ausgelesen, nämlich dort, wo es richtig lohnt.

Es gibt massenhaft Stellen, wo sich die Gen-Gebäude der Menschen jeweils nur durch einen einzigen Baustein unterscheiden. Dieser kleine Unterschied kann bedeutungslos sein oder auch das Verderben bringen. 580.442 solcher "SNPs" ("Single Nucleotide Polymorphisms") hat die Firma in meinem Erbgut bestimmt - einen gut Teil meiner Individualität.

Ist das gefährlich? Oder soll ich mich freuen?

Nach drei Wochen lag das Ergebnis vor, nicht in Form eines Arztbriefs, sondern als bunte, passwortgeschützte WebSeite (kein Wunder: Anne Wojcicki, die Mitbegründerin von 23andMe, ist die Ehefrau des Google-Milliardärs Sergey Brin. Google ist Investor bei 23andMe). Ich näherte mich dieser Web-Seite missmutiger als einem Steuerbescheid. Tagelang scheute ich mich, dem Schicksal ins Auge zu blicken. Dann tat ich es.

Und jetzt weiß ich seltsame Dinge.

Auf Chromosom 5 etwa habe ich an Position 73.403.994 ein "Cytosin" auf dem einen Elternchromosom, ein "Thymin" auf dem anderen. Wie gefährlich ist das? Oder soll ich mich freuen? Niemand weiß dies. Die Testfirma hat rund 10.000 Seiten Material über mich, doch daraus werden selbst Experten nicht schlau. Genomforschung ist eine Großbaustelle, vor allem bei 23andMe. Erst für 70 Merkmale (aber stetig mehr) ist es der Firma gelungen, Geninformation und Genstudien so zusammenzubringen, dass das Erbe eine Geschichte erzählt.

Zum Beispiel diese: Meine Leber stellt eine spezielle Variante eines Enzyms her, das mir hilft, Koffein schnell zu verstoffwechseln. Darum kann ich sehr viel Kaffee trinken, ohne damit mein Risiko für einen Herzinfarkt zu erhöhen. Vielleicht hilft Kaffee sogar, es zu senken.

Oder diese: Einer von 100 Europäern ist genetisch so gebaut, dass er gegen das Aidsvirus immun ist. Ich aber bin einer der übrigen 99, für mich bleibt das Leben gefährlich, denn malariaresistent bin ich auch nicht. Immerhin bin ich keiner der Pechvögel, bei denen BSE-Fleisch frühzeitig zu menschlichem Rinderwahn führen kann.

Als Sechziger-Jahre-Baby habe ich keine Muttermilch bekommen - wegen günstiger Gene aber, so bescheinigt zumindest der Testbericht, hat dies meiner Intelligenzentwicklung nicht geschadet. Außerdem habe ich erfahren, dass mein Ohrenschmalz honigfarben sei (aha!) statt gräulich wie bei manchen anderen. Überdies sei ich mühelos fähig, auch als Erwachsener Milch zu verdauen.

Wo die Gene wirklich weh tun könnten, hüllt sich 23andMe in Schweigen.

All dies mag ja interessant sein - doch wann und woran werde ich sterben? Ich habe Stunden verbracht mit meinen Testergebnissen, aber eine Antwort auf die Mutter aller Fragen fand ich nicht.

Dabei könnte eine Vorhersage schlimmstenfalls einfach sein, zumindest für manche Leiden. Wer zum Beispiel auf dem Chromosom Nummer 4 die Anlage für ein Eiweiß mit einem kurzen "Polyglutamin"-Abschnitt hat, der führt ein normales Leben. Wer aber wegen einer einzigen Mutation ein langes Polyglutamin bildet, der erkrankt unabwendbar an dem Hirnleiden Chorea Huntington; je länger das Molekül, desto früher der Tod. Wenige werden älter als 50. Es gibt keine Hilfe.

23andMe verzichtet darauf, die Anlage für Huntington zu bestimmen - in Einklang mit Selbsthilfegruppen und den Forderungen von Medizinern und Aufsichtsbehörden. Ein Ergebnis von solcher Tragweite sollte niemand allein vor dem Computer erfahren. Aus dem gleichen Grund lässt 23andMe die Analyse der berüchtigten Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 außer Acht; die Firma verrät auch nichts über den Hang zu Alzheimer. Wo die Gene wirklich weh tun könnten, da hüllt sie sich in Schweigen.

Glücklicherweise sind nur wenige der häufigen Krankheiten so schicksalhaft von einem Gen determiniert. Für die meisten Malaisen gilt: Probleme entstehen als Folge des Zusammenwirkens vieler verschiedener Erbanlagen mit der Lebensweise. Es gibt Menschen, die als Raucher ein übergroßes Risiko für Lungenkrebs hätten - aber weil sie Nichtraucher sind, erkranken sie nie daran. Wegen solch komplexer Wechselwirkungen liefern Gentests dem Einzelnen einen eher enttäuschenden Ausblick auf seine Patientenzukunft: kann sein oder auch nicht. Die Tests besagen nur, ob die Gene günstig stehen statt der Sterne, aber sie sind kaum verbindlicher als ein Orakel.

