AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2008

Bildung "Wir sind nicht alle gleich"

Verlängerte Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, das Ende des dreigliedrigen Schulsystems - Hamburg ist derzeit Deutschlands größtes Versuchslabor in Sachen Bildung. Droht das totale Chaos?

Von und


Revoluzzer sehen anders aus: Ein vornehmes Grüppchen hat sich auf dem Hamburger Rathausmarkt versammelt. Manche Damen tragen edle Seidentücher, die Herren sind in Schlips und Kragen gekommen. Von einigen Sakkos blitzen - ganz hanseatisch - die Goldknöpfe.


Aber es sind wirklich Protestler, angetreten, um für Hamburgs bestehendes Schulsystem zu kämpfen: "Ich bin dafür, dass die Gymnasien und weiterführenden Schulen in der bisherigen Form erhalten bleiben" steht auf der Liste, auf die sie als Erste ihren Namen setzen. 100.000 Unterschriften wollen die Aktivisten um Walter Scheuerl als Druckmittel bis zu den Sommerferien sammeln und wenn nötig bis zum Volksentscheid gehen.

Scheuerl, 47, Rechtsanwalt und Elternratsvorsitzender am Gymnasium Hochrad im Nobelstadtteil Othmarschen, ist zuversichtlich: "Die Leitungen fast aller Hamburger Gymnasien unterstützen uns." Und die Gymnasialeltern seien eine mächtige Lobby, die sich nur ungern für "fragwürdige gesellschaftspolitische Experimente missbrauchen" lasse, glaubt Scheuerl: "Soziale Unterschiede sind durch die Schule nur begrenzt korrigierbar."

Hamburgs Gymnasien fürchten um ihre Existenz - vor allem weil die neue schwarz-grüne Regierung die Grundschulzeit um zwei Jahre verlängern will. In der Primarschule sollen alle Kinder in der Hansestadt gemeinsam sechs Jahre lang lernen (und sogar sieben, wenn man das ebenfalls beschlossene Vorschuljahr dazurechnet).

"Wir werden zum Rumpf-Gymnasium degradiert", fürchtet Hans-Norbert Hoppe, Schulleiter des Traditionsgymnasiums Christianeum. Denn da die Gymnasial- zeit ohnehin schon verkürzt wurde ("G8"-Abitur), bleiben den höheren Bildungsstätten nun gerade mal sechs Jahre Zeit, um den künftigen Akademikern die nötige Hochschulreife zu vermitteln. "Die CDU bricht in eklatanter Weise ihr Wahlversprechen, mit ihr werde es keine Zerschlagung der Gymnasien geben", schimpft auch Dagmar Wagener vom Verband Hamburger Gymnasialschulleiter.

Dafür verspricht die CDU nun Bildungsgerechtigkeit: "Wir wollen Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Chancen für den Besuch von Bildungseinrichtungen ermöglichen", verkündete Bürgermeister Ole von Beust in seiner Regierungserklärung. Längeres gemeinsames Lernen, da sind sich Schulforscher einig, kommt vor allem schwächeren und sozial benachteiligten Schülern zugute.

Auch nach der sechsten Klasse wird für Hamburgs Kinder kaum etwas bleiben, wie es war: CDU und Grün-Alternative Liste verwandeln die Hansestadt in ein gigantisches Versuchslabor in Sachen Schulreform. In einem bundesweit einmaligen Mammutprojekt soll nicht nur die Grundschule, sondern gleich das gesamte System umgekrempelt werden - keine einzige Bildungsstätte bleibt vom Umbau ausgenommen.

So hatte schon die bisherige CDU-Alleinregierung den Abschied vom dreigliedrigen System beschlossen: In der Hansestadt soll es künftig neben den Gymnasien nur noch sogenannte Stadtteilschulen geben - eine Art Gesamtschule, die alle Abschlüsse inklusive des Abiturs anbietet. Haupt-, Real- und bisherige Gesamtschulen hingegen werden abgeschafft, neue Hauptschulklassen bereits nach den Sommerferien nicht mehr eingerichtet.

"Das allein ist schon eine Herkules- arbeit", urteilt Reiner Lehberger, Schulforscher an der Uni Hamburg und erklärter Befürworter der längeren gemeinsamen Schulzeit, "zusammen mit den anderen Vorhaben wird es umso schwieriger."

So muss zunächst eine ganz neue Schulform entstehen, denn die geplante Primarschule soll mehr sein als nur eine ausgedehnte Grundschule. Ab der vierten Klasse etwa sollen dort bereits Fachlehrer von weiterführenden Schulen unterrichten, starke und schwächere Schüler sollen individuell gefördert werden.

"So eine Riesenreform kann man den Bürgern nicht einfach aufdrücken", kritisiert Ties Rabe, bildungspolitischer Sprecher der Hamburger SPD-Bürgerschaftsfraktion und Lehrer am Luisen-Gymnasium Bergedorf: "Die Stimmung an den Schulen ist schon jetzt wahnsinnig gereizt."

