AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2008

Sportmedizin Bis zum Zusammenbruch

2. Teil: Nicht jede Musik ist gleich leistungsfördernd


Freilich können auch derlei wissenschaftliche Erkenntnisse kaum an der simplen Tatsache rütteln, dass die meisten Läufer mit Musik einfach mehr Spaß haben als ohne Beschallung. Umso mehr quält die Experten die Frage, was im menschlichen Organismus eigentlich genau vor sich geht, wenn ihm bei hoher körperlicher Beanspruchung zusätzlich noch eine Sounddusche verabreicht wird.

Zwei Erklärungsmodelle haben Sportmediziner in jüngster Zeit entwickelt, um den gefühlten Kick durch Musik zu erklären. Die eine Hypothese besagt, dass die Hirnrinde durch dröhnende Bässe kräftig erregt wird. Der ganze Körper steht dabei gleichsam unter Strom und kann beinahe schlagartig sein gesamtes Energiepotential mobilisieren.

Zu ähnlicher Höchstform läuft etwa eine Mutter auf, deren Kind in Gefahr ist - oder auch ein Jogger, der von einem zähnefletschenden Pitbull verfolgt wird.

In solchen Gefahrensituationen ist die Ausschüttung von Stresshormonen natürlich eine durchaus hinnehmbare Nebenwirkung.

Allerdings wirkt beileibe nicht jede Musik gleich leistungsfördernd. Nach Erkenntnis von Taktpapst Karageorghis ist es für ein erfolgreiches Training mit Musik unerlässlich, die passenden Töne auszuwählen: "Die Lieder müssen für den einzelnen Sportler maßgeschneidert sein", fordert der Psychologe.

Er fütterte seine Testläufer daher mit dem Material ihrer Wahl: Die Frauen wollten vor allem die gefällige Tanzmusik von Basement Jaxx hören, die Männer verlangten nach dem härteren Electro-Sound von The Prodigy. Auf die Altrocker von Queen konnten sich beide Geschlechter einigen.

Karageorghis geht im Übrigen davon aus, dass das Erregungsmodell allein nicht ausreicht, um die Leistungssteigerung durch Musik zu erklären. Erschwerend komme hinzu, dass die Dauerdudelei zu einer Art Tunnelblick führe: "Musik engt die Wahrnehmung ein und lenkt von dem Gefühl der Erschöpfung ab", behauptet der Fachmann - ein Effekt, den viele Läufer offenbar geradezu herbeisehnen.

Aber dieser Ansatz ist in der Fachwelt umstritten. Der britische Sportwissenschaftler Greg Atkinson hat herausgefunden, dass der Tunnelblick womöglich nur eine Mär ist, die wie ein Placebo wirkt.

Bei einem Versuch mit Studenten auf einem Ergometer war auch ihm aufgefallen, dass sich die jungen Leute mit Musik tatsächlich deutlich mehr ins Zeug legten als ohne. Der Wissenschaftler horchte seine pumpenden Probanden mit der sogenannten Borg-Skala aus, einem einfachen Fragenkatalog, der zur Bestimmung des subjektiven Belastungsempfindens eines Sportlers dient.

Und siehe da: von Leichtigkeit keine Spur. Angetrieben von stampfenden Rhythmen, ächzten die Versuchskaninchen wie Galeerensklaven und gaben ihre Erschöpfung auch zu Protokoll. Die Testpersonen seien sich zu jeder Zeit durchaus darüber im Klaren gewesen, wie hart sie in die Pedale treten würden - trotz des Versuchs, sich mit der Musik abzulenken, folgerte Atkinson.

Die Musikfreuden anstrebende Laufgemeinschaft treibt derweil ein eher praktisches Problem um, das noch einer technischen Lösung harrt. Stellvertretend klagte ein Betroffener auf der Website von runnersworld.de: "Ich weiß nicht, was mit meinen Ohren nicht stimmt, aber da drin hält kein Kopfhörer richtig."

Viele Jogger wissen aus Erfahrung: Der Mann steht mit seinem Problem nicht allein da.



insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
1810234 18.06.2008
1.
Meinen Bedarf an Leistungssport decke ich während der Arbeitszeit ab. Da ist nix mit Musik. Und es gibt noch keinen Wettbewerb im 100-Kilogramm-Bettlägerige-Wenden oder 60-Kilogramm-Stehunfähige-Halten oder 75-Kilogramm-Mensch-in-den-Rollstuhl-Schwingen. Gäbe es allerdings Musik dazu, hörte ich mir dieses (http://de.youtube.com/watch?v=7vVtFm0Uwfw) an. Allerdings würde ich mir dann das Original besorgen.
Haio Forler 18.06.2008
2.
Zitat von sysopSchnellere Runden mit dem richtigen Groove? Leichter Laufen mit Latin Jazz? Oder lieber Mozart-Harmonien zum Fitness-Training? Was Ihr persönliches Musik-Rezept für mehr Spaß - und Leistung - beim Sport?
Wagner.
A.M.HB, 18.06.2008
3.
"Sport ist Mord" (*BartaufwickelmaschineinGangsetz*) - deswegen bietet sich "Killing me softly..." an. Wenn schon, dann aber zartbitter.
Seifert 18.06.2008
4.
Zitat von sysopSchnellere Runden mit dem richtigen Groove? Leichter Laufen mit Latin Jazz? Oder lieber Mozart-Harmonien zum Fitness-Training? Was Ihr persönliches Musik-Rezept für mehr Spaß - und Leistung - beim Sport?
Alles,was die Klassik zu bieten hat,beflügelt beim Sport. Teilweise:Leichtigkeit,gepaart mit Kraft -das ist nach mehreren Dutzend Km auf dem Fahrrad nahezu schon (erlaubtes!!)Doping. Und:ein wunder Hintern ist- musikberieselt-manchmal etwas weniger leidend. So,ich klettere jetzt mit WAM* auf's Rad-das mittlere Zentralwestfalen hat viele Reize! *W olfgang A madeus M ozart
Indogermane_HS, 18.06.2008
5.
Zitat von sysopSchnellere Runden mit dem richtigen Groove? Leichter Laufen mit Latin Jazz? Oder lieber Mozart-Harmonien zum Fitness-Training? Was Ihr persönliches Musik-Rezept für mehr Spaß - und Leistung - beim Sport?
Klare Sache: Dancefloor-Hits mit mindestens 100 bpm!
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