AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2008

Forensik Küste der verlorenen Füße

Im beschaulichen British Columbia hat das Meer fünf Füße an die Küste gespült. Vier rechte, alle steckten in Turnschuhen - und jetzt auch einen linken, ebenfalls in einem Schuh. Nur ein gruseliger Zufall oder das Werk eines Serienmörders auf See?


Im achten Stock seines Dienstsitzes legt Terry Smith, oberster Leichenbeschauer der kanadischen Provinz British Columbia, eine unheimliche Sammlung an.

In Pappschachteln liegen die gesäuberten Knochen von drei rechten Füßen. Urlauber und Spaziergänger haben sie in einem Zeitraum von sechs Monaten auf drei einsamen Inseln in der Georgiastraße zwischen Vancouver Island und dem Festland entdeckt. Das Strandgut steckte jeweils in einem Turnschuh; zweimal Größe 46, einmal 44. Von den zu den Füßen gehörenden Körpern fehlt bis heute jede Spur.

In der Bevölkerung machen seither unterschiedlichste Vermutungen die Runde: Aus abgestürzten Wasserflugzeugen und gesunkenen Fischerbooten könnten die Füße stammen. Nur: Wo sind die anderen Leichenteile? Haben Haie sie gefressen? Andere vermuten, es gäbe einen Serienmörder auf hoher See. Die Pendants der gefundenen Füße lägen womöglich in Beton eingegossen auf dem Grund der Meeresstraße.

Als wäre die Sache nicht schon verrückt genug, bekommen die Küstenbewohner ständig mehr Stoff zum Spekulieren.

Auf Kirkland Island tat ein Deichkontrolleur Ende Mai das vierte Fundstück auf. Sein Diensthund schnüffelte aufgeregt. Das Herrchen bemerkte sofort, wie schwer sich der Turnschuh anfühlte, als er ihn hochhob - und wieder war es ein rechter Fuß, diesmal aber offenbar in einem Damenschuh, Größe 39.

Und nun schließlich, am Montagmorgen, Nummer fünf: Spaziergänger auf Westham Island entdeckten einen dümpelnden Schuh und riefen sogleich die Polizei, die dann tatsächlich "menschliche Überreste" darin fand.

"Das alles wird ja immer interessanter", kommentiert Mark Skinner vom Centre for Forensic Research der örtlichen Simon Fraser University in Burnaby gegenüber SPIEGEL ONLINE. Der grauhaarige Professor, 62, hat bereits zwei Füße in seinem Labor untersucht und wird wohl auch die anderen Fund-Füße noch unter die Lupe nehmen.

Fieberhaft prüft derzeit die Polizei, ob das jüngste Strandgut und die anderen in Zusammenhang gebracht werden können. Die Beamtin Sharlene Brooks wiegelt ab: Es wäre "verfrüht und viel zu spekulativ, diesen Zusammenhang bereits jetzt herzustellen".

Der Ozeanograf Curtis Ebbesmeyer aus dem nahen Seattle mag angesichts der Fuß-Schwemme nicht mehr an einen Zufall glauben: Der Bartträger ist leidenschaftlicher Strandgutsammler und schreibt gerade ein Buch ("The Floating World") darüber, wie der subarktische Meereswirbel Treibgut über den ganzen Nordpazifik verteilt.

"Es ist ja gar nicht so ungewöhnlich, einen Kopf oder einen Fuß zu finden, der an den Strand geworfen wurde", sagt Ebbesmeyer. Strömungen, aber auch Haie und Möwen machen sich an Leichen im Meer zu schaffen, so dass diese sich alsbald auflösen, und zwar in zehn Teile: Kopf, Rumpf, Arme, Hände, Beine - und Füße.

Wenn nun ein Fuß in einem Turnschuh stecke, erklärt Ebbesmeyer weiter, sei dieser vor Aasfressern geschützt, treibe wegen der aufgeschäumten Sohle an der Oberfläche und könne erstaunliche Strecken zurücklegen: sogar von Japan bis nach British Columbia. Wegen der unterschiedlichen Form könnten rechte und linke Schuhe dabei unterschiedlich Kurs nehmen und folglich weit voneinander entfernt stranden.

Die Ermittlungen an der Küste der verlorenen Füße sind bisher nicht recht vorangekommen.

Kriminalbiologen untersuchen Fuß Nummer vier gegenwärtig in einem geheim gehaltenen Labor in Burnaby oder in der Nachbarstadt Vancouver. Zuvor hatten sie bereits genetische Profile für die drei anderen Füße erstellt. Demnach stammen diese von Männern. Ein Abgleich mit DNA-Daten vermisster Menschen - gegenwärtig gelten in British Columbia mehr als 2300 Personen als verschwunden - hat bisher keinen Treffer erbracht.

Aus dem DNA-Labor sind die Füße im Auftrag von Leichenbeschauer Smith zur weiteren gerichtsmedizinischen Beschau verbracht worden.

Zwei von ihnen hat Forensiker Mark Skinner bereits untersucht. Sie waren bereits verwest, an einem Fuß hafteten Reste von Fliegenlarven - ein Hinweis, dass er schon einige Wochen am Strand herumgelegen haben musste. Skinner hat die Füße einige Stunden gekocht, unter einer Abzugshaube, damit "keine unangenehmen Gerüche entstehen". Auf diese Weise trennte er das Fleisch vom Knochen. Anschließend hat er gezählt, ob alle Fußknochen komplett sind, nach Auffälligkeiten wie Brüchen oder implantierten Schrauben gesucht und die Gelenke genau gemustert. Dem Abrieb an den Knorpeln zufolge stammen die zwei Füße von zwei jungen Erwachsenen.

Weitere Details darf Skinner wegen der laufenden Ermittlungen nicht verraten.

Während des Gesprächs druckst er herum - um dann beiläufig zu erwähnen, dass er in seinem Labor noch andere Fundsachen habe, die durchaus passen könnten: zwei herrenlose Leichen, denen jeweils ein Fuß fehlt. In einem Fall sei es der rechte, sagt Skinner, bei der anderen Leiche müsse er noch einmal nachsehen.

Warum hat der Forensiker den naheliegenden Abgleich nicht schon längst durchgeführt? Skinner verweist auf die insgesamt 26 Fälle, die sich im Labor angehäuft haben, und darauf, dass die rechten Füße von Amts wegen keine Priorität genießen.

Der Grund: Weil die ersten vier Gliedmaßen offenbar nicht gewaltsam abgetrennt wurden, geht die Polizei bisher nicht von einem Verbrechen aus, sondern von einem "gruseligen Zufall".

So laufen die Ermittlungen erstaunlich unaufgeregt: Die Pappschachtel mit den gesäuberten Knochen des vierten Fußes wird Leichenbeschauer Smith in voraussichtlich drei Wochen in Empfang nehmen, dann folgt Nummer fünf. Seine Sammlung wächst.



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