Es ist unwahrscheinlich, dass ich kahl werde

Mein Risiko für Prostatakrebs zwischen dem 30. und 49. Lebensjahr liegt laut 23andMe bei 0,26 Prozent. Das ist winzig, und dennoch verbirgt sich darin eine irritierende Nachricht. Der Durchschnitt der Männer hat nämlich eine Erkrankungswahrscheinlichkeit von nur 0,22 Prozent. Pietätvoll verzichtet die Gentestfirma darauf, das Ergebnis so zu formulieren, wie ich es jetzt verstehen muss: Mein Risiko, früh ein Prostatakarzinom zu entwickeln, ist um rund 20 Prozent erhöht.

Das macht schlechte Laune - die sich allerdings bald besserte. Denn mein Risiko für eine bestimmte Art von Herzinfarkt ist angeblich um 20 Prozent kleiner, das für Multiple Sklerose sogar um 35 Prozent. Es ist unwahrscheinlich, dass ich kahl werde, und mein Kurzzeitgedächtnis ist besser als das anderer Leute. Außerdem besitze ich zu meiner Überraschung gleich zwei intakte Kopien des ACTN3-Gens, das den Muskeln besondere Schnellkraft verleiht und als Geheimwaffe fast aller Weltklasse-Sprinter gilt.

Doch mein größter Schatz, zumindest für die Psyche, liegt vergraben auf Chromosom 11 an Position 116.205.194. Da trage ich gleich zwei Cytosin-Bausteine mit mir herum. Besser geht es nicht. Bei einer Studie an 213 Hundertjährigen kam heraus, dass dieses Ingredienz den Weg auf rätselhafte Weise freimacht bis ins höchste Alter. Bin ich also ein Supermann, der bis zum Jahr 2066 höchstens seine Prostata zu fürchten hat? Was folgt aus der teuren Genanalyse für das wahre Leben?

Jede Menge Informationen, aber kaum Wissen

Die Wahrheit ist: Der Test liefert jede Menge Informationen, aber kaum Wissen. Er erzählt Anekdoten aus der verschlossenen Welt der eigenen Gene, aber er erhellt das Dunkel der Zukunft um keinen Deut. Jeder weiß: Auch unwahrscheinliche Dinge passieren jeden Tag. Ich könnte trotzdem bald meine Glatze polieren. Ich könnte trotz meiner Zaubergene kommendes Jahr einen Herzinfarkt erleiden. Blaue Augen bekomme ich nicht, der Rest ist offen.

Noch allerdings stehen die Testfirmen am Anfang. Weltweit arbeiten Forscher mit wachsendem Erfolg daran, körperliche Zustände an die Beschaffenheit der Gene zu koppeln. Ihre Aufgabe ist oft viel schwieriger, als die Testergebnisse von Firmen wie 23andMe vermuten lassen. Meist wirken viele Gene zusammen, aber selten ziehen sie an einem Strang. Acht Faktoren könnten für eine frühe Glatze sprechen, sieben dagegen - und was die Haare am Ende tun, könnte wiederum von ganz entlegenen Umständen abhängig sein.

Es findet sich kein Hauch von Asien in mir

Gewiss, Forscher werden immer besser verstehen, wie die Gene wirken. Irgendwann wird es Arzneien geben, die auf den Bauplan des Einzelnen zugeschnitten sind. Patienten werden erfahren, wie sie genetische Risiken durch ihre Lebensweise kompensieren können. Aber noch ist das nicht so. Wer jetzt bei Firmen wie 23andMe eine Erbgutanalyse in Auftrag gibt, der tut nichts für Gesundheit und Prävention, höchstens was für Spieltrieb und Neugier.

Aber auch das kann reizvoll sein. Meine Augen, Haut und Haare sind einen Tick dunkler als normal, und ich bin nicht groß. Dunkler noch ist mein Vater. Noch dunkler war mein Großvater, und er fiel auf mit hohen Wangenknochen und asiatischer Kopfform, ebenso einige seiner Geschwister. Was war da geschehen? Die Familienlegende besagt, dass sich der früh verwitwete Urgroßvater in eine Javanerin oder Japanerin verliebte. Genaueres weiß niemand. Und die Gene schwiegen - bisher.

Jetzt hat 23andMe dieses romantische Rätsel leider gelöst. Es findet sich kein Hauch von Asien in mir. Die Uroma aus Fernost löst sich auf wie ein Geist. Meine Gene stimmen am besten mit denen von Nordeuropäern überein, eine Nuance dahinter folgen die der Südeuropäer.

Genetisch habe ich sogar mehr gemein mit Nordafrikanern als mit Asiaten. Ich bin, was ich nie sein wollte: totaler europäischer Durchschnitt.

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