Tatsächlich ist Beust und seiner grünen Schulsenatorin Christa Goetsch das Kunststück gelungen, zwei sehr gegensätzliche Lager gleichzeitig gegen sich aufzubringen: Nicht nur die konservativen Kreise um Gymnasialaktivist Scheuerl und sogar Teile der regierenden CDU stänkern gegen die Pläne aus dem Rathaus. Von links zetern die Fans der Einheitsschule, beheimatet zum Beispiel in der Lehrergewerkschaft GEW; sie würden die Gymnasien am liebsten ganz abschaffen.

"Unser Ziel ist das gemeinsame Lernen bis zum Ende der Pflichtschulzeit", sagt GEW-Chef Klaus Bullan. An Neu-Senatorin Goetsch, die bis vor kurzem noch Bullans Volksinitiative "Eine Schule für alle" unterstützte, appellieren ihre ehemaligen Mitstreiter: "Enttäusch uns nicht, Christa." Auch Bullans Truppe sammelt fleißig Unterschriften für einen Volksentscheid.

Für ihre Gegner von Jurist Scheuerls Bündnis "Wir wollen lernen" dagegen kann die Zeit des vereinten Lernens gar nicht kurz genug ausfallen. Leistungswillige Schüler langweilten sich schon in vier Jahren Grundschule, glaubt etwa Annette Garden, Mutter zweier Schulkinder in Hamburg-Volksdorf: "Es ist doch ein Wunschdenken, alle Menschen auf den gleichen Stand zu bringen - wir sind nicht alle gleich."

Auch Unternehmensberater Malte Otto aus Blankenese fürchtet, dass nun auch noch in den Klassen fünf und sechs "die schlechtesten Schüler das Niveau vorgeben". Manche seiner Nachbarn planten bereits, einen Wohnsitz jenseits der nahen Landesgrenze zu Schleswig-Holstein anzumelden, damit ihre Kinder nicht unter der Hamburger Schulpolitik leiden.

insgesamt 675 Beiträge
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Seite 1
Constantinopolitana, 10.06.2008
1.
Hallo, selbst wenn der Bürger voll Vertrauen denkt, es könne ja nur besser werden, glaube ich, daß die Schüler, die im ersten Jahr dieser Reform Versuchskaninchen sind, erstmal leiden werden. Welche Reform klappt schon ohne Nachbesserungen? Also wird zuerst einmal ausprobiert, dann sieht man, was in der Realität alles nicht klappt, und nach fünf Jahren ist der große Wurf dann da. Ich denke, im Großen und Ganzen ist es Zeit für eine umfassende Reform; es klingt ja auch erst einmal gar nicht so schlecht; des weitern ist es auch gut, daß es in Hamburg gewissermaßen erstmal im Labormaßstab ausprobiert wird (ganz Nordrhein-Westfalen oder Sachsen wäre da noch ein anderes Kaliber...), aber ich schätze mal, die Eltern und Schüler, die das jetzt direkt betrifft, sind weitaus skeptischer als diejenigen, die bloß zuschauen, ob's nun was wird oder nicht. Aber - wenn in Brüssel jetzt einer käme und eine umfassende Reform hier vorschlüge, die einigermaßen stimmig wäre, dächte ich als Betroffene sicher: PRIMA! Unterstützen wir! Beste Grüße, Eva
manten75 10.06.2008
2. Endlich
getraut sich ein Bundesland in Deutschland die verkrustete und unfaire Situation im deutschen Schulsystem anzugehen. Weiter so!
PeterShaw 10.06.2008
3.
Zitat von sysopLängere Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, Schluss mit dem dreigliedrigen Schulsystem: Mi einem Mammutprojekt wollen CDU und Grüne das Hamburger Bildungssystem komplett umkrempeln. Ist diese Reform der zukunftsträchtige große Wurf?
Man könnte diesem Thema ernsthaft begegnen, indem man z.B. die unter Fachleuten unstrittige Meinung weiter begründet, dass eine Zeit von 6 Jahren am Gymnasium zu einem deutlichen Niveauverlust beim Abitur führen muss. Aber bringt diese Diskussion etwas? In Wirklichkeit geht es darum, wie man mit möglichst geringem finanziellen Aufwand möglichst viele (pseudo-) glücklich machen kann. Also mein Vorschlag: Mit der Geburtsurkunde wird gleich das Abitur überreicht. Das spart ungemein! Wer dann etwas lernen will, geht an eine Privatschule mit kleinen homogenen Klassen und gut bezahlten Lehrern. So verabschiedet sich der Staat auch aus dem Bereich Bildung. So verabschieden sich auch die nicht Priviligierten von der Bildung. Aber zum Glück haben sie ja neben der Geburtsurkunde noch das Abitur!
Klo, 10.06.2008
4.
Zitat von sysopLängere Grundschule, Abitur nach zwölf Jahren, Schluss mit dem dreigliedrigen Schulsystem: Mi einem Mammutprojekt wollen CDU und Grüne das Hamburger Bildungssystem komplett umkrempeln. Ist diese Reform der zukunftsträchtige große Wurf?
Das wird sich zeigen. Klar ist aber, dass es ein Schritt in die richtige Richtung sein dürfte, Kinder nicht nach 4 Jahren in Schulformen unabänderlich zu selektieren.
derweise 10.06.2008
5. Beamtenstatus der Lehrer abschaffen!
Der Beamtenstatus der Lehrer muß fallen!
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